Bilder, Macht und Deutungskämpfe in Europa zwischen 1945, 1990 und 2025
Tagungsbericht des 22. Ost-West-Europäischen Gedenkstättentreffens in Kreisau/Krzyzowa
Auf dem diesjährigen Gedenkstättentreffen vom 19. bis 22. März 2025 in Kreisau/Krzyżowa mit dem Titel »Bilder, Macht und Deutungskämpfe in Europa zwischen 1945, 1990 und 2025« wurde über Ausstellungen, kuratorische Praxis, das Bildgedächtnis und den Einsatz von Fotografien in der Bildungsarbeit in Gedenkstätten, an Erinnerungsorten und in Archiven in Europa diskutiert.
Erinnerungskulturen sind stark von Deutungskämpfen geprägt. Gerade heute, 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, sind Fotografien, Denkmäler und Ausstellungen in Gedenkstätten mehr als sonst Projektionsflächen politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Fotografien prägen die Narrative des 20. Jahrhunderts maßgeblich, das gilt insbesondere für die Überlieferung des Holocaust und der NS-Verbrechen. Doch nicht nur die Dokumentation von NS-Gewalt ist mehr als lückenhaft. Auch stalinistische Gewalt und die Verbrechen der kommunistischen Sowjetunion sind selten überliefert. Im Fokus der diesjährigen Tagung stand die Frage, wie der Einsatz und die Rezeption von Fotografien und Bildern die Erinnerung an historische Ereignisse in Ost- und Westeuropa beeinflussten. Wie wurden sie vor und nach 1990 in Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren und Ausstellungen eingesetzt? Wie werden sie heute genutzt? Ziel war eine Standortbestimmung: Wie steht es um das historische Bildgedächtnis in Wechselwirkung mit diesen Zäsuren heute? Was änderte sich mit den Epochenbrüchen für den Einsatz von Bildern und damit verbundenen Narrativen, die sich um die Themenkomplexe Massenverbrechen, Lager, Besatzungsregime und Gesten der »Versöhnung« formiert haben? Was veränderte sich seit dem Visual Turn in den 2000er-Jahren für den Umgang mit Bildern in Gedenkstättenausstellungen, und welche Folgen hat die digitale Transformation, insbesondere der Einsatz von KI, für den Einsatz von Fotos und Bildern in der kuratorischen Praxis von Ausstellungen an Erinnerungsorten heute?
Über das Ost-West-Europäische Gedenkstättentreffen
Das Ost-West-Europäische Gedenkstättentreffen in Kreisau/Krzyżowa ist ein Ort des internationalen Austauschs. Die Konferenz bringt seit nunmehr 22 Jahren Mitarbeiter von Gedenkstätten, Museen und zivilgesellschaftlichen Initiativen aus ganz Europa, aber auch Akteure und Multiplikatoren der historisch-politischen Bildungsarbeit und Wissenschaftler zusammen. In einer Atmosphäre des offenen Dialogs wird über nationale Grenzen hinweg diskutiert, debattiert und hinterfragt. Ziel ist es, einen Austauschraum zu schaffen, voneinander zu lernen, das eigene Handeln zu reflektieren und neue Perspektiven für eine gemeinsame europäische Auseinandersetzung über Vergangenheit und Erinnerungskulturen in Europa zu entwickeln.
Kooperationspartner in diesem Jahr waren die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, die Evangelische Akademie zu Berlin, das Geschichtszentrum Zajezdnia in Breslau / Wroclaw, die Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin und das Ministerstwo Kultury i Dziedzictwa Narodowego / das polnische Ministerium für Kultur und Nationales Erbe. Die Bundesstiftung Aufarbeitung fördert die Arbeit von Gedenkstätten und Initiativen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und hat den Auftrag, die Erinnerung an die Verbrechen kommunistischer Diktaturen in Europa wachzuhalten. Dafür unterstützt sie die nationale und internationale Vernetzung von Einrichtungen, die historische Orte bewahren und sichtbar machen.
