Stefanie Endlich

Wege der Erinnerung

Gedenkstättenrundbrief 156 S. 20-26

Zur Einweihung der Gedenkstätte für die Opfer des KZ-Außenlagers Echterdingen-Bernhausen

Das KZ-Außenlager auf dem Flughafen Stuttgart bestand vom November 1944 bis zum Januar 1945. 600 jüdische Männer waren hier, unter der Zuständigkeit der Organisation Todt, zu Bau- und Reparaturarbeiten eingesetzt. Sie hatten Auschwitz und andere Lager überlebt und waren, krank und entkräftet, in einem Transport aus Stutthof gekommen. In Echterdingen, einem Außenlager von Natzweiler, mussten sie die durch Bomben zerstörte Landebahn reparieren, Tarnunterstände für Flugzeuge bauen und in Steinbrüchen Material für Verbindungsstraßen zur Autobahn schlagen. Darüber hinaus waren sie auf Bauernhöfen und Baustellen der Umgebung eingesetzt. 119 Häftlinge überlebten das Lager nicht. Am 8. Juni 2010, fünf Jahre nach der Entdeckung eines Massengrabes auf dem heutigen US Airfield, wurde eine Gedenkstätte mit einer Feier eröffnet, zu der auch einer der beiden letzten Überlebenden sowie Angehörige der Toten aus verschiedenen Ländern gekommen waren. Die im Folgenden abgedruckte Ansprache hielt die Berliner Publizistin Stefanie Endlich.

 

Das Kunstwerk, das wir heute einweihen, lenkt den Blick des Besuchers auf zwei Orte der Erinnerung: hin zu dem Hangar, in dem die sechshundert Gefangenen des KZ-Außenlagers – und vor ihnen italienische Zwangsarbeiter – untergebracht waren; und hin zum Ensemble der Grabplatten am Ort des Massengrabes.

Das Kunstwerk trägt den Titel »Wege der Erinnerung«. Neben der Hauptzufahrt zum US Army Airfield bilden zwei Wege mit weißen Mauern eine symbolische Eingangssituation zum Flugfeld. Sie verwandeln die Weite dieses Geländes in eine teils reale, teils imaginäre Gedenkstätte – real, weil sie uns mit den konkreten Stätten des Lebens und des Todes konfrontieren; imaginär, weil es aufgrund der militärischen Nutzung des Areals, das nicht frei zugänglich ist, nur schwer möglich ist, diese Stätten zu betreten und zu erkunden. Die Wege und Mauern der Künstlerin Dagmar Pachtner konzentrieren den Blick der Besucher auf jene beiden Orte, an denen die Vergangenheit bis heute präsent ist: auf die große, hohe, unbeheizbare Flugzeughalle, damals mit mehrstöckigen Holzpritschen belegt und mit Stacheldrahtzaun und Wachtürmen umgeben, heute von der US Army genutzt; und auf den Standort des einstigen Massengrabes, das nach jüdischem religiösen Ritus in einen Friedhof umgewandelt wurde.

Eine Mauer ist zum einen ein Bauwerk, ein Struktur-Element, das mancherlei Funktionen dienen kann, zum anderen jedoch ein kulturgeschichtliches Motiv, das eine Fülle von Assoziationen hervorruft. Hier birgt sie darüber hinaus die Namen der sechshundert Häftlinge des KZ-Außenlagers und wird auf diese Weise zum Gedächtnisträger, mit dessen Hilfe es gelingen kann, die Kluft zwischen Gegenwart und Vergangenheit symbolisch zu überbrücken. Die zweifache Mauer macht deutlich, was die neue Gedenkstätte vor allem bewirken will: Hinwendung zu jenen Menschen, die das KZ-Außenlager Echterdingen durchlitten haben, und Trauer um diejenigen, die diesen Leidensweg nicht überlebten. Darüber hinaus will die Mauer die Besucher motivieren, sich über die historischen Hintergründe zu informieren und nachzufragen, was in diesem KZ-Außenlager geschehen ist.

Die Erinnerung an die Außenlager der großen nationalsozialistischen KZ war – und ist bis heute – eines der heikelsten Kapitel in der öffentlichen Auseinandersetzung mit dieser Zeitetappe. Das Thema Außenlager stand in beiden deutschen Staaten jahrzehntelang am Rand oder gänzlich außerhalb der gesellschaftlichen Wahrnehmung und wurde auch erst spät zum Gegenstand historischer Forschung. Dass es allmählich, wenn auch immer noch zu wenig, ins Bewusstsein zurückgerufen wurde, ist dem Engagement von Bürgerinitiativen, Geschichtswerkstätten, Verfolgten-Verbänden, Gedenkstätten und Historikern zu danken. Ein fester Bestandteil unserer Gedenkkultur, unseres kulturellen Gedächtnisses ist das Thema Außenlager jedoch noch nicht geworden.

