Tora und Textilien. Jüdisches Leben im Wuppertal, in Berg und Mark
Gedenkstättenrundbrief 163 (10/2011) S. 12-17EINE NEUE DAUERAUSSTELLUNG IN DER BEGEGNUNGSSTÄTTE ALTE SYNAGOGE WUPPERTAL
»Was kann man denn bei Ihnen sehen?« lautete in der Vergangenheit eine häufige Frage von Besucherinnen und Besuchern der Begegnungsstätte Alte Synagoge in Wuppertal.1 Vor allem wurden sie dann auf die originalen Mauerreste – die Ruinen der früheren Elberfelder Synagoge – verwiesen, die im Zuge der Bauarbeiten für die 1994 eröffnete Gedenkstätte freigelegt wurden und davon zeugen, was sich in der Nacht zum 10. November 1938 dort zugetragen hat. Eine andere »Sehenswürdigkeit« war und ist immer noch die moderne, strenge Formensprache der Gedenkstätte, geplant von den Kölner Architekten Peter Busmann und Godfrid Haberer. Das Gebäudeensemble der Begegnungsstätte Alte Synagoge, bestehend aus drei schlichten geometrischen Baukörpern, setzt einen ästhetisch außergewöhnlichen Akzent im Wuppertaler Stadtbild.2
Die inhaltliche Vermittlung über die örtliche und regionale Geschichte des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung geschah darüber hinaus bisher nahezu ausschließlich durch unterschiedliche Veranstaltungen: Projekte im Rahmen der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die stets eigens auf die entsprechende Lerngruppe zugeschnitten wurden, Arbeit in dokumentarischen Wechselausstellungen, Vorträge und andere Abendveranstaltungen für das erwachsene Publikum.3 Im Unterschied nämlich zu den meisten anderen Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen musste die Wuppertaler Einrichtung seit dem Beginn ihrer Arbeit bis zum Frühjahr 2011 ohne die sonst übliche Dauerausstellung auskommen, die Informationen durch eine ständig präsentierte Sammlung von Objekten und Dokumenten sichtbar hätte vorhalten können. »Hereinspaziert! Schauen Sie sich um!« – eine solche Einladung war nicht so einfach möglich und ihr Fehlen wurde zunehmend als Mangel empfunden, sowohl von den Schulen und der Bevölkerung als auch von den Mitarbeitenden im Haus. Das ist nun anders.
Seit April 2011 zeigt die Begegnungsstätte Alte Synagoge in Wuppertal eine Ausstellung, die die Geschichte und Gegenwart der Juden in Wuppertal und der Region dokumentiert, und damit hat sie sich ein grundlegend neues Konzept gegeben: Das Haus ist nun auch ein kleines, aber feines Museum für die Stadt und die Region.4
Im Folgenden möchte ich einige konzeptionelle Grundgedanken wiedergeben, mit denen diese Ausstellung einen neuen Weg der praktischen Gedenkstättenarbeit gehen möchte.
Die erzählte Zeit: Von den ersten Spuren bis in die Gegenwart
Die deutlichste konzeptionelle Änderung erfuhr die Begegnungsstätte Alte Synagoge durch den Blick auf den Längsschnitt der regionalen jüdischen Geschichte. Im Fokus steht nicht mehr die Zeit des Nationalsozialismus. Juden kommen nun nicht mehr nur als »Opfer« vor, sondern als Akteure, als Personen und als Gestalter ihres Alltags. Unter dem Titel »Tora und Textilien« wird die jüdische Geschichte seit der Zeit der Zuwanderung in die durch die aufblühende Textilindustrie prosperierenden bergischen Städte gezeigt. Damit hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden: Die jüdische Geschichte interessiert hier nicht nur als Geschichte von Verfolgung, besonders in der Zeit des Nationalsozialismus und im Holocaust, sondern als Sozial- und Kulturgeschichte im historischen Längsschnitt. Im Mittelpunkt des Interesses an der Darstellung der voremanzipatorischen Zeit und des 19. Jahrhunderts stehen die bedeutenden Entwicklungen der europäischen Ideen-, Rechts-, Technik- und Zivilisationsgeschichte, in der die Juden – so spiegelt sich das in Parlamenten und Tageszeitungen – nur eine Gruppe von vielen waren: Emanzipation war »die große Aufgabe unserer Zeit«, wie Heinrich Heine 1828 schreibt. Und er fährt fort: »Nicht bloß die der Irländer, Griechen, Frankfurter Juden, westindischen Schwarzen und dergleichen gedrückten Volkes, sondern es ist die Emanzipation der ganzen Welt, absonderlich Europas, das mündig geworden ist, und sich jetzt losreißt von dem eisernen Gängelbande der Bevorrechteten, der Aristokratie.«5
Das klingt zunächst einmal komplex und theoretisch, wird in der neuen Ausstellung aber anhand aktivierender, handlungsorientierter Elemente und mittels einer aufs Elementarste reduzierten Textmenge anschaulich. Eyecatcher, Klappen, Schubladen, Schränke, Hörstationen, Mitmachmöglichkeiten und freistehende Objekte zum Anfassen und Ausprobieren bedienen hier nicht nur das sinnliche und spielerische Interesse von Kindern und Jugendlichen, sondern ebenso das der Erwachsenen.
