Sabine Graf

Wie Erinnern? Bilden! Vernetzen! Motivieren!

Gedenkstättenrundbrief Nr. 186 (6/2017) S. 27-30

GRÜNDUNG RUNDER TISCH ERINNERUNGSARBEIT SAARLAND

Das Saarland kam ohne eine Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit aus. »Was nicht bedeutet, dass man auch mit der Erinnerungsarbeit im Saarland am Anfang steht. Das ist nicht der Fall, denn seit Jahren engagieren sich Schulen, Jugendeinrichtungen, Vereine, Initiativen und Einzelpersonen für die Erinnerung an Verfolgung und Widerstand in der NS-Zeit sowie an das jüdische Leben in der Region. Jedoch fehlte bislang eine Struktur, welche diese Vielfalt weithin sichtbar und in ihrem Bestand zukunftssicher macht«, so der Minister für Bildung und Kultur des Saarlandes, Ulrich Commerçon. Im Land der kurzen Wege mit nur einer Gedenkstätte, aber vielen engagierten Erinnerungsinitiativen verständigte man sich bislang auf Zuruf. Doch wer hört noch, wenn gleichermaßen die Zahl der Zeitzeugen und Akteure der Erinnerungsarbeit in dem Maß sinkt, wie die Zahl derjenigen steigt, die keine Erinnerung mehr an die NS-Zeit haben? Im Saarland stellen sich daher wie überall die Fragen nach der Zukunft der Erinnerung in der sogenannten Postmemory-Generation: Welche Methoden, Mittel und Materialien sind für die Erinnerungsarbeit im Schulunterricht notwendig? Wie sieht eine zeitgemäße jugendorientierte Vermittlung in außerschulischen Gesellschaftsbereichen aus? Wie müssen sich die Akteurinnen und Akteure der Erinnerungsarbeit organisieren? Wie müssen sie kommunizieren?

Ein von Minister Commerçon am 10. Februar 2017 im Ministerium für Bildung und Kultur gegründeter Runder Tisch Erinnerungsarbeit besitzt die Aufgabe, zu diesen Fragen Lösungsansätze zu entwickeln. Er versammelt etwa zwei Dutzend Vertreter aus den Bereichen der schulischen und außerschulischen Bildung, der Forschung, der Jugendarbeit, der Religionsgemeinschaften, der Kulturinstitutionen des Landes und der Zivilgesellschaft. Der Runde Tisch soll, unterstützt von einer bei der Landeszentrale für politische Bildung des Saarlandes angesiedelten Koordinierungsstelle, die Voraussetzungen für eine Professionalisierung der Erinnerungsarbeit im Saarland schaffen. Das gilt im Hinblick auf die Kommunikation, Koordination und Kooperation der einzelnen Engagierten. Er hilft mit, ein stabiles Netzwerk der Erinnerungsakteure im Land aufzubauen.

»Dass das Saarland das letzte westdeutsche Flächenland ist, das in der Erinnerungsarbeit eine Netzwerkstruktur aufbaut, darf nicht als Nachteil angesehen werden«, betonte Erik Harms-Immand, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung des Saarlandes. Der spät einsetzende Vernetzungsprozess biete die Gelegenheit, direkt in die aktuelle bundesweite Diskussion um die Zukunft der Erinnerungsarbeit einzusteigen. Der Runde Tisch dürfe in diesem Zusammenhang jedoch nicht als geschlossener Kreis betrachtet werden. »Die Gründung des Runden Tisches Erinnerungsarbeit war ein erster notwendiger organisatorischer Schritt«, hielt Harms-Immand fest. »Damit ist die Basis für den Aufbau einer stabilen Netzwerkstruktur geschaffen, die alle Bereiche und alle Ebenen der saarländischen Erinnerungsarbeit umfasst und die den regionalspezifischen Voraussetzungen der saarländischen Erinnerungslandschaft gerecht wird. Die am Runden Tisch versammelten Institutionen, Organisationen und Initiativen sollen in Abstimmung mit ihren Gliederungen und den anderen Erinnerungsakteuren schnellstmöglich nachhaltige Austauschplattformen und tragfähige Informations- und Kommunikationsstrukturen aufbauen. Damit ist der Aufbau einer Internetseite ebenso verbunden wie die Planung von regelmäßigen Treffen, Tagungen und Angeboten der Fortbildung zu aktuellen Themen der Erinnerungsarbeit.« 