Warum wurde es so lange verdrängt? Die Namen der großen Konzentrationslager sind längst zum Synonym des nationalsozialistischen Terrors geworden. In diesen aus dem Stadtraum ausgelagerten und von der Gesellschaft abgeschotteten baulichen Anlagen, die wie eigene Städte funktionierten, zentral geplant und mit Mauern und Wachtürmen umgeben, waren alle persönlichen Freiheiten, alle humanistischen Grundsätze außer Kraft gesetzt. Die großen Konzentrationslager verkörperten den Gegenpol zur alltäglichen Normalität im Nationalsozialismus und zu dessen propagandistischen Schauseiten.

Wenn wir uns hingegen den KZ-Außenlagern zuwenden, so wird auf eindringliche Weise deutlich, wie dicht und wie vielfältig das NS-System mit dem städtischen und ökonomischen Alltagsleben verknüpft war. Ein Netz von mehr als tausend Außen- und Nebenlagern und ungezählten KZ-Außenkommandos hatte in der letzten Kriegsphase ganz Deutschland und das besetze Europa überzogen. Besonders für die Aufrechterhaltung der Rüstungsproduktion, für kriegsbedingte Bauarbeiten und für die Trümmerbeseitigung nach Luftangriffen war die Zwangsarbeit der KZ-Häftlinge unentbehrlich. Während in den Hauptlagern die Grenze zwischen der Lagerwelt und der Alltagswelt scharf markiert war, entstanden viele der Außenlager in den Städten, im unmittelbaren Wohnumfeld, neben großen Produktionsbetrieben oder Infrastruktureinrichtungen. Die Bürger begegneten den KZ-Häftlingen am Arbeitsplatz und auf den Straßen, wenn die Gefangenen vom Lager zur Arbeit marschierten. Viele Bürger hatten als Anwohner auch Einblick von ihren Wohnungen und Gärten aus in die Lager hinein. Sie pflegten Kontakte zu den SS-Aufsehern und versorgten die Lager mit Waren und Dienst­leistun­gen. So wurden viele auch Augen- und Ohrenzeugen des dort herrschenden Terrors.

Die Außenlager waren sowohl »abgegrenzte Bezirke der absoluten Macht« als auch  »entgrenzte Orte« mit fließenden Schnittstellen zwischen drinnen und draußen – wie es der Göttinger Historiker Bernd Weisbrod einmal ausgedrückt hat: »radikal entgrenzte Orte«, aus denen die Häftlinge »das Bild der Unterdrückung und die dauernde Todesdrohung… in den Alltag der deutschen Gesellschaft« trugen. Nach dem Ende des NS-Regimes bewirkten daher gerade die Kenntnis dieser Lagerrealität und das Wissen um die wirtschaftlichen und sozialen Wechselbeziehungen eine besonders starke Tabuisierung. Wenn man in der Nachkriegszeit von KZ-Außenlagern sprach, bezeichnete man sie eher als »Arbeitslager«, um den positiv besetzen Begriff der Arbeit zu unterstreichen und das unschöne Wort »KZ« zu vermeiden. Das schwierige Thema ließ sich nicht in ein harmonisches Bild von Heimatgeschichte einpassen. Erst in der nachfolgenden Generation entstand wieder die Motivation, den Ereignissen der NS-Zeit auf den Grund zu gehen, verbunden mit der Bereitschaft, nach Ursachen und Hintergründen zu fragen, das Wissen darüber zu verarbeiten und Gefühle von Entsetzen oder Scham zuzulassen.

Je mehr Zeit jedoch vergangen war, umso schwieriger war es geworden, die historischen Fakten zu rekonstruieren. Viele Zeitzeugen waren verstorben, viele Dokumente und Quellen verschollen oder vernichtet. Die baulichen Spuren waren oft durch Abriss verschwunden oder durch Umnutzung unkenntlich geworden. Bei neuen Nutzungen, gerade auf Firmengeländen oder in infrastrukturellen oder militärischen Anlagen, wurde die Lager-Vergangenheit meist als belastend empfunden und verschwiegen. Auch waren die meisten Häftlinge in den KZ-Außenlagern keine Deutschen; die Überlebenden hatten nach Kriegsende das Land verlassen und konnten vor Ort nicht mehr befragt werden.