Die Parolen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung »Leben, Freiheit, Streben nach Glück« (1776) und die der Französischen Revolution »Liberté, Égalité, Fraternité« (1789) sind nicht nur trockenes, verstaubtes Geschichtswissen, sondern dienen hier als agents provocateurs einer Diskussion über das Experiment der Moderne schlechthin. Hier geht es also nicht zwingend nur um die voremanzipatorische Diskriminierung von Juden und deren schrittweise »Verbesserung«. Themen sind auch die kritische Frage nach der Erfüllung des Glücksversprechens nordamerikanischer Indianer oder der skeptische Einwand, ob »Moderne« mit ihrem nachfolgenden Säkularisierungsschub überhaupt eine erstrebenswerte Sache sei.6
Alltagsbiografie
Auf »sein« 19. Jahrhundert blickt von hoch oben das Porträt eines alten bärtigen Mannes herab, dessen Biografie sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung zieht. Samuel Steilberger war ein frommer, kinderreicher Jude, der aus einer armen Weberfamilie stammte, hebräisch zwar von seinem Vater gelernt, aber nie die Schule besucht hat und sich die deutsche Schrift selbst hatte beibringen müssen. Als Wirtschaftsmigrant zog er in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit seiner Frau und neun Kindern aus dem Ort Langenberg ins prosperierende Elberfeld.
Frömmigkeit, Textilgewerbe und Migration also sind die drei didaktisch so wertvollen Stichworte, die diese Biografie für das Ausstellungsprojekt in hohem Maße interessant machten, und nicht etwa eine besondere Leistung des Protagonisten oder ein Status als Holocaustopfer. Nähere Kenntnisse über Steilberger besitzen wir durch einen glücklichen Zufallsfund: Neben Briefen an eine seiner Töchter aus dem Zeitraum 1895 bis 1901 ist eine gedruckte Festschrift zu seiner Goldenen Hochzeit aus dem Jahr 1894 erhalten, der sich allerlei liebenswürdige Details entnehmen lassen. Zu diesen – literarisch freilich nicht nobelpreisverdächtigen – Versen hat der bekannte Wuppertaler Künstler Wolf Erlbruch7 acht Illustrationen geschaffen, die auf Plexiglasbrettchen an unterschiedlichen Stellen in der gesamten Ausstellung verteilt angebracht sind und, kommentiert durch eine jeweils dazugehörige Hörstation, auch Grundschulkinder aktiv einbeziehen. Die Biografie des Alltagsmenschen Samuel Steilberger führt plastisch und nachvollziehbar vor Augen, dass es eine jüdische Existenz nicht nur schon lange vor der Zeit des Nationalsozialismus gegeben hat, sondern auch eine, auf die das unhistorisch-nivellierende und letztlich einschläfernde Klischee von den Juden, die »ja immer verfolgt wurden«, nicht zutrifft.
Vielfalt jüdischer Existenz
Dass mit der Emanzipation, d.h. mit der Herausbildung und dem Erstarken eines Bürgertums nicht nur die Feudalgesellschaft verabschiedet wurde, sondern auch das Verständnis von Religion und Zugehörigkeit sich änderte, führte zu einer starken Ausdifferenzierung dessen, was heute landläufig unter dem Begriff Judentum subsummiert wird. Ein markantes Datum dieser Entwicklung ist das Jahr 1876, in dem das sogenannte Austrittsgesetz verabschiedet wurde: Auch Juden war es nun erlaubt, aus der Einheitsgemeinde auszutreten, neue Gemeinden verschiedener religiöser Ausrichtung zu gründen oder sich gänzlich von ihrer Religion zu entfernen. Die Vielfalt jüdischer Existenz wenigstens anzudeuten, die sich damals schon daraus ergab, ist ein Anliegen der neuen Ausstellung. Es soll klar werden, dass »Jüdisch sein« mehr und anderes ist als seine Klischees, und dass verallgemeinernde Definitionen von außen stets respektlose Übergriffe sind, die das autonome Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen beschränken – im Extremfall bis zur rassistischen Kategorisierung durch die Nationalsozialisten.
