Wer befreit wurde, ist auch historisch widerlegt, nicht nur militärisch besiegt

Zur systematischen Umdeutung des 8. Mai durch die extreme Rechte. Eine Analyse des Projekts »Geschichte statt Mythen«
12/2025Gedenkstättenrundbrief 220, S. 42-51
Berit Kö, Jakob Schergaut

Der 8. Mai zwischen Erinnerung und Revision

Der 8. Mai 1945 sei ein »ambivalentes Datum«, urteilte der AfD-Bundestagsabgeordnete Götz Frömming in einem TikTok-Video zum 80. Jahrestag des Kriegsendes. Er sprach von der »nationalsozialistischen Schreckensherrschaft« und räumte eine »gewisse Berechtigung« ein, von Befreiung zu sprechen – um dann sofort das »aber« folgen zu lassen: »Nicht alle sind am 8. Mai 1945 befreit worden.« Es folgt eine Aufzählung der Opfer: tapfer kämpfende Wehrmachtssoldaten, vergewaltigte Frauen, Vertriebene, aber auch sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter:innen, die von den Nazis in Lagern interniert wurden. Die Erwähnung dieser letzten Opfergruppe dient dabei nicht der historischen Differenzierung, sondern der rhetorischen Absicherung: Wer auch Nicht-Deutsche als Opfer benennt, entzieht sich dem Vorwurf der Selbstviktimisierung. Frömmings eigentliche Botschaft bleibt dennoch unmissverständlich: Es sei »falsch«, vom Tag der Befreiung zu sprechen, denn dieser Begriff sei eine »DDR-Metapher«, ein »Propagandabegriff«, welcher der »Komplexität dieses Tages« nicht gerecht werde.

Diese Deutung wiederholte sich in Bundes- und Landtagsreden, Social-Media-Postings und rechtsextremen Publikationen mit bemerkenswerter Konsistenz. Der Begriff der Ambivalenz ist dabei nicht zufällig gewählt, denn er suggeriert, die AfD vertrete lediglich eine historisch legitime Perspektive auf den 8. Mai: Bundespräsident Theodor Heuss betonte 1949 vor dem Parlamentarischen Rat die Doppeldeutigkeit des Datums, da ›die Deutschen‹ gleichzeitig erlöst und vernichtet worden seien. In den 1950er Jahren spielte der 8. Mai kaum eine Rolle in der öffentlichen Erinnerung. Bundeskanzler Ludwig Erhard bezeichnete die Kapitulation 1965 als »grauen und trostlosen Tag« – eine für die Erlebnisgeneration typische Wahrnehmung, die ihren »persönlichen 8. Mai« bereits in den Wochen zuvor erlebt hatte. Fünf Jahre später betonte Willy Brandt im Bundestag das Leid, das »der von Hitler losgebrochene Krieg« verursacht habe. Die Darstellung Hitlers als alleiniger Urheber spiegelt das Bedürfnis nach Entlastungsnarrativen wider und so sprach auch Brandt schon von Befreiung, meinte damit jedoch ausschließlich andere Völker, die unter Fremdherrschaft, Terror und Angst gelitten hatten. Die entscheidende Wende vollzog sich 1975, als Bundespräsident Walter Scheel den 8. Mai auch als Befreiung der Deutschen bezeichnete, als eine Befreiung, die »von außen« gekommen sei. Zehn Jahre später setzte Richard von Weizsäcker mit seiner Rede zum 40. Jahrestag den bis heute gültigen Rahmen: Der 8. Mai markiere das »Ende eines Irrweges deutscher Geschichte«. Weizsäcker betonte die Verantwortung der deutschen Bevölkerung für die NS-Verbrechen und würdigte verschiedene Opfergruppen. Seine Deutung prägte die folgenden Jahrzehnte; seit vierzig Jahren gilt der 8. Mai in der deutschen Erinnerungskultur als der Tag der Befreiung. 

