Bastian Fleermann | Frank Sparing | Astrid Wolters

Vom Ort des Terrors zur Gedenkstätte

Gedenkstättenrundbrief 155 S. 18-25

Zur Geschichte des Düsseldorfer Stadthauses

Der in der Düsseldorfer Altstadt zwischen Andreasstraße und Mühlenstraße gelegene Gebäudekomplex, in dessen westlichem Teil sich die Mahn- und Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus befindet, ist in drei Bauphasen seit dem Ende des 17. Jahrhunderts errichtet worden.1 Zunächst erbaut durch den Jesuitenorden, der dort ein Kloster und das »Jesuiten-Gymnasium« unterhielt, ging das Gebäude Ende des 18. Jahrhunderts in staatlichen Besitz über und wurde größtenteils verkauft, gegen Ende des 19. Jahrhunderts aber wieder durch die Regierung Düsseldorf zurückgekauft. Nachdem die Regierung 1910 zur Cecilienallee übersiedelte, standen die Gebäude zunächst für einige Jahre leer. Sie wurden dann von der Stadt Düsseldorf übernommen, die dort die städtische Polizeibehörde und andere Ämter einwies.

Mit der Errichtung eines staatlichen Polizeipräsidiums in Düsseldorf am 1. Juli 1926 wurde das gesamte Gebäude von der Polizei angemietet, die schließlich acht Jahre später die Räume zum 31. März 1934 kündigte und ein neues Gebäude am damaligen Kavallerieplatz, dem heutigen Jürgensplatz, bezog. Doch das erste Jahr nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Düsseldorf wurde zentral von diesem Ort aus gesteuert, die Gleichschaltung der Stadt und ihrer Gesellschaft von hier aus forciert: Die Verhaftung politischer Gegner vor und nach dem Reichstagsbrand führte viele der Inhaftierten in die Keller und Verhörräume des Stadthauses, SA und SS kamen hier zusammen, um als »Hilfspolizei« die Zerschlagung der Gewerkschaften vorzubereiten und nicht zuletzt vollzog sich hier die straffe Umwandlung der Politischen Polizei des alten Präsidiums in die Geheime Staatspolizei, die fortan als Leitstelle von Düsseldorf aus für den gleichnamigen Regierungsbezirk (den bevölkerungsreichsten im Deutschen Reich) zuständig war.

Nach dem Auszug des Polizeipräsidiums bezogen neben der 20. SS-Standarte und der Heeresstandortverwaltung auch einige städtische Ämter das Gebäude: das Amt für Statistik und Wahlen, das Liegenschaftsamt, das Stadtpolizeiamt und das Zentralarbeiteramt.2

Alle diese Institutionen waren jeweils in ihrem Tätigkeitsbereich auch mehr oder weniger an der Verfolgung von politischen Gegnern, so genannten »Asozialen«, Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, Zwangsarbeitern, psychisch Kranken und Deserteuren beteiligt. Gerade die Existenz einer nach Effizienzkriterien ausgerichteten modernen Bürokratie, in der die einzelnen Beamten als Funktionsträger eines hierarchischen Systems von den Folgen ihres Verwaltungshandelns weitgehend losgelöst ihre Pflicht erfüllten, bildete eine entscheidende Voraussetzung für den reibungslosen Ablauf aller Verfolgungsmaßnahmen während des Nationalsozialismus.

