Peter Fischer

Vergessen, verdrängt, verdreht

Gedenkstättenrundbrief Nr. 187 (9/2017) S.26-35

LIEBEROSE/JAMLITZ IN DER ERINNERUNGSLANDSCHAFT DER KURMARK

Mitunter sind Orte inmitten schönster Landschaftsgebiete in Deutschland zu entdecken, die unerwartet schwerwiegend eine Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in sich bergen. So in der herrlich wald- und seenreichen Umgebung des Städtchens Lieberose, einer kleinen Wohnsiedlung beim Dorf Jamlitz, das geografisch zur brandenburgischen Kurmark gezählt wird. Wie sie heute aussieht, entstand die Siedlung erst nach 1945. Nachforschende zu dem, was zuvor dort existierte, können nur auf sehr geringe Spuren zurückgreifen. Abgesehen vom nahe gelegenen ehemaligen Bahnhof mit seiner typischen Verladerampe geben auch kleinteiligere Granitpflasterungen von Straßenabschnitten im alten Dorf Hinweise auf die Nutzung in der Zeit des Nationalsozialismus. Ebenfalls sind noch große Vertiefungen, überwachsen im Waldgelände weit hinter dem Dorf Jamlitz zu entdecken: Sachzeugnisse mächtiger Erdbewegungen, durch nationalsozialistische Sklavenarbeit entstanden. Ein riesiger Truppenübungsplatz der Waffen-SS sollte an dieser Stelle entstehen. Wer sich dies genau ansieht, erkennt unter der Hülle der heute friedlichen Idylle das ehemalige Geschehen mit dem vieltausendfachen Morden an KZ-Sklavenarbeitern in der Shoah [1].

 

Historische Erläuterung

Das KZ-Außenlager von Sachsenhausen mit der Kurzbezeichnung »Liro« wurde nach dem örtlichen »Staatsbahnhof Lieberose« benannt. Es wurde unter Negierung der hauptsächlichen Todesursache seiner Insassen euphemistisch als »Arbeitslager« bezeichnet. Es war wohl einer der größten Einsatzorte mit Todesfolge für jüdische Häftlinge, der neben den KZ-Hauptlagern im Deutschen Reich bestand. Ab Ende 1943 beginnt der Ausbau des Waffen-SS-Truppenübungsplatzes »Kurmark«. Er endet bei der Auflösung dieses KZ-Außenlagers von Sachsenhausen mit einem Massaker unweit der »Reichshauptstadt« – nur etwa 90 km Luftlinie vom Führerbunker entfernt – an 1 342 Menschen.

Die Geschichte des Ortes Lieberose/Jamlitz nach 1945 findet eher Aufmerksamkeit wegen des dort an gleicher Stelle befindlichen Speziallagers Nr. 6 des NKWD. Mindestens 3 380 Internierte verloren bis 1947 durch Hunger und Krankheiten hier ihr Leben, zumeist Deutsche. Nach allem was vor dem 8. Mai 1945 geschah, sind diese vom Standpunkt der Befreier in erster Linie als Feinde angesehen worden. Deren Schicksale waren in der DDR bis 1989 gesellschaftspolitisch geächtet. Thema unerwünscht, durch Schweigeauflagen tabuisiert, ja sogar verboten. Die damit zusammenhängenden Tragödien blieben bestenfalls innerfamiliär haften. Selbst die baulichen Überreste der alten, noch aus der KZ-Zeit stammenden Baracken flossen nach 1947 der Baustoffversorgung für geflüchtete Übersiedler aus dem vormaligen Osten des Deutschen Reiches zu. Auf dem von Tod, Not und Leid durchdrungenen Lagergelände entstanden kleinere Wohn- und Wochenendhäuser. Erst nach Mitte 2003 konnte am oberen Ende der sich im märkischen Sand verlaufenden früheren Lagerstraße eine Freiluft-Ausstellung mit Tafeln zur historischen Aufklärung der Vor- und Nachkriegs-Geschehnisse – rechts- und linksseitig getrennt – installiert werden.

