1. Juni 2010

Das Schicksal der jüdischen Friedhöfe von Königsberg und Riga

Ojars Blumbergs

Ojars Blumbergs:

Eine düstere Erinnerung.

Das Schicksal der jüdischen Friedhöfe von Königsberg und Riga.

 

Von den damals lebenden und arbeitenden Personen bin ich der einzige Übriggebliebene auf dieser Welt. Ich erfülle nur ein Versprechen, das ich einmal meinem deutschen Meister Waldmann gegeben habe, dem ich es verdanke, in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts das Steinmetz-Handwerk in der Firma GRANIT in Riga, Friedensstraße erlernt zu haben.

 

Wir arbeiteten im Wechsel: 2 Wochen Nachtschicht, worauf l Woche Tagschicht folgte. Das gab die Mög-lichkeit, beim Schichtwechsel am Abend in Riga das 8.Rainis-Abend-Gymnasium für die Arbeiterjugend zu besuchen. Es gibt keinen Menschen, der das noch heute erzählen könnte. Ich hatte damals 17 Jährchen, der nächstjüngere Fabrikarbeiter, A. Bulga jun., war über 40. Mir gefiel diese Arbeitsstelle, wo kein Platz für Männer mit schwachen Knochen, Sehnen oder Wirbeln war, auch deswegen, weil es hier keine Komsomol-Organisation gab, auch nicht in der Abendschule. Schon seit früher Jugend hatte ich den Grund zu meinem „Apolitismus“ in der herrschenden bolschewistischen Gesellschaft erworben.

 

Am 15.März 1952 – ich erinnere mich gut an diesen Tag, denn ich verspürte eine leichte Müdigkeit von der Feier meines Geburtstages am 14.März. An diesem Morgen, am Anfang der Schicht, versammelte Meister Kirpitschow nach einer Liste die Jüngeren und Stärkeren für eine sehr wichtige Entlade-Arbeit. Es würden bald 2 Studebaker-Laster erwartet. Für die, die es nicht wissen: das sind die großen dreiachsige Armee-Lastwagen mit 6 oder 10 Rädern, die die USA der UdSSR geleast hatte, um beim Krieg gegen Deutschland zu helfen. In den angekommenen 2 Studebakern waren um die 50 sehr eindrucksvolle, große und gut be-schliffene Grabsteine behutsam gestapelt, an allen Kanten kunstvoll bearbeitet, so wie die Steinmetze auf Bestellung nach Wunsch und Geschmack im Stil der Vorkriegszeit gearbeitet haben, ohne jede Schramme, ohne „Wunde“, wie die Steinmetze es nennen. Das war eine große Überraschung, denn die Ladung kam aus Königsberg vom Judenfriedhof, aus einer Stadt, die von gnadenlosen Kriegsstürmen zerstört war, wo auch jahrelang die von der Ideologie beherrschte Politik der realisierten gnadenlosen Judenvernichtung erfolgt war. Selbst ich war ein wenig verwundert, dass die Faschisten die Gräber der verstorbenen Juden ohne Beschädigung gelassen hatten. In meinem Gedächtnis haben sich einige Namen auf den Grabsteinen erhal-ten, in Deutscher – man kann auch sagen in jüdischer Sprache: Kinkelstein, Kirschbaum, Bermann, Zu-ranski, Mogilewski usw. Ich hatte viele aufgeschrieben, aber im Lauf der Jahre ist das Blatt verschwunden. Aufschriften gab es auch in Iwrit, aber im Allgemeinen wenige. Alle diese Raubzüge und Operationen der Überführung nach Riga – später folgten noch viele solche – geschahen unter Beteiligung oder gar Leitung eines NKWD Obersten, denn ohne die Tscheka konnte solches nicht geschehen, da schon die betreffenden Grenzübergänge streng überwacht wurden. Es ist klar, dass diese grausigen Grabplünderungen mit der ent-sprechenden Moskauer Machtinstanz abgestimmt waren, ebenso mit ihren Filialen in Riga und Königsberg/ Kaliningrad. Sie konnten niemals ohne Wissen oder Wink der höchsten kommunistischen Partei-Organe geschehen. Nach Auslese wurde ein Teil der besten Steine weiter transportiert – direkt nach Moskau.

