»Wie das zündelt … Stark – Gegen rechts«
Gedenkstättenrundbrief 155 S. 11-17Pilotprojekt in der Gedenkstätte Augustschacht, Osnabrück
Die theaterpädagogische werkstatt Osnabrück zeigt mit einem Workshop-Tag für 60 Osnabrücker Auszubildende, wie sich ihre Präventionsarbeit auf einzelne Gedenkstätten zuschneiden lässt.
Es ist kalt es an diesem Morgen. Die Mauern der alten Erzbergswerks-Pumpstation sind dunkel von rinnendem Regen. Böen jagen durch die Bäume. Ein düsterer Ort.
Es ist der Morgen des 15. September 2009. Gedenkstätte Augustaschacht, Hasbergen-Ohrbeck. 60 Auszubildende des Osnabrücker Hauptsitzes der KME Germany AG & Co. KG stehen am Fuß des Gleises der Hüttenbahn, über die einst Güterzüge ins Stahlwerk nach Georgsmarienhütte rollten – sie tun es bis heute. 1944, als das Stahlwerk noch Klöckner hieß, waren Männer seines Werkschutzes unter den Bewachern dieses Ortes. Klöckner war einer der Profiteure des Gestapo-Arbeitserziehungslagers Ohrbeck. Wie auch die Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerke – die heute KME Germany AG & Co. KG heißen.
Als sie aus dem Bus steigen, Lunchpakete aus der Werkskantine in den Händen, wissen die 60 KMEler nicht, was auf sie zukommt. Sie wissen, es geht um die Zeit des Nationalsozialismus. Sie wissen, es geht um die Neorechten, die immer gezielter gerade Jugendliche agitieren, rekrutieren, manipulieren. Sie wissen, es geht um ein Theaterstück, um eine Führung, um ein Zeitzeugengespräch, um einen theaterpädagogischen Workshop, um eine Ausstellung zu rechten Jugendkulturen, um Prävention. Aber auf die Bilder, die sie hier sehen, auf die Geschichten, die sie hier hören, sind sie nicht vorbereitet. Niemand kann vorbereitet sein auf solche Bilder, solche Geschichten. Einen ganzen Tag lang werden sie hier verbringen. Und am Ende werden sie wissen: Dieser Ort ist nicht nur ein Ort der Fassungslosigkeit, der Trauer, nicht nur ein Mahnmal, gewidmet dem Erinnern. Er ist ein Ort des Forschens, des Lernens, der Zusammenarbeit, der Begegnung. Ein Ort, der stärkt. Ein Ort, der Mut macht, der fordert – Courage.
Es ist kalt es an diesem Morgen, es ist stürmisch, es regnet in Strömen. Die 60 KMEler stehen auf dem ehemaligen Appellplatz des Lagers. Sie hören zu. Sie schweigen. Gedenkstättenleiter Dr. Michael Gander schont sie nicht. Sie sind alt genug, um nicht mehr geschont zu werden. Er erzählt von den Opfern und von den Tätern, plastisch, klar, Einzelheit auf Einzelheit, gibt ihnen Gesichter, gibt ihnen Stimmen. Er erzählt von der Zwangsarbeit und von denen, die an ihr verdienten, viel Geld verdienten. Er erzählt von Menschen, die wegsahen. Er erzählt von Menschen, die den Insassen halfen, obwohl es verboten war. Er erzählt die Geschichte dieses Ortes. Ruhig und sachlich tut er das. Eindringlich, aber ohne äußere Dramatik. Der Ort, an dem er es tut, liefert Dramatik genug – ausgetretene Treppen, enge Kammern, Waschstellen, Düsternis, Waffenrelikte. Man merkt: Es arbeitet in den Köpfen der Zuhörer. Ein Mädchen schaut weg. Ein Junge in Urban-Tarn gibt seine Coolness auf, Stirnrunzeln weicht Nachdenklichkeit.
