12. Januar 2017

Rückblick auf das Jahr 2016 (5776/5777)

Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum

„Tuet auf die Pforten” fordert seit 1866, also genau 150 Jahren, die hebräische Inschrift über
den Portalen der Neuen Synagoge. „Tuet auf die Pforten“ ist gleichzeitig der Name der
Dauerausstellung, die sie beherbergt. Am 11. September 2016 haben wir diese Aufforderung
anlässlich des 150. Jahrestages der Einweihung der Neuen Synagoge wörtlich genommen
und alle Portale weit geöffnet. Mehr als 4.000 Besucherinnen und Besucher aus dem In- und
Ausland kamen zu unserer Jubiläumsveranstaltung mit Konzerten, Lesungen, Filmdarbietungen,
Workshops und Führungsangeboten sowie einer neuen Ausstellung zur Geschichte der Neuen
Synagoge. Die Oranienburger Straße wurde im Bereich der Neuen Synagoge zur Flaniermeile,
da sie für den regulären Verkehr extra gesperrt war; im Haus konnte man sonst nicht zugängliche
Gebäudeteile entdecken und eine einzigartige Atmosphäre genießen. 

Unsere temporären Ausstellungen setzten auch 2016 die Tradition fort, gerade weniger bekannte
jüdische Persönlichkeiten und Biographien ins Rampenlicht zu rücken. Die Ausstellung über
Chaim Heinz Fenchel (1906-1988), „Abgedreht! Bühnenwelten – Lebenswelten“, die bis Mai 2016
zu sehen war, zeigte das Werk des in der Weimarer Republik erfolgreichen Filmset-Designers, der
gezwungen war, Berlin zu verlassen und sich beruflich neu zu orientieren. Ab 1937 schuf er in
Palästina Kaffeehäuser, Bars und elegante Geschäftshäuser für die aufblühende Metropole Tel Aviv.
Eva Kemlein (1909-2004), die die Nazizeit als Jüdin versteckt in Berlin überstanden hatte, prägte
als Fotojournalistin das Gedächtnis der Nachkriegszeit. Als Grenzgängerin zwischen den Welten,
lebte die überzeugte Kommunistin in ihrem West-Berliner Kiez und fotografierte in Ost-Berlin,
später in beiden Teilen der Stadt. Die Ausstellung über Eva Kemlein, „Berlin lebt auf!“ wird noch
bis zum 30. April 2017 im Centrum Judaicum zu sehen sein. Die Ausstellung „Momente einer
einzigartigen Beziehung. 50 Jahre Deutschland und Israel“
, die2015 im Centrum Judaicum,
im Auswärtigen Amt sowie im Bundespresseamt zu sehen war, wurde von Dezember 2015 bis
Januar 2016 in abgeänderter Version im Ben Zvi Institute in Jerusalem gezeigt. Zu der Ausstellung
ist ein dreisprachiger Katalog (deutsch/englisch/hebräisch) publiziert worden. Auch zu den
Ausstellungen über Chaim Heinz Fenchel und Eva Kemlein sind Publikationen erschienen.

Annähernd unbekannt ist heute José Arturo Castellanos (1893-1977), durch dessen Einsatz als
Diplomat El Salvadors tausende Juden während der Shoah gerettet werden konnten. Seine Enkel
Alvaro und Boris Castellanos machten sich auf die Spuren ihres Großvaters. Es entstand der Film
 „The Rescue“, der von Mai bis Juni im Centrum Judaicum zu sehen war. „The Rescue“ regt zu
Reflektionen über persönliches Tun und Handlungsspielräume an und ist ebenso die höchst
individuelle Perspektive einer nachfolgenden Generation.

Die von Alexander Ochs kuratierte Ausstellung „Sein.Antlitz.Körper. The Repetition of the Good.
The Repetition of the Bad“
war von Juli von Anfang September im Centrum Judaicum zu Gast.
Zu sehen waren Werke von Künstlerinnen und Künstler, die Rituale, Religionen und deren
Traditionen reflektieren.