Auch vor der offiziellen Einrichtung des Düsseldorfers Polizeipräsidiums in der Mühlenstraße 29 befand sich dort bereits die städtische Polizeiverwaltung. Infolge des Reichstagsbrandes am 28. Februar 1933 und der am nächsten Tag herausgegebenen »Verordnung zum Schutz von Volk und Staat« wurden Massenfestnahmen aufgrund vorbereiteter Listen durchgeführt und die Verhafteten zunächst in den überfüllten Zellen des Polizeipräsidiums untergebracht. Alleine im Regierungsbezirk Düsseldorf wurden 3 818 Personen festgenommen. Häufig wurden die Verhafteten schwer gefoltert und dann in sogenannte »Schutzhaft« genommen, die in der Regel eine Einweisung in ein Konzentrationslager bedeutete.3 Bereits am 22. Februar 1933 hatte der kommissarische preußische Innenminister Göring die Aufstellung einer aus Angehörigen der SA, SS und des Stahlhelm zu bildenden »Hilfspolizei« angeordnet. In Düsseldorf bestand die Hilfspolizei aus je einer Bereitschaft SA, SS und Stahlhelm, die bei den entscheidenden Übergriffen der folgenden Monate führend beteiligt waren.4 Schon vor 1933 gehörte die »Abteilung IA«, die mit »politischen Angelegenheiten« befasst war, zum Düsseldorfer Polizeipräsidium. Diese Abteilung erhielt im Februar 1933 einen neuen Leiter, den Nationalsozialisten Murray, der sie zur Keimzelle der Gestapo im Regierungsbezirk ausbaute. Die Düsseldorfer Abteilung IA wurde durch Erlass des im April 1933 begründeten Geheimen Staatspolizeiamtes mit Wirkung vom 23. Oktober 1933 vom Polizeipräsidium abgetrennt. In ihrer Entstehungszeit war sie bis März 1934 im Stadthaus untergebracht.

Am 1. Mai 1933 wurde mit dem SS-Obergruppenführer Fritz Weitzel ein Polizeipräsident ernannt, der in Personalunion Leiter des SD-Oberabschnitts West war. Bei Weitzel lobte der Düsseldorfer Regierungspräsident, er habe »durch schärfste Reinigung des Beamtenkörpers von marxistisch eingestellten Elementen (…) ein wirksames und erfolgreiches Arbeiten seiner Behörde im Sinne des nationalsozialistischen Staates ermöglicht.« Polizei und Hilfspolizei war es bereits im Februar und März 1933 gelungen, die Parteiorganisationen von KPD und SPD weitgehend lahmzulegen. Unmittelbar nach der Ernennung Weitzels zum Polizeipräsidenten eröffneten Polizei, SA und SS eine Offensive auf die lokalen Hochburgen der KPD in Oberbilk und Gerresheim. Die 20. SS-Standarte bezog bereits im Dezember 1933 Büroräume in der Mühlenstraße 29.5

Nach Auszug des Polizeipräsidiums erhielt auch das »statistische und Wahl-Amt« (Amt 16) der Stadt Düsseldorf Räume in der Mühlenstraße 29. Diese Dienststelle war wesentlich an Vorbereitung und Durchführung der Volkszählungen im Juni 1933 und Mai 1939 beteiligt. Gleichzeitig mit der Volkszählung 1933 begann die Erfassung und bürokratische Ausgrenzung der Juden in Deutschland. In der Zählung wurden sogenannte »Glaubensjuden« und Ausländer in einer detaillierten Sonderzählung erfasst. Nach dem Auszug des Polizeipräsidiums und der Renovierung der Räume wurde das Zentralarbeiteramt (Amt 11) im Sommer 1934 von der Zollstraße in die Mühlenstraße 29 verlegt. Zu seinen Aufgaben gehörten Einstellung und Kündigung von Arbeitern und Arbeiterinnen städtischer Betriebe. Das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« vom 7. April 1933 sollte sowohl die angeblichen Gegner der Nationalsozialisten in der öffentlichen Verwaltung ausschalten als auch jüdische Angehörige aus dem öffentlichen Dienst entfernen. Das Gesetz bildete somit das erste umfassende Gesetz zur wirtschaftlichen Ausgrenzung der Juden im Nationalsozialismus. Bis August 1933 wurden 80 Entlassungen in der Stadtverwaltung vorgenommen. Die freigewordenen Stellen seien »mit bewährten alten Kämpfern besetzt worden«, wie es in einem Verwaltungsbericht heißt.