KZ-Außenlager Lieberose

Aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, aus den KZ Groß Rosen sowie Sachsenhausen wurden die Häftlingstransporte ab Sommer 1943 in das KZ-»Liro« überstellt. Über ein Fünftel der Lagerinsassen waren sehr junge Menschen. Nach Aussonderung sind die nicht mehr Arbeitsfähigen, annähernd 4 000 Menschen, in monatlichen Sammeltransporten per Eisenbahn nach Auschwitz zurück verbracht worden. Somit ist das KZ-Außenlager »Liro« auch infrastrukturell unmittelbar in die Ermordung der europäischen Judenheit einbezogen, zumal es im direkten Zusammenhang mit der Deportation ungarischer Juden steht.

Auf der Basis der Materialien, die nach Öffnung der Archive in Moskau und anderer Archive in Osteuropa ab 1990 zugänglich wurden, sind viele Angaben zu Opfern und Tätern des KZ, umfassend von Andreas Weigelt sowie Peter Kotzan nachgewiesen worden. [2] Demnach kamen die ersten 400 Juden wahrscheinlich aus dem KZ Groß Rosen; es waren überwiegend russische und polnische Häftlinge. Die größte Gruppe wurde später von Ungarn über Auschwitz in die Kurmark deportiert. Weiterhin wurden Juden aus Polen, Frankreich und Deutschland über den Umweg des KZ und Vernichtungslagers Auschwitz eingeliefert. Zudem sind sowjetische Kriegsgefangene, Norweger, Belgier, Franzosen, auch eine Anzahl aus dem KZ Sachsenhausen in Arbeitskommandos abkommandierte politische Gefangene und holländische Zwangsverpflichtete in Bestands-, Transport- oder Zugangslisten zu finden. Wie Andreas Weigelt ermittelte, stammen die Häftlinge aus 18 Nationen. Die Gesamtzahl der Insassen wird zwischen sieben- bis zehntausend Menschen betragen haben.

Bei der Auflösung des KZ-Außenlagers »Liro« Anfang Februar 1945 ermordeten SS-Leute unter dem Befehl des Lagerführers Wilhelm Kersten im Bereich der sogenannten »Schonungsblöcke« alle marschunfähigen Häftlinge. In den Wochen zuvor waren schon mehrere Eisenbahntransporte mit Häftlingen aus Lieberose in das KZ-Sachsenhausen verbracht worden, von denen viele gleich nach der Ankunft umgebracht wurden. Etwa 1 700 Lagerinsassen wurden auf einem Todesmarsch acht Tage lang via Teupitz, Zossen, Ludwigsfelde, Potsdam, Falkensee nach Oranienburg ins Stammlager Sachsenhausen getrieben. Hunderte, meist junge Menschen, sind, wiederum gleich nach der Ankunft, dort »selektiert« und ermordet worden. [3] Weitere Transporte mit Lieberose-Häftlingen endeten von Sachsenhausen aus im Todeslager Bergen-Belsen und über 700 Gefangene gelangten schließlich noch zum KZ-Mauthausen oder in eines seiner örtlichen Nebenlager. Von ihnen haben lediglich 320 Juden aus Ungarn [4], nach anderen Angaben nur insgesamt höchstens etwa 500 Menschen [5] die Befreiung im Jahr 1945 überlebt.

 

Zum Umgang mit der Erinnerung in der DDR

Die Mordstätten und Bestattungsorte waren lange verdrängt. Obwohl fünfzehn der Mordopfer – wahrscheinlich das Bestattungskommando der Anfang Februar 1945 Erschossenen – 1958 in einer zweieinhalb Kilometer entfernten Kiesgrube an der Bundesstraße 320 Richtung Schenkendöbern und Staakow gefunden worden waren, dauerte es bis 1971, dass – wieder zufällig – nur wenige Meter entfernt ein Massengrab mit sterblichen Überresten von 577 ermordeten Menschen entdeckt wurde.

