Roman Fröhlich

Steine als Ausgangspunkt von Geschichtserzählungen

Gedenkstättenrundbrief Nr. 188 (12/2017) S. 43-49

Trinationaler Jugendaustausch anlässlich der Befreiung des KZ Mauthausen vor 72 Jahren

Die Stiftung wannseeFORUM ist die älteste der Berliner Jugendbildungsstätten. Regelmäßig
realisiert sie internationale Austauschprojekte für Jugendliche an der Schnittstelle
von politischer und kultureller Bildung. Das heißt »die ›künstlerisch-ästhetische’
und die ›politisch-inhaltliche Dimension’ nicht als streng getrennte Bereiche, sondern
als gleichberechtigte Geschwister zu behandeln und miteinander in Dialog treten zu
lassen […].«1 Zentrales Element dabei ist das Werkstattprinzip. Die Teilnehmenden
entscheiden sich für Kleingruppen, die künstlerisch arbeiten. Angeleitet von Künstlerinnen
und Künstlern entstehen in mehrtägigen Workshops Werke, die bis zur Aufführungs-
beziehungsweise Ausstellungsreife gebracht werden. Scheitern ist erlaubt und
als Teil des Lernprozesses zu verstehen. Ästhetische Fragen, wie derjenigen nach der
Grenzen des Darstellbaren, kommt im Laufe der Workshops dabei genauso Bedeutung
zu, wie dem eigenen Handeln als Akteur, der Eigen- und Fremdwahrnehmung sowie
der Reflexion des im Prozess entstehenden Kunstwerks. Bei all dem ist für den »freien
Vogel Phantasie« gebührend Raum zu schaffen. Für Moritz von Engelhardt, den langjährigen
Leiter der Jugendbildungsstätte, hieß das: »Künstlerisch-ästhetische Prozesse
und Produkte dürfen nicht durch Forderung nach […] Sozial- und Politik-Verträglichkeit
eingeengt und geknebelt werden.«2 Was auf manche erst einmal problematisch
wirken mag, gerade wenn es um Holocaust und NS-Verfolgung geht, denen sei hier
die bei diesem Konzept nicht minder wichtige Bedeutung der politischen Bildung in
Erinnerung gerufen. Im Seminarplan sind immer wieder Einheiten vorgesehen, die
dazu dienen, die Teilnehmenden zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Seminarthema
anzuregen. Das Aufwerfen politischer Fragen und dem Austausch darüber
kommt prinzipiell genau so viel Bedeutung zu, wie der Umsetzung der Seminarinhalte
mit künstlerischen Mitteln. Während der Projekte muss das Verhältnis von der Freiheit
der Kunst zur pädagogisch gesteuerten Auseinandersetzung mit einem Thema immer
wieder neu verhandelt werden.
In Anbetracht der Zunahme von rechtsextremen Einstellungen fiel im Vorstand der
Stiftung 2016 der Entschluss, im Bereich der historisch-politischen Bildung aktiver zu
werden. Der Fokus soll dabei auf der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus
liegen, denn die Gründung der Bildungseinrichtung erfolgte im Rahmen
der Reeducation. Die Grundlage für diese Arbeit bildet die Auseinandersetzung mit
Zeugnissen von Menschen, die die NS-Diktatur erlebten. Einzelschicksale machen den
Nationalsozialismus und seine Verbrechen fassbarer. Das von der Stiftung Erinnerung,
Verantwortung Zukunft ausgeschriebene Förderprogramm »Bildungsarbeit mit
Zeugnissen« bot nahezu ideale Voraussetzungen für die Realisierung eines Austauschprojekts
unter Berücksichtigung der pädagogischen Ausrichtung des wannseeFORUM,
zumal, dem Werkstattprinzip entsprechend, am Ende des »prozessorientierten theaterpädagogischen
Programms« ein von den Teilnehmenden geschaffenes Kunstwerk
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stehen sollte. Antragstellende waren aufgerufen, ein Vorhaben aus dem Genre der
