In den vielen Jahren, in denen bereits vom »Sterben der Zeitzeug*innen« gesprochen wird, wurde eine andere Zielgruppe lange Zeit vernachlässigt: die Nachkommen dieser Zeitzeug*innen, die mit ihren ganz eigenen Interessen und Fragen in die Gedenkstätten kommen. Sie suchen nach Spuren ihrer Familiengeschichten, wollen die Erinnerung an ihre Vorfahren und an die Orte ihrer Unterdrückung und Verfolgung aktiv mitgestalten und möchten die eigene Gegenwart im Lichte der Vergangenheit besser verstehen. Dies ist keine neue Entwicklung. Bereits in den 1970er Jahren machten Psycholog*innen und Journalist*innen auf dieses Thema aufmerksam. Maßgebend waren unter anderem die Forschungen von Dori Laub, Yael Danieli und Shamai Davidson sowie medienwirksame Akteur*innen wie Helen Epstein, die 1979 die erste Internationale Konferenz für Kinder von Shoah-Überlebenden organisierte. Nachkommen von Überlebenden der NS-Verbrechen prägen seit Jahrzehnten Erinnerungskultur aktiv mit. Dennoch geraten diese Menschen selten in den Blick institutioneller erinnerungskultureller Praxis. Das Projekt »Welche Stimme haben wir?« zur Einbeziehung und Beteiligung von Nachkommen NS-Verfolgter in die historisch-politische Bildungsarbeit, welches von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und dem Bundesministerium der Finanzen (BMF) in der Bildungsagenda NS-Unrecht gefördert wurde, stellt nun genau diese Gruppe in den Mittelpunkt. Das Pilotprojekt startete Anfang 2024 mit vier Teilprojekten in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, bei AMCHA Deutschland e. V. und beim Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte e. V. Das Ziel: Nachkommen von NS-Verfolgten verstärkt in die Bildungs- und Erinnerungsarbeit einzubeziehen und dabei ihre Erfahrungen mit und Perspektiven auf die bestehende Erinnerungskultur zu thematisieren und zu reflektieren.
Transgenerationales Trauma und Gefühlserbschaften
Ein Ziel des Projekts ist es, für Betroffene sowie für die Öffentlichkeit ein Bewusstsein für das generationenübergreifende Wirken von Gewalt- und Unrechtserfahrungen zu schaffen. Denn bei populärwissenschaftlich beliebten Formulierungen wie »vererbtem Trauma« ist Vorsicht geboten: Zum einen haben diese Begriffe pathologisierende Tendenzen, zum anderen bleibt oft unklar, was konkret vererbt wird und wie. Kinder von Überlebenden verstehen oft, dass etwas an der Vergangenheit ihrer Familien sie in irgendeiner Weise betrifft, ohne Ausdruck dafür finden zu können. Genau dies ist eines der charakteristischen Merkmale von Trauma, nämlich dass es amorph und schwer zu fassen ist. Dori Laub definierte Trauma in der Hinsicht als »unbewusstes Organisationsprinzip, welches von den Eltern weitergegeben und von ihren Kindern internalisiert wird.« Das Trauma beschränkt sich nicht auf einen Zeitpunkt, einen Ort oder eine Person, denn es beschreibt weder das Ereignis selbst noch die Erinnerung daran. Stattdessen meint der Begriff die psychischen Spuren und Wunden, die das Erleben von Gewalt hinterlassen. Da traumatische Erlebnisse die individuellen Handlungs- und Bewältigungsmöglichkeiten übersteigen, können sie nicht verarbeitet werden. Oft überträgt sich dieses Unverarbeitete als »Gefühlserbschaften« auf nachkommende Generationen. Diese äußern sich zum Beispiel durch diffuse Gefühle wie Ängste, Schuldgefühle und Depressionen, die nicht auf selbst Erlebtes zurückgeführt werden können. Wie diese Übertragung funktioniert, erläutert der klinische Psychologe Nathan Kellermann anhand von vier Modellen: psychodynamisch, soziokulturell, systemisch und biologisch.