Kontinuitäten rechter Geschichtspolitik

Die rechtsextreme AfD und ihr Umfeld führen eine geschichtspolitische Offensive gegen die etablierte Erinnerungskultur der Bundesrepublik. Ihr aktueller ideologischer Angriff knüpft an Debatten vor dreißig Jahren an: Im Vorfeld der Gedenkrede von Bundespräsident Roman Herzog zum 50. Jahrestag des Kriegsendes organisierten rechte Akteur:innen eine Gegenkampagne. In einer Anzeige in der FAZ kritisierten sie die Deutung des 8. Mai als einseitig und betonten den »Beginn des Vertreibungsterrors und neuer Unterdrückung«. Ein Geschichtsbild, das diese »Wahrheiten« verkenne, stehe einer »selbstbewussten Nation« im Wege. Unterzeichnet wurde die Anzeige von rund 200 Personen, überwiegend aus CDU/CSU und FDP. Zu den Erstunterzeichnern gehörten auch Karl Heinz Weißmann und Dieter Stein (Junge Freiheit). Für die beiden damals schon umtriebigen Akteure galt diese Kampagne als Startschuss für weitere »metapolitische« Aktivitäten, die im Jahr 2000 in der Gründung des Instituts für Staatspolitik (IfS) mündeten – heute vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft. 

Die Kombination aus deutscher Selbstviktimi­sierung und der Behauptung, kritische NS-Aufarbeitung verhindere nationale Selbstbehauptung, bündelte zentrale Motive rechter Geschichtspolitik und knüpfte an Armin Mohler an, der bereits in den 1960er Jahren einen angeblichen deutschen »Nationalmasochismus« beklagt hatte. Götz Kubitschek, Leiter des IfS, fungierte in den folgenden Jahren als ideologischer Stichwortgeber und gilt als Mitautor der Erfurter Resolution, mit der sich 2015 der radikale »Flügel« der AfD für einen explizit völkischen Kurs aussprach. Während in der Partei noch Grabenkämpfe um die programmatische Ausrichtung tobten, hatte die neonazistische Szene den 8. Mai längst als geschichtspolitischen Erinnerungsort erkannt: Die NPD veranstaltete in Demmin (Mecklenburg-Vorpommern) seit 2007 alljährlich sogenannte Trauermärsche, um den Massensuizid im Mai 1945 geschichtspolitisch zu vereinnahmen und eine angebliche alliierte Vernichtungsabsicht gegenüber Deutschen zu konstruieren: An diesen Kurs knüpfte die Thüringer AfD bereits 2015 an, als Stephan Brandner gegen eine angebliche »Gedenkinflation« polemisierte und deutschen Opfern von Flucht und Vertreibung die stark überhöhte Zahl von zwei Millionen zuschrieb.

Rhetorische Strategien und geschichtsrevisionistische Narrative

Zum 80. Jahrestag 2025 hatte sich dieser geschichtsrevisionistische Kurs parteiintern durchgesetzt und manifestiert sich in systematisch wiederkehrenden Narrativen. Besonders auffällig ist etwa die Verwendung der spezifischen Opferzahl von zwei Millionen, die immer wieder im rechtsextremen Lager kursiert und propagiert wird. Diese Zahl beinhalte jedoch »alle deutschen Verluste von 1939 bis 1944/45 in diesen Regionen [die ehemaligen deutschen Ostgebiete und Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa] […], einschließlich der Vermissten und Unidentifizierten«. Und in dieser Zahl seien auch die »vermeintlichen deutschen Geburten­ausfälle, die Staatsangehörigkeitswechsler, ungezählte Wehrmachtstote, die ermordeten deutschen Juden und Vermisste einbezogen«. Seriöse Schätzungen gehen von 500.000 bis 600.000 zivilen Todesopfern zwischen 1944 und 1947 aus. Mit der Strategie der radikalen Überhöhung von Zahlen versuchen rechtsextreme Akteur:innen, das Leid der deutschen Bevölkerung in eine Dimension zu rücken, die mit den Opfern der NS-Verbrechen konkurriert und diese relativiert. Da die Zahlen jedoch abstrakt sind und Einzelschicksale nicht abbilden, unterfüttern AfD-Politiker:innen ihre Redebeiträge mit persönlichen Erzählungen und emotionalisierenden Darstellungen, die den Opferdiskurs authentifizieren und Kritik erschweren sollen. Dennis Hohloch etwa führte in einem Kurzvideo der AfD-Fraktion Brandenburg auf Telegram explizit die Geschichte seiner Großmutter an: Sie habe während des Zweiten Weltkriegs beide Eltern verloren, sei adoptiert worden und habe auf der Flucht am Wegesrand eine tote Mutter gesehen, die ein lebendes Baby im Arm gehalten habe – dieses Kind sei später ihr Bruder geworden. Die Drastik der Schilderung soll die Deutung als ›Tag der Befreiung‹ emotional delegitimieren: »Und da kann mir niemand sagen, dass das ein Tag der Befreiung war!«

