19. April 2017

Tagungsbericht "Von der „Euthanasie“ zum Holocaust. Parallelität oder Kausalität"

Robert Parzer, Institut für Zeitgeschichte, Berlin

Vom 24. bis 26. November 2016 fand die vom Fritz Bauer Institut und der Gedenkstätte Hadamar organisierte Tagung „Von der ‚Euthanasie‘ zum Holocaust. Parallelität oder Kausalität“ auf dem Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt am Main und an der Gedenkstätte Hadamar statt.

In der Einführung zur Tagung betonten JÖRG OSTERLOH (Fritz Bauer Institut) und JAN ERIK SCHULTE (Hadamar) die hohe wissenschaftliche wie gesellschaftliche Relevanz des Tagungsthemas. Osterloh wies auf zahlreiche themenbezogene Beiträge in der wissenschaftlichen Arbeit des Fritz Bauer Instituts hin, während Schulte berichtete, dass im Zuge der Erinnerung an die „Euthanasie“-Opfer die Gedenkstätte Hadamar im Jahr 2015 von fast 20.000 Besuchern aufgesucht wurde, von denen zwei Drittel Schüler waren. Die Tagung solle, so Schulte, die Beziehung zwischen Holocaust und „Euthanasie“ hinterfragen. Es gehe darum, einen Raum für den Austausch und das Gespräch zu schaffen.

In der von ULRIKE WECKEL (Gießen) moderierten ersten Sektion „Gesellschaftliche und ideelle Grundlagen“ stellte zuerst MICHAEL SCHWARTZ (Berlin) die lange, über den Nationalsozialismus sowohl geographisch wie chronologisch hinausweisende Geschichte der Eugenik als einer pluralistischen Idee vor. Er verwies insbesondere auf die facettenreiche Debatte unter sozialdemokratischen Anhängern einer Geburtenverhinderungspolitik in der Weimarer Republik und die vielfältige Anschlussfähigkeit der Eugenik als Ausdruck einer autoritären Moderne. THOMAS ETZEMÜLLER (Oldenburg) präsentierte sein Verständnis der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts auch als eine Folge des social engineering. Kombiniert mit der Konzeption von Gesellschaft als organischer Gemeinschaft, die vor allem von Ingenieuren so verstanden wurde, seien Prozesse von social engineering parallel zu Diskursen der Biologisierung verlaufen. Da VOLKER ROELCKE (Gießen) kurzfristig absagen musste, war breiter Raum für die Diskussion der Vorträge, in der vor allem die Fragen nach der Bedeutung des Zweiten Weltkriegs für die Radikalisierung eugenischen Denkens und der (unterbliebenen) Stellungnahmen der Religionsgemeinschaften zu Eugenik und Patientenmorden aufgeworfen wurde.

Im ersten Vortrag der zweiten Sektion „Nationalsozialistische Politik“ betrachtete WOLF GRUNER (Los Angeles) die Judenpolitik des „Dritten Reichs“ bis Kriegsbeginn aus dem Blickwinkel der öffentlichen Fürsorge. Gemeinsamkeiten zur später durchgeführten Aktion T4 seien im Zusammenspiel verschiedener Instanzen der öffentlichen Verwaltung zu finden. Ein Unterschied bestand darin, dass es keine zentrale koordinierende Instanz gab. Dies änderte sich erst ab 1941, als der Patientenmord dezentralisiert und der Judenmord zentralisiert wurde. UWE KAMINSKI (Bochum) betonte, dass die „Euthanasie“ zu lange als Programmgeschichte geschrieben und die Dynamik sowie die Marginalisierung der Opfer bisher zu wenig beachtet wurde. Es habe eine Selbststeuerung des Mordes an Patienten zugunsten von als höherwertig eingeschätzten Insassen von Heil- und Pflegeanstalten stattgefunden.