Die Stiftung Kreisau wurde im Sommer 1990 im Zuge des deutsch-polnischen Versöhnungsprozesses gegründet und hat das Ziel, die europäische Verständigung zu fördern. Während des Zweiten Weltkrieges versammelte sich auf dem niederschlesischen Gut der Familie von Moltke eine Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime, die später als »Kreisauer Kreis« bekannt wurde. Die Stiftung Kreisau fördert als europaweit anerkannter Akteur die internationale Jugend- und Erwachsenenbildung.
Die Tagung setzte mit zwei einordnenden Keynotes ein: Christoph Kreutzmüller (Co-Kurator #lastseen, Berlin) hinterfragte, wie bestimmte Fotografien zu Ikonen der Shoah wurden und wie ein Großteil dieser Bilder aus der »Linse der Täter« rezipiert wurde. Laut Kreutzmüller kommt es nicht selten vor, dass Bilder einerseits ideologisch aufgeladen, inszeniert oder gar manipuliert sind, aber andererseits als scheinbar objektive Dokumente gezeigt und rezipiert werden. Anhand ikonischer Pressefotos und ihrer Verwendungszusammenhänge machte er deutlich, wie sich über die Jahre ein kollektives Bildgedächtnis zur Shoah herausbildete, welche Leerstellen es bis heute aufweist und was das für ihren Einsatz in Ausstellungen bedeutet. Zuzanna Schnepf-Kołacy (Polin Museum, Warschau) ergänzte diese Perspektive aus kuratorischer Sicht. Im Zentrum ihres Vortrags standen die Präsentationsweisen von Fotografien in Ausstellungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Dabei zeigte sie, wie stark Kontext, Rahmung und Auswahl die Wahrnehmung der Besucher prägen und wie sich über Jahrzehnte auch die ethischen und musealen Standards im Umgang mit Bildern von Opfern hin zu einer emanzipierten Perspektive und Deutungsweise gewandelt haben.
Zwischen Beweischarakter, Geschichtsfälschung und Überwältigungs-verbot: Bilder von Gewalt
Das erste Panel befasste sich mit Bildern, die Ereignisse von Gewalt dokumentieren, und mit deren Bedeutung als Beweis- und Wahrheitsträger oder geschichtsverzerrendes Instrument sowie den daraus erwachsenden Herausforderungen in der Erinnerungspraxis. Babette Quinkert (Museum Berlin-Karlshorst, Berlin) präsentierte in ihrem Vortrag unterschiedliche Umgangsweisen mit Bildern von Gewalt im Ausstellungskontext. Neben der Einhaltung des im Beutelsbacher Konsens festgeschriebenen Überwältigungsverbots stehen Ausstellungsmacher vor der Herausforderung, den Erhalt der Würde der abgebildeten Personen sowie den Beweischarakter der Fotografien auszubalancieren. Daraus resultiere laut Quinkert die Aufgabe, in historische Ausstellungen einerseits die quellenkritische Einordnung von Fotografien zu integrieren und andererseits die Perspektiven sowohl der Betroffenen als auch der Täter abzubilden. Partizipative Medienstationen boten den Ausstellungsbesuchern die Möglichkeit, fotografische Quellen in Hinblick auf Gestaltungsentscheidungen, Entstehungsbedingungen, Provenienz sowie den Bildzweck und die Rezeption zu befragen.
Die mögliche Fehldeutung von Bildquellen problematisierte Michael Achenbach (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien) in seinem Beitrag über fünf Fotografien mit der Beschriftung »Lemberg/Lwiw/Lwow« aus dem Bestand des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes. Die Fotoserie dokumentiert den von ukrainischen Nationalisten, deutschen Einsatzgruppen sowie der lokalen Bevölkerung ausgeübten Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung am 30. Juni /1. Juli 1941 im deutsch besetzten, damals ostpolnischen/westukrainischen Lviv (heute Ukraine) kurz nach dem Abzug der sowjetischen Besatzer und des NKWD. Achenbach schilderte,
wie die Fotografien des Pogroms vom 30. Juni und 1. Juli 1941 vermutlich Wehrmachtskommissionen zeigen, aber dass die Bestände aufgrund der lückenhaften Provenienz teilweise schwer deutbar sind und Missverständnisse oder falsche Eindrücke hervorrufen können. Dabei ging er auch auf die historische Genese des Bestandes ein, denn nur durch Bereitstellung des historischen Kontexts wird das Bildmaterial überhaupt lesbar.