Michael Gander spricht, fragt nach, reagiert auf Reaktionen. Schnell geht das nicht. Nichts wirklich Wichtiges geht schnell. Zu verstehen, was hier geschah, braucht es Zeit. Er zählt die Nationen auf, aus denen die Insassen kamen. Niederlande, Russland, Polen – 17 waren es insgesamt. Erzählt vom Bombentrümmerräumen, zu dem sie kommandiert wurden – was lebensgefährlich war, denn oft wurden sie von erneuten Angriffen der Alliierten überrascht und in die Schutzräume duften sie nicht. Gander schildert die Zählappelle, den Sadismus der Aufseher, die Entkräftung, den Willen zum Überleben.
Und dann der Cut. Erst ein Zeitzeugengespräch, mit Danka Stankowska, die eindrücklich schildert, was damals ihre Eltern in Osnabrück erlebt haben. Und dann von der Vergangenheit in die Gegenwart. »Krampf. rechts-radical – chic sie weg!« beginnt, das Stück der Osnabrücker theaterpädagogischen werkstatt. Jens Pallas hat es geschrieben, viele Jahre Leiter des Kinder- und Jugendtheaters der Städtischen Bühnen Osnabrück. Es passt gut ins Repertoire der theaterpädagogischen werkstatt – 120 Mitarbeiter stark, ist sie bundesweit und im deutschsprachigen Ausland mit interaktiven Präventionsprogrammen unterwegs – zu Themen wie Sexueller Missbrauch, Sucht, Gewalt.
Es beginnt mit einem Werber der Rechten. »Wem gehört dies Land?« fragt der. Und agitiert die 60 KMEler weiter: »Doch wohl euch und uns! Seht ihr…, wenn ihr noch mehr wissen wollt… – hier auf dem Zettel steht der Termin für unseren nächsten Treffpunkt. Kommt einfach mal vorbei. Es gibt auch was zu essen, zu trinken und so. Musik gibt`s auch. Gibt`s alles umsonst. Ihr seid ja unsere Gäste … «
Die 60 KMEler wissen erst nicht so recht. Sind sie jetzt nur Zuschauer, oder wird was anderes von ihnen erwartet? Produktive Verstörung. Nein, sie sind nicht nur Zuschauer. Es wird was anderes von ihnen erwartet. Meinung, Haltung, Nachdenken. Der Werber macht weiter: »Dann lernt ihr auch noch’n paar andere dufte Leute kennen, so in eurem Alter, aber auch ältere, die können euch dann noch’n bisschen mehr erzählen, so über Geschichte, deutsche Geschichte, und was darüber so gelogen wird. Na ja, und spannende Kriegsabenteuer, wo eure Großväter und Väter in den allen bekannten 12 Jahren so waren, wie tapfer sie waren, was damals unsere Soldaten alles in der Welt erlebt haben, na ja, und so. Alles umsonst. Also überlegt nicht lange. Kommt einfach vorbei. Habt Spaß! N’ bisschen Action gibt’s auch ab und zu …«
Und Action gibt es dann auch im Stück. Reichlich Action. Da ist ein Junge, schon ziemlich groß, aber noch bei den Eltern. Wir sehen ihn zuhause, in der Schule, auf dem Bolzplatz, auf dem Weg dorthin, in seiner Freizeit, allein, isoliert, seinen Ängsten überlassen. Oft ratlos, was er denken und fühlen soll, hat er nur ein Ziel: irgendwo dazuzugehören. Er ist unsicher, manchmal ohnmächtig. Die Erwachsenen, konformistische Heuchler, geben ihm keinen Halt. Also wendet er sich den einzigen zu, denen er etwas wert ist – den Rechten. Die Familie – egal. Alkohol, Spaß, rechte Musik, Draufhauen – und sich endlich überlegen fühlen. Aber dann ist da ein Mädchen, Vater aus Ankara, Mutter aus Köln. In das verliebt er sich, obwohl sie »anders« ist und obwohl er weiß, was die Rechten mit ihm und mit ihr tun, wenn sie dahinter kommen, dass er eine »Türkenbraut« kennt. Und nun? Der Junge zögert, zweifelt. Will niemanden verlieren. Macht beim Überfall auf ein Asylantenheim mit. Doch … was ist mit seiner Liebe? Er muss sich entscheiden. Sich gegen die Gruppe zu entscheiden, scheint unmöglich. Mitgehangen – mitgefangen. Sein innerer Kampf ist auch sein äußerer Kampf. Er revoltiert. Was tun? Wie stark ist er wirklich? Nun richtet sich die Gewalt gegen ihn selbst. Und nun … Am Ende lehnt er sich an der Seite seiner Freundin gegen die Rechten auf.