Nach Kriegsbeginn war das Zentralarbeiteramt wesentlich mit der Organisation und Durchführung des Einsatzes von Kriegsgefangenen und zivilen Zwangsarbeitskräften in Düsseldorf befasst. Das Amt 11 organisierte die Unterbringung in »Ausländerlagern«, die Verteilung von Verpflegung und die Zuweisung von Arbeitsstellen. Im Gebäude befand sich darüber hinaus das städtische Liegenschaftsamt (Amt 63), das für die Verwaltung der städtischen Grundstücke und Gebäude zuständig war. Das Liegenschaftsamt erwarb im Rahmen von Zwangsversteigerungen jüdischen Grundbesitzes Gebäude weit unter Preis für die Stadt. Nach Kriegsbeginn war das Liegenschaftsamt durch die Suche und Bereitstellung von geeignetem Gelände für die Errichtung von Lagern für Zwangsarbeitskräfte aus den besetzten Ländern an der Ausbeutung tausender Arbeiterinnen und Arbeiter beteiligt.

Im Erdgeschoss und im ersten Stock des Stadthauses wurde zudem bald das »Stadtpolizeiamt« (Amt 15) eingerichtet. Die Aufgaben der städtischen Polizeiämter sind am ehesten vergleichbar mit den heute existierenstaden Ordnungsämtern. So war das Stadtpolizeiamt beispielsweise für die Verhängung von Straf- und Zwangsgeldverfügungen sowie für die Festnahme und den Transport von Fürsorgezöglingen, Geschlechtskranken und Alkoholikern in geschlossene Anstalten und »Arbeitshäuser« zuständig. Im Juli 1935 übernahm das Stadtpolizeiamt vom Gesundheitsamt die »polizeimäßige Bearbeitung der Geisteskrankenangelegenheiten«. Damit war es für die Einweisung von psychisch Kranken in Heil- und Pflegeanstalten auch nach Beginn der Krankenmorde zuständig.

Wesentlich beteiligt war das Stadtpolizeiamt auch an der rassistischen Ausgrenzung von Sinti und Roma in Düsseldorf. Seit 1934 wurden die für viele Sinti zum selbständigen Lebensunterhalt unerlässlichen Wandergewerbescheine und Stadt-Hausierscheine an sie nicht mehr ausgegeben. Darüber hinaus sorgte das Stadtpolizeiamt für die Erfassung der Wohnwagenstellplätze im Stadtgebiet und für deren Auflösung durch die Erteilung kostspieliger Auflagen Mitte 1934. Durch diese Maßnahmen wurden die Voraussetzungen für die Internierung der Düsseldorfer Sinti und Roma in dem im Juli 1937 eröffneten »Zigeunerlager« Höherweg und die Heranziehung der Insassen zu Zwangsarbeit geschaffen.6

Seit dem 1. März 1936, dem Zeitpunkt, an dem auch im bis dahin entmilitarisierten Rheinland wieder Truppen einmarschierten, war dem Stadtpolizeiamt ein »Einquartierungsamt« angegliedert, das für die Unterbringung der nun in Düsseldorf stationierten Mannschaften des Infanterieregiments 77, des Artillerieregiments 16, einer Nachrichtentruppe und einer Fliegertruppe zuständig war. Entscheidend für die Angliederung des Einquartierungsamtes an das Stadtpolizeiamt dürfte die räumliche Nähe zum ebenfalls in diesem Gebäude untergebrachten Wehrbezirkskommando gewesen sein. Die Heeresstandortverwaltung bezog bereits im November 1935, also noch vor der Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes Anfang März 1936, Räume in der Mühlenstraße 29. Von hier aus führten das Wehrbezirkskommando und die Wehrmeldeämter I bis IV die Wehrerfassung der Düsseldorfer Bevölkerung durch. Dabei wurde die Fahndung nach Fahnenflüchtigen in die Wege geleitet, aus rassistischen und politischen Gründen »Wehrunwürdige« erfasst und aus dieser Gruppe später sogenannte »Bewährungsbataillone« zusammengestellt.