Maria Smorževskihh-Smirnova (Narva Museum, Narva) behandelte in ihrem Vortrag den Wahrheitscharakter von Fotografien am Beispiel des sowjetischen Bildmaterials zur angeblichen Zerstörung der estnischen Stadt Narva durch NS-Deutschland. Das Bildmaterial der 1941 durch sowjetische Luftangriffe zerstörten Stadt und die dort abgebildeten Verwüstungen wurden von sowjetischer Seite als Beweismaterial für Naziverbrechen inszeniert, um Reparationszahlungen zu erhalten. Smorževskihh-Smirnova zeigte die Bedeutung der Kontextualisierung sowie Sichtbarmachung historischer Fakten zur Bekämpfung von Geschichtsfälschung. In einem aktuellen Projekt setzte das Narva
Museum, das sich in unmittelbarer Nähe zur russischen Grenze befindet, sowjetische Bilder des zerstörten Narva mit Fotografien aus dem ukrainischen Butscha in Beziehung, wo im Zuge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine von russischer Seite ein Massaker an der ukrainischen Zivilbevölkerung verübt wurde.
Igor Stankevich (Journalist, Warschau) berichtete über seine Arbeit als belarussischer Public Historian im Exil, der von Warschau aus durch Forschung und Dokumentation von kommunistischen Verbrechensorten belarussische Propaganda aufdeckt und widerlegt. Die offiziellen Zahlen zu kommunistischen Gewaltverbrechen in Belarus unterliegen Fälschungen, ein Opfergedenken wird von Seiten der Regierung unterbunden, und viele zivilgesellschaftlich errichtete Erinnerungszeichen wurden entfernt oder zerstört. Stankevich legte offen, wie die Orte der kommunistischen Verbrechen in Belarus aus Angst vor staatlichen Repressionen häufig sich selbst überlassen werden und nicht die historischen Fakten darstellen.
Bilder von Lagern und visuelle Leerstellen
In ihrem Beitrag diskutierte Kathrin Unger (Gedenkstätte Bergen-Belsen, Bergen) die Verwendung von Fotografien, die NS-Verbrechen in Konzentrationslagern dokumentieren, und die damit verbundenen ethischen Dimensionen der Darstellung. Im Beispiel von Bergen-Belsen liegt eine Fotodokumentation vor, welche die britische Armee bei der Befreiung des Lagers im April 1945 aufgenommen hat. Die Gedenkstätte
Bergen-Belsen verfolgt aktuell den Ansatz, die Fotografien des Lagers, von Getöteten und von der Gewalt stark gezeichneten Inhaftierten nicht mehr in der Ausstellung zu zeigen und somit vor allem die Würde der Opfer zu gewährleisten. Stattdessen werden andere lagerzeitliche Quellen, wie beispielsweise künstlerische Artefakte von Häftlingen, in der Ausstellung kontextualisiert und präsentiert.
Julia Landau (Gedenkstätte Buchenwald, Weimar) stellte die Frage nach der Bebilderung von Lagergeschichte am Beispiel des Sowjetischen Speziallagers Nr. 2 Buchenwald. In diesem Fall liegen keine visuellen, sondern nur schriftliche Dokumente vor, die die Verbrechen im sowjetischen Straflager belegen. Dabei problematisierte Landau die Wiederverwendung von Aufnahmen aus der Zeit des Konzentrationslagers Buchenwald für die Illustration der sowjetischen Verbrechen und verwies auf die Relevanz von Häftlingszeichnungen sowie der historischen Kontextualisierung.
In der Diskussion wurde die Frage laut, wie mit den fotografischen Leerstellen der Lagergeschichte im 20. Jahrhundert umzugehen sei und ob Zeichnungen und Fotografien unterschiedlich behandelt werden sollten. Unger betonte, dass zeichnerische oder andere grafische Darstellungen eine große Stärke in der biografischen Erklärung von historischen Geschehnissen besitzen, diese jedoch eine andere Funktion als Fotografien erfüllen. Wenn visuelle Lücken auch als diese im Ausstellungskontext wahrgenommen werden können, kann das laut Unger einen Mehrwert bedeuten.