Hämmernde Songs aus dem Ghetto-Blaster, zynische Handgreiflichkeiten, schonungslose Dialoge – »Krampf« klärt Jugendliche direkt und tabulos über die Methoden der Rechten auf, über Rassismus, Diskriminierung, über die Leugnung historischer Fakten – motiviert sie, nachzudenken, hinzuschauen, sich eine eigene Meinung zu bilden, Verantwortung zu übernehmen, einzugreifen. Reinhard Gesse, Management theaterpädagogische werkstatt: »Keine Nation ist mehr wert als eine andere. Und niemand hat und hatte je das Recht, Menschen zu diskriminieren. Wenn die Jugendlichen das im Kopf behalten, ist viel erreicht.«
»Krampf. rechts-radical – chic sie weg!« ist minimalistisch. Ein paar Stühle, ein paar Requisiten, ein paar Kleiderhaken. Eines der wichtigsten Instrumente: Die Schauspieler treten aus ihren Rollen heraus. Gerade noch war einer von ihnen ein Rechter, da wendet er sich plötzlich ans Publikum: »Halt – Stop! Wer sagt: Halt – Stop?« Halt? Stop? Die 60 KMEler verstehen. Sie sind nicht nur Konsumenten. Sie sind ganz persönlich gefragt, jeder einzelne von ihnen.
Dann wieder ein Cut. Theaterstück unterbrochen. Und eine Diskussion mit den vier Darstellern beginnt, in vier Gruppen, verteilt in der Gedenkstätte. Klappstühle werden hin- und hergetragen, je 15 KMEler rücken in den teils klaustrophobisch engen Räumen zusammen – eine Enge, die viel Nähe freisetzt – und Energie. Und spätestens jetzt steht fest: Eine Gedenkstätte verträgt nicht nur getragene Betroffenheit. Lachen brandet auf, bald hier, bald dort. Befreiendes Lachen. Gedankenbefreiendes Lachen.
So befreiend, wie die positive Offenheit von Danka Stankowska. 1944 in Osnabrück geboren, erzählt die Amerikanerin den KMElern von ihren Eltern, was sie als polnische Zwangsarbeiter in Osnabrück erlebt haben. Das ist beklemmend, gewiß – die 60, die ihr zuhören, haben das erwartet. Doch das ist es nicht nur: Danka Stankowska spricht nicht nur über Härten, sondern vor allem über Hoffnung, über Menschlichkeit. Und das haben viele dann nicht erwartet. Solch schlimme Erinnerungen und dann ein solch offener Mensch, so ganz ohne Hass? Wieder arbeitet es in den Köpfen. Michael Gander moderiert das Gespräch, dolmetscht. Scheue Fragen aus dem Publikum. Lebendige Antworten von Danka Stankowska. Sie weiß: Geschichte eröffnet sich über Geschichten.