darstellenden Künste zu projektieren, deren Ausgangspunkt Zeugnisse von NS-Verfolgten
sein sollten. Anspruch des wannseeFORUM und seiner Kooperationspartner –
Zukunftsfonds der Republik Österreich, Axel Springer Stiftung und Senatsverwaltung
für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin – bei diesem Vorhaben war es, den
künstlerischen Zugang nicht auf den Auseinandersetzungsprozess und sein Endprodukt
zu beschränken. Zumindest einen Ausgangspunkt sollten Zeugnisse aus dem
Bereich der Kunst und Kultur bilden. Quellen also, die anders als zum Beispiel Interviews,
Briefe oder Autobiografien, besonders auf ästhetischer Ebene berühren und
ihre Wirkung entfalten. Von Beginn an sollte deutlich werden, dass sich auch darauf
aufbauend ein Zugang zum Thema ergeben kann. Dieser bietet sich, so die Erfahrung
bei vorherigen Austauschprojekten, besonders an, wenn es sprachliche und kulturelle
Barrieren zu überwinden gilt. Darüber hinaus wird den Teilnehmenden deutlich, dass
es schon zu Zeiten, in denen die Nazis die Verbrechen begangen haben eine künstlerische
Auseinandersetzung damit gab. Die Scheu vor dem künstlerischen Arbeiten
lässt sich so verringern. Ausgangspunkte fanden sich im Katalog »Kunst und Kultur
im Konzentrationslager Mauthausen 1938–1945«3. An dieser Gedenkstätte sollte das
Projekt angesiedelt werden. Teilnehmende und die Künstlerinnen und Künstler, die
die Werkstätten leiteten, setzten sich im Laufe des Projekts intensiv mit den in diesem
Buch veröffentlichten Kunstwerken auseinander.
Nicht nur der verhältnismäßig einfache Zugang zu Quellen aus Kunst und Kultur
sprach für Mauthausen. Jährlich nehmen hunderte Jugendliche aus ganz Europa an
den Feierlichkeiten Anfang Mai teil. Vieles ist dabei ritualisiert und hat einem Protokoll
zu folgen. Für kreative Formen des Gedenkens ist kaum Platz. Mit dem Theaterprojekt
sollten vor Ort neue Perspektiven für die Erinnerung an die NS-Verbrechen gefunden
werden. In Übereinstimmung mit dem Kooperationspartner Deutsches Mauthausenkomitee
Ost e.V. und dem Mauthausen Komitee Stuttgart fiel die Entscheidung, das
Ergebnis des Theaterprojekts im Rahmen des nationalen Gedenkens dort aufzuführen.
2017 stand die Gedenk- und Befreiungsfeier in Mauthausen unter dem Thema: Internationalität
verbindet. Ausgehend vom Mauthausen-Schwur der Überlebenden am
16. Mai 1945, und dessen Verpflichtung zur Internationalität4 heißt das, der Erklärung
des Internationalen Mauthausenkomitee zufolge, diesem Schwur und den Verpflichtung
zu Internationalität auch 2017 gerecht zu werden: »Es gibt keine Problemstellungen
und keine Herausforderungen, die ausschließlich auf nationaler und schon
gar nicht auf nationalistischer Basis zu lösen wären. […] Dies umfasst sowohl die
großen international lösbaren Probleme unserer Zeit wie auch die kleinen Dinge des
täglichen Zusammenlebens und betrifft auch das Gedenken in Mauthausen.«5 Daran
knüpfte der Jugendaustausch »Wege nach Mauthausen« an. Schon bei der Anfrage von
Partnern wurde darauf Wert gelegt, möglichst unterschiedliche Zugänge miteinander
in Verbindung treten zu lassen. Daher fiel die Wahl auf Jugendliche aus Deutschland,
Österreich und Polen. Sie sollten ihren Weg nach Mauthausen finden, zehn Tage
zusammenkommen, um mehr über den Holocaust und Erinnerungskultur zu erfahren
und um eine Performance zu realisieren. Aus Berlin nahm die Anna-Freud-Schule teil.
