12. September 2021

Moderne Kunst in Gedenkstätten

Rubrik: Forschung und Projekte
Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt

Das deutschlandweit einmalige HEMATSTIPENDIUM ermöglichte zehn Künstlerinnen und Künstlern die Auseinandersetzung mit den Sammlungen von Museen und Gedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Gedenkstätten, erst recht solche, die an die Gräuel der NS-Zeit mahnen, fordern einen respektvollen Umgang mit ihren Sammlungen. Dass dies auch der zeitgenössischen Kunst gelingt, haben in Sachsen-Anhalt eindrucksvoll zwei Künstlerinnen bewiesen. In der Gedenkstätte für Opfer der NS-"Euthanasie" Bernburg und der Lichtenburg - Schloss und KZ-Gedenkstätte Prettin haben Mareen Alburg Duncker und Petra Reichenbach im Rahmen des deutschlandweit einmaligen HEIMATSTIPENDIUMS, initiiert von der Kunststiftung des Landes, mit Schmuckstücken und textilen Installationen die bewegenden Schicksale der NS-Opfer reflektiert. Die Ausstellungen der eindrucksvollen Arbeiten werden ab September bzw. November in den Gedenkstätten zu sehen sein.

Was ist das Heimatstipendium? - Ein Überblick

Die zweite Runde des Heimatstipendiums ist im August 2020 an den Start gegangen. Zuvor waren aus einer Fülle von Bewerbungen zehn Stipendiaten und Stipendiatinnen sowie zehn Museen und Gedenkstätten des Landes ausgewählt worden.

Die ausgewählten Künstlerinnen und Künstler haben mehr als ein Jahr lang mit einem Stipendium in Höhe von 12.000 Euro vor allem in kleineren, unbekannten Museen Sachsen-Anhalts gearbeitet. Dort sollten sie die Bestände von Sammlungen und Archiven erkunden. Ziel war, dass sie das vorgefundene kulturelle Erbe mit einer eigenen künstlerischen Arbeit reflektieren und interpretieren.

"Ort im Land der Museen"

"Sachsen-Anhalt hat gerade im ländlichen Raum viele kleine, sehr schöne Museen, die wir mit diesem Förderinstrument ganz gezielt stärker in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung rücken möchten", sagt die Direktorin der Kunststiftung, Manon Bursian, die die Idee für das HEIMATSTIPENDIUM entwickelt hat und dafür bereits 2018 mit dem Titel "Ort im Land der Ideen" des gleichnamigen Innovations-Wettbewerbs der Initiative "Deutschland - Land der Ideen" und der Deutschen Bank zur Förderung der Kunst und Museumskultur, ausgezeichnet worden ist.

IN MEMORIAM - GEDENKSCHMUCK

MAREEN ALBURG DUNCKER

GEDENKSTÄTTE FÜR OPFER DER NS-"EUTHANASIE" BERNBURG

c/o Fachklinikum Bernburg

Olga-Benario-Straße 16/18

06406 Bernburg

21.11.2021-27.02.2022

"Heil- und Pflegeanstalt Bernburg" - hinter dieser Bezeichnung verbarg sich von 1940 bis 1943 eine der zentralen "Euthanasie"-Anstalten. Diese Einrichtungen dienten dem organisierten Mord an kranken, behinderten und alten Menschen. Im Zuge der "Euthanasie" (altgriechisch für guter oder leichter Tod) kamen die Opfer von 1940 bis 1941 aus psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalten, anschließend im Rahmen der "Sonderbehandlung 14f13" waren es Häftlinge aus Konzentrationslagern. Sie alle wurden noch am Tag ihrer Ankunft in einer Gaskammer erstickt. Ihre Angehörigen erfuhren die wahren Todesumstände nicht. 1943 wurden die Tötungsanstalt aufgelöst und die Gebäude wieder zur Versorgung von psychiatrischen Patientinnen und Patienten genutzt. Heute informiert die Gedenkstätte an authentischem Ort über den Massenmord. Reste der ehemaligen Vernichtungsanlage - Gaskammer, Sektionsraum, Leichenraum und Krematorium - bewegen zutiefst. Die beeindruckende Ausstellung "Die Vernichtung der "Unbrauchbaren"" zeigt Dokumente zur "Euthanasie" sowie Fotoporträts von Opfern. Der Blick in die Gesichter schafft Nähe, macht sprachlos und hebt sie aus der Anonymität der abstrakten Zahlen hervor.

Zutiefst berührten diese Bilder die Schmuckkünstlerin Mareen Alburg Duncker. Aus ihrem künstlerischen Bereich heraus wollte sie für fünf dieser Menschen einen Gedenkschmuck sowie jeweils ein Erinnerungsstück für einen engen Angehörigen gestalten. Angefertigt für eine ganz bestimmte Person, hat solch ein Objekt neben seinem dekorativen und materiellen Wert auch immer symbolische Bedeutung.

Mareen Alburg Duncker entschied sich für Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Gründen nach Bernburg deportiert wurden: für die lebensfreudige, gebildete Jüdin Susette Freund; für die wegen einer frühen Scharlacherkrankung geistig beeinträchtigte Ruth Rosa Mühlmann; für den durch ein traumatisches Erlebnis im ersten Weltkrieg in Apathie versunkenen Alfred Mühlhausen; für den staatenlosen, galizischen Juden und Schuhmacher Moshe Bukspan und für den 14jährigen Schüler aus Halle Wolfgang Brühl mit der ärztlichen Diagnose "angeborener Schwachsinn".