Den öffentlichen Abendvortrag über die Reaktionen der Bevölkerung auf Euthanasie und Holocaust hielt FRANK BAJOHR (München). Er zeigte, dass es sowohl einen antijüdischen Konsens wie eine Hinnahme des Patientenmordes gab. Die Zustimmung zur „Euthanasie“ war unter Ärzten und Pflegern weiter verbreitet als im Rest der Gesellschaft. Bajohr betonte, dass im Gegensatz zu älterer Forschung die widerständigen Reaktionen gegenüber dem Patientenmord nicht als eine Erfolgsgeschichte gelesen werden sollten.

Der zweite Konferenztag fand in der Gedenkstätte Hadamar statt. Dort konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeweils an einer von drei thematischen Führungen über das Gelände der ehemaligen Tötungsanstalt beteiligen. Danach beleuchtete in der dritten Sektion „Übergänge zwischen ‚Euthanasie‘ und Holocaust“ MONIKA KINGREEN (Pädagogisches Zentrum des Fritz Bauer Instituts) die im Jahr 1940 durchgeführte Sonderaktion gegen jüdische Patienten am Beispiel Hessens. Wesentliche Wendepunkte in der Behandlung jüdischer Patienten gab es schon vor dem Beginn der Morde, wie Kingreen anhand der 1937 erfolgten Satzungsänderungen in christlich-konfessionellen Anstalten darstellte, die oft den „Arierparagraphen“ enthielten. Dies kumulierte in der Erfassung aller jüdischer Patienten 1940 und deren Konzentration in einigen wenigen Anstalten, von wo aus Deportationen erfolgten. Über jüdische Patienten als erste Opfer der Mordaktionen in der Heil- und Pflegeanstalt Tiegenhof im Warthegau sprach anschließend ENNO SCHWANKE (Köln), der für die dem Reich inkorporierten besetzten polnischen Gebiete feststellte, dass dort in Bezug auf die Patientenmorde die Germanisierungspolitik wichtiger war, als die sozialbiologische Fragestellung. Tiegenhof steht exemplarisch für das Ausblenden von Euthanasieverbrechen im besetzten Osten und damit für die Perspektivverengung der deutschen Geschichtswissenschaft auf die großen Mordzentren und nationalsozialistischen Taktgeber im sogenannten Altreich. ASTRID LEY (Oranienburg) diskutierte im Anschluss verschiedene Thesen zur Aktion 14f13. Im Fokus der Mordaktion standen kranke Häftlinge, wobei es erhebliche lokale Abweichungen der Selektionspraxis gab. Für Himmler bot die Aktion die Gelegenheit, sich Zugriff auf Personal und Einrichtungen der Aktion T4 zu verschaffen, wobei auch diese ihren Radius erweitern wollte.

HAGEN MARKWARDT (Pirna) führte in der anschließenden vierten Sektion „Transfer und Personal von Technologie?“ die Überlegungen zur Aktion 14f13 anhand des Beispiels des Transports von KZ-Häftlingen aus Auschwitz nach Pirna am 28. Juli 1941 fort. Er stellte klar, dass sich dieser Transport nicht als Chiffre für den Übergang von „Euthanasie“ zum Holocaust eigne, er sei viel eher aus der Binnenstruktur der Lager zu verstehen. SARA BERGER (Rom) hob hervor, dass bei aller Betonung der strukturellen Ähnlichkeiten der Mordaktionen der Aktion T4 und im Holocaust der fehlende bürokratische Überbau in den Vernichtungslagern ein wichtiges Unterscheidungskriterium ist. In Erweiterung hierzu verwies JAN ERIK SCHULTE (Hadamar) in seinem Vortrag auf parallele Entwicklungen von Krankenmord und Holocaust. Hinsichtlich der Kontinuitätslinien hin zur Aktion T4 seien die funktionalen Ähnlichkeiten wichtiger als die personellen.