Es handelte sich wahrscheinlich um das größte je auf deutschem Nachkriegsterritorium entdeckte Massengrab ermordeter KZ-Häftlinge. In aufwendiger Kleinarbeit sind die Toten vom forensischen Institut Dresden unter Mitwirkung des Ministeriums für Staatssicherheit exhumiert worden. Obwohl durch Fundobjekte belegt, sehr bald feststand, woher viele der Opfer stammten und welcher Nation und Religion sie mehrheitlich angehörten, ist an eine Hinzuziehung eines Vertreters der Jüdischen Gemeinde nicht im entferntesten gedacht worden. Man begnügte sich mit einer Einbeziehung von Vertretern der Lagerarbeitsgemeinschaft Sachsenhausen des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer. Die vielerorts nach dem Krieg nachweisbare Ignoranz im Umgang mit den Toten wurde durch die nichtdokumentierte Einäscherung im Krematorium Forst bestätigt [6]. Unabhängig davon wurde entschieden: Die Toten sollten keinesfalls am Fundort belassen und dort geehrt werden. Sicherlich spielte das Verstecken der Nachkriegsnutzung des Lagers als sowjetisches Internierungslager auf dem Areal des früheren KZ-Außenlagers in Jamlitz eine Rolle. Stattdessen wurde einige Kilometer entfernt auf dem sogenannten Galgenberg, neben dem örtlichen Friedhof der Stadt Lieberose ein DDR-typisches antifaschistisches Mahnmal mit Fahnenmasten und einem Ring-Grab angelegt. Auf einer seitlich angefügten Gedenkmauer, in die Dreiecke eingearbeitet sind, steht neben einem verblasst roten Winkel im Standard damaliger Erinnerungskultur ein unifizierender Schriftzug [7]. Das Urnengrab in der Mitte des Ring-Grabes wird abgedeckt durch eine runde Metallplatte, mit einer Todesmarsch-Szene als Relief sowie einer weiteren vereinnahmenden Widmung [8]. Später wurde am Fuße dieses Gedenkhügels noch eine kleine Museumsbaracke errichtet.

Im öffentlichen Raum der Siedlung Jamlitz sind bald darauf die Relikte der früheren Lager beseitigt worden: Beispielsweise der bis dahin dort präsentierte alte Lagerstein aus nationalsozialistischen Zeiten, versehen mit den Insignien des Reichsarbeitsdienstes, Hacke und Schaufel, und der Jahreszahl 1944, der von einem ungarisch-jüdischen Steinmetz gefertigt worden war. 1973 verschwanden auch die Pfeiler des früheren Lagereingangstores. Kein Überbleibsel sollte mehr an die Lagerzeiten erinnern. Zusammen mit der Mahnmal-Architektur entstand eine regelrechte Inszenierung, die bis heute unverändert ist.

Der Historiker Andreas Weigelt schrieb zutreffend: »Als sich jedoch nach und nach die Erkenntnis durchsetzte, dass die Exhumierung von etwa 600 jüdischen Opfern im Jahre 1971, der Umgang mit ihnen, … die Einäscherung und die Bestattung der Asche in einem Urnengrab an künstlichem Ort in Lieberose und unter antifaschistischer Fahne als ein Akt gedenkstättenpolitischer Blasphemie angesehen werden muss, entstand für die Gedenkstättenstiftung und den Zentralrat der Juden in Deutschland ab Ende 1997 die Notwendigkeit, an den authentischen Ort zurückzukehren.« [9]

Gedenken ab 1990

Schon bald nach den politisch grundlegenden Veränderungen vor 27 Jahren flog dieser von der Arroganz der Macht getragene und auf Tabuisierung ausgerichtete Umgang mit den historischen Tatsachen auf. Ehedem vom NKWD Inhaftierte und Angehörige der in der extremen Not des Speziallagers Verstorbenen forderten – gemeinsam mit Anwohnern vor Ort – mit allem Recht, ihrer Toten gedenken zu dürfen. Sie verlangten oft sehr undifferenziert lautstark, nämlich unisono für alle nach 1945 Gefangenen des Speziallagers ein ehrendes Opfer-Gedenken anzuerkennen, ohne im mindesten danach zu fragen, inwieweit sie in ihrer Verantwortlichkeit nicht auch zur nationalsozialistischen Täterschaft gehörten.

In den 1990er-Jahren erreichten den Zentralrat der Juden in Deutschland etliche Briefe, in denen von Verfolgung und Internierung nach 1945 Betroffene mitteilten, sie wären ebenso wie die Juden KZ-Opfer. Sie hätten unter derselben Bedrohung – nur eben durch die Russen – gestanden. Im Übrigen »seien sich im Tod alle Menschen gleich« [10]. Mit diesem Vorgehen wurden hohe Barrieren für das Gedenken an denjenigen Opfern nach 1945 aufgehäuft, denen keine Täterschaftsverantwortung zukam.

