Volker Jörn Walpuski

Spurensuche

Gedenkstättenrundbrief 124 S. 33-38

Das Internationale Jugend-Work-Camp in Bergen-Belsen

Ein internationales Jugend-Work-Camp in Trägerschaft niedersächsischer Jugendverbände fand im Frühjahr bereits zum zehnten Mal statt, jeweils zum Jahrestag der Befreiung des Lagers Bergen-Belsen. 2004 nahmen daran 50 Jugendliche aus acht Nationen teil. Im Folgenden sollen das dem Work-Camp zugrunde liegende Konzept und seine Methoden kurz dargestellt werden.

Nach der Befreiung des KZ Bergen-Belsen am 15. April 1945 durch die Britische Armee und der Unterbringung der Inhaftierten in anderen Gebäuden (DP-Camp Bergen-Hohne) wurden die meist hölzernen Bauten niedergebrannt. Dies geschah zum einen, um eine befürchtete Ausbreitung von Typhus und Fleckfieber zu verhindern. Andererseits erleichterte dies das Vergessen: Rund zwei Drittel des ehemaligen Lagergeländes wurden zu einem Landschaftspark umgestaltet – der heutigen Gedenkstätte mit Massengräbern und Inschriftenwand – und über dem restlichen Drittel wuchs Gras und später Wald.

Ende der achziger Jahre begannen neben dem Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) die Evangelische Jugend und gewerkschaftliche Jugendverbände Spuren auf dem von Wald überwucherten Teil des ehemaligen Lagergeländes, der bisher nicht Teil der Gedenkstätte Bergen-Belsen ist, zu suchen. Nach und nach wurden einzelne Gebäudeteile und bauliche Überreste von Jugendlichen freigelegt. Die Work-Camp-Arbeit auf dem Gelände der Gedenkstätte ist in der Trägerschaft der Jugendverbände verblieben und wird überwiegend ehrenamtlich geleistet. Sie wird von der Gedenkstätte personell begleitet.

Das Work-Camp setzt sich inhaltlich aus verschiedenen Methodenbausteinen zusammen, die die Lernmotivation der Jugendlichen steigern und eine eigenständige Beschäftigung anregen sollen. Die jugendlichen Teilnehmenden können sich ein eigenes Programm aus den angebotenen Themen und Methoden zusammenstellen. In den multinational zusammengesetzten Kleingruppen sind meist Deutsch oder Englisch, seltener Russisch die gemeinsame Sprache. Kommt es zu Verständnisproblemen, helfen andere Jugendliche aus der gleichen Nationalgruppe, die bessere Fremdsprachenkenntnisse besitzen.

 

Spuren suchen und sichern: Freilegungsarbeiten

1991 begann der CVJM mit den Freilegungsarbeiten. Es wurden »Steinerne Zeugen« gesucht. Dahinter steht der pädagogische Ansatz, vorhanden zu machen, wo nichts mehr vorhanden zu sein scheint. Jugendliche sollen auf Spuren stoßen, die sie zum Weitersuchen in Archiven und Weiterfragen animieren.

Als eines der ersten Projekte legten Jugendliche ein Löschwasserbecken frei. Durch diese Arbeit wurde sowohl die Neugier der Jugendlichen durch die Entdeckung bisher unbekannter Dinge angeregt, als auch ein Ansatzpunkt für die Auseinandersetzung mit historischen Fakten gefunden. Durch die handwerkliche Arbeit auf dem Gelände war es auch möglich, sich auf ganz andere emotionale Art und Weise auf das Gelände und die historischen Ereignisse einzulassen. Die freigelegten Fundamente wurden den Gedenkstättenbesuchern zugänglich gemacht. Von Jugendlichen erarbeitete Info-Tafeln klären über die Gebäude und ihre historische Bedeutung auf.