Die Vielfalt jüdischer Existenz im Kaiserreich wird in der neuen Ausstellung in einem Themenfeld ausgebreitet, das den Titel »Um 1900« trägt. In fünf Bild-Objekt-Kombinationen sind die unterschiedlichen und zum Teil widerstreitenden Tendenzen angedeutet, die das Judentum um die Jahrhundertwende lebte respektive denen es ausgesetzt war: 1. die Wahlverwandtschaft mit deutschem Kulturbürgertum, 2. die althergebrachte Orthodoxie, 3. die neue politische Bewegung des Zionismus unter dem Einfluss nationalstaatlicher Anstrengungen und als Reaktion auf einen manifesten Antisemitismus (4.) sowie 5. die heute kaum noch verstehbare Liebe deutscher Juden zu »ihrem« Kaiser Wilhelm II.
Der entschiedenen Verweigerung verallgemeinernder Aussagen über das, »was jüdisch ist«, entspricht die Ausstellung auch noch in ganz anderer Weise: Unvermutet und unabhängig von der chronologischen Abwicklung sind 23 aufklappbare weiße Tafeln im Format von 22 mal 23 cm in der Ausstellung verstreut angebracht, die zugeklappt den Schriftzug »irgendwie jüdisch« tragen. Aufgeklappt schaut dem Betrachter ein Mensch entgegen, der in einem kleinen Textbeitrag Auskunft darüber gibt, was er persönlich unter seinem Judentum versteht. Die Klapptafeln erinnern oder »stören« immer wieder mit ihrem Einspruch aus der Gegenwart, so dass nicht vergessen wird, wovon diese Ausstellung eigentlich handelt: Von lebenden Menschen mit Stimmen und Ideen. Das Besucherbuch der Ausstellung dokumentiert schon jetzt deutlich, dass gerade diese parallel geführte »Irgendwie-jüdisch«-Spur eine große Faszination auf die Besucher ausübt, weil sie sie wegen der Offenheit der Bekenntnisse berührt und für Überraschungen sorgt.8
Methoden: Schwellen senken, ausprobieren, staunen
Entzieht die Ausstellung so die Menschen, um die es hier geht, durch die Heterogenität und Widersprüchlichkeit der Selbstaussagen dem respektlosen Zugriff der antisemitischen Bescheidwisser genauso wie dem der philosemitischen Besserwisser, so bietet die bald zu Beginn des Ausstellungsrundgangs eingerichtete Abteilung zum Thema »jüdische Religion« den sicheren Halt normativen Wissens: Anhand von Objekten, erklärender Kürzesttexte und aktueller Schnappschüsse aus dem Festtagsleben der jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal soll das Recht auf Information über die jüdische Religion befriedigt werden. Allerdings geschieht das ohne Abstand, Aura und Andacht: Alle Objekte – Gegenstände, die im jüdischen Festjahr benutzt werden – stehen zur freien Handhabung auf einem Regal, und ein Schränkchen mit Türen zum Öffnen präsentiert Geschirr und Lebensmittel zum Thema »Speisegesetze«, die hoffentlich nicht das Verfallsdatum überschreiten, sondern bereits vorher vom neugierigen Publikum verzehrt worden sind. Die Besucher dürfen und sollen die Gegenstände ausprobieren und sich schließlich im wahrsten Sinne des Wortes einverleiben. Die Botschaft wird klar: Es gibt heute und in der nächsten Umgebung Menschen, die diese Dinge des jüdischen Fest- und Alltags benutzen und verbrauchen, es gibt dafür Geschäfte und Kunden, die darin »ganz normal« einkaufen.
Die Besucher finden die schrankenlose Präsentation, die Möglichkeit zum Spielen und Testen, sympathisch. Aber diese freundliche Einladung ist mehr als eine Nettigkeit. Vor allem unter muslimischen Jugendlichen in Wuppertaler Schulen gibt es immer einige, die mit manifesten Vorbehalten gegenüber allem »Jüdischen« in die Gedenkstätte kommen. Gerade ihnen schon zu Beginn ansprechende und einbeziehende Elemente anzubieten, um Gefühle der Feindseligkeit, der Inferiorität und der Zumutung aufzuweichen, ist zwingende Voraussetzung für eine sinnvolle Fortsetzung des Ausstellungsbesuchs.
