Juliane Brauer

Rezension

Gedenkstättenrundbrief 152 S. 45-47

Janine Doerry, Alexandra Klei, Elisabeth Thalhofer, Karsten Wilke (Hg.), NS-Zwangsarbeitslager in Westdeutschland, Frankreich und den Niederlanden. Geschichte und Erinnerung

Paderborn, 2008,

Verlag Ferdinand Schöningh

ISBN: 978-3-506-7648-4, € 29,90

 

Im vorliegenden Band gelingt es Nachwuchswissenschaftler/-innen überzeugend zu verdeutlichen, dass in der mittlerweile umfassenden Konzentrationslagerforschung durchaus noch wichtige Themen unbearbeitet blieben. Der Tagungsband profitiert erheblich von der internationalen und interdisziplinären Ausrichtung des Workshops. Die Beiträger kommen aus den Disziplinen Geschichte, Kunstgeschichte, Architektur, Soziologie und Literaturwissenschaft. Die Sammlung von 15 Aufsätzen deutscher, französischer und niederländischer junger Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen geht zurück auf den 13. Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager, der im November 2006 in Saarbrücken stattfand. Damit steht der Tagungsband in einer Reihe von früheren Veröffentlichungen, die die Ergebnisse der zunehmend internationaler ausgerichteten Workshops dokumentieren.1

Die Herausgeber/-innen folgten mit einer Dreiteilung des Bandes den übergeordneten Forschungsfragen zum Thema der »NS-Zwangslager«. Im ersten Teil sind Aufsätze französischer und niederländischer Forscher/-innen unter der Überschrift: »Geschichte und Sozialstruktur« versammelt. Im zweiten Teil werden »Selbstzeugnisse als Quellen« thematisiert. Im umfangreichen letzten Teil definieren die Beiträger »Formen und Orte des Erinnerns« als zukünftiges Forschungsfeld und loten dieses beispielhaft aus. Jeweils am Ende des ersten und des dritten Teils geben die Herausgeber/-innen eine Zusammenfassung der Forschungsprobleme am Beispiel der Lager Natzweiler, Hinzert und Neue Bremm.

Die Aufsätze der französischen Teilnehmer Arnaud Boulligny und Vanina Brière im ersten Teil des Bandes beschäftigen sich mit französischen Häftlingen. Beide arbeiten vorrangig mit sozialstatistischen Methoden. Sie werten selbst erschlossenes statistisches Material aus, um sich jeweils dem soziologischen Profil der auf deutschen Reichsgebiet verhafteten französischen KZ-Häftlinge (Arnaud Boulligny) und der französischen Häftlinge im KZ Buchenwald (Vanina Brière) zu nähern. Einerseits gelingt es Beiden zu verdeutlichen, wie detailliert man mit solchen Herangehensweise Gruppenprofile erstellen kann. Andererseits ist erkennbar, dass das statistische Material allein nicht reicht, sich den konkreten Lebenserfahrungen der Gefangenen in den nationalsozialistischen Lagern zu nähern. Ebenfalls mit einem soziologischen Fokus widmet sich die Doktorandin Marieke Meeuwenoord den niederländischen Aufseherinnen im Konzentrationslager Herzogenbusch. Im Gegensatz zu den französischen Arbeiten berücksichtigt sie dabei aber nicht nur biografisch statistisch erfassbare Werte, sondern sucht auch nach der Bedeutung von Freundschaften, Beziehungsnetzen, Erfahrungen von Gewalt und Tod.

Cédric Neveu verdeutlicht mit seiner Forschung über das vergessene Sicherungslager Schirmeck-Vorbruck im Elsass zum einen, wie viel Quellenmaterial im Einzelfall noch seiner Erschließung harrt. Zum anderen zeigte er im Detail auf, wie sich die situativ reagierende deutsche Besatzungspolitik auf den Charakter der Unterdrückungsstrategien auswirkte. Eine Folge der von verschiedenen Kompetenzbereichen bestimmten Besatzungspolitik war die Vielzahl verschiedener Lagertypen mit in der südwestlichen Grenzregion des Deutschen Reiches. Darauf verweist insbesondere der Aufsatz von Elisabeth Thalhofer und Karsten Wilke. Anhand der Entstehung und Typisierung der Lager Hinzert, Natzweiler und Neue Bremm wird hier die »Lagerpolitik als integraler Bestandteil der Annexions- und Nazifizierungspolitik« (S. 78) begriffen. Wohltuend und nicht selbstverständlich ist die sorgfältige Begriffsdiskussion der Lagertypen.

Der zweite Teil des Tagungsbandes verdeutlicht, wie nutzbringend ein interdisziplinärer Umgang mit den Quellen für die Konzentrationslagerforschung ist. Drei Beiträge beschäftigen sich mit der Sprache in den Konzentrationslagern. Kathrin Meß geht in ihrem Aufsatz der stark vom SS-Jargon geprägten Lagersprache im KZ-Ravensbrück nach. Dominique Schröder rückt aus literaturwissenschaftlicher Perspektive die in den Lagern entstandenen Tagebücher als Ergebnisse »sprachpragmatischer Handlungen« (S. 94) in das Zentrum ihrer Betrachtungen. Sie stellt sich der Fragen nach dem Umgang mit den Erfahrungen in den Lagern einerseits und der Funktion des Tagebuchführens andererseits. In ihrem theoretisch gehaltenem Artikel wird deutlich, dass mithilfe dieser Herangehensweise eine Binnenperspektive auf den Kosmos der Konzentrationslager und vor allem auf die Menschen, die dort leben mussten und starben, gelingen kann.