Brüchige Bildgedächtnisse und Bildikonen: Bilder von Besatzung
Oft sparen Bilder von Besatzung die Erfahrungen der Zivilgesellschaft aus, die nicht dokumentiert wurden oder erst spät sichtbar gemacht werden konnten.
Iris Hax (Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Berlin) thematisierte den Umgang mit diesen Lücken in der Ausstellungspraxis. Ihre Präsentation des deutsch-griechischen Projekts »Karya 1943. Zwangsarbeit und Holocaust« zum Thema jüdischer Zwangsarbeit unter deutscher Besatzung in Griechenland während des Zweiten Weltkriegs offenbarte, wie private Fundstücke – hier ein Fotoalbum – durch biografische Ergänzungen, Zeitzeugengespräche und digitale Formate neue Lesbarkeit gewinnen und die häufige Einseitigkeit von Täterfotografien kontextualisieren können.
Auch in Lettland bleibt das Bildgedächtnis von Brüchen durchzogen, wie Evita Feldentāle (Lettisches Okkupationsmuseum, Riga) aufzeigte. Während visuelle Zeugnisse von Verbrechen durch propagandistische Nutzungen im Nachgang vergleichsweise zahlreich sind, fehlen dort direkte Fotografien zur sowjetischen Repression und Besatzung vor 1941 sowie unmittelbar nach 1944/45 fast vollständig. Die visuelle Erinnerung konzentriert sich daher bis heute auf bestimmte Narrative, was insbesondere in postsozialistischen Gesellschaften nach 1990 zu asymmetrischen Erinnerungskulturen geführt hat, wie Adam Kerpel-Fronius (Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin) am Beispiel Ungarns analysierte. Nach dem Ende des Kalten Krieges prägten zwei erinnerungskulturelle Strömungen das ungarische Geschichtsbild: eine, die die nationale Opferrolle betont und die Täterbeteiligung ausblendet, und eine, die sich dezidiert mit der aktiven Beteiligung Ungarns am Holocaust auseinandersetzt.
Robert Parzer (Deutsch-Polnisches Haus, Berlin) zeigte am Beispiel der NS-»Euthanasie«-Verbrechen in Polen und ihrer Überlieferung, dass Bilder von Repression und Gewalt an der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten selten überliefert sind. Damit bleibt der Mord an für »lebensunwert« erklärten Menschen ein marginalisiertes Verbrechen, das weder in Ausstellungen rezipiert und dokumentiert noch juristisch geahndet oder aufgearbeitet wurde.
Demgegenüber prägen Bildikonen von Besatzung das kollektive Gedächtnis der europäischen Gesellschaften bis heute. Fragen nach Herkunft, Kontext und der Notwendigkeit visueller Gegenerzählungen stehen daher im Zentrum heutiger Erinnerungskulturen. Gerade weil viele historische Bilder aus der Täterperspektive stammen, erproben aktuelle Ausstellungen neue Formen, um Opfern und marginalisierten Gruppen visuell mehr Raum zu geben, sei es durch Zeichnungen, Animationen oder partizipative Ergänzungen.
Geschichtsvermittlung in Zeiten von TikTok, KI und Co.: Workshop World-Café
Im World-Café tauschten sich die Teilnehmer über digitale Vermittlungsstrategien von historischen Themen aus. Es wurden verschiedene kurze Präsentationen gehalten, etwa von Charlotte Meiwes (Arolsen Archives, Bad Arolsen), Aliena Stürzer (Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück), Pauline Gault (Haus der Europäischen Geschichte, Brüssel), Alexandra Köhring (Stiftung Hamburger Gedenkstätten), Sarah Kunte (Stiftung Ettersberg, Weimar) und Katarzyna Gasiulewicz (Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung). Dabei wurde deutlich, dass soziale Plattformen wie Instagram, TikTok usw. jeweils eine eigene Bildstrategie, genaues »Zielgruppentargeting« sowie eine spezifische Bildsprache erfordern. Die Erkenntnis, dass der Austausch mit der jeweiligen Community zentral sei, mündete in der Frage nach den Grenzen der Interaktivität: Der direkte Austausch mit Nutzern bedarf aufgrund politisch sensibler Themen einer Moderation, die wiederum nur bei entsprechender Finanzierung möglich ist.