Sie kooperiert seit Langem mit der Stiftung wannseeFORUM und trug wesentlich zur
Konzeptionierung des Projekts bei. Schon zuvor fand mit der Schule ein gemeinsamer
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Studientag
statt, der sich mit NS-Verbrechen auseinandersetzte. Aus Zamość konnte das
II Liceum Ogólnokształcące im. Marii Konopnickiej zur Teilnahme gewonnen werden.
In der Region Zamość plante die SS ein deutsches Siedlungsgebiet. Die Folgen für die
Bevölkerung vor Ort waren katastrophal. Die Beschäftigung mit diesem Verbrechen ist
Bestandteil der lokalen Erinnerungskultur. Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums
nehmen regelmäßig an internationalen Austauschprojekten zu NS-Verbrechen teil, in
denen mit Erinnerungsberichten und zeitgenössischen Quellen gearbeitet wird.
In Steyr fand sich das Reformpädagogische Oberstufenrealgymnasium der evangelischen
Kirche bereit, den Austausch mitzutragen. In der Stadt an der Enns bestand schon
früh eine Außenstelle des KZ Mauthausen. Der 2013 eröffnete »Stollen der Erinnerung«
widmet sich der Aufarbeitung dieses Orts des Terrors. Sein Entstehen ist exemplarisch
für den Umgang mit der NS-Geschichte in weiten Teilen Österreichs. Bereits Anfang
der 1990er war geplant eine Ausstellung in einer ehemaligen Baracke des KZ-Außenlagers
Steyr-Münichholz zur realisieren. Der Abriss des authentischen Orts verhinderte
die Umsetzung.6 Verdrängung und Opfermythos wirken nach. Das Realgymnasium hat
einen Theaterschwerpunkt. Ein künstlerischer Zugang zum Thema NS-Verbrechen war
den Teilnehmenden aus dieser Schule nicht fremd.
Bevor der kreative Schaffensprozess nahe der Gedenkstätte begann, fanden in Berlin
Steyr und Zamość intensive Rechercheprozesse statt, die von einer immer tiefer gehenden
Annäherung an das KZ Mauthausen gekennzeichnet waren. Neben dem bereits
erwähnten Katalog zur Ausstellung »Kunst und Kultur im Konzentrationslager Mauthausen
1938–1945«, der einen Zugang auf künstlerischer Ebene ermöglichte, suchten die
Teilnehmenden nach erhalten gebliebenen Spuren, Selbstzeugnissen und Lebenswegen
der ins KZ Mauthausen Verschleppten. Unterstützt vom Deutschen Mauthausenkomitee
Ost e.V. und dem Archiv der Gedenkstätte Mauthausen machten sich die Jugendlichen
vor »ihrer Haustür« auf die Suche. Jede Gruppe recherchierte mindestens einen nachverfolgbaren
Weg nach Mauthausen und fand so einen lokalen Zugang zum Thema. Die
Gruppe aus Zamość fand einen Zeitzeugen. Schülerinnen und Schüler interviewten den
ehemaligen Häftling des KZ Mauthausen und präsentierten das filmische Ergebnis während
des Workshops. Die Teilnehmenden aus Berlin beschäftigten sich mit der Biografie
einer Jüdin aus Berlin, die Ende 1944 nach Mauthausen kam und dort die Befreiung
erlebte. Die Teilnehmenden aus Steyr spürten der Geschichte einer kommunistischen
Widerstandsgruppe nach, deren Mitglieder in Mauthausen in Haft waren. Die begleitenden
Lehrerinnen und Lehrer unterstützten die Forschenden bei der Einordnung, der
Prüfung und der Aufarbeitung der Rechercheergebnisse. Über einer Facebook-Gruppe
tauschten die Schülerinnen und Schüler die Resultate dieser Phase des Projekts aus. Ein
erster Besuch der Gedenkstätte Mauthausen inklusive Führung und ausreichend Zeit
für die Selbsterkundung schloss den ersten Teil des trinationalen Jugendaustauschs
ab. Die dort verbrachte Zeit diente dreierlei: Dem Kennenlernen der Gedenkstätte und
der Geschichte des Ortes, der Intensivierung der Recherche für die Werkstätten und
der Besichtigung des Aufführungsortes (Denkmal der Mutter, nahe des Steinbruchs).