Irgendwann ist dann Pause. Die Lunchpakete kommen raus. Und spätestens jetzt steht fest: auch »Krampf« entkrampft. Das Feedback? »Cool!«, sagt der Junge in Urban-Tarn, und man sieht ihm an, dass da gleich noch mehr kommt. »Also … «, fängt er dann an, »ich war auch mal in so ’ner rechten Gruppe. War schon krass, was da abging. Gottlob bin ich da rechtzeitig rausgekommen. Ich hab jetzt auch ausländische Freunde und so. Klar, ist normal. Aber Kumpels von mir, die haben’s nicht so gut geschafft.« Neben ihm steht ein Kollege. Nickt. »Ich hatte mal einen Kumpel«, erzählt er dann, »mit dem bin ich oft ins Schwimmbad gefahren. Der hatte dann immer so ein kleines Pflaster am Fuß kleben. Die ersten Male ist mir das nicht so aufgefallen, aber dann schon. Also hab ich ihn gefragt, was da drunter ist. Da hat er gesagt: Okay, ich zeig’s dir, aber sag’s keinem. Der hatte sich da so eine 88 reintätowieren lassen, als er 13 war. 88! Heil Hitler! SS! Totaler Scheiß. Und jetzt wusste er nicht, was er damit machen sollte.«
Nach der Pause geht das Stück weiter. Jens Pallas hat es übrigens für diesen Tag eigens auf die Gedenkstätte Augustaschacht zugeschnitten: »Ich habe den Text durch ein Modul erweitert, das die Handlung auf sie bezieht. Wir setzen ›Krampf’ ja sonst an Schulen ein … « Ein Modul, das im Prinzip auch auf jede andere NS-Gedenkstätte zugeschnitten werden könnte. Und genau darum geht es ja hier. Der Tag ist ein Pilotprojekt. Neuland für die theaterpädagogische werkstatt. Neuland für die Gedenkstätte. Ein Test, an den sich eine Evaluation anschließt. Über zweieinhalb Millionen Menschen hat die theaterpädagogische werkstatt in den 15 Jahren ihres Bestehens schon erreicht. So aber noch nie – und an einem solchen Ort. Gesse, mit Blick auf die beklemmende Szenerie: »Eine Herausforderung! Aber eine ideale Symbiose!« Angelo Micaela-Enghausen, einer der Darsteller, angespannt: »Ist schon ein komisches Gefühl, an einem Ort wie diesem ein solches Stück zu spielen. Mit Reichkriegsflagge, Faschoparolen. Andererseits kommt hier eine unglaubliche Kraft rüber – irre. Ich merk richtig, wie mich das antreibt. Das ist schon ein ziemlicher Kick. Aber lange aushalten tu ich’s hier nicht, denk ich. Ziemlich heftige Energien.«
Ein didaktisches Paket, das auf die jeweilige Gedenkstätte Bezug nimmt und deren Betreiber nicht nur als Auftraggeber sieht sondern als Mitgestalter? Auch Michael Gander hält die Symbiose für gelungen: »Wer sich bewusst macht, was damals war, wird alles daran setzen, zu verhindern, dass es wieder geschieht. Aber zu wissen, was damals war, reicht für die Bekämpfung der neuen Rechten allein nicht aus.«
Deshalb hat er auch die Ausstellung »Rechte Jugendkulturen« der Arbeitsstelle Rechtsradikalismus und Gewalt (ARUG), Braunschweig, dazugeholt. Sie gibt einen Überblick über Organisationsformen, Szenen, Medien, Lebensstil, Alltagskultur, Musik, Mode und Symbolik der rechten Jugendkultur Deutschlands.
»Krampf« wird nach der Pause übrigens erst so richtig hart. So hart, dass es erkennbar an die Grenzen vieler geht, die gerade noch ihr Lunchpaket nach Süßigkeiten durchsucht haben. Und als das Stück zu Ende ist, ist es lange still. Dann zaghaft erster Applaus. Darf man an einem Ort wie diesem applaudieren? Nach einem Stück wie diesem? Man darf. Aber auch die vier Schauspieler stehen, als hätten sie Zweifel.
A: Wo sind denn die Kanacken?
B: Scheiße … , keiner da … , wohl schon abgehauen.
C: Ist doch öde.
A: Alles leer.
B: Fackeln wir’s eben ohne Kanacken ab.
C: Hast recht … , dann ist hier eben ein für alle mal Kante. Die müssen dann schon selber ihre Zelte mitbringen.
A: Die brennen auch besser.
B: Schade.
C: Los … , ohne ist auch nicht schlecht.
A: Geil … wie das zündelt.