(Sowjetische) Denkmäler vor und nach 1989
Der zweite Tag umfasste ein Panel zu sowjetischen Denkmälern sowie eine Exkursion nach Breslau/Wroclaw zum Thema »Denkmäler vor und nach 1989«. Das Panel untersuchte die Beziehung zwischen sowjetischen Denkmälern im öffentlichen Raum und dem historischen Bildgedächtnis. Anhand einer Analyse von über 400 sowjetischen und postsowjetischen Schulbüchern skizzierte Mischa Gabowitsch (Universität Mainz), wie sich die visuelle Darstellung von Denkmälern seit den 1960er-Jahren wandelte. In zentralen sowjetischen Lehrwerken erschienen sie zunächst als abstrahierte Silhouetten, losgelöst von Raum und Kontext, als visuelle Chiffren des »Großen Vaterländischen Krieges«. Ganz anders dagegen in regionalen Schulbüchern, in denen die Denkmäler mit Menschen, Städten und Identifikationsangeboten verbunden wurden. Diese konkurrierenden Bildpolitiken wirken bis heute auch in der Ausstellungspraxis nach. In russischen Militärvideos werden Denkmäler aus der Froschperspektive inszeniert, um Hierarchien und Macht zu unterstreichen. Ukrainische Propagandabilder hingegen greifen ähnliche Monumente auf, aber in Selfie-Perspektive – auf Augenhöhe mit heutigen Kämpfenden – als Ausdruck eines fortgeführten »antifaschistischen« Widerstands.
Auch in Bulgarien sind sowjetische Monumente tief im öffentlichen Raum verankert. Dimiter Dimov (Universität Sofia) zeigte, wie sie nicht nur an die Befreiung 1945, sondern auch an den russisch-osmanischen Krieg anschließen – ein doppeltes Narrativ der »Kampfgemeinschaft«. Seit den 1990er-Jahren wurden viele dieser Orte jedoch kreativ umgedeutet, übermalt oder als urbane Freiräume neu besetzt. Spätestens seit 2014 setzte sich auch der politische Wille zur kritischen Kontextualisierung durch.
In Deutschland stehen sowjetische Ehrenmäler – etwa in Seelow oder Dresden – sinnbildlich für ein erinnerungskulturelles Spannungsfeld. Martin Wöpke (Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Sachsen-Anhalt, Magdeburg) betonte in diesem Zusammenhang, dass sie sowohl Ausdruck DDR-ideologischer Vereinnahmung waren als auch postsozialistische Umdeutungen erfuhren. Heute werden sie zunehmend als mehrschichtige Lernorte, mit
Fokus auf Einzelschicksale und historische Differenzierung, verstanden.
Wie sich unter autoritären Bedingungen dennoch neue Erinnerungspraktiken herausbilden, zeigte Natalia Baryshnikova (Memorial International, Weimar) am Beispiel von Memorial. Durch spontane Mahnmale, DIY-Tafeln und digitale Netzwerke entsteht so ein alternativer Aktivismus, der sowohl im öffentlichen als auch im digitalen Raum Erinnerung gegen staatliches Vergessen behauptet.
Durch den Austausch wurde deutlich, dass das Erbe sowjetischer Monumente heute umkämpft ist wie nie – sei es durch staatliche Instrumentalisierung, zivilgesellschaftliche Aneignung oder durch das schlichte Verblassen ihrer symbolischen Bedeutung. Was im öffentlichen Raum bestehen bleibt, ist nicht nur das Materielle, sondern vor allem die Frage der Bedeutungszuschreibung und damit auch des Bildgedächtnisses.