Das psychodynamische Modell beschreibt, wie unbewusste und verdrängte Emotionen der Eltern durch zwischenmenschliche Beziehungen und Interaktionen übertragen werden. Wenn ein Elternteil sein Trauma nicht verarbeitet
hat, kann das Kind unbewusst diese Aufgabe übernehmen, wie zum Beispiel Trauerarbeit oder die Umkehr von Gefühlen der Demütigung und Hilflosigkeit. Die Eltern können Emotionen wie Wut, Angst oder Trauer um den Verlust von Familienmitgliedern auf ihr Kind projizieren. Die soziokulturelle Weitergabe sowie die Weitergabe durch Familiensysteme hängen von der Sozialisation, dem Erziehungsstil und der Kommunikation ab. Zu viel oder gar nicht über das Erlebte zu sprechen, beeinflusste ihre Kinder ebenso wie Überbehütung und ängstliche Bindungsstile. Ein oft beobachtetes Phänomen ist, dass Kinder angesichts der Hilfebedürftigkeit ihrer Eltern oft die Elternrolle übernahmen. Das biologische oder epigenetische Modell basiert auf Forschungen, die sich mit dem Einfluss extremer Traumata auf die Genetik befassen. Die Ergebnisse der Forschung auf diesem Gebiet sind bislang recht vage, da es schwierig ist, tatsächliche Biomarker zu lokalisieren.
Was bei diesen Erklärungsmodellen zu kurz kommt, ist die Rolle der Gesellschaft. Überlebende und ihre Nachkommen verhalten sich zu ihrer Vergangenheit in einem Rahmen, den der gesellschaftliche Umgang mit den Themen NS-Zeit, Zweiter Weltkrieg und Holocaust vorgibt. Nachkommen von Überlebenden in Israel haben demnach einen ganz anderen Bezugsrahmen als diejenigen, die in Deutschland in einer Post-Täter-Gesellschaft aufwuchsen, oder den vielzähligen Nachkommen aus der ehemaligen Sowjetunion, wo das Gedenken an den Holocaust gar tabuisiert war. Und auch innerhalb der Ländergrenzen tun sich große Unterschiede auf, wenn man etwa die späte Anerkennung des Genozids an den Sinti*zze und Romn*ja sowie deren Erfahrungen mit strukturellem Rassismus betrachtet. Diese Faktoren gilt es in der praktischen erinnerungskulturellen Arbeit mitzudenken.
Das Projekt »Welche Stimme haben wir?«
Die vier Projektpartner setzten innerhalb von zwei Jahren unterschiedliche Teilprojekte um. In den zwei Gedenkstätten Neuengamme und Sachsenhausen wurden Gruppen gegründet, in denen Nachkommen ehemaliger KZ-Häftlinge der jeweiligen Lager aus aller Welt zusammenfanden und über den Projektzeitraum gemeinsam an Möglichkeiten arbeiteten, ihre Perspektiven in der Gedenkstättenarbeit sichtbar zu machen – durch Ausstellungsmodule, Videointerviews, Bildungsmaterialien und Veranstaltungen. Der Bundesverband für NS-Verfolgte und AMCHA Deutschland dagegen organisierten Workshops in Deutschland und in Israel mit wechselnden Konstellationen der Teilnehmenden. In diesen Veranstaltungen, wie etwa Comic- und Schreibworkshops, ging es um den Austausch über Familiengeschichten, den Umgang mit transgenerationalen Traumata und autobiografisches Schreiben.
