Thomas Kersting

Zwangsverwaltet

Gedenkstättenrundbrief Nr. 186 (6/2017) S. 23-26

DIE ADREMA-KARTEI VOM LAGER SEBALDUSHOF BEI TREUENBRIETZEN IN BRANDENBURG

Die Archäologische Denkmalpflege ist – genau wie in den ur- und frühgeschichtlichen Perioden – gerade auch für die Epoche der jüngeren Geschichte auf Hinweise interessierter Bürger angewiesen, fehlt doch eine systematische Erfassung von Bodendenkmalen dieser Zeit von historischer Seite. Der 2012 mit dem Brandenburgischen Denkmalpflegepreis ausgezeichnete Helmut Päpke aus Treuenbrietzen, widmete sich in fast 30jähriger Beschäftigung diesem Thema am Beispiel des Sebaldushofes nördlich von Treuenbrietzen. Er wurde 1805 als Papierfabrik errichtet, Ende der 1920er-, Anfang der 1930er-Jahre aber entstand auch hier eine Munitionsfabrik, das sogenannte Werk A, in welchem von 1942 bis zur Befreiung am 21. 4. 1945 zahlreiche Zwangsarbeiter zur Arbeit gezwungen wurden. Sie waren in einem nahegelegenen Lager für Kriegsgefangene und aus dem KZ Sachsenhausen abgeordnete Insassen gefangen.

Als langjährigem Geschichtslehrer am Treuenbrietzener Gymnasium gelang es Helmut Päpke in einer Geschichtswerkstatt mehrere Schülergenerationen für sein Thema zu begeistern. Die Recherchen zu den Orten und den dort gefangengehaltenen Menschen wurden durch Schüler schriftlich zusammengefasst und in mehreren Beiträgen 2003 zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten eingereicht. Am Ort des Lagers Sebaldushof wurde in Abstimmung mit der Forstbehörde ein Rundgang im Wald eingerichtet, Informationstafeln errichtet und eine kontinuierliche Pflege und Schutz der Bodendenkmalsubstanz sichergestellt. Eine besondere Dimension gewinnen diese Aktivitäten durch den Umstand, dass in den letzten Kriegstagen ganz in der Nähe bei Nichel 131 italienische Militärinternierte ermordet wurden, die auch im Sebaldushof arbeiten mussten. Durch das jährliche Gedenken an diese Opfer kam eine Städtepartnerschaft zwischen Treuenbrietzen und Chiaravalle bei Ancona, dem Heimatort eines der Überlebenden zustande.

Die vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege als Bodendenkmale geführten Zwangsarbeiter- oder Gefangenenlager-Standorte sind während der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus entstanden. Da das Terrorregime die Schaffung und Erhaltung von Beweismaterialien bewusst vermieden hat, liegt hier eine atypische Quellenlage vor, da nur wenige schriftliche Quellen, Pläne, Karten und Bildmaterial existieren. Wegen des zeitlichen Abstands ist auch das Versiegen mündlicher Quellen absehbar. Somit sind die im Boden erhaltenen Funde und Befunde ein unverzichtbares Zeugnis der Handlungen sowohl der Opfer als auch der Täter. Mit dem Bodendenkmal ist darüber hinaus ein außerordentlicher Anschauungs- und Demonstrationswert verknüpft. Dieser überragenden wissenschaftlichen, geschichtlichen und vor allem aber auch gesellschaftlichen Bedeutung war sich Helmut Päpke bewusst, und er hat sich persönlich neben den Aktivitäten am Ort mehrfach an die zuständigen Denkmalschutzbehörden gewandt, und damit entscheidend dazu beigetragen, dass die genannte Anlage in die Denkmalliste des Landes Brandenburg eingetragen wurde. Dies alles geschah ohne einen »Spatenstich« oder archäologische Untersuchungen, lediglich ein Luftbild von 1945 zeigt noch die komplette Lagerbebauung, von der heute obertägig fast nichts mehr vorhanden ist – nur das Digitale Geländemodell (DGM) lässt die Strukturen wie Werkshallen- und Barackenstandorte sowie Splitterschutzgräben deutlich erkennen.

Immerhin hatten die Schüler bei den Pflegeaktionen im Wald im Bereich der Lagerverwaltung knapp 100 kleine Metallplättchen mit Namen, Adressen, Geburts- und anderen Daten gefunden und auf eine Tafel montiert. Ihre Anzahl konnte bei Begehungen in den letzten beiden Jahren durch den Ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger Sieghardt Wolter und bei einer gezielten amtlichen Nachgrabung noch mal um das vierfache vermehrt werden.