 

Einige seltene, besonders prächtige Steine zieren die Grabstellen der höchsten Moskauer Parteileute, einige, an die ich mich erinnere, befinden sich auf dem Friedhof von Nowodjewitschi. Es wurden neue Inschriften auf der Rückseite eingraviert, nachdem von der ehemaligen Vorderseite die jüdischen Namen mit einem Zahnhammer und scharfen grobkörnigen Reiben sauber abgeschliffen waren – eine gewohnte tägliche Ar-beit der Steinhauer. Auf den Gräbern mussten die Steine nur mit der neuen Schauseite aufgestellt werden. Einen sah ich sogar in Armenien auf dem Grab eines Obersten. Auch nach Grusinien wurden viele ge-bracht, wo u.a. der Name eines hervorragenden Helden eingraviert wurde. So kann man sagen, ist der Bol-schewik lebenslang ein Bruder für den Hebräer. Kurz gesagt – eine kleine Fortsetzung vom Rationalismus in Mauthausen, Buchenwald u. a. faschistischen Todeslagern, nur in den praktischen Formen der Bolsche-wistischen Partei.

 

Der zweite Teil erzählt von der Demolierung und dem Grabsteinraub von Rigas Judenfriedhof. Ich war Zeuge davon, als die mit Grabsteinen beladenen Autos nicht nur einmal aus Riga über die Tējas-Straße herausfuhren, für alle Zeiten das Schicksal des alten Judenfriedhofs in Riga besiegelnd.

In der Moskauer Vorstadt, dort wo die Virsaitis-, Līksnas-, Ebreju- und Tējas-iela ein Viereck bilden, be-fanden sich einst die im Sinne der architektonischen und künstleri¬schen Ausführung schönsten und grab-steinmäßig teuersten und prächtigsten Gräber in Riga. Heute gibt es kein anderes Mahnmal als eine be-scheidene Aufschrift im Plan von Riga mit dem Namen des Friedhofs. In natura sieht man vielleicht zehn alte Bäume und einen Park-ähnlichen spärlichen grünen Gürtel. Er erhebt sich etwas über die Umgebung wie ein Hügel, dessen Ränder mit versenkten Stein- und Ziegelmauern verstärkt sind, die durch die Eineb-nung der früheren hohen Umzäunung entstanden. Der jetzige sarkophag-artige Hügel entstand teils durch Reste der Einfriedung, teils durch angeführte Schwarzerde, unter der sich eine der bösesten Seiten der Geschichte der Rigaer Hebräer – ich benutze lieber das Wort Judengemeinde – verbirgt. (Warum Juden? So nennen sich die Angehörigen dieser Gemeinschaft selbst, so nennen sie ihre Kultur, ihre Lehr- und Reli-giösen Einrichtungen, denn dieses Wort hatte in der lettischen Sprache im Gegensatz zur russischen niemals eine verletzende, verächtliche oder erniedrigende Bedeutung. Im Vorkriegs-Lettland hatten sie ihre selbstgewählten Bezeichnungen – das Rigaer Judentheater, die Judenschulen, Synagogen, Judenfriedhöfe, das jüdische Krankenhaus usw. Auch die schon erwähnte Straße hieß damals Judenstraße.) Wenn der Friedhof heute noch bestehen würde, wäre er bestimmt eines von Rigas geschützten Geschichts- u. Architekturdenkmalen und würde das gebührende Interesse finden, sowohl bei den Einheimischen als auch bei den Touristen.