Am Ort Jamlitz wurde diese Einstellung in Landschaftsarchitektur umgesetzt. Zwei ähnlich große Findlingssteine wurden an Stelle des historischen Lagereingangs zur Erinnerung neu gesetzt. Sie sollten die beiden unterschiedlichen Haftanstalten – KZ und Internierungslager – mit einem gleichwertigen Anspruch auf Anerkennung symbolisieren. Und zu allem Überfluss kam noch ein dritter Stein hinzu, der nach 1973 ins Burgmuseum Beeskow bäuchlings verlegte – nun wieder geborgene Findling – mit den erwähnten Insignien und Aufschrift »1944 – Arbeitslager Lieberose«. Gerade dieser steinerne Sachzeuge war Beleg der nationalsozialistischen Propagandalüge und der Verhöhnung, denn am Lagereingangstor marschierten die Häftlinge in aller Regel mit der Grußerweisung »Mütze ab!« an ihm vorbei.

Es dauerte viele Jahre, bis schließlich ein leidlich akzeptiertes Projekt einer Freiluft-Präsentation zur Wissensvermittlung sich vor Ort abzuzeichnen begann. Die Konzeption zielte grundsätzlich auf eine klare Trennung von Darstellen und Gedenken ab. Deren Umsetzung blieb allerdings solange durch die mit den »Gedenksteinen« zum Ausdruck kommenden Prestigeansprüche in der Schwebe hängen, bis schließlich die konkurrierenden Seiten der Opferverbände für die Zeit vor und nach 1945 dazu bewegt werden konnten, jeweils »ihre« Steine zum Mahnmal nach Lieberose sowie in Jamlitz zum Waldfriedhof zu versetzen. Der KZ-Stein wurde als Lagerrelikt belassen und entsprechend kommentiert in die Dokumentation einbezogen.

 

Zur Konflikteskalation und Sicht auf die Lösungskompetenz

Eine anderweitig problematische Veränderung kam zustande, weil einige israelische Familien und Angehörige anderer Staaten Zeichen der Erinnerung am Ring-Grab des Mahnmals in Lieberose befestigen ließen.

Könnte sich möglicherweise eine gewisse Transition, eine Umwandlung von Denkmalsassoziation herausgebildet haben? Für den Umgang mit der Erinnerung könnte durchaus eine nahegehende Erklärung gelten: Nachfahren der Opfer kennen in aller Regel keine Gräber. Und im Übrigen hatten sie mit diesem Mahnmal und mit den Intentionen derer, die das erhabene Denkmalgebilde seinerzeit errichteten, herzlich wenig zu tun. So entstand zugleich eine Überlegung, Ambivalenzen nicht einfach zu übergehen. Man hatte das Denkmal für die antifaschistischen Opfer zwar mit der List, die Erinnerung an das Speziallager aus dem Weg zu schaffen, einige Kilometer weiter errichtet. Aber bis heute ist gleichwohl zu beachten, dass es als Ausdruck der Nachkriegserinnerungskultur sowohl für Teile der Umgebungsbevölkerung als auch für Angehörige von Opfern symbolträchtig an dieser Kreuzung von Fernverkehrsstraßen für die Belange des Gedenkens allein seiner Existenz halber auch eine gewisse Akzeptanz gibt.

Verstärkend wurde damit ein weiterer Punkt verdeutlicht: es geht bei all den unterschiedlichen Kompetenzansprüchen doch unzweifelhaft um einen Ort von internationaler Bedeutung. Der Internationale Häftlingsbeirat der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten galt und gilt deshalb als Beratungsgremium für die dafür zuständige Institution im Bundesland Brandenburg. Sie steht nicht wie andere Kulturstiftungen allein für ein rationales Modell ambitionierter und wissenschaftlich fundierter Erinnerungskultur, sondern zugleich für einen hohen Anspruch zur Unterstützung von Historizität und darauf aufbauender Initiativen der Zivilgesellschaft. Und dies nicht deklaratorisch, sondern konstitutiv, entsprechend der durch die vom Landtag in der Satzung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten festgelegten Gremienkompetenzen. Wo eben nicht, wie so oft in der Nachkriegszeit, aus einseitigen persönlichen oder ideologischen Interessenlagen heraus die Zivilgesellschaft in ihrem Engagement dominiert und dadurch allzu oft paralysiert wird. Das ist für die Aufrechterhaltung der seither erreichten bürgerschaftlichen Mitwirkungsmöglichkeiten grundlegend von Belang, weil legitimierte Politikvertretungen, originär mit Machtansprüchen verknüpft, allzu leicht dazu neigen, geschichtspolitisch instrumentell einzugreifen. Gerade in Anbetracht der nun arg fehlenden, leider zunehmend weggebrochenen Überlebenden-Generation. Umso mehr, wenn man Erinnerung und Gedenken an unverzichtbaren historisch-authentischen Orten noch entwickeln möchte.

