Henning Fauser

»Wie kann man die Erinnerung an die Deportation weitergeben?«

Gedenkstättenrundbrief 163 (10/2011) S. 30-37

DAS BEISPIEL DER GRUPPE DER ZWEITEN GENERATION IN LANGENSTEIN-ZWIEBERGE1

»Wie erzähle ich meinen Kindern von den Dingen, die in Langenstein-­Zwieberge2 geschehen sind?« Mit dieser Frage beginnt die Geschichte der Gruppe der Zweiten Generation. Es war der Sohn eines ehemaligen Häftlings dieses Lagers, der sie während einer Zusammenkunft in der Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge gestellt hatte. Beim ersten Treffen einer kleinen Gruppe von Menschen aus ganz Europa, das auf Einladung der Leiterin der Gedenkstätte im September 1998 stattfindet, dient die Frage als Leitidee.

Wie der Name der Gruppe vermuten lässt, handelt es sich bei ihren Mitgliedern vor allem um Kinder ehemaliger Häftlinge dieses Lagers. Dazu kommen mehrere Deutsche der gleichen Generation, die in der Umgebung beheimatet sind, einschließlich der Leiterin der Gedenkstätte und ihrer Stellvertreterin. Alle Beteiligten hatten sich während der Tage der Begegnung3 kennengelernt und wollten gemeinsam Antworten auf die oben genannte Frage suchen, finden und umsetzen. Im Laufe der Jahre erweitert sich die Gruppe schließlich um Enkel, Nichten und Neffen ehemaliger Häftlinge sowie um junge Deutsche aus der Region.4

Während ihres ersten Treffens – in den folgenden Jahren wird sich der Name Seminar der Gruppe der Zweiten Generation einbürgern – unternehmen die Teilnehmer Überlegungen zu den Zielen der Gruppe. Da sich die ehemaligen Häftlinge des Lagers ihrem achtzigsten Geburtstag nähern, stellt sich vor allem eine dringende Frage: Wie soll das, was diese Männer während ihrer Gefangenschaft in deutschen Konzentrationslagern erlitten haben, vermittelt werden, wenn sie als Zeitzeugen nicht mehr darüber berichten können? Welche Möglichkeiten hat die zweite Generation und welche Chancen liegen darin für sie? Nach langer Diskussion stellt sich diese internationale Gruppe zwei wesentliche Aufgaben: zum einen das Festhalten und Bewahren der Erinnerungen der letzten Überlebenden, zum anderen die Entwicklung und Gestaltung neuer Vermittlungsformen von Geschichte und Erinnerung.

Zur Verwirklichung der ersten Aufgabe führen die Mitglieder der Gruppe Interviews mit ehemaligen Häftlingen des KZ Langenstein-Zwieberge durch. Die Zeitzeugenberichte von 19 Deportierten aus fünf Ländern werden per Kamera aufgenommen, anschließend transkribiert und ins Deutsche übersetzt, um sie für die Dauerausstellung der Gedenkstätte nutzbar zu machen. Zur Erfüllung der zweiten Aufgabe wird die Durchführung von symbolischen Aktionen beschlossen. Diese verbinden die Vermittlung der Geschichte des KZ Langenstein-Zwieberge mit dem Erinnern an die dort begangenen Verbrechen, sollen sich jedoch von den traditionellen Formen des Gedenkens – Reden, Kranzniederlungen mit musikalischer Umrahmung usw. – abheben. Diese während der jährlichen Seminare der Gruppe der Zweiten Generation erdachten Aktionen werden im Rahmen der von der Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge organisierten »Tage der Begegnung« umgesetzt. Sie finden am historischen Ort statt und verweisen mit unkonventionellen Mitteln auf verschiedene Aspekte der Geschichte dieses Konzentrationslagers. Die Vermittlung historischer Fakten verbindet sich mit Erinnerungsprojekten, die als temporäre Aktionen am historischen Ort das Bild der Gedenkstätte immer wieder verändern und auch auf diese Weise Interesse für die Geschichte des Konzentrationslagers wecken.5 Von den zehn Aktionen der Gruppe der Zweiten Generation, die seit 2002 stattfanden, werden im Folgenden vier im Detail beschreiben.6