Das Projekt wirkte im Wesentlichen in zwei Richtungen: Zunächst war es wichtig, geschützte Räume des Austausches von Nachkommen untereinander zu schaffen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und deren Wirkungen in der Gegenwart verläuft keineswegs linear und braucht daher immer wieder Räume der Reflexion. Sie kann auch immer wieder sehr anspruchsvoll und schmerzhaft sein. Für viele der Teilnehmenden war es das erste Mal, dass sie mit anderen Nachkommen von Verfolgten über ihre Erfahrungen und Gefühlswelten sprachen. Diese Gemeinschaft wirkt sehr bestärkend, wie das Feedback aus einem der Schreibworkshops verdeutlicht: »Es fühlt sich an wie Selbsthilfearbeit mit professioneller Unterstützung. Die neuen regelmäßigen Treffen haben etwas Befreiendes, denn andere [...] wollen häufig nichts vom Thema hören.«
Das zweite Ziel war es, die Perspektiven dieser nachkommenden Generationen in der historisch-politischen Bildungsarbeit sichtbar zu machen. Dadurch erleben die Nachfahren einerseits eine Würdigung ihrer Realitäten, andererseits sind sie mit ihren eigenen Biografien Brücken zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Ihre Geschichten machen deutlich, wie die Vergangenheit in der Gegenwart fortwirkt und tragen somit zu einem nachhaltigen Geschichtsverständnis bei. Wie diese Ziele erreicht werden konnten, und welche Herausforderungen sie brachten und weiterhin bringen, wollen wir im Folgenden mit Beispielen aus unserem Projekt zeigen.
Arbeit mit und für Nachkommen
Oft bringen Nachkommen keine fertige Geschichte mit, sondern sind noch im Prozess des Forschens und Verarbeitens. Diesen Prozess können Gedenkstätten unterstützend begleiten. Arbeit mit Nachkommen bedeutet auch Beziehungsarbeit, damit es eine vertrauensvolle Grundlage gibt, auf der sich die Beteiligten sicher und ernst genommen fühlen. Denn was sie mit den Gedenkstättenmitarbeiter*innen teilen, ist oft mehr als nur die Geschichte ihrer Vorfahren, sondern vielmehr, wie diese Ereignisse sie selbst und ihre Familien geprägt haben. Es sind teilweise Geschichten von Gewalt, Scham, Ungerechtigkeit, Armut und großer Ambivalenz. Dies fordert von den Mitarbeitenden Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl, aber auch Strukturen, die Raum und Zeit für individuelle Fragen und Geschichten bieten, ohne, dass diese direkt verwertet werden müssen.
Eine Frage, die vor allem zu Beginn des Projekts im Vordergrund stand, war, wie Nachkommen erreicht werden können. Schon die Einladungen zu Veranstaltungen gestalten sich als schwierig, da es kaum Strukturen von Nachkommenvertretungen gibt. In den Gedenkstätten fehlen bisher dauerhafte Stellen für die Arbeit mit Nachkommen, Kontakte müssen zum Beginn jedes neuen Projekts wieder zusammengesucht werden. Ein weiteres Problem ist die Sprachbarriere. Texte lassen sich in viele Sprachen übersetzen, aber eine durchgehende Simultanverdolmetschung bei Veranstaltungen ist finanziell kaum zu stemmen. Außerdem ist der informelle Austausch mit den anderen Nachkommen zwischen den Veranstaltungen oder am Abend mindestens genauso wichtig wie die vorbereiteten Inhalte. Daher fanden alle Seminare in den Projekten auf Deutsch oder Englisch statt und waren somit für bestimmte Zielgruppen nicht zugänglich.
Die Veranstaltungen im Projekt haben nicht den Anspruch, therapeutische Angebote zu sein. Trotzdem bewegen wir uns auf einem schmalen Grat zwischen historisch-politischer Bildungsarbeit und persönlicher Verarbeitung von Familiengeschichten. Nachkommen verschiedener Häftlingsgruppen bringen sehr
unterschiedliche Erfahrungen und damit auch Bedürfnisse mit. Besonders für Nachkommen spät anerkannter Häftlingsgruppen und Personen, die selbst Diskriminierungserfahrungen gemacht haben, ist es wichtig, konstante
Bezugspersonen und nicht nur Projektmitarbeiter*innen zu haben. Die Reaktionen der Nachkommen auf verschiedene Situationen, wie etwa das erste Mal auf dem ehemaligen Lagergelände sein, sind sehr unterschiedlich und vorher nicht abzusehen. Einige äußern dann starke Emotionen, andere ziehen sich zurück; die einen brauchen in dem Moment Austausch und Halt, die anderen Ruhe. Wie hilfreich die Einbeziehung von psychologischem Fachpersonal ist, zeigte die Zusammenarbeit mit den Psychologen
Martin Auerbach und Peter Pogány-Wnendt bei den Workshops von AMCHA und vom Bundesverband. Gedenkstättenmitarbeiter*innen können diese Arbeit durchaus auch leisten, wenn sie in diesen Themen geschult werden.