Entsprechend ihrer zunehmenden Bedeutung hatte die Heeresstandortverwaltung im Laufe des Krieges immer mehr Räumlichkeiten beansprucht, so dass der Gebäudekomplex zwischen Andreasstraße und Mühlenstraße gegen Ende des Krieges praktisch ausschließlich von der Militärbehörde genutzt wurde. Nach der Befreiung Düsseldorfs am 17. April 1945 wurde das Gebäude vom Oberstadtdirektor und von städtischen Beigeordneten sowie erneut von kommunalen Ämtern genutzt.

Das gesamte Gebäude an der Mühlenstraße 29 wurde, um es begrifflich vom nahe gelegenen Rathaus abzugrenzen, »Stadthaus« genannt.7

Einige Mitglieder des neu ernannten Stadtrates wollten direkt nach dem Zweiten Weltkrieg an die Opfer des Nationalsozialismus in Düsseldorf erinnern. Am 9. November 1946 wurde die erste Gedenktafel für die Synagoge an der Kasernenstraße, die in der Pogromnacht 1938 in Brand gesteckt worden war, eingeweiht.8 Düsseldorf war somit unter den ersten Städten in Deutschland, die so früh nach der NS-Zeit an die zerstörte Synagoge und die vernichtete Gemeinde erinnerten.9 Der Oberbürgermeister von Düsseldorf, Peter Waterkortte, und der Kulturausschussvorsitzende, Hanns Kralik, die beide als Kommunisten während der NS-Zeit verfolgt wurden, wollten eine Gedenkstätte oder einen Ort der Erinnerung schaffen, um an verfolgte Menschen und Mitglieder von Widerstandsgruppen zu erinnern. Der Stadtrat beschloss 1946, ein zentrales Mahnmal für alle Opfer des Nationalsozialismus in der Stadt zu errichten.

Das vom Künstler Jupp Rübsam entworfene Mahnmal wurde 1958 auf dem Nordfriedhof eingeweiht.10 Drei Schicksalsgöttinnen, die Nornen, die gleichzeitig die christlichen Werte »Glaube«, »Liebe« und »Hoffnung« symbolisieren, sind allen Opfern des Nationalsozialismus und des Krieges gewidmet. Die drei Frauengestalten sollten sowohl die »Opfer des Krieges und der Gefangenschaft«, die »Opfer in der Heimat, die Vermissten und Hinterbliebenen« sowie die »Opfer des politischen Terrors« repräsentieren. Die Forderung, ein zentrales Mahnmal für die Opfer der NS-Verfolgung und eine Gedenkstätte zu eröffnen, blieb bestehen. Ein zentraler Ort des Erinnerns fehlte, der sowohl in einer Dauerausstellung die Themen »Verfolgung« und »Widerstand« zwischen 1933 und 1945 darstellen als auch Ort der Begegnung und des Austausches werden sollte.11

1959 riefen der Oberbürgermeister und der Stadtdirektor die Bevölkerung im Vorfeld des Jahrestages der Pogromnacht auf, Erinnerungen an frühere jüdische Mitbürger einzureichen. Einzelne Geschichten und Dokumente, die in Kooperation mit der neu gegründeten Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit gesammelt werden sollten, waren als Ergänzung der bisher betriebenen Lokalgeschichte für die Zeit von 1933 bis 1945 gedacht. Das Ergebnis war ernüchternd. Insgesamt wurden nur 19 Berichte eingesandt.12 Die systematische Erforschung der Geschichte der Düsseldorfer Juden und der Judenverfolgung in Düsseldorf in der NS-Zeit setzte in den 1980er Jahre ein.