Den folgenden Tag in der Unterkunft Schloss Riedegg prägte intensives Kennenlernen
und der Erarbeitung eines gemeinsamen Zeitstrahls. Anhand von historischen
Fotos, die chronologisch zu ordnen waren, traten die unterschiedlichen Schwerpunkte
in den nationalen Erinnerungskulturen deutlich zutage. Ereignisse, denen ein Teil der
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Schülerinnen und Schüler zentrale Bedeutung beimaßen, waren den anderen Teilnehmenden
keineswegs so bekannt, wie von manchen erwartet. Exemplarisch sei hier
das Bild von Hitler am Fenster der Reichskanzlei 1933 in Berlin, auf dem Balkon der
Wiener Hofburg 1938 und ein Bild vom Warschauer Aufstand im August 1944 erwähnt.
Gemeinsam ordneten die Teilnehmenden die Bilder. Dabei wandte sich die Gruppe
immer wieder der Frage zu, warum welche Ereignisse während der zwölfjährigen NSDiktatur
in ihren Herkunftsländern stärkere Erinnerung finden als in anderen Nationen.
An den Folgetagen intensivierte sich der Prozess des Kennenlernens anderer Sichtweisen
auf die Zeit der NS-Diktatur und das Hinterfragen der eigenen Vorstellungen,
galt es doch trotz aller Unterschiede gemeinsam ein künstlerisches Werk zu erschaffen.
Aufbauend auf den bisherigen Einheiten starteten nun die von Kunstschaffenden
angeleiteten Werkstätten: Foto, Tanz und Theater. Deren Leiterinnen und Leiter regten
die Jugendlichen dazu an, ihre eigene Form der Auseinandersetzung, Umsetzung und
Inszenierung der ausgewählten Zeugnisse zu finden. Sie ermutigen, die künstlerischen
Quellen, die sie besonders berührt hatten und ihre Rechercheergebnisse einzubringen
und diese unter Beachtung ihres jeweiligen Zugangs zu reflektieren. Schritt für Schritt
erweiterten die Schülerinnen und Schüler so ihre Kenntnisse zur NS-Geschichte. In den
Werkstätten begannen sie im Rahmen eines dialogischen Lernprozesses ihre Ideen
umzusetzen. Sie thematisierten ihre Sichtweise, ihren Zugang zum Thema und setzten
sich mit denjenigen der Anderen auseinander. Inputs trugen zur Intensivierung dieses
Prozesses bei. So erfolgte nach den ersten Werkstatteinheiten ein weiterer Besuch der
KZ-Gedenkstätte Mauthausen, den die Akteure nutzen, um weitere Impulse für ihre
kreative Arbeit zu sammeln. Die Fotowerkstatt suchte nach Motiven. Die Tanzgruppe
überlegte am Ort der Aufführung ob ihre Choreografie umsetzbar sei und wie sie wirke.
Denn der authentische Ort unterschied sich in seiner Aura sehr vom Proberaum auf
Schloss Riedegg.
Beim gemeinsamen Besuch des Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim wurde
deutlich, wie fundamental Menschenrechte für unsere Gesellschaft sind und welche
Konsequenzen deren Missachtung mit sich bringen kann. Immer wieder ergaben sich
bei der Nachbereitung selbstreflexive Momente, zum Beispiel, wenn die Teilnehmenden
sich die Frage stellten, welche Exklusionsmechanismen heute wirken. Solche Themen
des Tages kamen allabendlich in großer Runde zur Sprache, wurden aber auch von
den Teilnehmenden in die Werkstätten getragen. Dort arbeiteten die Schülerinnen
und Schüler jenseits sprachlicher Mittel mit der Kamera, mit dem Körper, mit Tanz,
Stimm- und Theaterübungen. Das gemeinsame Inszenieren stieß die Auseinandersetzung
mit den Themen des Austauschs auf kreativer Ebene an. Die Akteure setzten
unterschiedliche Akzente, nahmen verschiedene Positionen und Haltungen ein. Dabei
spielten sowohl die nationale Herkunft als auch die eigene Biografie eine zentrale
Rolle. Die Widersprüchlichkeit an den ehemaligen Orten des Terrors, die Wirkung von
Zeugnissen sowie von tradierten Geschichtsbildern wurde aufgegriffen und schlug sich
im Schaffensprozess nieder.