So brachte die Auseinandersetzung um die Findlingssteine oder die Aufwertungsbemühungen des Mahnmals auch Erfordernisse zum Ausdruck, selbst den Erfahrungsträgern mit unvereinbaren Überzeugungen, zumindest geduldig zu zuhören. Zumal die Stelle am Eingang der ehemaligen Lager an der Bundesstraße 320 mit Studentenblumen und Stiefmütterchen anrührend wie für ein kleines Gemeinschaftsgrab bepflanzt war. Wahrscheinlich ist es deshalb als ein Bedürfnis derer zu betrachten, die ihr jeweils eigenes Schicksal ausdrücken. Möglicherweise von -ehemals Vertriebenen oder Umsiedlern angelegt, die über das Areal der Lager hinweg ihre Wohnsiedlung und Datschen errichtet hatten. Das stellt gewiss die Seite einer Anwohnerschaft dar, die anerkannt sehen möchte, was jahrzehntelang verschwiegen wurde. Das Leid der jüdischen Opfer in der nationalsozialistischen Lagerzeit war vermutlich von ihnen verdrängt, oder spielte auch gar keine Rolle, weil sie den obwaltenden antifaschistischen Machtverhältnissen generell »trocken« zugerechnet wurde. Es konnte bevölkerungsseitig auch ausgeblendet bleiben, weil das eigene Schicksal als Niederlage, Vertreibung und Demütigung erlebt und vielfach aus sich selbst heraus tabuisiert, einfach für sie schwerer wog. Die jüdische Tragödie war folglich nicht nur durch das deplatzierte Mahnmal wegretuschiert. Bis auf Ausnahmen gab und gibt es ohnehin für jüdische Traueransprüche und für ein Gedenken an ermordete Juden in Teilen der Bevölkerung kaum Verständnis. Insofern stellte sich die Frage, wo hätte jüdisches Gedenken seinen Platz, in welcher Weise würde es wahrnehmbar sein können?

 

Suchgrabungen

Die Grablagen der 1971 entdeckten 577 Ermordeten in einer Kiesgrube waren bekannt. Eine Notiz der damals dort tätigen Forensiker belegt, dass nicht alle sterblichen Überreste geborgen werden konnten. Durch eine nochmalige Überprüfung der vorhandenen Quellen konnte Günter Morsch einen zahlenmäßig gesicherten Nachweis von insgesamt 1342 Mordopfern des SS-Massakers zwischen dem 2. und 4. Februar 1945 ermitteln. [11] Somit ist offenkundig, dass noch immer sterbliche Überreste von hunderten Opfern unentdeckt sind. Historische Hinweise aus Ermittlungsakten zum Mordgeschehen wiesen auf die Schonungsbaracken als Tatort. Bei den Suchgrabungen im Sommer 2008 im Bereich der früheren Schonungsbaracken auf dem nördlichen Teil des früheren KZ-Geländes sind eine Reihe von Befundstücken zur Bestätigung der Massenerschießungen auf genau diesem Areal geborgen worden. Bei Bodensondierungen konnte jedoch in der Nähe des Tatortes kein Massengrab lokalisiert werden.

Zwischenzeitlich wurde, um ein Trauern und Gedenken an die jüdischen Opfer des Massakers zu ermöglichen, neben der Chaussee in Richtung Schenkendöbern/Staakow ein jüdischer Friedhof gestaltet.

So konnten zumindest die als Sachbeweise vom Ministerium für Staatssicherheit nach Frankfurt/Oder verbrachten, mit Geschoßprofilen durchdrungenen Skelettteile kürzlich beigesetzt werden.

»Karuna« und Aufklärung über die Geschichte des Judenmordes

Das bereits erwähnte Gebäude des früheren »Staatsbahnhof Liebe-rose«, etwa 250 Meter nördlich des Lagergeländes liegend, wurde von einem Verein für soziale Hilfe namens »Karuna« für drogengefährdete und obdachlose Jugendliche als »Akademie für Mitbestimmung« vor etwa zehn Jahren der Deutschen Bahn abgekauft.