Beim Versuch, die Geschichte der KZ-Außenlager zu erforschen und ins öffentliche Gedächtnis zurückzuholen, spielte die »Wiederentdeckung« der konkreten Orte eine besondere Rolle. Dabei haben wir erfahren, wie eng aktive Erinnerung an historische Orte gebunden ist. Vor allem jüngere Menschen wollten sich nicht mit jährlichen Kranzniederlegungen auf dem Friedhof und mit Formen traditioneller Grabmalskunst begnügen. Seit Ende der 1970er Jahre haben Bürgerinitiativen ihre Anstrengungen um die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen an den authentischen Stätten der historischen Ereignisse festgemacht. Die Auseinandersetzung mit den »vergessenen« Orten, die Suche nach baulichen Hinterlassenschaften und Spuren brachte immer mehr Facetten des historischen Geschehens zutage. Ziel jener Initiativgruppen war es, die konkreten Standorte mit ihren materiellen Geschichtszeugnissen sichtbar zu machen, sie zu markieren, sie mit Mitteln der zeitgenössischen Kunst zu gestalten und sie dokumentarisch zu erläutern.

Die Geschichte des KZ-Außenlagers Echterdingen Bernhausen ist in dem Buch nachzulesen, das der Historiker Thomas Faltin mit Kollegen und mit der Geschichtswerkstatt für Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen erarbeitet hat. Es dokumentiert zugleich die schwierige Entstehungsgeschichte des Gedenk-Ortes, den wir heute einweihen. Der mehr als sechs Jahrzehnte umfassende Prozess des Vergessens und des Wiederentdeckens ist bezeichnend für den Umgang mit einer Vielzahl von KZ-Außenlagern und vergleichbaren Orten. In der frühen Nachkriegszeit war ein Ehrengrab auf dem Ebershaldenfriedhof angelegt worden. Nach dem Scheitern der Bestrebungen, ein Gedenkzeichen in Sichtweite des Hangars zu setzen, widmete man 1982 den Toten des KZ-Außenlagers – in der Inschrift als »Arbeitslager« bezeichnet – ein Denkmal auf dem Echterdinger Friedhof, weil man, wie es damals hieß, dort doch besser verweilen und gedenken könne als im »Trubel des Flughafens«. Das Denkmal wurde in der Einweihungsrede allerdings ganz pauschal »allen Opfern jener Zeit« gewidmet, vor allem den Bombenopfern und toten Soldaten, und wurde zudem als »würdiger Schlussstein« bezeichnet. Im Jahr 1995 schließlich errichtete man einen Gedenkstein am Eingang zum US-amerikanischen Militärflughafen. Der groß dimensionierte Sandstein wirkt wie ein naturbelassener Felsbrocken und strahlt die Würde, aber auch die Steifheit eines traditionellen Kriegerdenkmals aus. Wenn wir diese früheren Denkmalsetzungen betrachten, so wird deutlich, dass es bis dahin nicht gelungen war, mit Hilfe der Kunst eine lebendige und kritische Auseinandersetzung zum Ausdruck zu bringen und zu vertiefen.

Die Entdeckung des Massengrabs 2005 brachte das Thema und den authentischen Ort auf eindringliche Weise ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit. Der dadurch angestoßene Prozess der Aufarbeitung war vielschichtig und zunächst nicht vorrangig auf die Frage einer künstlerischen Gestaltung konzentriert. Vielmehr ging es zum einen um vertiefte historische Recherchen, zum anderen um einen möglichst breiten Dialog zwischen allen betroffenen und engagierten Gruppen, Institutionen, Verbänden, Familien und Einzelpersonen. Die zahlreichen positiven Vernetzungen dieses Prozesses mündeten schließlich in einen Kunstwettbewerb der beiden Städte, mit dem für diesen fern vom städtischen Leben gelegenen, von Verkehrslärm umgebenen schwierigen Standort eine angemessene Gestaltung gefunden werden sollte.

Der Wettbewerb musste mit der Problematik umgehen, dass die beiden eigentlichen historischen Orte auf lange Zeit schwer öffentlich zugänglich sein werden und zudem noch durch Schutzmaßnahmen visuell abgeschirmt sind. Für die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler war dieses Problem eine schwierige Herausforderung. Dagmar Pachtner, das Team Horst Hoheisel/Andreas Knitz sowie die Arbeitsgruppe Bennis/Lohrberg/Weidner, die alle die Memorialkunst in Deutschland bereits mit eindrucksvollen ­Arbeiten bereichert haben, haben diese Aufgabe auf unterschiedliche Weise bewältigt.