Die Fotografinnen und Fotografen wählten Motive aus, die exemplarisch für solche
Widersprüche sind. Sie nahmen blühende Pflanzen auf dem Gelände des Lagers auf
und entfremdeten sie. Ebenso bearbeiteten sie Fotografien von Zeugnissen, nationalen
Mahnmalen, Mauern, Baracken und Türmen des ehemaligen KZ. Die Aufnahmen,
bei deren Farbausdrucken mindestens ein Farbton fehlt, wirken befremdlich, sie ver47
stören. So brechen die Kunstwerke mit einem monokausalen Bild von Erinnerung an
Gedenkstätten und Zeugnissen, sie verweisen auf die Vielschichtigkeit, die sich hinter
den Motiven verbirgt.
Mit Zeugnissen der Opfer des Holocaust zu arbeiten, heißt auch, sich mit den
Täterinnen und Tätern zu beschäftigen. Täterschaft war auch bei den Besuchen der
KZ-Gedenkstätte Mauthausen und des Lern- und Gedenkorts Hartheim ein Thema.
Jugendliche aus Berlin und Steyr wussten von Urgroßvätern zu berichten, die in der
SS waren. Dies gab der Tanzgruppe Anstoß, auch Täter darzustellen. Dabei kam der
Willkür der Aufseherinnen und Aufseher besondere Bedeutung zu. Drei Akteure schleppen
sich gebückt den Weg entlang. Eine vierter, aufrecht gehend, tritt ihnen entgegen
und bringt einen von ihnen zu Fall. Warum gerade ihn? Das bleibt unklar. Der zweite
der sich Voranschleppenden bricht zusammen. Nun macht sich der Täter an die dritte
Person, doch ihr gelingt es, sich dem Zugriff zu entziehen. Die Auseinandersetzung
mit den Zeugnissen der überlebenden Widerstandskämpferinnen und -kämpfer führte
dieser Gruppe vor Augen, dass es für die Inhaftierten im Lager Momente des Handelns
gab. Dieses aktive Moment fand sich auch im zweiten Teil des Tanzstücks wieder, als
sich die Akteure zusammenfanden und sich an den Händen fassten. Anfangs überwog
bei diesem Teil der Performance noch der Ausdruck des Gefühls des völligen Verlorenseins
in einer tödlichen Umgebung. Für einige Tänzerinnen und Tänzer war dies ein
wichtiges Element bei der Darstellung der KZ-Haft. Sie bewegten sich scheinbar verloren
in einem begrenzten Raum. Die Akteure finden anfangs nicht zueinander, vielmehr
folgen sie dem ihnen scheinbar vorgegebenen Weg, der sie letzten Endes dann
doch zusammenführt.
Die Theatergruppe entwickelte eine vielsprachige szenische Lesung. Während des
Austauschs sprachen die Teilnehmenden in drei Sprachen miteinander. Zwei Akteure
dieser Gruppe hatten griechischen Hintergrund. Beim Besuch der Gedenkstätte Mauthausen
entdeckten sie Zeugnisse von Inhaftierten aus Griechenland und wollten auch
dieser Opfergruppe in der Performance eine Stimme geben. So fand ein Auszug des
Haftberichts eines Insassen aus Griechenland Berücksichtigung. Weitere Auszüge
anderssprachiger Inhaftierter kamen hinzu. Auf diesem Wege erfassten die Schülerinnen
und Schüler, wie viele Menschen unterschiedlicher Herkunft in Mauthausen
inhaftiert waren. In der Theatergruppe entstand eine Dramaturgie, die alle Akteure der
Performance miteinbezog und sie auf die improvisierte Bühne holte. Eine Szene der
Tanzgruppe aufgreifend, laufen nun dutzende Jugendliche schwarz gekleidet durcheinander.