Am dritten und letzten Tag der Tagung eröffnete PAUL WEINDLING (Oxford) die abschließende Sektion „Justizielle Ahndung und gesellschaftliche Reaktionen“ mit einem Vortrag zum Nürnberger Ärzteprozess, wobei er akzentuierte, dass auch in anderen Nürnberger Prozessen medizinische Kriegsverbrechen verhandelt wurden. Insgesamt ist das von den Prozessbeteiligten angelegte Dokumentenmaterial bisher noch nicht genügend erforscht worden. Auch EDITH RAIM (Wien) betonte das Quellenpotenzial, das in den Verfahrensunterlagen der Gerichte und Staatsanwaltschaften liegt. Bereits in einem frühen Verfahren im Jahr 1948 waren 24 Personen wegen Verbrechen in Zusammenhang mit der Tötungsanstalt Grafeneck angeklagt worden. Diese Unterlagen wurden erst unlängst vom Staatsarchiv Sigmaringen digitalisiert und online zur Verfügung gestellt.[1] HAGEN MARKWARDT (Pirna) stellte in seinem Vortrag den Dresdner Prozess gegen Paul Nitsche und andere Verantwortliche der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein als ein komplexes Zusammenspiel aus Justiz, Medien und sowjetischen Besatzungsbehörden dar. Überhaupt sei ein sehr selektiver Umgang mit den Euthanasieverbrechen in der DDR festzustellen. KATHARINA RAUSCHENBERGER (Fritz Bauer Institut) stellte Friedrich Karl Kauls Rolle in den westdeutschen „Euthanasie“-Prozessen vor. Selbst NS-Verfolgter, konnte der DDR-Anwalt durch seine Mitgliedschaft in der Westberliner Rechtsanwaltskammer als Nebenklagevertreter in Prozessen gegen Täter der NS-„Euthanasie“ auftreten, wobei er häufig für Verurteilungen nach den Standards des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses plädierte.

Die Tagung endete mit einer Abschlussdiskussion, die vor allem um den Mentalitätsbegriff der Täter kreiste. Der Topos des „Reinschlitterns“ wurde demnach sowohl von Holocaust- wie von T4-Tätern bemüht. Die Diskutanten betonten auch, dass das Konzept der Nahtäterschaft für beide Gruppen ein tragfähiges Beschreibungsmodell sein könne. Zuletzt wurde über vergleichbare Verbrechenskategorien debattiert, wobei insbesondere die Ermordung der sowjetischen Kriegsgefangenen und die Bedeutung der Arbeitsfähigkeit für die Einbeziehung in die Mordpläne angeführt wurden, während technische Details und das Verständnis von Einsatzgruppenaktionen keine brauchbaren Vergleichskategorien für die Forschungen zur NS-„Euthanasie“ seien.

Die Tagung war bereits die zweite im Jahr 2016, die sich mit den Kontinuitäten und der Vergleichbarkeit zwischen NS-„Euthanasie“ und Holocaust befasste.[2] Dies mag als ein zufälliges Zusammentreffen erscheinen, ist aber dennoch bezeichnend für eine Neuausrichtung der Forschungen zu NS-„Euthanasie“ und zum Holocaust, die nach Jahren des Hyperempirismus und der Betrachtung immer kleinerer Einheiten nun verstärkt wieder die „großen Fragen“ in den Blick nehmen. Die Tagung in Frankfurt und Hadamar vermochte es, sowohl einen Überblick über die Forschungslage zu geben als auch den Raum für einen höchst produktiven Austausch zu schaffen, der in den nächsten Jahren sicher noch an Bedeutung gewinnen wird. Insbesondere die aufgrund neuer Einschätzungen des postmortalen Persönlichkeitsrechtes und der schützenswerten Belange von Angehörigen mögliche Publikation von Namen der Opfer der Patientenmorde[3] wird noch vielfältige Chancen und Herausforderungen für Forschung und Gedenken hervorbringen.


Kompletter Bericht (mit Anmerkungen usw)

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