 

2003: »Dies ist ein Mensch«

In den Zeugenberichten der Überlebenden nehmen die täglichen Appelle eine zentrale Rolle ein. Häufig werden die langen Stunden des Wartens bei jeder Witterung erwähnt, wobei die Zählung der Inhaftierten sich in die Länge zog, wenn es Unterschiede zwischen der auf dem Papier errechneten und ihrer tatsächlichen Anzahl gab. Die der Aktion 2003 zugrundeliegende Idee war es, zu zeigen, dass diese in Lumpen gehüllten und von Hunger, Kälte und Ungeziefer geplagten Gestalten keine von den Nazis zugewiesenen Nummern, sondern Menschen waren.

Die Gruppe beschloss, 5 160 Holzstäbe auf der Fläche des ehemaligen Appellplatzes aufzustellen. Diese Zahl war nicht rein zufällig gewählt, sondern symbolisierte die Höchstzahl der gleichzeitig in diesem Lager inhaftierten Gefangenen, die am 18. Februar 1945 erreicht wurde.7 An jedem Holzstab wurde ein weißes Band mit der Aufschrift »Dies ist ein Mensch.« befestigt. Es handelte sich dabei um die Antwort auf die von Primo Levi gestellte Frage: »Ist das ein Mensch?«. Sie wurde in 33 Muttersprachen der Häftlinge dieses Lagers übersetzt und auf wasserfeste Stoffbänder geschrieben.

Seit Beginn des Jahres 2003 stellten Einzelbesucher und Gruppen die Holzstäbe auf dem ehemaligen Appellplatz auf und beschrieben die weißen Bänder in den verschiedenen Sprachen. Während der Eröffnung der Aktion im April 2003 trugen die Mitglieder der Gruppe der Zweiten Generation Primo Levis Gedicht »Ist dies ein Mensch?« in ihrer jeweiligen Muttersprache vor. Durch die Anzahl der Stäbe und die Vielfalt der Sprachen entstand bei den Besuchern der Gedenkstätte eine Vorstellung von der dort inhaftierten Menge von Menschen, deren unterschiedlicher Herkunft und Kultur. Daher war es nicht verwunderlich, dass dem Projekt ein großes Echo seitens der lokalen Bevölkerung zuteil wurde. Es ist wahrscheinlich, dass die von dieser symbolischen Aktion angesprochenen Besucher zu ähnlichen Überlegungen gelangten, wie sie der Sohn eines ehemaligen italienischen Häftlings bei der Gedenkveranstaltung zur Einweihung der Aktion geäußert hatte: »Sie waren weder Nummern noch ›Stücke‹, zu denen die Nazis sie herabsetzen wollten. Dies waren ­Menschen!«

 

2005: Der Todesmarsch

Es sei daran erinnert, dass im Februar 1945 fast 6 000 Männer im »großen« und im »kleinen Lager« von Langenstein-Zwieberge gefangen gehalten werden. Während der folgenden Wochen steigt die Zahl der Toten beständig. Es sind Dutzende pro Tag. Am 9. April 1945 – während des letzten Appells – beläuft sich die Zahl der Häftlinge auf ca. 4 900. Beim Herannahen der amerikanischen Armee werden 3 000 Männer von der SS auf einen »Evakuierungsmarsch« in Richtung Osten getrieben. Dieser wird für mehr als 80 Prozent der Häftlinge zum »Todesmarsch«.

Während des Seminars der Gruppe der Zweiten Generation im September 2004 wird daher der Entschluss gefasst, das nächste Projekt dem Andenken der Männer zu widmen, die Opfer des »Todesmarschs« wurden. Diese Tragödie während der letzten Tage des Dritten Reiches forderte unter den Häftlingen mehr Tote als ein Jahr Zwangsarbeit im Stollen und Elend im Lager. Zudem ist ein Großteil dieser Opfer nicht einmal namentlich bekannt, da sie oftmals eilig am Rande einer Landstraße verscharrt und später mit den Opfern anderer »Räumungstransporte« in Massengräbern beerdigt wurden oder aber nach einer erfolgreichen Flucht noch an Hunger und Erschöpfung starben. Einige Angehörige suchen bis heute nach deren Spuren und dem Ort der letzten Ruhe.