Das Territorium des Friedhofs war in ausgezeichnetem Zustand, keine böse Menschenhand hatte es bis Ende 1952 berührt, als sich die hier beschriebenen Ereignisse abzeichneten, deren Zeuge ich in den Jahren meiner Abendschule war, als ich in der Firma GRANIT arbeitete. Keine Spuren der Verwüstung durch die Faschisten, auch nicht durch die Letten Rigas, und nicht durch den Vandalismus der in der Moskauer Vorstadt zahlreich wohnenden rechtgläubigen Russen können hier gefunden werden. Es waren 12 Jahre vergangen, seit die Gräber von Seiten der Angehörigen gepflegt worden waren. Die eigenartige Einrichtung des Friedhofs mit grünen Bäumen und anderer Bepflanzung in einer Einzäunung war großartig, aber da er verkehrstechnisch nicht am Rande liegt, war er nicht abgeschirmt vom Lärm von außen, um den Dahingegangenen die ewige Ruhe zu gönnen.

Als ich das erste Mal zur Arbeit mit Meister Kirpitschow den Friedhof besuchte, war das Einzige, was ich an Zerstörung sah, ein nach Süden umgestürzter Kastanienbaum, der abgestorben war, was nebensächlich und nur von ästhetischer Bedeutung schien. Natürlich hatte der Friedhof nur sehr selten Besucher – von den in Riga lebenden Juden hatte das unbarmherzige Schicksal nicht Einen verschont, darum gab es einfach keinen, der kommen konnte. Genosse Kirpitschow hatte ein Journal von ziemlich großem Format mit karierten Seiten mitgenommen, in das ich die Sektoren der Gräber und die Lage der ihm wichtig erscheinenden Grabsteine einzeichnen musste, auch die Grabumgrenzung, Trauersäulen und verschiedene auf den Gräbern befindliche bearbeitete, geschliffene und polierte steinerne Grabaufbauten, wie auch andere wertvolle Details. Jedes bezeichnete Stück bekam einen Code-Buchstaben: A, B, C, nach Wert und Bedeutung in abstei-gender Folge. Als ich fragte, was das bedeutet, erklärte er, dass zwischen der Eisenbahn und dem Friedhof der Bau der größten, wichtigsten Hochschule mit Stadion in Lettland geplant ist. Und da das freie Gelände dafür vielleicht nicht ausreicht, so dass ein Teil der Gräber nach Schmerl/Šmerlis auf den neuen Judenfriedhof (natürlich Hebräer-Friedhof!) verlegt werden müsse. In Erinnerung an den Umgang mit den Grabdenkmalen vom Königsberger Judenfriedhof verstand ich, was diesen Friedhof erwartete, wie auch alle Denkmale. Die aufgetragene Arbeit tat ich widerwillig, überlegend, wie ich in den folgenden Tagen dieser Arbeit ausweichen könnte.

Ich begriff gut, dass man es mir als Arbeitsverweigerung auslegen könnte, sogar als Sabotage. Nach den Gesetzen der Stalin-Zeit hätte ich für reichliche Jahre dorthin kommen können, wo „Makar selbst seine Ziegen nicht weidet.“ Das würde Kirpitschows Gewissen nicht beschweren, denn er hatte schweren Lungenkrebs, dem nur noch kurze Zeit gegeben war und der keine Probleme hätte mich mit sich mitzunehmen. Ich beendete in 3 Tagen die Registrier-Arbeit, um dann zu sehen, wie der Friedhof planmäßig ausgeraubt wurde. Ein Teil der Grabmale und Gedächtnistafeln kam in den Innenhof der Firma GRANIT, damit die Auf-schriften nicht mehr zu lesen waren, aber der größere und bessere Teil der Denkmale ging weiter auf die Reise nach Osten, wo sie sicherlich nach Bearbeitung getrennt wurden – für Funktionäre mit höherem Rang und für Genossen mit geringeren Verdiensten zum ewigen Gedächtnis.