Solange es keine festen Stellen für die Arbeit mit Nachkommen gibt, ist es wichtig, schon im Projekt die Selbstorganisation der Nachkommen zu fördern und den (zeitlichen) Rahmen des Projektes klar zu kommunizieren. So können Missverständnisse und falsche Erwartungshaltungen verhindert werden. Kommunikationswege, wie WhatsApp-Gruppen oder Mailverteiler sollten unabhängig von dem*der Projektmitarbeiter*in sein, sodass sie auch über das Projekt hinaus Bestand haben. Das Ziel sollte sein, dass sich möglichst nicht immer wieder nur kleine Gruppen bilden, sondern Nachkommen sich auch in größeren Runden vernetzen, um so eigene Interessen gezielter vertreten zu können. Ein Teilnehmer des Vernetzungstreffens formulierte es im Anschluss folgendermaßen:
»I will stay connected with other descendants and the memorial. In case the memorial needs me once – I’ll be there. It was a once in a lifetime experience – so grateful for that. It helped me a lot to understand more about others prisoner groups.«
Auch andere Teilnehmende betonten immer wieder, wie wertvoll die Begegnung mit Personen war, die eine andere Verfolgungsgeschichte hatten, tauschten oft untereinander Nummern aus und blieben den Institutionen verbunden.
Nachkommen als Akteure in der historisch-politischen Bildung
Die Sichtbarmachung der Geschichten von Nachkommen hat für viele ein heilendes Moment. Die oben beschriebenen Gefühle wie Angst, Scham und Ungerechtigkeit, die das Leben vieler Nachkommen prägen, stehen in direkter Relation zum gesellschaftlichen Umfeld. Die öffentliche Anerkennung, das Gehört- und Verstandenwerden tragen maßgeblich zur Linderung des Leidensdrucks bei, ebenso wie die Erfahrung von Selbstwirksamkeit durch politische Partizipation. Workshop-Teilnehmende stellen sich immer wieder die Frage, was sie eigentlich beitragen können. Für viele war es das erste Mal, dass sie mit ihrer spezifischen Perspektive ernst genommen wurden, völlig unabhängig davon, wie viel historisches Wissen sie über ihre Vorfahren beisteuern können.
Ein Teilnehmer des Vernetzungstreffens in der Gedenkstätte Sachsenhausen sagte nach dem Seminar: »The seminar made me realise that I could be useful in terms of memory; that my story could be of interest in some way.«
Nützlich sind die Geschichten der Nachfolgegenerationen für die Erinnerungskultur und historisch-politische Bildungsarbeit allemal – ihr Potential wird leider dennoch oftmals unterschätzt und bislang wenig genutzt. Sie bieten einen neuen Ansatz in der Geschichtsvermittlung, der in den Vordergrund stellt, wie sich Geschichte in der Gegenwart spürbar macht. Geschichte erscheint darin nicht bloß als fernes, abstraktes Faktenwissen, sondern als gesellschaftliche Kraft, die Individuen, Familien und soziale Gefüge formt. Dabei bietet ein ganzes literarisches Genre bereits eine Fülle an Material: die Holocaust-Literatur der Zweiten Generation. Schriftsteller*innen wie Lizzie Doron, Robert Schindel, Barbara Honigman, Thane Rosenbaum, David Grossman und viele andere rekonstruieren die Geschichten ihrer Familien und interpretieren sie im Lichte ihrer eigenen Gegenwart neu. Auch das kanonische Werk »Maus« von Art Spiegelman hat im Genre der Graphic Novels und Comics viele Nachahmer gefunden.