Die diesen Menschen zugedachten Schmuckstücke sind von ihren jeweiligen Lebensumständen inspiriert. Mareen Alburg Duncker erforschte sie akribisch und nahm, wo möglich, Kontakt zu den Nachkommen auf. Besonders viel erfuhr sie über Susette Freund und Ruth Rosa Mühlmann, deren Nachfahren in den USA leben.

Der Armschmuck im Gedenken an die weltoffene Jüdin ist aus dem Holz eines Kirschbaumes gearbeitet. Er stand in Berlin, der Stadt, die Freunds Heimatstadt war - von ihrer Geburt bis zur Deportation. Über drei Monate bearbeitete Mareen Alburg Duncker das Holz - feilte und schliff die Hohlkehlenform, bog die dünnwandigen Segmente und wachste sie. Die facettierten Steine, Citrine, sind angelehnt an den einzigen Schmuck, der von Susette Freund erhalten ist: ein goldener Ring mit gelbem Stein.

Mit diesem und den weiteren Objekten wird den in Bernburg Ermordeten eine tiefe Wertschätzung entgegengebracht. Sie blieb ihnen vor fast 80 Jahren versagt.

Mareen Alburg Duncker, * 1975 in Hennigsdorf bei Berlin. Sie lebt als freie Schmuckgestalterin in Halle.

www.gedenkstaette-bernburg.sachsen-anhalt.de

www.mareenalburg.de

STARKE FRAUEN IN DER LICHTENBURG

PETRA REICHENBACH

LICHTENBURG - SCHLOSS UND KZ GEDENKSTÄTTE PRETTIN

in Kooperation mit der Stadt Annaburg

Prettiner Landstraße 4

06925 Annaburg / OT Prettin

ab 12. September 2021 (Dauerleihgabe)

Imposant erhebt sich zwischen Äckern und Waldstücken in dem kleinen Ort Prettin ein Herrschaftssitz: das Renaissanceschloss Lichtenburg. Passiert man die Umfassungsmauer, offenbart sich die gigantische Größe. Nachdem an dieser Stelle ein Antoniterkloster abgetragen worden war, entstand ab 1565 das Schloss. Bis 1717 lebten dort vor allem verwitwete, sächsische Kurfürstinnen. Hinzugefügt wurde 1869 ein düster wirkendes Gebäude: Der Zellenbau. Von 1812 bis 1928 wurde die Lichtenburg als Strafanstalt genutzt. Fünf Jahre später richteten die Nationalsozialisten hier ein Konzentrationslager ein, zunächst für Männer, danach, bis 1939, für Frauen.

Antoniterkloster, kurfürstlicher Witwensitz, Strafanstalt, KZ, schließlich LPG und Lehrlingswohnheim. Einkehr, Zuflucht, gelebte Nächstenliebe, rauschende Feste, Arretierungen, brutale Misshandlungen, Landwirtschaft - die Lichtenburg, ein Brennglas deutscher Geschichte. Die verschiedenen Nutzungen spiegeln sich in separaten Ausstellungen wider. Da ist zum einen die Gedenkstätte KZ Lichtenburg: Dokumente und Relikte aus der KZ-Zeit erschüttern, besonders der einstige "Bunker", ein Keller, in dem die Inhaftierten isoliert und extrem hart bestraft wurden. Zum anderen finden sich in der ersten Etage des Schlosses, in den "Frauengemächern", wunderbare Wand- und Deckenmalereien aus dem 16./17. Jahrhundert, es wird über die hiesige Renaissancezeit und die Regionalgeschichte informiert.

Petra Reichenbach zog die ungeheure Diskrepanz zwischen dem Leben zur Renaissance- und der NS-Zeit in ihren Bann. Mit ihrem Projekt "Starke Frauen in der Lichtenburg" schlägt sie zwischen beiden eine Brücke. In einem der "Frauengemächer" erzählt sie Frauengeschichte(n): Für leicht durchsichtige Stoffbahnen zeichnete sie großformatige Porträts - fünf von Kurfürstinnen (Ende 15.-Anfang 18. Jahrhundert) und fünf von KZ-Insassinnen. Ebenso wie sich die hängenden Gewebebahnen überlappen, überlagern sich an diesem Ort verschiedenste Biographien. Kombiniert werden die Bilder mit Informationen, die auf dem Smartphone via QR-Code abgerufen werden können. Zu hören ist jeweils eine etwa zweiminütige Ich-Erzählung der Dargestellten über ihr Leben. Diese sind destilliert aus historischen Quellen - zum Teil von Petra Reichenbach, zum Teil von Schülerinnen und Schülern des Jessener Gymnasiums. Die Jugendlichen tragen sie auch vor, wobei sie als bewegter Schattenriss auf dem Display erscheinen.

Die Kurfürstinnen sind die 1528 ins Kloster Lichtenburg geflüchtete Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg, deren Mann drohte, sie lebendig einzumauern, sollte sie nicht dem protestantischen Glauben abschwören, die Kurfürstin Anna von Sachsen, auf deren Betreiben ihr Gatte August I. das Schloss im Stil der Sächsischen Renaissance bauen ließ. Sie beschäftigte sich zum Nutzen der Landeskinder mit Pharmazie und Landwirtschaft. