22. Februar 2017

Prora

Scherben von Prora

Ein kurzer Arbeitsaufenthalt in Prora auf der Insel Rügen im April 2015 hat mich davon überzeugt, dass mein 2008 begonnenes und 2011 fortgeführtes Fotografieprojekt PRORA nicht abgeschlossen ist, sondern dringend der Fortsetzung bedarf. Es ist absehbar, dass das im Bau befindliche „Neue Prora“ die Erinnerung an die 1936 begonnene und 1939 wieder abgebrochene nationalsozialistische Monumentalarchitektur eines KdF-Seebades der 20.000 (ab 1945 Kaserne der Roten Armee, nach 1949 Kaserne der Nationalen Volksarmee DDR, 1989-1992 Kaserne der Bundeswehr) auslöschen wird. Teile der Blöcke wurden entkernt; die Umwandlung von zwei Prora-Blöcken in hochwertige Ferieneigentumswohnungen in Strandnähe schreitet rasant voran. Neben den maroden Blocks aus DDR-Zeiten existieren bereits strahlend weiße Musterwohnungen und Showrooms – „Wohnen im Denkmal“ verspricht ein Investor. Dabei ist zu befürchten, dass Prora gerade seine Mahn- und Denkmalfunktion weitgehend verlieren wird und das „Wohnen im Denkmal“ zu einer beliebigen Formel der Aufwertung von Wohnraum verkommt. Diese orientiert sich an ökonomischen Interessen, nicht an dem Bedürfnis, den Besuchern Proras die wechselvolle Geschichte dieses Ortes zu vermitteln.

 

Darum geht es in meinem 2008 begonnenen Fotografieprojekt PRORA. Ziel ist die fotokünstlerische Dokumentation eines komplexen und wiedersprüchlichen Wandels, der Versuch, mit der analogen ADOX Fotokamera vom Typ Golf der 1950er Jahre die baulichen Veränderungen und Eingriffe sowie die unterschiedlichen Nutzungszusammenhänge darzustellen, zu kommentieren und zu deuten. Nach den Erfahrungen mit den Fotografieprojekten „ Das Mainzer Rathaus von Arne Jacobsen“ (2013) und „Jüdisches Gemeindezentrum Mainz“ (seit 2014) liegt mir daran, außer mit den Prinzipien der Montage und Collage vor allem mit den stilistischen Mitteln des Neuen Sehens (extreme Untersicht, Verwendung der dynamisierenden Diagonale, radikale Licht- und Schattenwirkungen, Achsenverschiebungen) zu experimentieren. Der Transfer des Zwei-Augen-Prinzips auf meine fotografische Arbeitsweise, dem die ADOX in besonderer Weise entspricht, käme mit der paarweisen Anordnung von Bildern einer Präsentationsform entgegen, die wie ein großes Fotoalbum die Geschichte Proras vor Augen führt.

 

https://www.visual-history.de/project/prora/

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