In einem Interview mit der rechtsextremen Zeitschrift Sezession berichtete auch Björn 

Höcke von seiner familiären Betroffenheit. Seine Urgroßeltern seien 1946 in Königsberg verhungert, doch seinen Großeltern sei die Flucht gelungen – denn die Wilhelm Gustloff hätten sie um wenige Stunden verpasst: »[W]as für ein Glück, denn dieses Schiff wurde ja versenkt, und tausende Flüchtlinge ertranken«. Er schilderte, wie ihm als Kind von einer Mutter erzählt wurde, die »tagelang ihren erfrorenen Säugling mit sich herumtrug und immer wieder wie wahnsinnig schrie«, von »Köpfen, die nach Treffern durch Bordkanonen von Tieffliegern auseinanderplatzten«. Höcke verweist auf eine Dokumentation mit Augenzeugenberichten und warnt: Wer »starke Nerven« habe, könne dort von »zu Tode vergewaltigten Mädchen und Frauen, die an Scheunentore genagelten Alten, die kopfüber an Straßenlaternen Aufgehängten und von unter ihnen entfachten Feuern langsam Gerösteten« erfahren – doch man könne das kaum lesen, »nicht am Stück«. Diese maximale Emotionalisierung durch drastische Gewaltdarstellungen soll Höcke als persönlich Betroffenen und so als Teil einer Opfergruppe authentifizieren. Kritik an seiner Position wird dadurch moralisch schwierig und zugleich wirkt die Imagination einer Opfergeschichte wie ein Gegengewicht zu den NS-Verbrechen, die damit implizit relativiert werden.

 

Geschichtsrevisionismus im Landtag

Die Herstellung einer solchen ›Opfersymmetrie‹ verfolgte auch der AfD-Abgeordnete Sascha Schlösser im Herbst 2024, als die Linksfraktion im Thüringer Landtag anlässlich des 80. Jahrestags vorschlug, den 8. Mai 2025 einmalig als gesetzlichen Feiertag zu begehen. Schlösser versuchte daraufhin, die Position der AfD als deckungsgleich mit denen von u. a. Walter Scheel und Richard von Weizäcker darzustellen: Er kritisierte eine angebliche Einseitigkeit und entgegnete seinem Vorredner Mathias Hey (SPD), der an die Befreiung Buchenwalds am 11. April 1945 erinnert hatte, er solle an diesem Tag nach Gispersleben gehen: »Da ist eine kleine Grabplatte. Da wurden am 11. April durch amerikanische Soldaten 50 blutjunge Soldaten erschossen.« Es handelte sich um eine gezielte Falschdarstellung: Tatsächlich fand an jenem Morgen ein Gegenangriff deutscher Truppen, überwiegend SS-Angehöriger, statt, bei dem amerikanische Soldaten gefangen genommen und an zwei verschiedenen Orten ermordet wurden. Als Vergeltung erschossen amerikanische Truppen nach dem Gefecht etwa zwölf gefangene deutsche Militärangehörige. Insgesamt starben an diesem Tag 45 deutsche Soldaten. Schösser rundete die Zahl offenbar auf und vermischte die im Gefecht Gefallenen mit den völkerrechtswidrig Erschossenen. Noch problematischer ist seine implizite Gleichsetzung: Indem Schlösser die Erschießung deutscher Soldaten unmittelbar der Erwähnung der Befreiung Buchenwalds gegenüberstellt, suggeriert er eine moralische Äquivalenz zwischen deutschen Militärangehörigen – darunter SS-Männern – und KZ-Häftlingen. Diese Darstellung verwischt bewusst die Unterschiede zwischen den Kombattanten eines menschenverachtenden Regimes und den Opfern seiner Verbrechen.