Die Entscheidung wurde einstimmig für den Entwurf von Dagmar Pachtner getroffen, und heute, nur anderthalb Jahre später, können wir uns von der großen Qualität ihres Projektes überzeugen. Dagmar Pachtner wurde 1961 geboren, sie lebt als freischaffende Künstlerin in Landshut. In ihrer Arbeit verbindet sie unterschiedliche Sparten, Medien und Materialien. Thematisch geht es ihr immer wieder darum, Raum und Zeit wahrzunehmen und bewusst zu machen, sei es durch symbolische Verknüpfungen, sei es durch Irritationen von Sehgewohnheiten oder durch Anstöße zu Eigenaktivitäten der Betrachter. Ein weiteres Thema ist das Spannungsverhältnis von Nähe und Distanz, als visuell-räumliche Bewegung wie auch als gedankliche Auseinandersetzung. Ihre Arbeiten berühren auf grenzüberschreitende Weise Bereiche von Philosophie, Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften und kehren immer wieder zurück zu Grundfragen der menschlichen Existenz. Ihr Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Ingolstadt gilt als eines der bedeutendsten Memorial-Projekte in Deutschland.

Dagmar Pachtner steht der Konzeptkunst nahe, und dieser Ansatz bestimmt auch ihren Entwurf für die Gedenkstätte Echterdingen, der sie den Namen »Wege der Erinnerung« gegeben hat. Tatsächlich wird Erinnerung hier nicht als Zustand begriffen, sondern als Gedanken-Weg, als Annäherung an das Thema und als eine Suche, die jeder für sich selbst vornehmen muss – nicht als vollbrachte Leistung oder Inszenierung oder dramatisches Sinnbild. Die Künstlerin verzichtet auf vordergründige Symbolformen oder Überwältigungs-Strategien. Stattdessen vertraut sie auf die Aufmerksamkeit und die Vorstellungskraft der Besucher. Sie gestaltet zwei sich kreuzende Wege, die auf die beiden wesentlichen historischen Orte verweisen. So kann sichtbar werden, was dem flüchtigen Blick leicht entgehen mag: ein Hangar als Wartungshalle für Flugzeuge, damals als karge, notdürftige, der Kälte und der Hitze ausgelieferte Unterkunft, die diesen Namen unter lebensbedrohenden Umständen gar nicht verdiente; dazu ein Ensemble von Grabplatten mit eingemeißelten Davidsternen am Ort des jahrzehntelang vergessenen Massengrabs.

Dagmar Pachtners Konzept ist klar, streng und reduziert in der Formensprache, aber reich und vielschichtig in seinen Bezügen zum Ort, zum Umfeld, zum Thema und zum Betrachter. Damit knüpft die Künstlerin an ästhetische Grundsätze des Minimalismus an. Ihre zweifache Mauer enthält durchaus symbolische Motive und Assoziationen, übersetzt diese jedoch nicht direkt in Bilder, sondern lässt sie auf eher verschlüsselten gedanklichen Ebenen anklingen. Das Element der Mauer, eine der pragmatischsten Grundformen in der Baugeschichte der Menschheit, kann trennen oder schützen, einhausen oder, wie hier, Struktur bilden. Hier zeichnet es zwei klare Linien, die Vergangenheit mit Gegenwart verbinden könnten. Im Anklang an das Motiv der Gedenkmauer oder der Klagemauer evoziert es darüber hinaus innere Bilder, die emotional stärker wirksam sein können als vordergründig illustrative Darstellungen.

Hinzu kommt, als Kernstück des Kunstwerks, die akustische Installation der Stimmen. Durch Lesung der sechshundert Namen entstehen bewegende Momente der Vergegenwärtigung. Die Mauer wird vor allem durch die Stimmen zur Gedenkwand. Wie bei ihrem Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Ingolstadt geht Dagmar Pachtner auch hier davon aus, dass nur durch die Erinnerung an den einzelnen Menschen das Ausmaß der Katastrophe begriffen werden kann. Einige der Lebenswege der Opfer des KZ-Außenlagers Echterdingen konnten durch die Recherchen genauer nachgezeichnet werden und sind in der Dokumentation beschrieben. Die Lesung hingegen bringt mit der Abfolge aller Häftlings-Namen, die nun entlang der Mauer bei Tag und bei Nacht zu hören sind, die existenzielle Dimension des Leidens und des Sterbens in den gegenwärtigen Raum des Flugfeldes. Verallgemeinerung und Individualisierung werden unmittelbar miteinander verbunden. Der Künstlerin ist es gemeinsam mit den beiden Stadtarchiven, mit der Geschichtswerkstatt, der Kunstschule Filderstadt, mit Mitarbeitern der Stadtverwaltungen und engagierten Helfern gelungen, zweihundert Bürgerinnen und Bürger der beiden Städte und der Umgebung zum Verlesen der Namen zu motivieren und ihnen auf diese Weise auch das Thema KZ-Außenlager nahe zu bringen. Damit werden die »Wege der Erinnerung« auch zu einem der wenigen gelungenen Partizipationsprojekte im Bereich der Memorialkunst. Wir hören alte und junge Menschen, mit unterschiedlicher mundartlicher Färbung, wie sie sich eingeübt und eingefühlt haben in oft fremd klingende Namen der KZ-Häftlinge aus siebzehn Ländern Europas. So ist die Namenslesung zum einen eine dokumentarische Bestandsaufnahme, zum anderen eine nach Wortklang und Stimmenklang zusammengefügte Hommage an die Opfer.

