Wanderausstellung zur nationalsozialistischen Besatzungspolitik in Slowenien
Gedenkstättenrundbrief 151 S. 39-40Praktizierter Rassenwahn südlich der Alpen
Vom 3. Februar bis Anfang Mai 2009 war im »Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände« in Nürnberg die Ausstellung »Entrechtung – Vertreibung – Mord. NS-Unrecht in Slowenien« zu sehen, die die Vereinigung der Okkupationsopfer 1941–1945 Krajn erstellt hat ( ZZO: Ždruženje Žrtev Okupatorjev, Kranj; www.kranj.si/zzo.1941%2D45/). Sie dokumentiert die NS-Besatzungsherrschaft in Slowenien und verdeutlicht das Ausmaß der Deportationen von Slowenen in mehrere Länder, darunter Deutschland, während der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Es handelt es sich um ein weithin unbekanntes Kapitel zur NS-Geschichte, das erst jetzt aufgrund der Arbeit der ZZO langsam Eingang in den öffentlichen Erinnerungsdiskurs findet.
Der »Balkanfeldzug« der Deutschen Wehrmacht begann am 6. 4. 1941, zwei Tage später war Slowenien besetzt, die jugoslawische Armee kapitulierte am 17. 4. 1941. Slowenien wurde zwischen Deutschland, Italien und Ungarn aufgeteilt. Das unter NS-Herrschaft gestellte Gebiet bestand aus den Verwaltungsgebieten »Niedersteiermark« bzw. »Untersteiermark« und Oberkrain (10.261 km2 mit 800 000 Einwohnern). Nach der Kapitulation Italiens vor den alliierten Streitkräften am 8. 9. 1943 fiel das bis dahin von Italien kontrollierte Gebiet (4 550 km2 mit 340 000 Einwohnern) ebenfalls an die Deutschen.
Nach der NS-Rassenideologie war die »Germanisierung« Sloweniens, die völkische Eingliederung des Landes an das Deutsche Reich, eine entscheidende Aufgabe. SS-Chef Heinrich Himmler legte in seiner Funktion als »Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums« entsprechende Richtlinien vor. Geplant war die Selektion und Vertreibung von 260.000 »rassisch unerwünschten« Slowenen nach Serbien und die Ansiedlung von 68.000 »deutschen Menschen« in den besetzten slowenischen Gebieten. Die restliche Bevölkerung sollte zunächst im Land bleiben, um rassisch durchgemustert zu werden. Der abgelehnte Teil sollte ebenfalls umgesiedelt werden.
Wegen des Partisanenkrieges und der sich abzeichnenden militärischen Niederlage des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg konnten diese Ziele nicht vollständig realisiert werden; es eskalierte die Gewalt. Die deutschen Besatzer versuchten in Slowenien jeden Widerstand mit barbarischen Mitteln zu brechen: mit Deportationen, Abschreckungsaktionen wie die Zerstörung von Dörfern, der Tötung von Geiseln und Massenexekutionen.
Als Folge der NS-Rassenpolitik in Slowenien wurden nach Angaben der ZZO vertrieben bzw. deportiert und dabei 50 % des gesamten slowenischen Vermögens vernichtet oder gestohlen:
18 000 Personen nach Serbien, Kroatien und Bosnien.
45 000 Menschen nach Deutschland in etwa 300 Lager. Darunter befanden sich hunderte Kinder, denen man ihren Eltern wegnahm, weil sie als nicht politisch zuverlässig galten. Sie wurden zur Adoption freigegeben und in Erziehungsheime geliefert. Die Eltern wurden in den meisten Fällen verhaftet, deportiert oder umgebracht.
18 000 Menschen in verschiedene Konzentrationslager wie Dachau, Mauthausen, Bergen-Belsen, Auschwitz oder Flossenbürg (dort 1.700 Slowenen). Mehr als die Hälfte, etwa 9 900, kamen ums Leben.
Von den in verschiedene Gefängnisse in Slowenien deportierten Menschen kamen etwa 3 500 aufgrund von Hunger, Misshandlungen und Gewalttaten ums Leben, 2.500 wurden als Geiseln erschossen.
18 000 Menschen befanden sich auf der Flucht.
Überlebende slowenischen Opfer der NS-Besatzungsherrschaft hatten vor dem Jahr 1991 keine Möglichkeit, Entschädigungsansprüche zu erheben. 1997 gründete sich die »Vereinigung der Okkupationsopfer 1941–1945«/ZZO mit der Absicht, von Deutschland immaterielle und materielle Entschädigung einzufordern. Nach Angaben der ZZO leben noch ca. 25 000–30 000 slowenische NS-Opfer in hochbetagtem Alter. Laut der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« bekamen 10.850 slowenische Zwangsarbeiter eine Entschädigungsleistung, nach Auskunft der ZZO etwa 8.500; 22.000 Opfer haben bis heute keine Leistung erhalten. Bei ihrer Arbeit erfährt die ZZO so gut wie keine Unterstützung durch den slowenischen Staat. Ihre Forderungen an die Bundesrepublik Deutschland wurden weitgehend abgelehnt.
Die Wanderausstellung besteht aus 11 Wandtafeln (1,4 m x 1 m) und zwei Wandtafeln 2 m x 1 m); Aufhängung an einer Schiene. Dazu gehört eine DVD, 1 Fahne und Begleitmaterial. Sie kann problemlos in einem PKW-Kombi transportiert werden.
Anfragen für die Ausstellung sind zu richten an: Vereinigung der Okkupationsopfer 1941–1945, Kranj, Slovenski trg 1, 4000 Kranj, Pf. 12, Slowenien. Tel./Fax: 0038/4/2373-553, www.kranj.si/ZZO.1941–45
Dr. Eckart Dietzfelbinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und hat die hier vorgestellte Ausstellung in Nürnberg betreut.
Literaturhinweis:
Gerhard Jochem, Georg Seiderer (Hg.), Entrechtung, Vertreibung, Mord. NS-Unrecht in Slowenien und seine Spuren in Bayern 1941–1945, Berlin, Metropol 2005, ISBN 3-936411-654