Es handelt sich bei diesen 11,5 mal 5 cm großen Platten um sogenannte Adrema-Matrizen, die einen »analogen Datenspeicher« bilden, dessen Daten maschinell mit einer Adressiermaschine (ADREMA) – auch in Auswahl – ausgedruckt werden konnten.

Das System ADREMA beruht auf der Automatisierung wiederholter Schreibarbeiten mit Führung eines zentralen Registers – vollautomatische Maschinen leisten das Hundertfache des handschriftlichen Adressierens, also ideal für alle größeren Betriebe und Verwaltungen. Es arbeitet mit Metallplatten, in die Anschriften und andere kurze Daten eingeprägt sind und die in laufender Folge zum Abdruck benutzt werden. Der Arbeitsablauf ist vollkommen mechanisch und kann schnell und zuverlässig von einer einfachen Hilfskraft bewältigt werden. Der Abdruck entspricht der Schreibmaschinenschrift, denn ADREMA arbeitet mit Metallbuchstaben und Farbband wie eine Schreibmaschine. Die Prägung der Texte erfolgt auf einer Prägemaschine, die Prägevorlagen konnten die Betriebe selbst herstellen oder bei größeren Mengen direkt bei der Firma ADREMA in Auftrag geben. Dafür unterhielt sie in Berlin und in der ganzen Welt Prägestellen; allein in der Berliner Zentrale konnten täglich 50 000 solcher Platten geprägt werden. Die Metallplatten konnten am oberen Rand (der entsprechende Aussparungen aufweist) mit bis zu 12 aufsteckbaren Reitern versehen werden, um beim Druckvorgang zu bestimmen, welche Datenauswahl auf den Ausdruck gelangt. Der Erfinder dieses Systems zur Adressierung von Massenbriefen, Julius Goldschmidt, hatte 1913 in Berlin die ADREMA-Maschinenbaugesellschaft gegründet. 1935 sah er sich als Jude in Deutschland gezwungen, die Firma zu verkaufen und zu emigrieren. Zumindest bis in die 1950er Jahre waren solche Maschinen in Gebrauch.

Die 300 bislang gefundenen ADREMA-Platten vom Sebaldushof enthalten offenbar Daten der Firmenmitarbeiter der Munitionsfabrik Werk A, in damaliger Diktion der »Gefolgschaft« – zu der nicht nur Leitung, Verwaltung und reguläre Arbeiter gehörten – sondern auch die dort seit 1942 eingesetzten Zwangsarbeiter. Die Stücke sind unterschiedlich gut lesbar, manche wirken fast wie neu, andere sind stark verkrustet, offenbar auch durch Einfluss von Brand und Lagerung in Asche. Oft ist durch scharfe Einprägung die Rückseite gespiegelt besser zu lesen. Wenige Stücke sind ungeprägt, andere lassen eine mehrfache Überprägung, also Wiederbenutzung erkennen. Manchmal ist die Oberfläche so gut erhalten, dass in ganz feiner Prägung eine offenbar voreingeprägte Zeilen- und Spaltennummerierung zu erkennen ist, oben links auf dem Rahmen ein Kreuz in einem Kreis und rechts die Abkürzung D.R.P. für Deutsches Reichspatent.

Erfasst sind im zentralen Hauptfeld neben Vor- und Familiennamen eine laufende Nummer (bis knapp an die 10 000), und, falls es sich um deutsche Mitarbeiter handelt, eine Adresse meist aus der näheren Umgebung im hohen Fläming.

Bei den ausländischen Zwangsarbeitern steht hier eine Einsatzortangabe, wie – in den meisten Fällen – »Treuenbrietzen Sebaldushof«, »Treuenbrietzen Lager« oder »Kriegsg. Lager«, aber auch »Belzig Lager« oder »Belzig Stelterhof«. Anscheinend wurde dieses Lager von hier aus mitverwaltet. Im Hauptfeld findet sich häufig eine Berufsbezeichnung, auch bei ausländischen Zwangsarbeitern: Stellmacher, Feinmechaniker, Metallpol., Schlosser, Dreher, Arbeiter, Arbeiterin, Masch. Arbeiterin, Hilfsarbeiterin, Sortiererin, Küchenhilfe. Auch für einige wenige deutsche Beschäftigte – anscheinend mit speziellen Funktionen wie Schlosser, Wachmann, KHD-Maid oder ähnliche – ist als Adresse eines der genannten Lager angegeben.