»Deutschenfeindlichkeit« und »Rumpfdeutschland«

Diese Strategie der Täter-Opfer-Umkehr findet sich in diversen Reden von AfD-Akteur:innen anlässlich des 80. Jahrestags des Kriegsendes. Die Alliierten werden dabei als Verbrecher inszeniert, deren »Willkür« und »bolschewistischen Herrschaft« (Horst Förster) ›die Deutschen‹ sich hätten unterwerfen müssen. Franz Schmid betonte, die Alliierten hätten Deutschland »nicht zum Zwecke [der] Befreiung« besetzt, sondern als ein »besiegter Feindstaat«. Auf diesen bewusst verkürzten Passus aus der US-Direktive JCS 1067 an die US-Besatzungsstreitkräfte stützt sich die extreme Rechte seit Langem, um die Nachkriegsordnung zu delegitimieren – als wäre nicht der nationalsozialistische Vernichtungskrieg, sondern dessen Beendigung durch die Alliierten das eigentliche Unrecht.

Im sächsischen Landtag unterstellte Sebastian Wippel den »sogenannten Befreiern« pauschal »imperialistische Ambitionen«. Diese Rhetorik stellt NS-Terror und alliierte Kriegsführung auf eine moralische Stufe und verschiebt die Verantwortung: Nicht das NS-Regime erscheint als Urheber von Leid und Zerstörung, sondern die Alliierten. Zusammenfassend konstatierte Christoph Berndt im Kurzvideo der AfD-Fraktion Brandenburg auf Telegram: »Die Rote Armee hat auch Verbrechen begangen, auch die Westalliierten haben Verbrechen begangen. Das kann man doch nicht vergessen! Dass wir in Frieden mit unseren Nachbarn leben können, das muss die Lehre aus dem 8. Mai sein und nicht ihre maßlose Deutschenfeindlichkeit!«

Ähnlich argumentierte Dominik Kaufner, promovierter Historiker und Abgeordneter des Brandenburger Landtags. Er fiel bereits in seiner Landtagsrede mit den üblichen geschichtspolitischen Inhalten der extremen Rechten auf, als er in einer aktuellen Stunde am 27. März 2025 ausschließlich alliierte Verbrechen mit Maximalzahlen aufzählte – zu den Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes verlor er kein Wort. In einem Gastbeitrag unter dem Titel »8. Mai – Zeit für eine Revision« in der Sezession konkretisierte er dann seine Kritik: »Nach der Wiedervereinigung Rumpfdeutschlands«, ein revanchistischer Kampfbegriff, sei die »Selbsterniedrigung und Geschichtsvergessenheit immer weiter fortgeschritten«. Die Vorstöße in Sachsen und Brandenburg zur Einführung von Gedenk- bzw. Feiertagen am 8. Mai habe die »Kriegspropaganda und Schuldtheologie« nochmals manifestiert. Weiter prangerte Kaufner sowjetische Kriegsverbrechen sowie britisch-amerikanische Flächenbombardements an und bezog sich auf die sogenannten Rheinwiesenlager. Gemeint ist mit diesem Schlagwort ein Mythos, wonach in amerikanischen Kriegsgefangengenlagern angeblich bis zu einer Million deutsche Soldaten umgekommen wären. Tatsächlich waren es zwischen 8.000 und maximal 40.000.

 

Von den »braunen« zu den »grünen« Sozialisten?