B: Mit den Zecken drinnen, würd’s noch besser brennen.
C: Und wie die schreien würden, … weil’s ihre dunklen Ärsche abfackelt, Kohle …, Kohle …
Auftritt für drei Theaterpädagoginnen. Ein Workshop beginnt, in drei Gruppen, auch er auf die Historie des Orts zugeschnitten. Er wird die Anspannung lösen und in eine Plenumsdiskussion münden. Sein Ziel: Vertiefung der Sensibilisierung. Für die Gefahren, die von der Neo-Rechten ausgehen – unter Einbeziehung der Wurzeln dieser Neo-Rechten in der NS-Vergangenheit. Der Blick in die Vergangenheit und der Kampf gegen die neue Rechte bilden somit gedanklich eine Einheit. Ein idealer Synergieeffekt: Theoretischer Überbau, schauspielerische Selbsterprobung, sprechende Atmosphäre durch suggestive Verortung. Die Gedenkstätte ist in die Workshoparbeit eingebunden – nicht zuletzt durch geschichtswissenschaftlichen Input.
Schirmherr von »Krampf« ist übrigens Matthias Sammer, Sportdirektor des DFB: »Wenn es etwas gibt, das ich wirklich schlimm finde, dann ist es diese rechte Verblendung. Diese rassistische, extremistische Hetze. Erschreckend, dass es immer wieder Leute gibt, die dafür empfänglich sind! Gerade junge Leute, die offenbar keinen anderen Weg sehen aus ihrem Frust, ihrer Perspektivlosigkeit, aus unserer sozialen Kälte. Desto wichtiger ist es, Gegenkonzepte zu entwickeln. Überall in der Gesellschaft.«
Teil des Gegenkonzepts »Krampf« ist eine Evaluation. Hans-Herrmann Lücke, Ausbildungsleiter der KME Germany, sichtlich stolz auf seine 60er-Gruppe, ist sich jedoch schon vorab sicher: »Sehr, sehr produktiv. Das hat wirklich was freigesetzt.« Sein Engagement zeigt: KME ist eine der Firmen, die sich ihrer Vergangenheit stellt. Und die gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Ein wichtiges Zeichen, nicht nur in die Belegschaft hinein.
Am 4. Februar 2010 ist es soweit. Das Evaluationsteam der theaterpädagogischen werkstatt ist auf Gegenbesuch bei der KME Germany AG & Co. KG. Geschichtsträchtige Industriearchitektur, manche Fassade noch aus dem 19. Jahrhundert. Eine Stadt für sich. 2.500 Menschen arbeiten hier. 33 von ihnen warten im ersten Stock einer der riesigen Hallen. Sie waren im September im Augustaschacht dabei. Fragebögen erwarten sie, Gruppenaufgaben, Plenardiskussionen, zwei Stunden lang.
Die Stimmung ist gut. Locker. Rasch finden sich Moderatoren, Protokollanten, Sprecher. Ungewohnt, vorne am Flipchart zu stehen, den Edding in der Hand, Äußerungen der Kollegen bündeln, dokumentieren, kommunizieren? Vielleicht, aber kein Problem. Engagement ist zu spüren, Bereitschaft, Erwartung, Neugier.
Und die Ergebnisse sind beeindruckend. Auf die Fragenbogenfrage »Welche Erkenntnisse hat der Tag für Sie gebracht?« kommen Antworten wie: »Schlimm, was Menschen Menschen antun.«, »Dass Rechts einfach nur Scheiße ist!«, »Dass man sich nicht von der Gruppe beeinflussen lassen soll, sondern auf sich selber hören!«, »Dass man alle Menschen, egal woher sie kommen, gleich behandeln sollte.«, »Rechtsradikal ist unmenschlich!«, »Dass damals wie heute Rassismus vorhanden ist.«, »Viele Leute scheinen leicht beeinflussbar, sodass man sie sensibilisieren muss.«, »Dass es schlimmer ist als ich dachte.« und »Es ist scheiße, andere zu diskriminieren.« Offene Antworten, klug, klar, eindeutig.