Das Tagebuch als prominentes Ego-Dokument rückt thematisiert auch Eva M. Moraal in ihrem Beitrag zu den »Sperren« im Lager Westerbork. Hierbei wird deutlich, dass die von ihr bezeichneten »Holocaust-Tagebücher« (S. 123) Wahrnehmungen wiedergeben aber wohl kaum in der Lage sind »Wirklichkeiten« zu dokumentieren. Dieses Charakteristikum sprachlicher und künstlerischer Selbstzeugnisse aus den Lagern arbeitet Christiane Heß in ihrem Beitrag zu Zeichnungen aus dem Konzentrationslager Neuengamme heraus. Für sie sind diese vergessenen Selbstzeugnisse zurecht »Quellen zur Erforschung der Alltagsgeschichte der Konzentrationslager« (S. 134), die auch »Rückschlüsse auf Strategien des Erinnerns und Verarbeitens« (S. 135) zulassen.

Der letzte Teil des Tagungsbandes bedient einen zunehmend an Bedeutung gewinnenden Aspekt neuerer Forschungen zur Geschichte und Nachwirkung der Konzentrationslager: Formen und Orte des Erinnerns. Claudia Nickel beleuchtet informativ die Entwicklung der Erinnerung an die südfranzösischen Internierungs- und Konzentrationslager in der französischen Memorialkultur. Dorothee Wein fokussiert ihren Beitrag auf das Außenlager Hailfingen im Juni 1945. Anhand einer sehr genauen Rekonstruktion der Ereignisse um die Umbettung der Überreste der jüdischen Häftlinge gelingt es ihr, Einblick in Befindlichkeiten, Wahrnehmungen und Einstellungen der deutschen Bevölkerung kurz nach dem Ende des Krieges zu nehmen. Martina Staats weitet in ihrem Artikel über Bergen-Belsen die Perspektive auf bundesdeutsche Erinnerungskultur aus. In Betrachtung des frühen Erinnerungsortes Bergen-Belsen und seiner Umgestaltung zur Gedenkstätte in den frühen 1950er Jahren gelingt ihr überzeugend darzustellen, dass Bergen-Belsen »als narrative Abbreviatur für das Verdrängen bzw. Verschweigen der Vergangenheit« in der frühen Bundesrepublik Deutschland stand. (S. 191)

Genese, Rezeption und Memorialkultur thematisiert auch Andreas Ehresmann in seinem Beitrag über die Krematorien des KZ Neuengamme aus bauhistorischer Perspektive. Hierbei hebt er in seiner Analyse der Baugeschichten der verschiedenen Krematorien auf das »Gedächtnis des Ortes« (S. 204) ab. Régis Schlagdenhauffen wiederum beschäftigt sich als interessantes Pendant dazu in seinem vergleichenden Beitrag mit den nationalen Denkmälern zur Erinnerung an Opfergruppen des Nationalsozialismus und damit mit Rekonstruktionen von Erinnerungsrepräsentanten. Zum Abschluss skizzieren Janine Doerry und Alexandra Klei die Geschichte und Gestaltung der Gedenkstätten Natzweiler, Neue Bremm und Hinzert.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die interessanten Forschungsergebnisse sowie vielversprechenden methodischen Überlegungen aktueller Dissertationsvorhaben mit Spannung die fertigen Qualifikationsarbeiten erwarten lassen.

 

1 Bisher erschienen:

Petra Haustein; Rolf Schmolling; Jörg Skriebeleit (Hg.), Konzentrationslager – Geschichte und -Erinnerung. Neue Studien zum KZ-System und zur Gedenkkultur, Ulm 2001 

Sabine Moller; Miriam Rürup; Christel Trouvé (Hg.), Abgeschlossene Kapitel? Zur Geschichte der -Konzentrationslager und der NS-Prozesse, Tübingen 2002

Ulrich Fritz; Silvija Kavcic; Nicole Warmbold (Hg.), Tatort KZ. Neue Beiträge zur Geschichte der -Konzentrationslager, Ulm 2003 

Ralph Gabriel; Elissa Mailänder-Koslov; Monika Neuhofer; Else Rieger (Hg.), Lagersystem und -Repräsentation. Interdisziplinäre Studien zur Geschichte der Konzentrationslager, Tübingen 2004; 

Akim Jah; -Christoph Kopcke; Alexander Korb, Alexa Stiller (Hrsg.), Nationalsozialistische Lager. Neue Beiträge zur - Verfolgungs- und Vernichtungspolitik und zur Gedenkstättenpädagogik, Münster 2006 

Wojtek -Lenarzyk; Andreas Mix; Johannes Schwartz; Veronika Springmann (Hrsg.), KZ Verbrechen. Beiträge zur Geschichte nationalsozialistischer Lager und ihrer Erinnerung, . Berlin 2007