Jüdische Sicht auf den Nationalsozialismus
Nach wie vor wird die Begegnungsstätte Alte Synagoge eine Gedenkstätte sein. Trotz des neuen musealen Konzepts steht das Haus – im wahrsten Wortsinn – auf dem Boden der alten Synagoge und damit auch an einem Ort des Leidens und am Ort eines Verbrechens. So legt die neue Ausstellung großen Wert auf die Visualisierung der früheren Synagoge und bezieht die sichtbaren originalen Rudimente mit in die Ausstellungsgestaltung ein. Darüber hinaus sind die Modelle aller zerstörten Synagogen der Region im Maßstab 1 : 50 zu sehen: Schwelm (1819), Elberfeld (1865), Solingen (1872) und Barmen (1897).9 Der Betrachter hat hier die Möglichkeit, den Wandel im Kultusleben und im Selbstverständnis der jüdischen Gemeinden anhand der Architektur und Innenausstattung abzulesen und sich über die Hintergründe der antijüdischen Novemberaktionen 1938 – immerhin der Ursprung der Wuppertaler Gedenkstättenarbeit – umfassend zu informieren.10 Um die Zeit der nationalsozialistischen Judenverfolgung zu präsentieren, haben viele ehemalige Wuppertaler Jüdinnen und Juden, die in der Zeit des Nationalsozialismus emigrieren konnten, Erinnerungsstücke, Dokumente, Briefe und Fotografien beigesteuert. Außerdem wurden viele Interviews, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, in die Ausstellung integriert. Vor allem also authentische Objekte aus dem Besitz der Überlebenden erzählen die wichtigsten Ereignisse aus den 1920er und 1930er Jahren, zum Beispiel ein Turnhemd des neu gegründeten Jüdischen Sportvereins Wuppertal, eine Sammlung mit Passfotos zur Vorbereitung auf einen Kindertransport, das Tagebuch einer Auswanderung, Juden-Kennkarten, Sterne und Ghettogeld, eine letzte Fahrkarte oder eine Sondererlaubnis zum Schwebebahnfahren. Aus dieser Präsentation einzelner Objekte ergeben sich biografische Splitter, die den historischen Kontext »beleben« und vergegenwärtigen. Dabei helfen zusammenfassende Darstellungen in Text und Bild – möglichst aus der Perspektive eines »jüdischen Alltags«: Urlaubsfotos vom Meer, Menschen am Kaffeetisch, Geburtstags- und Bar-Mizwa-Feiern, aber auch Erinnerungsfotos vor der Auswanderung, Abschiedsbriefe vor der Deportation an die Kinder und Postkarten aus dem Konzentrationslager.
Die direkte Nachkriegsgeschichte beginnt für die Juden mit der Suche nach den früheren Gemeindemitgliedern: Eine viel benutzte Kladde aus dem Archiv der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal, eng beschrieben mit Namen, Exiladressen und Todesorten, zeugt in berührender Weise von der verzweifelten und meistens vergeblichen Mühe, die erlittenen Traumata zu verarbeiten.
Gestaltungsprinzipien: Dynamik, Frische, Qualität
Das Kommunikationsbüro Andrea Hold-Ferneck, Wuppertal, hat mit der gestalterischen Konzeption der Ausstellung eine gewaltige Herausforderung angenommen. Mit großem Respekt vor der ambitionierten Architektur der skulpturalen Räume hat sie eine Fläche von nur rund 110 qm strukturiert. Sichtachsen, Raster und Farben des Hauses bildeten gestalterische und hermeneutische Elemente der neuen Ausstellung, so dass das Raumerlebnis erhalten blieb und mit sicht- und erlebbaren Inhalten aufgefüllt wird. In den lichtdurchfluteten, von Weiß und Grau dominierten Raum kamen hochwertige, stabile Möbel in einem frischen »wach haltenden« Grün, bei den Texten wurde auf Prägnanz der Formulierung und gute Lesbarkeit der Schrift geachtet, die Reproduktionen und Replikate sind von hoher Qualität, Schubladen und Vitrinen sorgfältig eingerichtet und die sehr sparsamen Inszenierungen zurückhaltend. Dreißig Hörstationen und eine Videostation mit Zeitzeugeninterviews, gestaltet durch das Büro Christoph Schönbach, Wuppertal, sind die wenigen digitalen Medien in einer Ausstellung, die bei ihren aktivierenden und interaktiven Elementen vor allem auf Mechanik setzt.