Für die Umsetzung ihres Plans entwickelt die Gruppe der Zweiten Generation eine Idee, die an die symbolische Aktion des Jahres 2003 anknüpft. Auf den ersten 500 Metern dieser Marschstrecke von 320 km werden 3 000 Holzstäbe mit weißen Tafeln aufgestellt. Da nur wenige Namen von Todesopfern bekannt sind, können nur auf einigen Tafeln der Name, das Geburtsdatum sowie Ort und Todestag eines Opfers vermerkt werden. Andere Schilder tragen die schon von der vorletzten Aktion bekannte Aufschrift »Dies ist ein Mensch«. Auf wiederum anderen Tafeln sind Auszüge aus Berichten von Überlebenden sowie von Einwohnern der Städte und Dörfer, die von den Kolonnen des »Todesmarsches« durchquert wurden, zu lesen. Eine große Tafel im Seminarraum der Gedenkstätte ergänzt diese Aussagen mit Informationen über den Weg der Marschkolonnen und die Begräbnisorte der Opfer. Während des Jahres 2005 wird diese Informationstafel durch Biografien von Häftlingen ergänzt, die während der »Evakuierung« starben, wie auch durch Berichte von Besuchern der Gedenkstätte, die im April 1945 Zeugen des »Todesmarsches« waren.

Die Aktion 2005 beginnt am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Zu diesem Zeitpunkt stehen erst 25 Holzstäbe mit Namens­tafeln von Todesopfern, geschmückt mit roten Rosen. Vor dieser Gedenkfeier erinnern Unterstützer und Förderer der Gedenkstätte mit Auszügen aus Zeugenberichten der Überlebenden des »Todesmarsches« an die Evakuierung des Lagers. Im Laufe der nächsten Wochen werden vor allem Schüler die restlichen 2975 Schilder aufstellen.

Am 9. April 2005, dem 60. Jahrestag des erzwungenen Abmarsches der Häftlinge, ist die Aufstellung beendet. Die Teilnehmer der »Tage der Begegnung« folgen danach der Strecke des Marsches und gedenken an verschiedenen Orten der Opfer. In der Lutherstadt Wittenberg, von einer Häftlingskolonne am 21. April 1945 durchquert, erinnert ein Überlebender daran, dass Dutzende Häftlinge im Zentrum dieser Stadt von ihren Bewachern blindwütig ermordet wurden – ein Ereignis, das bisher keinen Platz im kollektiven Gedächtnis dieser Stadt gefunden hat.

Die Informationstafel mit den Angaben über den »Todesmarsch« hat ihren Platz in der Dauerausstellung der Gedenkstätte gefunden. Sie wird bis zum heutigen Tage mit Informationen, die aus unterschiedlichen Archiven stammen oder von Angehörigen ehemaliger Häftlinge übermittelt werden, ergänzt.

 

2007: Die Aktion »Gedenksteine«

Am 10. Januar 1945 verlässt eine kleine Gruppe von Häftlingen unter SS-Bewachung das Lager. Auf einer Anhöhe in der Nähe des Lagers müssen sie eine breite Grube ausheben. In diese, und fünf weitere, werden die Leichen der meisten Lagerinsassen geworfen, die in den letzten Wochen des Bestehens des KZ und nach der Befreiung sterben. Bis zu diesem Zeitpunkt ließ man die Leiber aller Toten im städtischen Krematorium der nur wenige Kilometer entfernt gelegenen Stadt Quedlinburg verbrennen. Durch den rapiden Anstieg der Zahl der Todesopfer reicht dessen Kapazität jedoch nicht mehr aus. So werden schließlich mindestens 772 Tote in den Massengräbern verscharrt.