Mitte der 1970er Jahre forderten Jugendgruppen, Opferorganisationen, Kirchen, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und andere Gruppierungen verstärkt die Errichtung einer Gedenkstätte in der Stadt. Anlass war der Prozess gegen die Kommandantur und Wachmannschaften des ehemaligen Konzentrationslagers Majdanek, der zwischen 1975 und 1981 vor dem Landgericht in Düsseldorf verhandelt wurde. Jugendliche organisierten Anti-Kriegs-Demonstrationen in der Innenstadt. Ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers sagten im Prozess aus und wurden von ehrenamtlichen Helfern betreut, die sie ins Gericht begleiteten und mit ihnen über ihre Erfahrungen sprachen. In der städtischen Gesellschaft war das Thema NS-Zeit präsent, lokale und überregionale Medien berichteten darüber.

In den 1980er Jahren verstärkte der Jugendring, der Zusammenschluss aller Jugendorganisationen in der Stadt, seine Bemühungen, die Errichtung einer Gedenkstätte zu erreichen. Bereits zu Beginn der 80er Jahre hatte die Stadt Bronzetafeln an Gebäuden anbringen lassen, die in der NS-Zeit bestimmte Funktionen hatten, wie die Reuterkaserne als ehemaliger SS-Folterkeller oder das Stadthaus als früheres Polizeipräsidium. Damit wurden Erinnerungszeichen an staatliche Gewalt, Verfolgung und Widerstand geschaffen, aber keine ständige Einrichtung, die sich mit der Dokumentation und Erforschung der NS-Zeit beschäftigte. Der Jugendring schlug, mit Unterstützung von Zeitzeugen, die ehemalige Synagoge im Stadtteil Gerresheim als Ort zur Einrichtung einer Gedenkstätte vor. Eine Bürgerinitiative »Gedenkstätte für die Opfer des Naziregimes« sammelte dazu Unterschriften. Die Synagoge gehörte bis Anfang des 20. Jahrhunderts der örtlichen jüdischen Gemeinde, die sie 1917 an Karl Klein verkaufte. Die gläubigen jüdischen Gerresheimer hatten sich bereits zur 1904 auf der Kasernenstraße eingeweihten Synagoge orientiert. Die Gerresheimer Synagoge wurde Privatbesitz und seither nicht mehr für religiöse Zwecke genutzt.

Im Februar 1984 beschmierten zwei Jugendliche sie mit antisemitischen Parolen und setzten sie in Brand. Das beschädigte Gebäude wurde mit Zustimmung der jüdischen Gemeinde abgerissen. Kurz zuvor hielten Vertreter des Jugendrings eine Pressekonferenz vor der ehemaligen Synagoge in Gerresheim ab, auf der sie auf die Gefahren des Rechtsradikalismus hinwiesen und ihre Forderung nach Einrichtung einer Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus in Düsseldorf unterstrichen.13

1985 organisierte der Jugendring zum 40. Jahrestag des Kriegsendes eine breit angelegte Kampagne. Eine Broschüre stellte die Reuterkaserne, in der politische Gegner des Nationalsozialismus in einem SS-Folterkeller nach 1933 schwer misshandelt wurden, als mögliche Gedenkstätte vor.14 Die Geschichte des Hauses wurde verbunden mit einem Konzept einer Dauerausstellung zum Thema »Verfolgung und Widerstand in Düsseldorf 1933 bis 1945« und detailliertem Raumplan für die Kellerräume dargestellt. Gleichzeitig forderte der Jugendring die Einwohner Düsseldorfs auf, durch Postkarten an den Oberbürgermeister Klaus Bungert die Einrichtung einer Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus zu verlangen. Der politische Druck wurde nicht nur vom Jugendring aufgebaut. Seine Mitgliedsverbände und Initiativen forderten eine Gedenkstätte an zentralem, historisch relevantem Ort. Die Reuterkaserne wurde schließlich als Teil der nahe gelegenen Kunstakademie genutzt.