Visuelle Repräsentationen von Gesten der Versöhnung – eine kritische Auseinandersetzung
Pierre-Frédéric Weber (Uniwersytet Szczeciński/Universität Stettin) analysierte Versöhnungsgesten von deutsch-französischen Gedenkveranstaltungen und ihre bildliche Überlieferung. Nach seiner Lesart sind es Veranstaltungen, die einer spezifischen Aufmerksamkeitsökonomie unterworfen sind, sowie Top-down-Ereignisse, die von den Repräsentanten des Staates für die Gesellschaft vollzogen werden. Dabei verwies er auf die vielen Bilder von Versöhnung, die nicht ins kollektive Bildgedächtnis gelangt sind – wie etwa das Treffen von Joachim Gauck mit François Hollande sowie Überlebenden in dem französischen Dorf Oradour-sur-Glane. Dort verübte die Waffen-SS 1944 ein Massaker an der dortigen Dorfbevölkerung und ermordete dabei 643 Bewohner. Gauck, Hollande und die Überlebenden des Massakers reichten sich bei seinem Besuch im Jahr 2013 die Hand.
Urszula Pękala (Universität Saarbrücken) widmete sich dem Thema Versöhnung aus einer polnischen und insbesondere historisch-theologischen Perspektive. Dabei unterstrich sie, dass Bilder von Versöhnungsprozessen nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund unterschiedlicher Versöhnungsbegriffe teils fehlinterpretiert wurden. Deutlich wurde, dass die polnische Lesart sich von anderen Perspektiven stark unterschied: Etwa wurde Willy Brandts Kniefall vor dem Denkmal des Warschauer Ghettoaufstands von polnischer Seite aus, die zumeist einer katholischen Ikonografie folgt, als dezidiert religiöser Gestus rezipiert. Brandts Kniefall war jedoch nie primär religiös intendiert, sondern als Zeichen der Betroffenheit und Vergebung zu verstehen. Pękala argumentierte, dass Versöhnungsbilder sich zwar häufig auf die Realität beziehen, diese aber teilweise verschleiern und Probleme nicht abbilden. Ihrer Meinung nach bedeutet die Existenz von Versöhnungsbildern nicht, dass diese Prozesse abgeschlossen sind. Um das volle Potenzial der Versöhnungsgesten und -bilder auszuschöpfen, sollten diese immer in ihrem historischen Kontext betrachtet werden. Zudem erscheint es zwingend notwendig, sie hinsichtlich eines Versöhnungsenthusiasmus kritisch zu hinterfragen.
Fazit
Die Beiträge der Tagung gewährten einen Einblick in den Stand des historischen Bildgedächtnisses, den Umgang mit Fotografien und die kuratorische Praxis in Museen und Gedenkstätten. Neben kuratorischen Konzepten stand vor allem der Einsatz von fotografischem Material in Ausstellungen von Gedenkstätten und der Bildungsarbeit sowie die Nutzung von historischen Bildquellen in der Bildungsarbeit in Bezug auf die europäische (Gewalt-)Geschichte des 20. Jahrhunderts im Fokus. Die Relevanz der wissenschaftlichen Kontextualisierung, der pädagogische Auftrag, Bilder richtig deuten zu können, sowie der produktive Umgang mit visuellen Leerstellen im Sinne einer kritischen Bildgeschichte waren wesentliche Erkenntnisse der Panels. Ein zentraler Gedanke der Diskussionen war es aufzuzeigen, wo die Grenzen dessen, was Bilder in der historisch-politischen Bildungsarbeit leisten können, liegen. Zudem sind neben dem Kontext Bildgedächtnis und Erinnerung als solche auch die dazugehörigen Bilder einem Wandel unterlegen: Die digitale Transformation und der Einsatz von KI erfordern neue Strategien im Umgang mit visuell vermitteltem historischem Wissen. Insbesondere in Zeiten der Desinformation und Instrumentalisierung von Erinnerung – wie im Falle Russlands oder Belarus – werden neue Formen der Erinnerungsarbeit nötig.
Hannah Schönwald studiert im Master Geschichtswissenschaften mit dem Schwerpunkt Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Daneben arbeitet sie im Arbeitsbereich Gedenkstätten und Erinnerungskultur der Bundesstiftung Aufarbeitung sowie am Lehrstuhl für Public History der Fern-Universität in Hagen.
Samuel Alves Gaspar da Silva studiert im Master Zeitgeschichte an der Universität Potsdam und arbeitet im Arbeitsbereich Gedenkstätten und Erinnerungskultur der Bundesstiftung Aufarbeitung.