Im September 1949, wenige Wochen vor Gründung der DDR, wird an diesem Ort ein erstes Denkmal eingeweiht. Der Franzose André Leroy, Überlebender des KZ Buchenwald und später Generalsekretär der Fédération Internationale des Résistants (FIR), ist einer der Redner während der Gedenkfeier.

19 Jahre später ersetzt man das Denkmal durch ein Mahnmal. Aufgrund seiner großen Fläche wird ihm außer der Funktion eines Gedenkortes die eines Versammlungsplatzes für antifaschistische Kundgebungen zukommen. In den Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung beginnt die Diskussion über die Zukunft des Mahnmals. Neben seiner monumentalen Erscheinungsform wird kritisiert, dass die Massengräber nicht als der Mittelpunkt des Mahnmals erkennbar und die mittlerweile recherchierten Namen der an diesem Ort ruhenden Opfer nirgends sichtbar sind. Die Namen und Lebensdaten der Toten an ihrer Grabstätte lesen zu können, ist jedoch für jene Menschen von enormer Bedeutung, die dort ein Familienmitglied oder einen Freund verloren haben und unterstützt zudem die Bildungsarbeit der Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge. Der Wille zur Umgestaltung des Mahnmals reift am Ende der 1990er Jahre, die endgültige Entscheidung lässt jedoch auf sich warten.

In der Absicht, die Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge zu unterstützen, entscheidet sich die Gruppe der Zweiten Generation dafür, die Öffentlichkeit auf diesen Zustand aufmerksam zu machen. Während der Tage der Begegnung 2007 beginnen ihre Mitglieder eine neue Aktion, diesmal unter Mithilfe von Jugendlichen aus der Region. Diese neue Aktion hat zum Ziel, die Namen von 772 in den Massengräbern ruhenden Opfern erstmals für die Öffentlichkeit lesbar zu machen.

Während des gesamten Jahres nehmen 68 Gruppen und zahlreiche Einzelbesucher an dieser Aktion teil, indem sie Namen und Lebensdaten der Opfer auf Sandsteine schreiben. Diese Steine stammen aus dem unterirdischen Stollensystem, das die Häftlinge des Lagers in den Jahren 1944 und 1945 in die Thekenberge treiben mussten. Nachdem sie ihre »Gedenksteine« an den Massengräbern niedergelegt haben, nutzen viele Teilnehmer die Gelegenheit, ihre Gedanken und Gefühle in einem dafür vorgesehenen Buch festzuhalten.

Im April 2011, vier Jahre nach Beginn der Aktion, wird schließlich das umgestaltete Mahnmal eingeweiht. Basierend auf dem Gestaltungsentwurf von Johann-Peter Hinz, den sein Sohn Jakob nach dessen Tod weiterführte, erinnert jeweils ein Grabhügel mit Steinen aus den Stollen unter den Thekenbergen an die sechs sich an diesem Ort befindlichen Massengräber. Um diesen Begräbnisort herum wurden die ersten 75 von 772 Gedenkplatten mit Name, Geburts- und Todesdatum der dort verscharrten Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge angebracht.

Außer den Angehörigen und Kameraden der dort ruhenden Toten sind es Bewohner der Region, die für die Finanzierung dieser Gedenkplatten gespendet haben. Einige von ihnen wendeten sich an die Archive des Roten Kreuzes, um mehr über den Menschen zu erfahren, dessen Namen und Schicksal sie dem Vergessen entreißen wollen. Um schließlich die Namen sämtlicher dort ruhender Opfer an ihrem Begräbnisort zu nennen, werben die Gedenkstätte und ihr Förderverein weiterhin um Spenden für die Gedenkplatten.8

2010: Der Weg der Häftlinge

Anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge im April 2010 entscheidet sich die Gruppe der Zweiten Generation dafür, die Aufmerksamkeit erstmals auf bedeutende Orte außerhalb des Lagers zu lenken: den Bahnhof von Langenstein, das alte Spritzenhaus der Feuerwehr und die »Feldscheune«. Der Bahnhof war der Ankunftsort der Häftlinge, bevor sie das Dorf in Richtung des Lagers durchquerten. Am 18. April 2011 findet auf diesem Weg ein Gedenkmarsch mit mehreren Stationen statt, an denen eine Pause eingelegt wird, um Erinnerungsberichte vorzutragen, die von diesen Orte erzählen.