1986 beschlossen alle im Stadtrat vertretenen Parteien die Einrichtung einer Mahn- und Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus in Düsseldorf im Stadthaus an der Mühlenstraße 29. Der Historiker Bernd Rusinek wurde mit der Recherche und Erarbeitung der Dauerausstellung beauftragt; ein Beirat, dem u.a. Vertreterinnen und Vertreter aus der Politik, Verbänden und Verfolgtenorganisationen angehörten, wurde gebildet, der die Entstehung der inhaltlichen Präsentation begleitete.

Am 17. September 1987 wurde die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf mit der ständigen Ausstellung »Verfolgung und Widerstand in Düsseldorf 1933 bis 1945« eröffnet.15 Die Gedenkstätte präsentiert seither allgemeine Informationen über Düsseldorf während der NS-Zeit und zeigt unterschiedliche Gruppen, die sich entweder an das Regime anpassen konnten, wie die Kirchen oder Parteien, und Gruppen, die dies aufgrund rassistischer Verfolgung nicht konnten, wie Kranke und Behinderte, Sinti, Zwangsarbeitskräfte und jüdische Düsseldorfer. Biografische Beispiele bilden zentrale Einheiten in allen Teilen der Dauerausstellung. Verfolgte Personen werden mit Foto und ihrer Biografie dargestellt. Opferorganisationen, der Landesverband der Sinti und Roma, die Kirchen, die Jüdische Gemeinde, Parteien, Verbände und der Jugendring begleiteten die Eröffnung und seither die weitere Arbeit der Gedenkstätte. In den 1980er Jahren wurden Zeitzeugen, die verfolgt worden waren oder Widerstand geleistet hatten, interviewt und gefilmt, um ihre Erinnerungen zu bewahren.16 Seit der Eröffnung hat die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf kontinuierlich mit Zeitzeugen gearbeitet als eine der Säulen der Gedenkstättenarbeit. Die Biografien verfolgter Düsseldorfer, von Menschen in Widerstandsgruppen und ausländischen Arbeitskräften, die Zwangsarbeit in Düsseldorf leisten mussten, sind beispielsweise aufgezeichnet worden. Seit 2001 lädt die Landeshauptstadt ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Osteuropa nach Düsseldorf ein, um die Stadt zu besuchen, wo sie leben und arbeiten mussten.17 Mit dieser Einladung möchte die Stadt eine symbolische Geste zur Versöhnung anbieten. Eine Düsseldorfer Gruppe begleitet die Gäste auch zu ihren ehemaligen Arbeitsorten. Schüler stellen ihre Erinnerungen an Düsseldorf und die Biografien in einer Ausstellung oder einer Broschüre dar und überreichen Gästebücher, in denen sie die Besuchswoche mit den vielfältigen Eindrücken für die Besucher aus Polen oder der Ukraine festhalten. Beide Seiten lernen voneinander: Die Gäste stellen sich in Begleitung eines Teils ihrer Vergangenheit und lernen ein gastfreundliches und anderes Düsseldorf kennen, die Schüler lernen durch die Besucher die persönlichen Ausprägungen von Geschichte. Auch ein Besuch der Mahn- und Gedenkstätte, von wo aus der Besuch organisiert und geleitet wird, steht auf dem Programm.18

Die Gedenkstätte präsentiert mehrere Wechselausstellungen pro Jahr. Sie werden durch Begleitprogramme, Lesungen und pädagogische Angebote ergänzt. Die Bildungsangebote umfassen unter anderem Führungen durch die Dauer- und die Wechselausstellungen, Stadtführungen und selbstständige Stadterkundungen auf den Spuren der NS-Zeit in Düsseldorf19, Zeitzeugengespräche, die Arbeit mit Biografien, Fotos und Dokumenten sowie Studienfahrten inklusive Vor- und Nachbereitung zu Gedenkstätten in Deutschland oder in Polen. Seit 1987 hat die Gedenkstätte jährlich zwischen 15000 und 20000 Besucherinnen und Besucher. Die Mahn- und Gedenkstätte kooperiert lokal, regional und überregional mit vielen Institutionen und Universitäten und spielt seit über 22 Jahren eine wichtige Rolle im kulturellen Leben der Stadt.

