Wulff Eberhard Brebeck (1946–2011)
Gedenkstättenrundbrief 163 (10/2011) S. 38-40Als Wulff E. Brebeck 1981 die Leitung des Kreismuseums Wewelsburg im Kreis Paderborn übernahm, fand er sich inmitten einer lang andauernden Debatte über den Umgang mit der Geschichte der Burg und des Ortes wieder, die paradigmatisch für die Diskussionen der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit zu sehen ist. Zwar hatte der zuständige Kreistag 1977 beschlossen, die bis dahin weitgehend verdrängte Geschichte der Wewelsburg 1933 bis 1945 erforschen zu lassen und die Ergebnisse der Forschung in einem Buch und einer dokumentarischen Ausstellung zugänglich zu machen. Gleichzeitig wurde ein Gedenkstein auf der vier Kilometer entfernten Kriegsgräberstätte Böddeken errichtet, auf dem auch Waffen-SS-Angehörige bestattet sind. Dagegen sperrte man sich heftig gegen die Errichtung eines Mahnmals in Wewelsburg, das an die Funktion der Burg als Kultstätte der SS und an das in unmittelbarer Nähe errichtete Konzentrationslager Niederhagen erinnern sollte.
1982, also innerhalb einer sehr kurzen Frist, wurde die von Wulff Brebeck konzipierte dokumentarische Ausstellung »Wewelsburg 1933–1945. Kult- und Terrorstätte der SS« im ehemaligen Wachgebäude der SS am Burgplatz eröffnet, basierend auf den gerade veröffentlichten Forschungsergebnissen des Paderborner Historikers Professor Dr. Karl Hüser. Die Ausstellung zog viel Aufmerksamkeit auf sich, und die Wewelsburg wurde zum Ort des Gedenkens und Erinnerns.
Dies forderte von Wulff Brebeck die Entwicklung einer fundierten Gedenk- und Erinnerungspraxis, an deren theoretischer und reflexiver Fassung er seit den 1980er Jahren wesentlich Anteil hatte, so im Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen im Rahmen von bundesweiten und internationalen Gedenkstättenseminaren oder bei Fachtagungen.
Ergebnisse solcher Treffen spiegeln sich in von Wulff Brebeck mit herausgegebenen Publikationen zur Arbeit und der Rolle von Kunst in Gedenkstätten im internationalen Überblick1. Gleichzeitig unterstützte er die Kooperation der sich im Bundesland NRW seit 1980 etablierenden Gedenk- und Dokumentationszentren in unterschiedlicher Trägerschaft, unter anderem als Gründungsmitglied des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen e.V.2 im Jahr 1994. In einem Übersichtsartikel bilanzierte er die »Gedenkstätten für NS-Opfer im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik Deutschland«3 (den er nach der Wiedervereinigung um die kritische Betrachtung der Mahn- und Gedenkstätten der ehemaligen DDR erweiterte4) – Folien, mit Hilfe derer auch die Bedeutung der so kleinteiligen Gedenkstättenlandschaft des bevölkerungsreichsten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen verständlich wird.
Zu Wulff Brebecks Aufgaben als Leiter des Kreismuseums gehörte auch die Konzipierung einer Dauerausstellung zur Geschichte des Hochstifts Paderborn, ein Projekt, dessen Ergebnisse 1996/2001 in 29 Ausstellungsräumen in der Wewelsburg ein spannendes Narrativ entfaltete. Die vom Historischen Museum des Hochstifts Paderborn herausgegebenen umfassenden Forschungsergebnisse sind in 24 seit 1998 von Wulff Brebeck redaktionell betreuten Heften nachzulesen. Ebenso verantwortete Wulff Brebeck eine bis 2009 zugängliche kleine Ausstellung zu »Deutsche in Ostmitteleuropa«.
Seine Funktion als Museumsleiter, dessen Einrichtung per Nutzung, nicht aber per definitionem zur Gedenkstätte wurde, fundierte seine Forderung, Gedenkstätten sollten sich als historische Museen verstehen. Für deren bewusste Musealisierung sah er mehrere Gründe: Tatsächlich seien die Orte von Gedenkstätten nur eingeschränkt als »authentisch« zu bezeichnen. Vielmehr »sind sie fast immer das Ergebnis einer bewussten partiellen Rückgängigmachung des historisch Überlieferten.«5 Die Orte selbst – das haben Studien gezeigt – zeitigten »weder emanzipatorische noch kathartische Wirkungen«. Vielmehr seien es die ausgewählten Inhalte in den Dauerausstellungen und deren Vermittlung, die die Orte zu Gedenk- und Erinnerungsorten machten. Schon die historisch angemessene und exemplarische Repräsentation der Ereignisse, die die seit den 1990er Jahren erarbeiteten Ausstellungen in Gedenkstätten auszeichneten, verwiesen auf Gedenkstätten als historische Museen neuen Typs.
