Erinnerungsgemeinschaften in Kärnten/Koroška

Nadja Danglmaier | Andreas Hudelist | Samo Wakounig | Daniel Wutti
Eine empirische Studie über gegenwärtige Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus in Schule und Gesellschaft

Eine neue Studie beleuchtet die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Schulen und Gesellschaft. Die Autoren zeigen in dem am Mittwochabend in Klagenfurt präsentierten Buch einige volksgruppenabhängige Unterschiede in der Erinnerungskultur auf.

„Für uns war die Frage spannend: Was ändert sich nun an der Erinnerungskultur, wenn es immer weniger Zeitzeugen gibt, aber gleichzeitig junge Leute neu in den Diskurs einsteigen“, sagte Herausgeber Daniel Wutti. Besonders bemerkenswert findet er in Kärnten die unterschiedliche Herangehensweise in Familien der slowenischsprachigen Minderheit und der deutschsprachigen Kärntner: „Kärntner Slowenen, die zur Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden, geben ihre Opfergeschichte von Generation zu Generation weiter. Bei den deutschsprachigen Kärntnern ist es jedoch so, dass von der Zeitzeugengeneration oft nur wenig an die Nachfahren weitergegeben wird“, erklärte Wutti.

Studie: Fronten weichen langsam auf

Das schlage sich auch im Unterricht nieder, stellten die Forscher fest: Schüler aus Opferfamilien finden das Thema Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht besonders wichtig, während es für andere Schüler oft nur ein Thema unter vielen sei.

„Was die Erinnerungskultur angeht, so ist Kärnten aber sowieso ein besonderer Fall - mit dem Partisanenwiderstand, der slowenischsprachigen Minderheit und später dem Volksgruppenkonflikt. Doch diese Fronten weichen nun schön langsam auf“, fasste Wutti zusammen. In den Kärntner Schulen ist der Nationalsozialismus ab der vierten Klasse Unterstufe Thema. Wutti: „30 Prozent der befragten Lehrer haben angegeben, dass sie Projekte durchführen, die über den gewöhnlichen Frontalunterricht hinausgehen. Die meisten von ihnen laden Zeitzeugen oder Experten in die Klasse ein, andere machen Exkursionen in ehemalige Konzentrationslager oder zu Gedenkstätten. Manche Klassen setzen sich mit Filmen, Büchern oder Biografien von Opfern des Nationalsozialismus auseinander.“

Tipps für Lehrer: Aktuelle Ereignisse einbauen

Was den Herausgeber der Studie aber besonders überraschte: 80 Prozent der befragten Lehrer gaben an, dass sie sich ihr Wissen über die NS-Zeit aus privatem Antrieb angeeignet haben: „Wie der Unterricht dann gestaltet wird, hängt natürlich stark von dem Lehrer selbst ab. Die Studie richtet sich aber auch mit Handlungsempfehlungen an Lehrer. Eine Möglichkeit wäre es zum Beispiel, die Thematik mit aktuellen Entwicklungen, wie Flucht, Asyl und Migration, zu verbinden.“

Werde Widerstand thematisiert, so die Studie, ist wohl aufgrund der Emotionalität des Themas weniger von Partisanen die Rede, sondern eher von Widerstandsbewegungen aus dem religiösen Umfeld.

Gedenkkultur Aufgabe der Gesamtgesellschaft

Insgesamt sieht Wutti die Gedenkkultur in Kärnten auf einem positiven Weg: „Seit den 1990er Jahren hat sich das Bewusstsein verändert, es hat immer mehr neue Initiativen gegeben.“ Auch die unterschiedlichen Erzählweisen der Geschichte gleichen sich immer mehr aneinander an, so Wutti: „Für die Gedenkkultur braucht es aber auf jeden Fall noch Unterstützung, denn sie ist nicht nur eine schulische, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

 

266 Seiten | 24 Euro