Seit einem Jury-Wettbewerb im August 2007 nehmen Planungen zur baulichen Veränderung und Umnutzung des Stadthauses und der Gedenkstätte konkrete Gestalt an: Während ein Großteil des Gebäudes in ein Hotel umgebaut werden soll, wird die Gedenkstätte ebenfalls neu konzipiert und umgebaut; die Dauerausstellung von 1987 wird durch eine neue Ausstellung mit dem Themenschwerpunkt »Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus« ersetzt. Zudem werden zwei bisher kaum harmonierende Gebäudeteile durch einen Anbau im Innenhof miteinander verbunden.

 

 

Dr. Bastian Fleermann, stellvertretender Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Landeshauptstadt Düsseldorf; Frank Sparing, M.A., langjähriger Freier Mitarbeiter der Mahn- und Gedenkstätte Landeshauptstadt Düsseldorf; Astrid Wolters, M.A., Leiterin der Abteilung Bildung und Projekte der Mahn- und Gedenkstätte Landeshauptstadt Düsseldorf.

 

 

1 Basierend auf der umfassenden Darstellung von Frank Sparing: Das Stadthaus Mühlenstraße 29 in den Jahren 1933–1945: Ort bürokratischer Ein- und Übergriffe, online veröffentlicht unter: www.ns-gedenkstaetten.de/nrw/duesseldorf.

2 Vgl. Joachim Lilla: Die staatliche Polizeiverwaltung in Düsseldorf von 1926–1945, in: Düsseldorfer Jahrbuch 73 (2002), S. 217–294.

3 Vgl. den demnächst erscheinenden Aufsatz von Bastian Fleermann: »…nachsetzen bis zur Vernichtung«. Verhaftungswelle und Gewalt gegen politische Gegner im Frühjahr 1933 in Düsseldorf, in: Rhein Maas. Studien zur Geschichte, Sprache, und Kultur, hg. von Jörg Engelbrecht, Bd. 1 (2010).

4 Am 15. August 1933 wurde die Hilfspolizei wieder aufgelöst, doch blieb ein aus ihr gebildetes Sonderkommando bestehen.

5 Von Anfang an verschleppte die SS die Bezahlung der bereits um zwei Drittel reduzierten Miete und der Heizkosten für ihre Büros in der Mühlenstraße, so dass infolge der Streitigkeiten um die von der Stadt geforderten Gelder die Räume im September 1935 von der SS-Standarte wieder geräumt werden mussten.

6 Vgl. hierzu: Karola Fings/Frank Sparing: »z. Zt. Zigeunerlager.« Die Verfolgung der Düsseldorfer Sinti und Roma im Nationalsozialismus, hg. von der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, Köln 1992.

7 Zum Thema »NS-Gedenkstätten in NRW. Gründungen und Akteure in den 1980er Jahren« entsteht derzeit eine Promotionsarbeit von Astrid Wolters. Darin wird auch die Vorgeschichte und Gründung der Mahn- und Gedenkstätte der Landeshauptstadt Düsseldorf nachgezeichnet.

8 Vgl. Jasmin de Angelis, Hurra, wir leben noch. Düsseldorf nach 1945, Kassel 2002, S. 38f. Ein Bild der Einweihung des Steins ist dort veröffentlicht.

9 Vgl. Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil II: Regierungsbezirk Düsseldorf, Köln 2000, S. 40. Der Künstler Thomas Fürst integrierte 1983 den alten Gedenkstein in ein neues Denkmal, das ein Flachrelief der Synagoge von 1904 trägt.