Immer wieder hebt sich eine Person aus der Menge ab und zitiert eine kurze
Passage aus einem selbst gewählten Zeugnis aus der persönlichen Erinnerung eines
Überlebenden. Sätze in verschiedenen Sprachen durchbrechen die Stille. Ist der Vortrag
zu Ende, setzt sich der Vorlesende nieder und wird zu einem Stein, nimmt dessen Form
an. Immer mehr Teilnehmende setzen sich. Zwei Kreisen formieren sich, die aus lebenden
Steinen bestehen. Ein Schauspieler und eine Schauspielerin stehen in der Mitte und
tragen abwechselnd in polnischer und deutscher Sprache vor: »Wir sind die lebenden
Steine, aus der Tiefe der Hölle. Wir Sklaven müssen doch glauben an Menschen, Menschen
und Liebe«7. Das Gedicht von Włodzimierz Wnuk, 1941 im KZ Gusen entstanden,
schließt die Performance ab. Teilnehmende aus Zamość haben in der Werkstatt immer
wieder ihre Perspektive und ihren Weg nach Mauthausen eingebracht: Das große Leid,
das die Besatzer über Zamość gebracht haben. Die Begegnung mit dem Überlebenden,
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die Auseinandersetzung mit dem Gedicht in der Vorbereitung in Zamość und nun seine
Wirkung am authentischen Ort – all dies trug zur Entscheidung der Tanzgruppe bei,
die gesamte Performance auf dieses Gedicht zulaufen zu lassen. Während das Gedicht
erklingt, verlassen die Akteure ihre steingleiche Körperhaltung und fassen sich als
Menschen an den Händen. Das Motto der Gedenk- und Befreiungsfeier in Mauthausen
2017 wird zum Motiv: Internationalität verbindet. Die zwanzigminütige Performance
kam erstmals bei der Gedenk- und Befreiungsfeier in Mauthausen am Denkmal der
DDR zu Aufführung. Danach konnte sie beim Treffen mit der polnischen Delegation,
die zu den Feierlichkeiten angereist war und in einer Schule in Wien aufgeführt werden.
Die Auswahl und Form des Dargestellten spricht für sich. Inszenierung, Aufführung
und Ausstellung wurden zum Teil von Erinnerungsarbeit und der Beschäftigung mit
der Gegenwart, denn »künstlerische Zugänge […] eröffnen Chancen, subjektive, differenzielle
Zugänge zur NS-Geschichte zu erarbeiten.«8 So gelang den Jugendlichen
unterstützt von der Werkstattleitung, am authentischen Ort und durch Quellenrecherche
die Verschränkung von Zeugnisarbeit und Kunstpraxis.
Daraus ergaben sich individuelle Zugänge und Einblicke in die Geschichte des
Holocaust, des Nationalsozialismus und dessen Bedeutung für das Hier und Heute.
Die Teilnehmenden schlugen eine Brücke zur Gegenwart, erkannten die Botschaft der
ehemaligen Inhaftierten an sie, eine nachfolgende Generation: Über nationale Grenzen
hinweg finden wir gemeinsam einen Weg zur Lösung der Probleme unserer Zeit.
Zusammen können wir eine Erinnerungskultur schaffen, in der wir alle uns wieder
finden, obwohl die Geschichte der einzelnen Nationen unterschiedlich ist.