In der Landtagsdebatte in Sachsen-Anhalt über die Einführung eines Feiertags am 8. Mai verknüpfte die AfD ihre Schuldumkehr mit einer ideologischen Umdeutung des Nationalsozialismus. Nach der Rede Eva von Angerns (Die Linke) erklärte Hans-Thomas Tillschneider (AfD) in einer Zwischenmeldung, am 8. Mai 1945 sei zwar ein »Unrechtsregime« beendet worden, zugleich aber die »größte Katastrophe unserer Geschichte« eingetreten. Den Vorschlag nannte er das Werk von »Linkspopulisten«. Als von Angern betonte, der Tag habe die Menschheit »von einer schrecklichen Katastrophe befreit«, rief Matthias Büttner (AfD): »Das war 1989, was Sie meinen!« – eine klare Relativierung des Nationalsozialismus. AfD-Redner Oliver Kirchner diffamierte in seinem Beitrag die Linksfraktion als »Stalins Erben« und stellte die Verbrechen der Sowjetunion in den Vordergrund – auch hier also ein Versuch, nationalsozialistischen Terror und alliierte Kriegsführung moralisch gleichzusetzen. Er dankte den Alliierten, dass sie uns »von den braunen Sozialisten« befreit hätten und forderte unter Applaus: »Nie wieder Sozialismus, weder brauner noch roter noch grüner.« In der AfD gehört es spätestens seit Alice Weidels Aussage, Hitler sei eigentlich Kommunist gewesen, zum guten Ton, den Nationalsozialismus »den Sozialisten«, d. h. der politischen Linken, anzulasten. Ein Manöver, das die extreme Rechte und damit die AfD von der Hypothek der NS-Verbrechen befreien und für die Gegenwart rehabilitieren soll. Gleichermaßen erweitert Kirchner die Umdeutung des NS-Regimes auf die Gegenwart aus: Die Grünen gelten der AfD als Träger eines »grünen Sozialismus«. Klimapolitik oder Gleichstellung werden als Zwangsmaßnahmen eines neuen Totalitarismus diffamiert. So entkernt die AfD den Sozialismusbegriff und konstruiert eine Kontinuität von »braun« (NS) über »rot« (DDR) zu »grün« (Gegenwart) – mit sich selbst als vorgeblicher Verteidigerin der Freiheit.

Das metapolitische Ziel der extremen Rechten

Die systematischen Falschdarstellungen, Täter-Opfer-Umkehrungen und Gleichsetzungsstrategien der AfD dienen einem metapolitischen Ziel, das Karlheinz Weißmann bereits zu Beginn der 2000er Jahre im Zuge der Gründung des IfS formuliert hatte: »Uns geht es um geistigen Einfluß, nicht die intellektuelle Lufthoheit über Stammtischen, sondern über Hörsälen und Seminarräumen interessiert uns, es geht um Einfluß auf die Köpfe, und wenn die Köpfe auf den Schultern von Macht- und Mandatsträgern sitzen, umso besser.« Diese Strategie zielte auf die intellektuelle Elite, auf akademische Diskurse und die Beeinflussung von Entscheidungsträger:innen. 25 Jahre später hat sich diese metapolitische Vision radikalisiert und ausgeweitet; Götz Kubitschek konstatierte auf der Sommerakademie des offiziell aufgelösten Instituts für Staatspolitik im September 2023, in Deutschland tobe »ein geistiger Bürgerkrieg«. Es gehe um nichts geringeres als »um die Vorherrschaft auf medialem, sprachlichem und geschichtspolitischem Feld, um Deutungshoheit, um den Markenkern einer großen Nation«. 

Dabei operiert die extreme Rechte auf mehreren Ebenen: Mit Schrifterzeugnissen sprechen sie das »gebildetere Publikum« an, mit TikTok-Videos zielen sie auf den »emotionalen Zugriff« und vor allem auf junge Menschen. Kubitschek lobte Maximilian Krahs Videos als »frappierend professionell«, »hunderttausendfach geschaut« und »extrem einprägsam«. Was hier offen beschrieben wird, ist eine Arbeitsteilung der Manipulation: intellektuelle Unterfütterung für die einen, emotionale Indoktrination für die anderen. Das übergeordnete Ziel benennt Kubitschek explizit: die »Auflösung der toxischen Verdrahtung« zwischen den Begriffen »deutsches Volk«, »rechts«, »Schuld« und »Holocaust« – eine »Entgiftung der Vergangenheit«, als sei die kritische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen eine Krankheit. Sein Schlussappell lässt keinen Zweifel an der Radikalität dieses Projekts: »Lasst uns Krieg führen« – Krieg gegen den erinnerungskulturellen Konsens, gegen die etablierte Geschichtsschreibung, gegen die demokratische Erinnerung an die NS-Verbrechen. Der 8. Mai ist zu einem zentralen Schlachtfeld dieses Kampfes geworden und er zeigt die Professionalisierung dieser Strategie: Was einst als Provokation galt, wird zur Normalität erklärt, was historisch überwunden schien, kehrt als ›Ambivalenz‹ zurück.