Klar auch die Bewertung nach Noten: Die schauspielerische Arbeit wird auf einer Skala von 1 bis 5 im Durchschnitt mit 2 bewertet, die pädagogische Arbeit und der organisatorische Ablauf des Tages mit 2–3. Die Frage, ob die Veranstaltung zur Gedenkstätte passt, wird überwiegend bejaht, teils mit der Begründung, das Thema sei »ja immer noch aktuell«. Es kommen aber auch Einwände: Das Stück spiele in der heutigen Zeit – an einem Ort wie dem Augustaschacht sei es stimmiger, ein Stück über die NS-Zeit zu zeigen … Ein wichtiger Hinweis, noch stärker herauszuarbeiten, wie untrennbar Vergangenheit und Gegenwart sind.
Stärken des Projekts? Schwächen? Eine schöne Bestätigung, dass meist nur Stärken genannt werden – das Stück »Krampf« selbst und die Intensität seiner Darsteller, das Zeitzeugengespräch, die Gruppenarbeit, der gute Zuschnitt auf Jugendliche. Werden Schwächen genannt, haben sie mit Ermüdung zu tun: durch langes Zuhören bei Vorträgen und Diskussionen, durch die Textfülle der Ausstellung. Je mehr Aktion und Eigenaktion also, desto besser. Vereinzelt klingt auf: Es war ein langer Tag. War er zu lang? Die Adjektive, die zu diesem Tag fallen, sprechen eine andere Sprache: »bewegend«, »lehrreich«, positiv«, »beeindruckend«, »emotional«. Wichtige Erkenntnis: die Atmosphäre der Gedenkstätte wirkt stark erkenntnissteigernd: gerade weil als »unheimlich« und klaustrophobisch empfunden, als »bedrückend«, »beklemmend«, »traurig«, »beängstigend«, als dunkel und kalt, als »schaurig«, als Ehrfurcht und Respekt gebietend.
Abschließend eine Diskussion zum Thema Zivilcourage. An den Flipcharts stehen danach Dinge wie »Mut beweisen«, »über den eigenen Schatten springen«, »Hilfe leisten, Hilfe holen«, »Außenseiter integrieren«. Und jeder schreibt einen Ich-werde…-Satz auf eine Karte. Da steht dann: »Ich werde offene Augen haben.« Oder: »Ich werde mich für andere Menschen einsetzen, wenn sie in Schwierigkeiten stecken.« Oder: »Ich werde in Zukunft versuchen, aufmerksamer gegenüber meinen Mitmenschen zu sein.« Und da stehen dann Sätze wie: »Ich werde in Zukunft wie immer handeln und alles gegen Rechts tun ob verbal oder im Handeln.« Ermutigend.
Gespräche am Rande beweisen: Es ist die Kombination, die haften bleibt. Der Ort. Das Stück. Die Aufbereitung in Gruppen. Die Zeitzeugin. Die Ausstellung. Die Symbiose hat funktioniert.
Wie wichtig die Stadt Osnabrück das Pilotprojekt nimmt, zeigt sich an Rita Maria Rzyski, Kulturdezernentin der Stadt Osnabrück. »Für Osnabrück erwächst aus dem Vermächtnis des Westfälischen Friedensschlusses von 1648 die Verantwortung, die Entwicklung einer friedlichen, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft zu fördern.«, sagt sie im Augustaschacht, als die 60 KMEler gerade Mittagspause haben. »Dies ist umso bedeutungsvoller, als die heutigen Formen von Intoleranz, Rassismus und auch Antisemitismus durch Ideologien motiviert sind, die unser demokratisches Gemeinwesen bedrohen.«
Und das ist wirklich bedroht.
Überlegt nicht lange? Kommt einfach vorbei? Doch, überlegen. Nein, nicht hingehn. Das lernt auch der Junge in »Krampf«. Und mit ihm hoffentlich viele andere.
Harff-Peter Schönherr ist Projektbetreuer der theaterpädagogische werkstatt gGmbH, Osnabrück.