Mit ihrer neuen Ausstellung leistet die Begegnungsstätte Alte Synagoge in Nordrhein-Westfalen nach den »jüdischen Orten« in Dorsten und Essen einen weiteren, aber wieder anderen Beitrag in einer sehr lebendigen Gedenkstättenlandschaft, tritt dem Antisemitismus in seinen verschiedenen Ausprägungen entgegen und ist den Überlebenden und ihren Nachfahren Archiv einer »bergischen Diaspora« und heimatlicher Ort zugleich.11
Dr. Ulrike Schrader ist seit 1994 Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge in Wuppertal. Sie erforscht vor allem die jüdische und die NS-Geschichte in Wuppertal und befasst sich kritisch mit der Praxis der Gedenkstättenarbeit und der Erinnerungskultur.
1 Die Arbeit der Begegnungsstätte Alte Synagoge wird nach einem Vertrag mit der Stadt Wuppertal von einem gemeinnützigen Trägerverein verantwortet. Dieser erhält einen festen Zuschuss der Stadt und die Mitgliedsbeiträge seiner 23 Mitgliedsinstitutionen.
Weitere Informationen unter: www.ns-gedenkstaetten.de/nrw/wuppertal
2 Im Unterschied zu den meisten anderen Gedenkstätten, nicht nur in Nordrhein-Westfalen, befindet sich die Wuppertaler Gedenkstätte nicht in einem umgenutzten Gebäude, sondern in einem Neubau, der von vornherein als Gedenk- und Begegnungsstätte gewollt war. Authentisch ist hier der frühere Standort der Elberfelder Synagoge (1865–1938) mit seinen archäologischen Ausgrabungen.
3 Daneben gab und gibt es weiterhin eine rege Forschungs- und Publikationstätigkeit, Beratung von Schülern und Lehrern und solchen, die Pädagogen werden möchten, sowie eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit der Universität durch einen Lehrauftrag zur Gedenkstättenpädagogik und zum Wissenstransfer.
4 Der geografische Erzählraum erstreckt sich über Wuppertal hinaus auch auf die Nachbarstädte Solingen, Remscheid, Velbert und Schwelm. Damit werden auch Schulen und Bürger dieser Städte angesprochen, die nicht über eine eigene Dokumentation ihrer jüdischen Geschichte verfügen. Diese regionale Ausdehnung war allerdings seit dem Bestehen der Wuppertaler Gedenkstätte üblich und wurde auch in Anspruch genommen.
5 Heinrich Heine: Reise von München nach Genua, Klaus Briegleb (Hg.), Sämtliche Schriften, München 2005, Band 2, S. 376f.
6 Eine Erfahrung des Gedenkstättenalltags zeigt, dass besonders muslimische Schüler dem Projekt der Moderne zum großen Teil misstrauisch und ablehnend gegenüberstehen. Dieses Ausstellungskapitel birgt also das Potenzial, unabhängig vom Oberthema »jüdische Geschichte« ein Kernproblem der Integrationspolitik und -pädagogik zu diskutieren.
7 Bekannt wurde Erlbruch vor allem durch den Bilderbuch-Hit »Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat«, Wuppertal 1993.
8 Im Unterschied zu einigen bereits dokumentierten lebensgeschichtlichen Interviewprojekten mit jüdischen Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion ist es in Wuppertal bewusst und konsequent nicht Ziel gewesen, Lebensläufe oder den Alltag der Befragten darzustellen. Entscheidend waren Reflexionen über das jüdische Selbstverständnis, was bei einigen der Personen auch zu einem Glaubensbekenntnis geriet. Es versteht sich, dass solche sehr privaten Äußerungen die Besucher in noch stärkerem Maße berühren als eher formale und zum Teil austauschbare Lebens- und Alltagsgeschichten.
9 Diese Modelle basieren auf der beeindruckenden Erfahrung des Instituts »Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa« am Lehrstuhl der Technischen Universität Braunschweig und werden von der Architektin Andrea Jensen rekonstruiert und ausgeführt. Die Modelle der Elberfelder und Schwelmer Synagoge sind bereits realisiert, das der Solinger folgt im November 2011 und das von Barmen im November 2012. Die Quellenlage zur ersten Bergischen Synagoge in Langenberg (1802) muss noch eruiert werden. Sollten hinreichend wahrscheinliche Daten ermittelt werden, wäre mittelfristig der Bau auch eines Langenberger Modells interessant.
10 Diese Holzmodelle sind die einzigen Objekte in der Ausstellung, bei denen »Berühren nicht erlaubt« ist.
11 Träger der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal ist ein Verein, der bei diesem Projekt auf die Hilfe von annähernd 30 verschiedenen Sponsoren vor allem aus der Wirtschaft angewiesen war, von denen die NRW-Stiftung einen großen Teil der Kosten übernommen hat.