Seit einigen Jahren werden die Work-Camps durch die Gedenkstätte Bergen-Belsen archäologisch betreut. Die Freilegungen werden fachlich angeleitet und gesichert. Gemeinsam mit den Jugendlichen werden die Funde für eine spätere wissenschaftliche Auswertung festgehalten. Seit 2003 arbeiten Jugendliche an der Erforschung des so genannten »Gemüsekellers«1. Nach Probegrabungen im ersten Jahr wurde im Frühjahr 2004 der westliche Fundamentrand des etwa neun mal 60 Meter großen Gebäudes gesucht. Fundstücke wurden katalogisiert und in einem Grabungstagebuch verzeichnet. Es ist vorgesehen, einige der gefundenen Objekte in die Ausstellung der Gedenkstätte, die derzeit neu erarbeitet wird, aufzunehmen.

 

Der Nummer einen Namen geben: Recherchen im Archiv

Ein weiterer Methodenbaustein der Work-Camps findet daher im Archiv der Gedenkstätte statt. Hier erarbeiten sich Jugendliche anhand einer vorbereiteten Materialauswahl selbst Hintergrundwissen und recherchieren biographische Informationen zu einzelnen Personen, in dem sie z.B. Tagebuchauszüge von Häftlingen lesen. Weitere Interviews mit überlebenden Häftlingen liegen als Video- oder Tonaufnahmen vor. Meist sind dies Dokumente, die in Beziehung zu der praktischen Freilegungsarbeit stehen. In der Arbeit mit gedruckten oder multimedialen Quellen können Jugendliche sich viel Wissen selbst erarbeiten. Von großer Hilfe ist, dass die Häftlinge aus vielen Ländern in ihren Sprachen Berichte abgegeben haben, So finden die Teilnehmenden zumeist auch Berichte in ihrer Muttersprache vor. Jugendliche suchen sich Themen selbständig aus und bearbeiten diese eigenständig mit Hilfestellung durch das Leitungsteam des Work-Camps. Die Ergebnisse werden in der Gesamtgruppe präsentiert.

 

Der Geschichte begegnen: Zeitzeugen

In Kooperation mit der Gedenkstätte, die ein umfangreiches Zeitzeugeninterviewprojekt durchführt, werden Überlebende für Gespräche mit den Jugendlichen eingeladen. Die Teilnehmenden bereiten das Gespräch inhaltlich vor und setzen sich mit der Vita der Zeitzeugen vor der Begegnung auseinander.

Marion Bienes (78), die von Februar 1944 bis zum 5. April 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen inhaftiert war und heute in Amsterdam lebt, kam 2004 in die Gedenkstätte, um mit den Jugendlichen über ihr Leben ins Gespräch zu kommen. Bei den Jugendlichen hat das Zusammensein den intensivsten Eindruck ihres ganzen Aufenthaltes hinterlassen. Frau Bienes hat ebenfalls ausgedrückt, dass für sie die Gespräche ein sehr positives Erlebnis waren. Nur selten gelingt ein Dialog der Generationen wie hier.

 

Schüsse aus dem Wald: Bezüge zur Gegenwart herstellen

Die besondere Lage des ehemaligen KZ Bergen-Belsen am Rande des größten westeuropäischen NATO-Truppenübungsplatzes Bergen-Hohne löst bei Jugendlichen Unverständnis aus: Sie fragen angesichts der weithin hörbaren Gewehrsalven und des Geschützdonners, wie es sein könne, dass neben der Gedenkstätte weiterhin Soldaten ausgebildet werden und Rekruten aus den Kasernen die Gedenkstätte im Kampfanzug besichtigten.

Für die Jugendlichen ist es wichtig, einen Bezug und eine Relevanz der NS-Verfolgung zu ihrem eigenen, heutigen Leben herzustellen. Sie denken darüber nach, welche Konsequenzen sie persönlich und die deutsche und europäische Gesellschaft aus der Geschichte ziehen. Warum sie die Geschichte der NS-Verbrechen und des Zweiten Weltkriegs noch heute betrifft und dass sie eine europäische Geschichte ist, wird ihnen spätestens im multilateralen Dialog klar, wenn sie von Jugendlichen aus anderen Ländern mit Vorurteilen oder ungewöhnlichen Sichtweisen auf das eigene Land konfrontiert sind.