10 Vgl. Hans Maes (Hg.) und Alfons Houben, Düsseldorf in Stein und Bronze, Düsseldorf, 2. neu bearbeitete Auflage 1984, S. 107f. Der Künstler Jupp Rübsam hatte den Wettbewerb 1947 gewonnen, anschließend folgten Diskussionen über die Darstellungsform und den Platz des projektierten Mahnmals. An gleicher Stelle hatte bis 1946 als »Weihestätte« eines »Märtyrers« im Nationalsozialismus ein fast 30 Meter hohes, sogenanntes »Schlageter-Kreuz« gestanden, das an den von französischen Besatzungssoldaten 1923 erschossenen Freikorpsoffizier Albert Leo Schlageter erinnern sollte.

11 In Nordrhein-Westfalen blieb die Gedenkhalle Oberhausen, die 1962 entstand, lange die einzige NS‑Gedenkstätte. In den 1980er Jahren wurden die Gedenkstätten in Bonn, Düsseldorf, Essen, Köln und Wewelsburg eröffnet.

12 Vgl. Bastian Fleermann, Angela Genger (Hg.), Novemberpogrom 1938 in Düsseldorf, hg. von der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, Essen 2008, S. 9f. In der Einleitung weisen die Herausgeber darauf hin, dass 1959 in der Pressemitteilung stand, die Einzelschicksale jüdischer Mitbürger in den Jahren der Verfolgung müssten festgehalten und ihr Schicksal dürfe in der Geschichte der Stadt nicht übergangen werden.

13 Im März 1984 lud der Jugendring zu einem Ortstermin ein, um sein Vorhaben vorzustellen, mithilfe von Spenden die ehemalige Synagoge als Gedenkstätte wieder aufzubauen. Vgl. Jugendring Düsseldorf (Hg.), Mahn- und Gedenkstätte in Düsseldorf. Eine Dokumentation von Versäumnissen, Düsseldorf 1984.

14 Vgl. Jugendring Düsseldorf (Hg.), Mahn- und Gedenkstätte Reuterkaserne, Düsseldorf 1985.

15 Katalog zur ständigen Ausstellung: Verfolgung und Widerstand in Düsseldorf 1933 – 1945, hg. von der Landeshauptstadt Düsseldorf, Düsseldorf 1990.

16 Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, Zeitzeugen, Köln 1987. 13 Personen aus unterschiedlichen Gruppen berichten in diesem Film über ihre Erfahrungen in der NS-Zeit, darunter Sozialdemokratinnen, ein Mitglied der katholischen Jugend, jüdische Düsseldorfer, ein Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes und ein Patient der Rheinischen Kliniken Düsseldorf-Grafenberg.

17 Vgl. Heidi Sack (Bearbeiterin), Begrüßung als G(a)este. Besuchsprogramm für ehemalige ZwangsarbeiterInnen in Düsseldorf 2001 – 2007. Eine Bilanz, hg. vom Förderkreis der Mahn- und Gedenkstätte Landeshauptstadt Düsseldorf e.V., Düsseldorf 2008. 

18 Damit befinden sich die Gäste aus Osteuropa an dem Ort, wo Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter durch das Zentralarbeiteramt auf die Arbeitsstellen verteilt wurden bzw. Lager errichtet und verwaltet wurden.

19 Soeben präsentiert: Mahn- und Gedenkstätte Landeshauptstadt Düsseldorf, Auf den Spuren der Vergangenheit Düsseldorfs im Nationalsozialismus. Ergebnis des Ferienworkshops vom 12. bis 14. Oktober 2009, Düsseldorf 2010. Das Ergebnis ist ein 45-minütiger Film, den Kinder zwischen 10 und 14 Jahre gedreht haben. Sie haben an acht Stationen Passanten zu ihrem Wissen über die Nutzung dieser Gebäude oder Orte in der NS-Zeit befragt, historisches Filmmaterial verwendet und zusätzlich Hintergrund-informationen für die Zuschauer gefilmt.