Nach dem Bahnhof ist dies das alte Spritzenhaus der Feuerwehr, in dem geflohene Häftlinge nach ihrer Wiederergreifung eingesperrt wurden. Die dritte Lesung findet vor der ehemaligen »Feldscheune« statt, in welcher die Häftlinge vor dem Bau des Lagers untergebracht waren. Den nächsten Halt legen die ungefähr 250 Teilnehmer des Marsches vor dem Gedenkstättengebäude ein. An dieser Stelle bogen am 9. April 1945 die Kolonnen des »Todesmarsches« aus dem Lager kommend in Richtung Quedlinburg ab. Den Abschluss der Aktion bildet eine Lesung am Mahnmal der Gedenkstätte.

Wie in den vorhergehenden Jahren setzt auch diese Erinnerungsaktion auf die Beteiligung der lokalen Bevölkerung. So begleiten viele Langensteiner wie auch Bewohner anderer Orte der Region die ehemaligen Häftlinge und ihre Angehörigen auf dem Marsch vom Bahnhof zum Mahnmal der Gedenkstätte. Innerhalb des Dorfes ist dieser Weg gesäumt von Plakaten mit einem Vergissmeinnicht, dem Symbol der Gruppe der Zweiten Generation.

 

Fazit

Es steht außer Zweifel, dass all jene, die die Geschichte des Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge kennen – und erst recht jene, die sie durchlebt haben – diesen Ort mit anderen Augen sehen als jemand, der zum ersten Mal dorthin kommt. Wahrscheinlich bemerkt dieser Besucher zunächst die schöne Landschaft, deren Kontrast zum Grauen des Lagers von den Überlebenden mit Ergriffenheit beschrieben wurde. Es sind jedoch so gut wie keine Überreste des Lagers vorhanden. Nur die von den Häftlingen gegrabenen Stollen, von denen ein Teil seit dem Jahre 2005 für die Besucher zugänglich ist, können eine Vorstellung von den Schrecken geben, die die Häftlinge an diesem Ort erlitten.

Gewiss liefern die Dauerausstellung der Gedenkstätte und die Informationstafeln, die die Besucher auf den Spuren der Geschichte dieses Lagers leiten, viele Informationen. Neben der historischen Aufklärung hat sich jedoch die Kunst als Medium der Vermittlung erwiesen, das es ermöglicht, den Angehörigen nachfolgender Generationen zu verdeutlichen, was den Häftlingen an diesem Ort widerfuhr. Ehemalige Häftlinge des Lagers und deren Familienangehörige wie auch Mitarbeiter und Unterstützer der Gedenkstätte haben dabei ihre Empfindungen und Gedanken mittels Gedichten, Zeichnungen und in einem Theaterstück zum Ausdruck gebracht.

Die Mitglieder der Gruppe der Zweiten Generation, die zu eben diesen Menschen gehören, die mit der Geschichte des Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge vertraut sind, gehen jedoch einen Schritt weiter, indem sie das Künstlerische mit dem Symbolischen verbinden. Zudem beziehen ihre Aktionen die Besucher der Gedenkstätte, die zum Großteil aus der näheren Umgebung kommen, mit ein, wodurch Beteiligung und bürgerliches Engagement eine maßgebliche Rolle spielen. Indem sie auf die Wirkung der Neugier setzen, sollen ihre temporären Aktionen zum Nachdenken anregen. Daraus resultiert zum einen die individuelle Bewusstwerdung des Schicksals der Männer, die damals an diesem Ort litten, woraus wiederum ein Mitgefühl ihnen gegenüber erwächst. Zum anderen aktiviert es das bürgerliche und demokratische Engagement in der Welt von heute.