Schon oft gehörten ein Besuch auf dem Truppenübungsplatz und das Gespräch mit jungen Soldaten über den Sinn und die Notwendigkeit einer Armee zum Programm. Eine neue Aktualität hat das Thema angesichts des weltweiten ›Krieges gegen den Terror‹ und der Auslandseinsätze deutscher Soldaten gewonnen. Die Gedanken der Jugendlichen zu diesen Themen, die sie bewegen, fließen in die Gespräche ein.

Einen anderen Weg verfolgte das Gespräch mit einem jungen Juden. Gemeinsam besuchten die Jugendlichen die Celler Synagoge, um über Bräuche, Ansichten und praktiziertes Judentum im heutigen Deutschland ins Gespräch zu kommen.

Die Jugendlichen zeigen immer wieder ihr Erstaunen, wie viele Besucher eine persönliche Geschichte mit den Lagern in Bergen-Belsen verbindet.

 

Erinnerungen wach halten: Gedenkfeiern und Kunst

Die Work-Camp-Teilnehmer nehmen nicht nur an der offiziellen Gedenkfeier zur Befreiung des Lagers2 sowie den Kranzniederlegungen teil, sondern sie gestalten die Gedenkfeier mit. Nach der Veranstaltung werden alle Gäste in das Zelt des Work-Camps eingeladen, und können bei einer kleinen Verpflegung mit Jugendlichen ins Gespräch kommen.

Wichtiger Bestandteil des Work-Camps ist darüber hinaus eine eigene, meist von den russischen Jugendlichen vorbereitete Gedenkfeier auf dem sowjetischen Kriegsgräberfriedhof.

Ein anderer Weg der Erinnerung ist die künstlerische Umsetzung und Gestaltung des im Work-Camp Gelernten und der Erlebnisse. 2004 hat erstmalig der Berliner Künstler Wolf Leo einen Workshop geleitet und für den Weg zwischen Gedenkstätte und sowjetischem Kriegsgefangenenfriedhof mit Jugendlichen Metallskulpturen hergestellt. Das Angebot stieß auf eine übergroße Resonanz, so dass nicht alle Interessierten an diesem Workshop teilnehmen konnten. Die Jugendlichen formten Aluminiumbleche mit Hämmern, Meißeln und Blechscheren. Die von Wolf Leo gestellte Aufgabe war, nicht in Darstellungen von Leid, Schmerz oder retrospektive Emotionen und damit im Gestern zu verharren, sondern auf dem Hintergrund dieser Gefühle und der Geschichte zukünftiges Leben zu gestalten. Am letzten Tag präsentierten die Nachwuchskünstler ihre Ergebnisse der Gesamtgruppe. Für alle Kunstinstallationen auf dem Gedenkstättengelände gilt, dass sie nur temporär installiert bleiben.

 

Frieden ermöglichen: (außer-)europäische Annäherungen und Gemeinschaft

Bewusst laden die Jugendverbände zu den Work-Camps europäische und israelische Jugendliche zur Teilnahme ein. Sie schaffen so eine multinationale Gemeinschaft. Die Jugendverbände nutzen ihre bestehenden Auslandskontakte, um anhand der grenzübergreifenden Thematik des Holocausts und der Geschichte Bergen-Belsens Völker verständigend und Frieden schaffend zu arbeiten. Jugendliche, die vor dem Camp wenig Interesse am Ausland hatten, fuhren begeistert über neue grenzüberschreitende Freundschaften nach Hause und tauschen sich via Internet noch Monate nach dem Camp aus.

Die Jugendlichen arbeiten und diskutieren gemeinsam über geschichtliche Themen wie beispielsweise die Judenverfolgung. Aber mindestens ebenso wichtig sind für sie die programm- bzw. themenfreien Zeiten, die sie selbst gestalten können. Hier ist zum Beispiel das Gute-Nacht-Café, das allabendlich stattfindet, zu nennen. Dann reden die Jugendlichen über ihr Leben, die Schule, Arbeit oder Universität, persönliche Wertvorstellungen und Ziele und stellen fest, dass quer durch Europa viele Gemeinsamkeiten bestehen. Zum Programm gehört deshalb auch eine große Abschlussfeier mit Tanz und Musik: Sie ist Ausdrucksform der gewachsenen Gemeinschaft unter den Teilnehmenden.