Dieser Ansatz veranlasste Wulff Brebeck auch, an der Gründung einer eigenen Abteilung International Commitee of Memorial Museums for the Remembrance of Public Crimes, kurz: IC Memo genannt, im International Commitee of Museums bei der UNESCO mitzuwirken, deren erster Präsident von 2001 bis 2007, danach Ehrenpräsident er bis zu seinem Tod am 10. Juni dieses Jahres war. In dieser Funktion und als Leiter des Kreismuseums Wewelsburg trat er am Ort der von ihm und seinem Team in zehnjähriger Arbeit vollständig neu konzipierten und um ein Vielfaches erweiterten Ausstellung »Wewelsburg 1933–1945 – Ideologie und Terror der SS« vom 6. bis 9. September 2010 auf der dort veranstalteten Tagung von IC Memo zu »Perpetraitors: Challenges and Chances of Presentation in Memorial Museums« noch einmal öffentlich auf und präsentierte diesen sichtbaren Teil seines Lebenswerks. Die konzeptionellen Neuansätze der Dauerausstellung und der in ihr präsentierten multiperspektivischen Geschichtserzählung (unter anderem in Form der musealen, kontextualisierten Präsentation originaler Objekte der SS und Realien aus dem Konzentrationslager, unterschiedlicher biografischer Zugänge zu Opfern und Tätern6) wurden auf nationaler und internationaler Ebene gewürdigt.7
Obwohl Wulff Brebeck für die Musealisierung plädierte, war seine Praxis in Wewelsburg auch von der Notwendigkeit der historisch-politischen Aufklärung geprägt. Dies hat zwei Gründe: Die Thematisierung der Wewelsburg als ideologisches Zentrum der SS machte die Burg zum Ziel neonazistischer Pilgerschaft und der Aggression, die sich in erster Linie gegen zu unterschiedlichen Zeiten entstandene mehr oder weniger offizielle Gedenktafeln richtete. Während diese Auseinandersetzungen wegen der intellektuellen und mentalen Unzugänglichkeit ihrer Protagonisten nicht wirklich lösbar sind, liest sich eine andere langandauernde Auseinandersetzung, nämlich die Erinnerung an das frühere Konzentrationslager Niederhagen in der Rückschau wie eine gelungene Lerngeschichte einer kleinen dörflichen Gemeinde. Nicht nur der Kreistag, sondern auch die Dorfgemeinschaft hatte sich lange gegen ein Mahnmal gesträubt. Erst als von jungen Leuten aus der Gemeinde am Tag der Befreiung des kleinsten selbstständigen Konzentrationslagers Niederhagen am 2. April 1998 ein provisorisches Mahnmal zur Erinnerung an die 1 285 Toten der 3 900 Häftlinge aus ganz Europa errichtet wurde, fand sich deren politische Spitze ab dem Jahr 2000 bereit, Gedenkfeier und Mahnmal zu institutionalisieren.
Wulff Brebeck ließ es sich nicht nehmen, zur Eröffnung der Ausstellung »NS-Zwangsarbeit in Oberhausen« am 15. November 2010 in die Gedenkhalle Oberhausen zu kommen, dessen Fachbeirat er zwei Jahre angehörte. Immer war ihm die Beratung und die kollegiale Kommunikation ein besonderes Anliegen gewesen.
Dieser kleine Ausschnitt eines von Engagement und Produktivität gekennzeichneten Arbeitslebens in einem schwierigen Tätigkeitsfeld spiegelt nur einige Facetten einer gebildeten, klugen, ausgeglichenen und ausgleichenden Persönlichkeit. Die Diskussionen mit ihm, seine Fragen und seine Positionen werden seinen Kollegen fehlen ebenso wie seinen Freunden sein herzliches Lachen und seine Anteilnahme. Wulff Brebecks Krankheit wurde eine Woche vor Vollendung seines 63. Lebensjahres am 12. September 2009 diagnostiziert. Er starb in der Nacht vom 10. Juni 2011.
1 Vgl. dazu die von Wulff E. Brebeck u.a. herausgegebene Nachbereitung des im November 1985 vom Gedenkstättenreferat der Aktion Sühnezeichen unter Leitung von Thomas Lutz in der Evangelischen Akademie Berlin durchgeführten internationalen Gedenkstättenseminars, das dieses Thema zentral behandelte: Wulff E. Brebeck, Angela Genger u.a. (Hg.): Zur Arbeit in Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus – ein internationaler Überblick, Berlin 1988; das Folgeseminar in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz nahm das Thema wieder auf. Vgl. Thomas Lutz, Wulff E. Brebeck, Nicolas Hepp (Hg.), Über-Lebens-Mittel. Kunst aus Konzentrationslagern und in Gedenkstätten für Opfer des Nationalsozialismus, Marburg 1992.
2 Name seit 2010: Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW.
3 In: Den Opfern gewidmet – Auf Zukunft gerichtet. Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in Nordrhein-Westfalen, Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten NRW e.V. (Hg.), Düsseldorf 1993, S. 6–23.
4 Ebd., Düsseldorf, 4. überarb. u. erw. Aufl. 1998, S. 8–33.
5 Wulff E. Brebeck, Die bewusste Musealisierung der Gedenkstätten als Zukunftsaufgabe. Ein Blick zurück, in: GedenkstättenRundbrief 100/4/2001, S. 64ff.
6 Wulff E. Brebeck: Wewelsburg 1933–1945. Ansätze und Perspektiven zur Neukonzeption der Dauerausstellung, in: Erinnerungsarbeit kontra Verklärung der NS-Zeit. Vom Umgang mit Tatorten, Gedenkorten und Kultorten, Wulff E. Brebeck und Barbara Stambolis (Hg.), München 2008, S. 119–141.
7 www.nw-news.de/videos/?bcpid=22083985001&bckey=AQ~~,AAAAAfh0UeE~,L-FIzEGTw30ROXxs36QsQVy9TaIxa5zP&bclid=21900694001&bctid=799113108001