Im Oktober wird sich die Gruppe der Zweiten Generation in der Gedenkstätte Langen­stein-Zwieberge zu ihrem nächsten Seminar zusammenfinden. Man kann gespannt darauf sein, wie die Ideen und Projekte dieser Menschen unterschiedlichster Herkunft die Arbeit der Gedenkstätte auch in den kommenden Jahren bereichern werden.

 

Henning Fauser9 ist Doktorand an der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne und an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er nimmt seit 1999 an den Tagen der Begegnung teil und forscht zur Geschichte des KZ Langenstein-Zwieberge.

 

 

 

 

1 Dieser Artikel ist im Dezember 2009 unter dem Titel «Comment transmettre la mémoire de la Déportation? L’exemple du Groupe Deuxième Génération à Langenstein-Zwieberge» in Mémoire Vivante, dem Magazin der Fondation pour la Mémoire de la Déportation (Paris), erschienen. Für die vorliegende deutsche Übersetzung wurde er überarbeitet und aktualisiert.

2 Langenstein-Zwieberge (Codenamen: »B 2« und »Malachit«) war ein Außenkommando des KZ Buchenwald. Vom April 1944 bis zum April 1945 waren hier insgesamt mehr als 7 000 Männer aus mindestens 23 Ländern inhaftiert.

3 Die Tage der Begegnung werden seit 1991 jedes Jahr im April anlässlich der Befreiung des KZ Langenstein-Zwieberge ausgerichtet. Neben Gedenkveranstaltungen an den Gräbern der Todesopfer des Lagers werden dabei Gesprächsrunden von ehemaligen Häftlingen mit Schülern, Auszubildenden und Studenten der Region organisiert. An einem Nachmittag finden zudem Begegnungen von ehemaligen Häftlingen und ihren Familienangehörigen mit in Langenstein beheimateten Familien statt.

4 Neben Deutschland kommen die Mitglieder der Gruppe der Zweiten Generation aus Frankreich, Italien, Lettland, den Niederlanden, Polen, Russland, der Ukraine und Weißrussland.

5 Die Gedenkstätte befindet sich in einem jederzeit frei zugänglichen Gelände und grenzt an Wandergebiete.

6 Auf der Website der Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge werden alle Aktionen der Jahre 2002 bis 2010 beschrieben und mit Bildern veranschaulicht:

  www.sachsen-anhalt.de/LPSA/index.php?id=35741

7 Diese Zahl bezieht sich nur auf die Häftlinge des sogenannten »großen Lagers«. Das »kleine Lager« (»Junkerslager«), zu Beginn des Jahres 1945 innerhalb des »großen Lagers« errichtet, erreichte die höchste Anzahl von Gefangenen mit der Ankunft des letzten Großtransportes am 22. Februar 1945. Mit seinen 852 Gefangenen und den 5 124 Häftlingen im »großen Lager« belief sich die an diesem Tag erreichte Höchstzahl somit auf 5 976 Inhaftierte.

8 Die Anfertigung und Anbringung einer Platte kosten etwa 150 €. Wenn Sie dieses Projekt unterstützen wollen, spenden Sie bitte auf folgendes Konto: Spendenkonto des Fördervereins für die Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge, Stichwort: »Gedenkplatte«, Kontonr. 301 751 668 – Bankleitzahl 810 520 00 – Harzsparkasse.

9 Henning Fauser nimmt seit 1999 an der Tagen der Begegnung teil und unterstützt deren Ablauf als Übersetzer. Neben seiner Dissertation in Doppelbetreuung durch Annette Wieviorka (Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne) und Dorothee Röseberg (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg), die den Deutschlandbildern ehemaliger französischer KZ-Häftlinge gewidmet ist, beschäftigt er sich mit der Geschichte der Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge und Halberstadt. Sein Dank gilt Birgit Apfelbaum, Arnaud Boulligny und Nicole Mullier für die Korrektur des Artikels in seiner französischen Version sowie Ellen Fauser für ihre Hinweise und Anregungen zur deutschen Übersetzung.