Welche thematischen, erinnerungspädagogischen und organisatorischen Fragestellungen beim beginnenden Vernetzungsprozess im Mittelpunkt stehen sollen, wurde im Anschluss an die Konstituierung des Runden Tisches auf der von der Landeszentrale vorbereiteten ganztägigen Fachtagung »Wie erinnern? Bilden! Vernetzen! Motivieren!« beraten, die ebenfalls im Ministerium für Bildung und Kultur stattfand. In ihrem Impulsvortrag wies die Leiterin des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide, Dr. Christine Glauning, die 120 Tagungsteilnehmden auf die Notwendigkeit eines an den regionalen Gegebenheiten orientierten Konzeptes der Erinnerungsarbeit hin, in dem klar sein muss, an wen, wo und wie erinnert werden soll. Dem entsprach das Angebot der drei Workshops, die möglichst konkret das Thema Erinnerungsarbeit in seinen Facetten angingen.

So wurden in dem Workshop von Dieter Burgard, dem Vorsitzenden des Sprecherrats der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Rheinland-Pfalz, am Beispiel der Organisations- und Kommunikationsstruktur der rheinland-pfälzischen Landesarbeitsgemeinschaft die mögliche Konzeption einer gemeinsamen Kommunikations- und Öffentlichkeitsarbeit und die Vorteile einer gemeinsamen Interessenvertretung diskutiert.

Der von Dr. Eva Kell, Lehrbeauftragte für Fachdidaktik am Historischen Institut der Universität des Saarlandes, gemeinsam mit Marc-Oliver Richter, Ministerium für Bildung und Kultur, moderierte und mehrheitlich von Lehrerinnen und Lehrer besuchte Workshop zum Thema »Bausteine der Erinnerungsarbeit an Schulen« befasste sich unter anderem mit Fragen der erinnerungspädagogischen Lehreraus- und -fortbildung und der lehrplanbezogenen inhaltlichen Schwerpunkte der schulischen Erinnerungsarbeit. Darüber hinaus wurde auf Desiderate im Hinblick auf fächerübergreifende Konzepte und hinsichtlich einer zentralisierten Internetplattform für erinnerungspädagogische Unterrichtsmaterialien hingewiesen. Behandelt wurden auch zielgruppenspezifische Herausforderungen der schulischen Erinnerungsarbeit, beispielsweise die Frage, inwieweit die bisherige Erinnerungsarbeit jene Schülerinnen und Schüler erreicht, die ihre familiären Wurzeln nicht in Deutschland haben.

Dem Bereich der jugendorientierten Vermittlung in Gestalt von Führungen von Jugendlichen für Jugendliche war der von Beate Müller, Leiterin des »lernort geschichte« am Jugendhaus Stuttgart, geleitete dritte Workshop vorbehalten. Die dabei vorgestellten zeitgemäßen Formen der Vermittlung in schulischer und außerschulischer Bildung, die jugendorientiert, proaktiv, praxisbezogen, multimedial und auf die regionalen und lokalen Situationen bezogen sind, empfehlen sich auch als Leitmotive für eine zu erarbeitende Konzeption zur Erinnerungsarbeit im Saarland.

Aus den Ergebnissen der Tagung leitet der Runde Tisch Erinnerungsarbeit seine Arbeitsaufträge ab. »Wir befinden uns derzeit in einem offenen Prozess. Der Veranstaltungstag hat noch einmal deutlich gemacht, wie komplex die gesellschaftlichen, inhaltlichen und organisatorischen Herausforderungen der Erinnerungsarbeit sind und wie wichtig es demnach ist, auf das Know-how der einzelnen Erinnerungsakteure zurückgreifen zu können«, fasst Erik Harms-Immand den Tagungsverlauf zusammen. Das erste Arbeitstreffen des Runden Tisches nach der Gründung ist für Ende Mai dieses Jahres geplant.

 

Dr. Sabine Graf ist Mitarbeiterin der Landeszentrale für politische Bildung des Saarlandes und dort zuständig für das Thema Erinnerungsarbeit.