Es gilt, diese andere ausdruckstarke und anstiftende Form des Gedenkens, jenseits
nationaler und militärischer Rituale zu stärken. Die Auseinandersetzung mit den Quellen
und ihre Mut machenden Elemente sowie die Präsentation des selbst geschaffenen
eröffneten den Teilnehmenden neue Wege zur Selbstverortung und hat ihr Interesse an
der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus verstärkt. Das Werkstattprinzip
und die damit einhergehende Verknüpfung von kultureller und politischer Jugendbildung
begünstigen das Erkennen von Gemeinsamkeiten in der Geschichte und deren
Bedeutung für die Gegenwart. Sie können Fundament sein für eine gemeinsame europäische
Erinnerungskultur. Sie lassen die Jugend Europas zum Träger dieser Form des
Erinnerns werden. Durch die Überwindung der eigenen Grenzen auf verschiedenster
Ebene kommen sich die Teilnehmenden im Schaffensprozess näher. In Zeiten des allen
Orts erstarkenden Nationalismus, der die Ausgrenzung von Andersdenkenden und
Andersgläubigen propagiert, ist es notwendig, Wege des gemeinsamen Erinnerns zu
beschreiten, die international, kreativ und emanzipatorisch sind.
Dr. des. Roman Fröhlich ist pädagogischer Leiter der Berliner Jugendbildungsstätte
Stiftung wannseeFORUM. Seine Promotion beschäftigt sich mit der Zwangsarbeit von
KZ-Häftlingen bei der Firma Heinkel in Oranienburg. Insassen der Außenlager des
KZ-Mauthausen in Wien waren bei diesem Flugzeughersteller eingesetzt.
Das Projekt wurde gefördert von: Stiftung evz, Zukunftsfonds der Republik Österreich,
Axel Springer Stiftung und Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft
Berlin.
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1 Lukas Macher und Finn Sörje: Geschwisterpaar: Zur Verbindung von politischer und kultureller Bildung
im wannseeFORUM. Ein Praxisbericht, in: Infodienst. Das Magazin für Kulturelle Bildung, Nummer 119,
April 2016, S. 28.
2 Moritz von Engelhardt: Freier Vogel Phantasie. Zum Verhältnis zwischen künstlerischer und poltischer
Jugendbildung, in: wannseeFORUM/Wannseeheim für Jugendarbeit e.V.: Jahresbericht 2003, Erscheinungsdatum
unbekannt, S. 34.
3 Die Aussteller und Bundesminister für Inneres (Hrsg.): Kunst und Kultur im Konzentrationslager Mauthausen
1938–1945. Katalog zur Ausstellung, Wien 2007.
4 »Wir wollen nach erlangter eigener Freiheit und nach Erkämpfung der Freiheit unserer Nationen die
internationale Solidarität des Lagers in unserem Gedächtnis bewahren und daraus unsere Lehren
ziehen.« [www.mauthausen-memorial.org/assets/uploads/3_1_13-AMM-U-4-2.jpg; 15. 11. 2017]
5 www.mkoe.at/sites/default/files/files/aktuelles/Programm-Gedenk-und-Befreiungsfeiern-2017.pdf, S. 2.
[15. 11. 2017]
6 Vgl.: Ein Werk, das nicht mehr vergessen lässt, was war, Interview mit Karl Ramsmaier in den Oberösterreichische
Nachrichten (www.nachrichten.at/oberoesterreich/steyr/Ein-Werk-das-nicht-mehr-vergessen-
laesst-was-war;art68,1222643)
7 Włodzimierz Wnuk: »Żywe kamienie«; Die lebenden Steine, Gusen 1941, zitiert nach: Die Aussteller und
Bundesminister für Inneres (Hrsg.): Kunst und Kultur im Konzentrationslager Mauthausen 1938–1945.
Katalog zur Ausstellung, Wien 2007, S. 64.
8 Juliane Heise: Über die Sprache hinaus – künstlerische Zugänge, in: Elke Gryglewski , Verena Haug,
Gottfried Kößler, Thomas Lutz, Christa Schikorra (Hrsg.): Gedenkstättenpädagogik. Kontext, Theorie
und Praxis der Bildungsarbeit zu NS-Verbrechen, Berlin 2015, S. 316.