Der Zentralrat der Juden hat gemeinsam mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten vorgeschlagen, ein gedenkstättenpädagogisches Programm für die Jugendlichen gemeinsam zu erarbeiten. Eine Zusammenarbeit wurde von der Vereinsführung abgelehnt, was vonseiten des Zentralrats und der Stiftung als bewusste Ignoranz und Ablehnung einer Auseinandersetzung mit der historischen Bedeutung des Ortes angesehen wurde. Fragen, etwa wie genau an einem solchen historischen Ort – an dem jüdische Häftlinge unter SS-Aufsicht mit Hunden ankamen und abfuhren – Demokratieerziehung praktiziert werden kann, wurden nicht besprochen. Was kann jungen Menschen vor Ort an Wissen über die Vergangenheit des geschichtsträchtigen Bahnhofs, von dem aus die Mörder im Februar 1945 aufgebrochen waren, zugemutet werden und wie geht man damit um?

Die Spannungen zwischen Aufklärung über den Judenmord und der Arbeit von Karuna wurden durch ein weiteres Faktum verstärkt: Die Bahnhofsakademie wurde in »Justus-Delbrück-Zentrum« umbenannt. Es wurde der Name eines Mannes gewählt, der 1947 im Elend des NKWD-Speziallagers Nr. 6 starb. Damit erschien, offensichtlich mit Bedacht, die Zeit vor und nach 1945 in einer Bedeutungsebene miteinander verschlungen. Die historisch doch sehr unterschiedlichen Gesellschaftssituationen im Nationalsozialismus und der Sowjetischen Besatzungszone im Allgemeinen oder die Geschichte der beiden verschiedenen Lagertypen in Jamlitz im Besonderen verschwimmen hier ineinander. Durch die scheinbar integre Namensgebung kaschiert, läuft sie Gefahr, schleichend-subtil ähnlich geschichtsverbogen wie die absurde Instrumentalisierung und Ignoranz gegenüber der Opfergeschichte 40 Jahre zuvor, empfunden zu werden.

Justus Delbrück selbst lehnte, wie über ihn berichtet wird, die NSDAP ab. Er übernahm und leitete nach 1933 die »jüdische Firma eines Freundes«. Im II. Weltkrieg taucht er im Amt der militärischen Abwehr der Wehrmacht auf. Später war er zweifelsfrei mit dem 20. Juli 1944 zusammenhängend verfolgt und von der Gestapo inhaftiert. Erfasst sein Name aber damit das verursachende Narrativ für die Verwerfung der Geschichte an dieser Station von jüdischer Leidens- und Erinnerungsgeschichte? [12]

 

Vandalismus und Gegenreaktion: Denkmal an den Judenmord

Eingangs wurde die Abgelegenheit der Ortslage von Lieberose/Jamlitz und die ebenfalls geringe öffentliche Aufmerksamkeit geschildert. Nachdem die Diskussion über die Geschichte der Mordstätte öffentlich wurde, kam es zu Vandalismus.

2015 wurden zweimal Informationstafeln auf dem jüdischen Friedhof völlig zerstört. Im Mai 2016 folgten auch Angriffe auf Tafeln der Freiluftausstellung. Nun sogar mit Sprengstoff, mitten am Tage. Die Polizei konnte im vergangenen Spätherbst einen mutmaßlichen Täter ermitteln. Vorbeugung gegen weitere politisch motivierte Zerstörungen, ist letztendlich nur durch eine wesentlich höhere Achtsamkeit der Umgebungsbevölkerung zu erzielen, die auch eine Verantwortung für die Stätten mit übernimmt.

Zu der Mitte November 2016 durch die evangelische Kirchgemeinde und bei »Karuna« zum Jahrestag des Baubeginns des KZ-Außenlagers stattgefundenen Gedenkveranstaltung war, trotz Kälte und Nässe an diesem Sonntag, eine zahlreiche, durchaus interessierte, zumeist ältere Einwohnerschaft gekommen.

Schließlich sind weitere Fortschritte durch verstärkte Bemühungen der Landesregierung und vonseiten der Evangelischen Kirche bei der Zusammenführung unterschiedlicher Interessenlagen zu einem nun stabileren Konsens erlangt worden.