Gerade an den historischen Orten können die Geschichten der Nachfahren von Verfolgten einen Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit herstellen und den Besucher*innen die ganz konkreten Auswirkungen der Geschichte des Ortes offenbaren. Das bringt nicht nur den Vorteil, dass die immer weiter in die Vergangenheit rückende Geschichte der NS-Zeit in ihrer Aktualität sichtbar wird, sondern auch, dass Geschichte als menschliche Erfahrung erscheint, welche die Gegenwart formt: So wird auch eine Perspektive auf das eigene Erleben eröffnet, wie etwa für Kinder von Eltern mit Flucht-, Migrations- und Kriegserfahrungen aus anderen Kontexten. Sie können Familiendynamiken in diesen Geschichten wiedererkennen, ohne dass die historischen Ereignisse selbst miteinander verglichen werden.
Diese Niedrigschwelligkeit und Nahbarkeit ist ein weiterer pädagogischer Vorteil dieser Erzählungen. Aus einem Projekt von AMCHA zusammen mit der Universität Haifa entstand eine Online-Ausstellung in Form eines digitalen Wohnzimmers: Fünf Kinder von Shoah-Überlebenden erzählen dort anhand von Alltagsobjekten, wie die Vergangenheit ihrer Eltern Einzug in ihr tägliches Leben fand. Ein Laib Brot symbolisiert, wie Nahrung ein Ausdruck von Schutz und Kontrolle wurde, ein Stapel Briefe zeigt, wie offizielle Schreiben Angstzustände hervorriefen –
in Erinnerung an Erlässe und Verordnungen der NS-Zeit, die immer eine potenzielle Gefahr darstellten. In einem Videointerview ringt Effi, Sohn belgischer Überlebender, mit den Tränen, als er von einem Wandteppich seines Großvaters erzählt, den er im Versteck fertigte und der in seinem Elternhaus an der Wand hing: »Es war etwas sehr Zentrales, aber doch Unausgesprochenes.« Erst in seinen 30ern erfuhr er die Geschichte hinter diesem Objekt. Noch heute fällt es ihm sichtbar schwer, über das jahrzehntelange Schweigen in seiner Familie zu dem Erlebten zu sprechen – ein zentrales Thema im Erleben der meisten Nachkommen von NS-Verfolgten. Umso wichtiger ist es, dieses Schweigen mit solchen Projekten zu brechen.
Ausblick
Während beide oben dargelegte Ziele – Angebote für die Nachkommen einerseits und die Bildungsarbeit zu dem Thema andererseits – zentrale Bestandteile des Projektes sind, hatte Ersteres stets Priorität. Das große Interesse an den verschiedenen Workshops zeigt, wie viele Menschen Raum zum Austausch suchen. »Das niederschwellige Angebot [...] hilft vielen Betroffenen, sich erstmals zu definieren und ihre innere Thematik zu benennen, wodurch eine Verarbeitung des Geschehenen möglich wird« – So lautete die Einschätzung eines Psychotherapeuten über die Workshops des Bundesverbandes. Diese Angebote müssen unabhängig davon existieren, ob sie »verwertbare« Ergebnisse hervorbringen. Im Gegenteil: Eine solche Anspruchshaltung würde dem produktiven Dialog im Wege stehen. Vielmehr müssen Institutionen Räume des Austauschs schaffen, verstetigen und im besten Fall psychologisch betreuen lassen. Daraus können die Angehörigen Mut, Selbstbewusstsein und Resilienz schöpfen, mit ihrer Geschichte an eine Öffentlichkeit zu gehen. Gleichzeitig müssen dabei Grenzen respektiert werden: Aus Angst vor Diskriminierung wollen viele Nachkommen ihre Geschichten nur anonymisiert oder gar nicht teilen. Eine Befürchtung, die gerade im Lichte der erstarkenden rechten, antisemitischen und rassistischen Diskurse leider mehr als berechtigt ist.