Zum Friedhof muss man erwähnen, dass die dortigen Denkmale zum größten Teil Meisterwerke der Steinmetzkunst waren, denn dort waren mehrere Millionärsgrabstellen in poliertem Stein – selbst, wenn ich nicht irre, vom Großkapitalisten Bernstein. Zur Grabstelle führte an beiden Seiten eine Allee von 8 oder 10 polierten Säulen von schwarzem importierten Stein, ca. dreieinhalb Meter hoch; aus demselben Material war auch die Grabkapelle. Dieses Ensemble hätte heute einen Wert von 3-5 Mill. Lat. Grabstellen und Denkma-le im Wert von 100 bis 150 Tausend gab es viele. Hier standen aus allen Enden der Welt die schönsten Stei-ne: bläulich funkelnder Labradorit, verschiedene hervorragende Sorten karelischer Steine, dunkle, helle, schwarzweiße, großartige rote Granite aus der Ukraine, schneeweißer Marmor aus Italien, Steine der Schweizer Alpen usw. Auch einzelne Skulpturen oder Kleinskulpturen und Vasen aus Rotem Tuff. Seltsam – wie ich hörte, kamen einige Begräbnisteile wirklich nach Schmerl auf den neuen Judenfriedhof. Daraus könnte man folgern, dass der höchste Rabbiner der Juden von dieser Aktion wusste, er war aber gezwungen zu schweigen, denn das Leben ist jedem teuer. Zur Ausplünderung gehörten Gedenksteine, Metalle, Versilberungen und Vergoldungen und besonders viel das in der UdSSR sehr fehlende Zinn, aus dem viele Grabaufschriften gegossen waren. In Kiosken waren Schrott-Annahmestellen, wo hauptsächlich aus Russland eingereiste Hebräer arbeiteten, die zu einem hohen Preis – 20 Rubel pro Kilo – Schrott ankauften. Die Arbeiter sammelten es als ihre Beute und erzählten, dass am Annahmepunkt der Käufer mit Entsetzen eine Aufschrift mit Namen Moses las und am Ende sagte:“Oi, oi, das ist gestohlenes Gut, das riecht nach Sibi-rien, ich zahle Dir nur den halben Preis.“

Wenn ich betrübt diese Zeit überdenke, ist mir ein anderer Moment in Erinnerung geblieben. Der Firmendirektor von GRANIT war nach Herkunft polnischer Jude, der damals anfing hemmungslos zu trinken und dadurch sein Leben stark verkürzte. Sein jüngerer Bruder arbeitete als Graveur, den ich seiner professionellen Meisterschaft wegen tief verehrte. Beide hatten die Kriegszeit in der Roten Armee verbracht und viele Auszeichnungen erhalten. Beide waren Parteigenossen. Was dachten sie über das Vorgefallene?

 

Mehrfach habe ich gehört, dass irgendwo Bilder existieren mit der Unterschrift: „Von Deutschen Faschisten demolierte Judenfriedhöfe in Riga“. Mir ist es aber nicht gelungen solche Veröffentlichungen zu Gesicht zu bekommen. Ich wäre dankbar, wenn jemand solche findet und mir eine Kopie zukommen lässt.

Wann die zerstörten Friedhofsmauern völlig eingeebnet und mit Erde zum Vergessen bedeckt wurden, kann ich nicht sagen, denn als ich das nächste Mal aus dem Polar-Norden 1959 nach Riga zurückkam und am Friedhof entlang fuhr, war es schwer ihn wiederzuerkennen.

 

O.Blumbergs war Wirtschaftsexperte der Volksfront, von 1990–93 als Abgeordneter der Saeima, Vors. der Kommission für Architektur und Bauwesen, Energie, Verkehr und Information. Sein Bericht erschien im März 2010 in mehreren lettischen Internet-Foren.

 

(Übersetzung aus dem Lettischen: Ellen Böhm, Bearbeitung: Dr. Hans-Dieter Handrack)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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