Mit Unterstützung der Landesregierung und der Evangelischen Kirche hat es weitere Entwicklungen gegeben. Der Amtsdirektor und die Kommunalvertretungen sowie die Vertreter verschiedener Instanzen der Evangelischen Kirche und schließlich auch von »Karuna« sowie das Internationale Sachsenhausenkomitees sind übereingekommen, die bestehende Ausstellung vor Ort zu ergänzen. Erweiterungen im Bereich der Ausstellungstafeln über die Themen »Deportation der ungarischen Juden« sowie »Zur Situation der Kinder und Jugendlichen im KZ« sollen gemeinsam entwickelt werden. Nach Auffassung des Zentralrats der Juden soll die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten in dieser Überarbeitung federführend sein. Es besteht das Einverständnis, mit einer zusätzlichen Tafel die problematische Symbolik des Denkmals auf dem Friedhof in Lieberose zu kommentieren. Ebenso soll mit der Aufstellung von Informationstafeln am Zugang zum und vor dem Bahnhofsgebäude besonders das Schicksal jugendlicher Opfer behandelt werden. So könnte die Wahrnehmung der Verantwortlichkeit für den Erinnerungsort durch die Evangelische Kirchgemeinde Lieberose perspektivisch als Ausdruck von christlich-jüdischer Zusammenarbeit eine deutliche Unterstützung durch den Zentralrat der Juden in Deutschland und die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten erfahren. Das unter Mitwirkung aller Beteiligten nun endlich zustande gekommene Gestaltungsverfahren für das Gedenken auf einem Teil des Areals der ehemaligen Schonungsbaracken soll, den Plänen nach, bis Anfang 2018 umgesetzt werden.

 

Dr. Peter Fischer, 1944 in London geboren ist Maschinenbauingenieur und Diplom-Volkswirt. Nach 1990 leitete er die Geschäftsstelle des Zentralrates der Juden in Berlin; hier war er mit erinnerungspolitischen Problemstellungen und Aufgaben zur Um- und Neugestaltung von Gedenkstätten befasst. Seit seinem Renteneintritt engagiert er sich ehrenamtlich als Vertreter des Zentralrats im Gedenkstättenbereich.

 

1    Hierzu v.a. Gunter R. Lys, Geheimes Leid – Geheimer Kampf. Ein Bericht über das Außenlager Lieberose des KZ Sachsenhausen, herausgegeben von Andreas Weigelt, Metropolverlag, 2007 sowie Andreas Weigelt, Judenmord im Reichsgebiet, Lieberose, Außenlager des KZ Sachsenhausen, Berlin 2011, Bd. 76 der Reihe Dokumente – Texte – Materialien.

2    Siehe Andreas Weigelt: Judenmord im Reichsgebiet, a.a.O.

3    Siehe hierzu: Günter Morsch: Gutachten zur Existenz und zur Lage einer Massengrabs im Bereich des ehemaligen Außenlagers Lieberose des Konzentrationslager Sachsenhausen; in: Günter Morsch, Detlef Garbe (Hg.): Kriegsendverbrechen zwischen Untergangschaos und Vernichtungsprogramm, Band 1: Konzentrationslager. Studien zur Geschichte des NS-Terrors, Heft 1, Berlin 2015.

4    Angaben der Ungarischen Botschaft in einem Schreiben an die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten vom 12. 8. 2014.

5    Andreas Weigelt, a.a.O., S. 384.

6    René Heilig, Neues Deutschland v. 10. November 2003, S. 3

7    Die Widmung lautet: »Ehrendes Gedenken den Opfern des Faschismus / die im Nebenlager Lieberose / Jamlitz des KZ-Sachsenhausen / von der SS ermordet wurden / 1943–1945«

8    Widmungstext: »Euer Tod durch die faschistischen Henker ist uns Lebenden ewige Mahnung«

9    Andreas Weigel, a.a.O.

10  So eine der oftmals gegenüber den jüdischen Opfern geäußerten nivel-lie-ren-den Redewendungen von Interessenvertretern der Speziallager

11  Siehe Günter Morsch: a.a.O.

12  Zu Justus Delbrück siehe: de.wikipedia.org/wiki/Justus_Delbrück
(20. 9. 2017).