In ein bis zwei Zeilen am oberen Rand sind Nummer und Familienname, Geburtsort und -Datum, manchmal das Heimatland, offenbar das Datum der Arbeitsaufnahme (bei den Zwangsarbeitern Daten der 1940er-Jahre, bei deutschen Mitarbeitern meist früher) und – bei Deutschen wie Ausländern – der Familienstand (etwa: vh/2: verheiratet, zwei Kinder) erfasst. Diese Angaben sind aber nie gleichermaßen vollständig enthalten. Interessanterweise treten bisweilen auch Angaben staatlicher Funktionen oder Untergliederungen wie etwa Pg. (Parteigenosse), DAF (Deutsche Arbeitsfront), HJ (Hitlerjugend), K.H.D. Maid (Kriegshilfsdienst) hinzu.

Am rechten Rand befinden sich offenbar tarifliche Angaben, eventuell ein Stundenlohn, in numerischer Form vermutlich in Reichsmark, fast immer mindestens zwei bis drei Angaben im Bereich von 0,39 bis 0,42 bei den Frauen sowie bei Männern zwischen 0,51 und 0,60. Das deutet darauf hin, dass bei den Lohnzahlungen Abstufungen, etwa nach Alter, gab. Unter dem Hauptfeld finden sich zusätzliche Bemerkungen wie »1,50 Lagergeld«, »1,50 Trenngeld«, »10,00 Verpflegungszulage«, »4,50 Kaution«, »Invalide«, »Militär«, »spart 0,50 tägl.«, »spart 13,00 monatl.«. Unten links schließlich sind manchmal Ortsnamen vermerkt, die weder Geburts- noch Wohnort sind: Berlin, Perleberg, Jüterbog, Beelitz, Aussig (heute Tschechien) – handelt es sich hier möglicherweise um andere, vermutlich vorangehende Einsatzorte?

An Heimatländern anhand der erwähnten Herkunftsorte – falls sie nicht separat erwähnt sind, was mehrfach vorkommt – erschließbar sind Russland, Polen, Ukraine, Kroatien, Serbien, Litauen, Frankreich, Italien, Holland, Belgien. Etwa die Hälfte der bis jetzt gefundenen Adresstafeln gehört zu ausländischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, eine davon trägt übrigens den Namen Giuseppe Monticchiani, der zu den Opfern von Nichel zählt.

Die ADREMA-Kartei stellt eine einzigartige, bislang nicht ausgewertete Quelle dar, die sowohl zur Identifizierung als auch Rehabilitation von Opfern der NS-Zwangsherrschaft genutzt werden kann. Zumindest einem kleinen Teil der namenlosen Menge kann damit die Identität zurückgegeben werden, was auch mit einer Mitteilung an die heute zuständigen Behörden der Heimatländer verbunden ist. Zu diesem Zweck wurden alle lesbaren Namen und Angaben von Zwangsarbeiterinnen (die die große Mehrzahl stellen) und Zwangsarbeitern in einer Datenbank erfasst und diese an den Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen übermittelt. Da die Namen deutscher Mitarbeiter und ihre Funktionen in Fabrik und Lager von historischem Interesse sind, wurden sie ebenfalls erfasst. Sie sind damit auch eine wichtige sozialgeschichtliche Quelle zur Zusammensetzung der Belegschaft einer Firma unter Bedingungen von Kriegsproduktion und Terrorherrschaft.

Einige Italienern zuzuordnende Tafeln wurden dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide überlassen, das Ende 2016 die Erweiterung seiner Dauerausstellung zum Thema der italienischen Militärinternierten eröffnet hat, wo die Stücke zu sehen sind.

Hinweise zu ADREMA-Tafeln von anderen Fundorten wären sehr willkommen.

 

Dr. Thomas Kersting ist Archäologe aus Bonn und seit 1993 beim Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und archäologischen Landesmuseum tätig. Als Leiter der Archäologischen Denkmalpflege ist er neben Anderem für die Archäologie der Zeitgeschichte zuständig.

Th. Kersting: Eingeprägte Identität. Die Zwangsarbeiterkartei vom Sebaldushof, Treuenbrietzen, Landkreis Potsdam-Mittelmark, Archäologie in Berlin und Brandenburg, 2015.

R. Grywno, P. Päpke, J. Sandner, Die Zwangsarbeiter der Metallwarenfabrik Treuenbrietzen. Wettbewerbs-beitrag zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2002/2003. Weggehen-Ankommen-Migration in der Geschichte; Treuenbrietzen 2003

berliner-unterwelten.de/verein/projekte/unterwelten-museum/besondere-exponate (14. 6. 2017)

https://de.wikipedia.org/wiki/Adressiermaschine (16. 4. 2017)