Immer weniger Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der Shoah können von ihren Erlebnissen berichten.
Umso wichtiger ist es, ihre Lebensgeschichten nach wie vor zu hören. Dies ist auch ein wichtiges
Anliegen unserer Veranstaltungen, die sich ansonsten in diverse Buchvorstellungen und Lesungen,
Vortragsveranstaltungen und Podiumsgespräche auffächerten. Hervorgehoben sei aus einer Vielzahl
der Angebote der Abend über Dimitrij Belkins viel beachtete Neuerscheinung „Germanija. Wie ich
in Deutschland jüdisch und erwachsen wurde“, die eine persönliche Erzählung eines ehemaligen
Migranten aus der Ex-UdSSR mit Reflektionen für deutsches Judentum heute verknüpft.

Unser Archiv, eines der bedeutendsten zur deutsch-jüdischen Geschichte, wird jedes Jahr von
Familienforschern aus aller Welt, Wissenschaftlern, Lokalhistorikern sowie für Gedenkprojekte,
z.B. die Verlegung von Stolpersteinen, und zur Klärung von Nachlässen frequentiert. Im Jahr 2016
wurden rund 1.000 überwiegend schriftliche Anfragen beantwortet und 176 Archivbenutzer vor Ort
betreut. Ein herausragendes Forschungsthema hierbei ist die Geschichte der Jüdischen Gemeinde
zu Berlin in der Zeit nach 1945 und generell die Geschichte der Juden in der DDR und der
Bundesrepublik Deutschland in der Nachkriegszeit. Auch im Jahr 2016 gab es eine Vielzahl an
Neuzugängen von Dokumenten in unserem Archiv, darunter auch die Familienpapiere von Hellmut
Wreschner.

Seit Ende 2011 verfolgt das Centrum Judaicum ein Provenienzforschungsprojekt und war damit eine
der ersten Einrichtungen in Berlin, die ihren Bibliotheksbestand auf NS-Raubgut untersuchten. Im
Jahr 2016 konnten 350 Exemplare dokumentiert und in die mit unseren Kooperationspartnern
gemeinsam betriebene Datenbank (Looted Cultural Assets) eingearbeitet werden. Parallel dazu
restituierte das Centrum Judaicum 47 Werke an Erben oder Erbgemeinschaften in Israel, den USA
oder Australien.

Unsere Ausstellungen konnten 2016 etwa 90.000 Besucherinnen und Besucher verzeichnen;
Audio-Guides für unsere Dauerausstellung bieten wir seit diesem Jahr in nunmehr 14 Sprachen an.
2017 wird der Fokus auf der Überarbeitung unserer Dauerausstellung liegen, deren Neueröffnung
für 2018 geplant ist. Für die neue Dauerausstellung konnten wir in diesem Jahr ein kleines Juwel
erwerben: ein Gemälde von Lesser Ury (1861-1931), das einen jüdischen Versammlungssaal, vielleicht
eine Synagoge im Berlin der 1920er Jahre zeigt.

Die offenen Portale, die wir am 11. September zelebrierten, waren ein Motto des Tages, das andere
der Titel der neuen Open-Air Ausstellung über die 150jährige Geschichte der Neuen Synagoge:
„Mittenmang & Tolerant“.
 Dies charakterisiert die Neue Synagoge als ein einzigartiges Zeugnis und
Symbol deutschen und Berliner Judentums, das selbstbewusst seine Tradition pflegte und eine in
Kaiserreich und Weimarer Republik pluralistischer und liberaler werdende Gesellschaft mitprägte. Der
Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum ist dies Vermächtnis und Auftrag. 

Ein kleiner Ausblick auf 2017:

Die Ausstellung „Mittenmang & Tolerant“ wird noch bis zum 1. September 2017 vor den Portalen
der Neuen Synagoge zu sehen sein; die Ausstellung über Eva Kemlein bis zum 30. April. Im Jahr
2017 werden wir uns unter anderem Berliner jüdischen Dichterinnen widmen. So erinnern wir am
12. Januar mit der musikalischen Veranstaltung „Sprachmusik: Kompositionen nach Gedichten von
Nelly Sachs“
(1891-1970) anlässlich ihres 125. Geburtstages an die jüdische Lyrikerin und Nobelträgerin.
Am 20. Juni bringen wir mit dem Bewegtbildtheater „Die Frau und die Stadt“ - ein Theaterstück über eine
Nacht im Leben von Gertrud Kolmar (1894-1943) - auf die Bühne. 

Wir freuen uns auf Sie und bedanken uns sehr herzlich bei unseren Förderern, Unterstützern und
Kooperationspartnern.

Das Team der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum 

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