Vom Krieg gegen die Erinnerung zur »nationalen Wiedergeburt«

Björn Höcke verfolgte im Interview mit der Sezession zum 80. Jahrestag eine ähnlich kalkulierte Taktik: Er erklärte, die Debatte um Befreiung oder Niederlage sei angesichts der »existentiellen Notlage« Deutschlands »nicht mehr wichtig« – um dann seitenlang über Königsberg, Vertreibung und die »750-jährige Kulturgeschichte« Ostdeutschlands zu sprechen, die 1945 durch »ethnische Säuberungen« verlorengegangen sei. Er fordert die »Heilung der kollektiven seelischen Zerstörung« des deutschen Volkes und einen »neuen deutschen Standpunkt«, der »unserem Volk und unserer Kultur eine Zukunft« ermögliche. Er instrumentalisiert also massiv Geschichte, während er ihre Bedeutung rhetorisch relativiert – eine doppelte Bewegung, die Kritik erschwert: Wer Höckes Geschichtsrevisionismus kritisiert, dem kann entgegnet werden, Geschichte sei doch ohnehin unwichtig. Höckes »existentielle Notlage«, die angeblich wichtiger sei als Geschichtsdebatten, besteht aus zwei Punkten: der Gefahr eines »dritten großen Krieges« und der »millionenfachen kulturfremden Zuwanderung«, die »die Substanz unseres Volkes« in Frage stelle. Mit dieser völkischen Rhetorik vom drohenden ›Volkstod‹ legitimiert Höcke die Revision der NS-Vergangenheit als vermeintlich nachgeordnetes Problem – während er sie gleichzeitig zum Kern seiner Politik macht. Höckes Interviewer:in bringt es auf den Punkt: »Wer befreit wurde, ist auch historisch widerlegt, nicht nur militärisch besiegt.« Wer also als »befreit« gilt, dessen vorherige Herrschaft war illegitim, dessen Ideologie war verbrecherisch, dessen nationale Identität ist mit Schuld verknüpft, ist zerstört. Wer nur »besiegt« wurde, kann seine Ehre und sein Selbstbewusstsein behalten, kann die eigene Geschichte umdeuten, kann sich als Opfer inszenieren. Und so gibt es Dominik Kaufner zufolge »keinen anderen Ausweg aus der Lage der inneren und äußeren Ohnmacht […] als den der Revision« und damit formuliert er offen das Meta-Ziel des Geschichtsrevisionismus: die ›nationale Wiedergeburt‹ durch eine Umschreibung und Positivbesetzung der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Erkenntnisse des Projekts »Geschichte statt Mythen« werden regelmäßig über den Blog (www.geschichte-statt-mythen.de), Social-Media-Kanäle sowie öffentliche Auftritte bekannt gemacht. Das Portal versteht sich auch als Vernetzungs- und Anlaufstelle für Fachkräfte und Multiplikator:innen, die mit Geschichtsrevisionismus konfrontiert sind.

 

Berit Kö (ehem. Tottmann) ist seit September 2025 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Geschichte statt Mythen. Sie studierte Germanistik und Europäische Geschichte; in ihrer Dissertation an der Universität Jena untersuchte sie den Zusammenhang zwischen romantischem Denksystem und rechtsextremen Ideologien. Zuvor war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Augsburg und an der Ruhr-Universität Bochum tätig.

Jakob Schergaut ist seit August 2024 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt Geschichte statt Mythen. Er hat Sozialwissenschaften (M.A.) studiert. In seiner Forschung befasst er sich mit Ansätzen zur Erklärung rechtsextremer Einstellungsmuster, mit Antisemitismus sowie mit unterschiedlichen Formen des Geschichtsrevisionismus.