Der Hangar und das Gräberfeld sind vielleicht noch auf lange Zeit für die Öffentlichkeit schwer zugänglich. Das Erinnerungskunstwerk von Dagmar Pachtner hat beide Orte weithin sichtbar gemacht, auf klare und zugleich sensible Weise. Zugleich bietet es Möglichkeiten zur Erweiterung und Vertiefung in den nächsten Jahren. Dazu gehört zum einen die Arbeit der Geschichtswerkstatt, zum anderen die geplante Einrichtung einer Stiftung, die die pädagogische Vermittlung und die zukünftige aktive Auseinandersetzung organisieren und betreuen soll. Durch diese beiden »Säulen« der Aufarbeitung und durch den kommunikativen Prozess, der sich dabei herausgebildet hat, ist Dagmar Pachtners Erinnerungsprojekt in gewisser Weise entlastet worden. Es versteht sich als die dritte dieser »Säulen«. Die Kunst ist nicht als »Schlusspunkt« gedacht, sondern als Teil eines weitergehenden Prozesses. Sie soll nicht die gesellschaftliche Auseinandersetzung ersetzen, sondern ist durch sie entstanden und gibt Impulse zurück.

Zum Abschluss möchte ich noch drei Merkmale hervorheben, an denen die über den konkreten Ort hinausweisende Rolle des KZ-Außenlagers Echterdingen erkennbar ist. Erstens wird hier die europäische Dimension des KZ-Systems deutlich. Besonders nach Kriegsbeginn hatten die Konzentrationslager, und gerade die Außenlager, einen extrem hohen Anteil ausländischer Häftlinge. Ihre Gedenkstätten sind daher zugleich gesamteuropäische Erinnerungs-Orte, ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart sind Teil der europäischen Geschichte. Zweitens manifestiert sich hier ein Kapitel der Verfolgung der europäischen Juden, das immer noch zu wenig bekannt ist: Zu einem Zeitpunkt, zu dem die Deportationen in die osteuropäischen Ghettos und Lager in vollen Gange waren, teils schon fast abgeschlossen, und das Deutsche Reich als »judenfrei« propagiert wurde, holte man zehntausende, schließlich hunderttausende jüdische KZ-Häftlinge zum Arbeitseinsatz ins Reichsinnere. Gerade diese Häftlingsgruppe war einer kaum fassbaren Odyssee von Lager zu Lager unterworfen, die etwa die Hälfte von ihnen nicht überlebte. Drittens könnte der Gedenkort für die Opfer des KZ-Außenlagers Echterdingen auch das in Deutschland weithin unbekannte späte KZ Natzweiler-Struthof stärker in Erinnerung bringen. Es war das einzige Hauptlager auf französischem Boden, diente vor allem als Arbeitskräfte-Reservoir für die Kriegsproduktion und hatte eine besonders hohe Todesrate. Nach seiner Auflösung im Herbst 1944 existierte es im Südwesten des Reichsgebietes als Außenlagerkomplex ohne Hauptlager weiter bis zur Befreiung.

 

Literaturhinweise

Thomas Faltin u.a.: Im Angesicht des Todes. Das KZ-Außenlager Echterdingen 1944/45 und der Leidensweg der 600 Häftlinge. Hg. Von den Städten Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen. 2008. 14,00 €. ISBN 978-3-934650-10-4.

Robert Steegmann, Das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof und seine Außenkommandos an Rhein und Neckar 1941-1945, Berlin 2010. 24,90 €. ISBN 978-3-940938-58-9.

 

 

Prof. Dr. Stefanie Endlich ist Kunstpublizistin, Autorin, Ausstellungsmacherin und Honorarprofessorin für Kunst im öffentlichen Raum an der Universität der Künste Berlin.