Ideal sind langfristige, wiederkehrende und nachhaltige Angebote. Dafür sind Schulungen von Gedenkstättenpersonal im Bereich psychosozialer Hilfe und transgenerationalem Trauma notwendig. Aber auch vereinzelte Workshops, wie sie von AMCHA und vom Bundesverband durchgeführt werden, können wichtige Stützen sein und Impulse geben. Eine Teilnehmerin eines Schreibworkshops berichtete, dass sie zwar im Workshop im Schreiben noch sehr gehemmt war, allerdings konnte sie »in der Folge – ohne dauernd emotional aufgeladen zu sein und dadurch im Schreiben das Tabuisierte erneut zu verschleiern – viel leichter meine familiäre Belastung formulieren.« Solche Workshops geben den Teilnehmenden Werkzeug an die Hand, sich durch kreative Wege ihrer eigenen Gefühlswelt zu nähern und Ausdruck für das Trauma zu finden, über das in vielen Familien geschwiegen wurde.
Dass die Workshopangebote für alle Verfolgtengruppen offenstanden, wurde durchweg positiv aufgenommen und in Rückmeldungen immer wieder betont: »Diese Mischung zeigte die gesamte gesellschaftliche Tragweite der Tragödie der NS-Diktatur, unter deren Nachwehen wir noch heute leiden, obwohl das vielen unserer Mitbürger*innen nicht immer bewusst ist.« Der Fokus lag auf dem Entdecken von Gemeinsamkeiten: Ähnliche Familiendynamiken, langjähriges Schweigen, Unverständnis der Mehrheitsgesellschaft und viele weitere Aspekte prägen das Erleben vieler, unabhängig von ihrem Hintergrund. Der sichere Raum der Workshops bot gleichzeitig die Möglichkeit, Unterschiede zu hören und anzuerkennen. Dennoch gilt es in der weiteren Arbeit, diese Unterschiede mitzudenken und zu reflektieren. So gibt es eine signifikante Zahl von Nachkommen, in deren Familien sich sowohl Überlebende als auch Täter*innen finden. Das bringt für die Personen selbst ganz eigene Herausforderungen und kann bei anderen Teilnehmenden zu Irritationen führen. Wenngleich die Gruppen oft divers waren, konnten wir beobachten, dass es schwierig war, gewisse Zielgruppen zu erreichen: etwa Nachkommen von Verfolgten Sinti*zze und Rom*nja und Personen aus Zentral- und Osteuropa. Andauernde Diskriminierung, aktuelle Kriege, Sprachbarrieren und die den Communities eigenen Zugänge zum Geschichts- und Selbstverständnis könnten Hemmschwellen sein. Diese Communities gezielt anzusprechen und zur Partizipation einzuladen, und gleichzeitig eigene Formate ausschließlich für die einzelnen Zielgruppen anzubieten, sind zwei Lösungsansätze, die sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern eher befördern können.
Gedenkstätten und Bildungseinrichtungen sollen Nachkommen stärker in den Fokus rücken – als Zielgruppe ihrer Arbeit und gleichzeitig als Ressource. Nicht nur die Zeitzeug*innen, sondern auch ihre Nachfahren sind lebendige Geschichte, sie bieten eine einzigartige Perspektive, die Gegenwart und Vergangenheit verbindet, und verdienen gesellschaftliche Anerkennung. Bei einer Veranstaltung der Gedenkstätte Neuengamme sprach Shlica Weiß, die Enkelin von verfolgten Sinti*zze, zu 200 Schüler*innen: »Wir alle sind wertvoll. So wie wir sind. Das dürfen, das müssen wir zeigen.« Gedenkstätten und Bildungseinrichtungen dürfen, müssen dabei helfen.
Alisa Gadas ist Historikerin und arbeitet seit 2018 in verschiedenen Projekten für AMCHA Deutschland. Als freiberufliche Bildungsreferentin hat sie langjährige Erfahrung in der historisch-politischen Bildungsarbeit.
Johanna Kühne-Lengle ist Historikerin und seit Februar 2024 verantwortlich für das Projekt »Welche Stimme haben wir?« an der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen. Schon in vorherigen Projekten arbeitete sie im Kontext historisch-politischer Vermittlungsarbeit.