Wenn 50 Jugendliche auf der Gedenkstätte arbeiten, fallen sie natürlich auf. So sprechen auch Besucher die Jugendlichen an, und sind überrascht, Gespräche in ihrer Muttersprache führen zu können. Die Jugendlichen können wiederum mit Wissen brillieren, das sie sich frisch erarbeitet haben.

Unter den interessierten Besuchern finden sich auch Politiker. Der niedersächsische Kultusminister Bernd Busemann nahm sich bereits zum zweiten Mal als Schirmherr des Work-Camps einen Nachmittag Zeit, um in Begleitung des MdB Klaus-Jürgen Hedrich mit den Jugendlichen über das Work-Camp und ihr Leben ins Gespräch zu kommen.

 

Perspektiven und zukünftige Fragen

Nach zehn Jahren internationalen Work-Camps in Bergen-Belsen stehen für die Jugendverbände Veränderungen im Arbeitskonzept an.

• Es gibt nur noch sehr wenige Objekte, bei denen eine Freilegung aus denkmalschützerischer und archäologischer Sicht sinnvoll scheint. Voraussichtlich werden schon 2005 nicht mehr genügend Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Zurzeit sind die Jugendverbände auf der Suche nach neuen Zugängen, mit Jugendlichen in Bergen-Belsen zu arbeiten. Ein zukünftiger Schwerpunkt wird auf musisch-kreativen Arbeitsformen liegen.

• Die freigelegten Gebäudereste werfen denkmalschützerische Fragen auf: Noch ist aus technischen wie finanziellen Gesichtspunkten unklar, wie die baulichen Reste konserviert werden können. Es wird überlegt, ob Jugendliche einen Teil der freigelegten Überreste wieder mit Erde abdecken können, um sie zu sichern. Noch fehlt hier jedoch ein denkmalschützerisches Konzept.

• Inzwischen ist die Gedenkstätte Bergen-Belsen in der neuen Stiftung Niedersächsischer Gedenkstätten aufgegangen. Der ehemalige Lagerteil mit den freigelegten Objekten gehört nun zur Gedenkstätte und soll landschaftsgestalterisch sichtbar einbezogen werden. Die Jugendverbände sollen sich an den Arbeiten beteiligen. Wie dies jedoch pädagogisch sinnvoll und jugendgerecht geschehen kann, ist noch unklar.

 

Information/Kontakt

www.jugendserver-niedersachsen.de | jugendarbeit-in-bergen-belsen@web.de.

 

1 Schlomo Samson (Zwischen Finsternis und Licht. 50 Jahre nach Bergen-Belsen. Erinnerungen eines Leipziger Juden, Jerusalem 1995) beschreibt diesen kurz unter der Bezeichnung »Kartoffelkeller«.

2 Das Lager wurde am 15.4.1945 befreit. Die Gedenkfeier findet immer um den Jahrestag herum statt.

 

Literatur

Kobs Klaus: Den Sinn des Sinnlosen begreifen. Historische Hintergründe und pädagogische Überlegungen      für ein Projekt der niedersächsischen Jugendverbände auf dem Gelände der Gedenkstätte Bergen-Belsen, unveröffentlichte Diplomarbeit an der Universität Bremen, 1999

Landesjugendpfarramt der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers (Hg.):

     Erinnerung ist das Geheimnis der Versöhnung [Mitarbeiten. Informationen, Meinungen,

     Positionen 1/2001], Hannover 2001

Landesjugendring Niedersachsen (Hg.): Spuren suchen. Spuren sichern.

Die Arbeit der Jugendverbände in Bergen-Belsen [materialien für jugendarbeit und jugendpolitik],                Hannover 1995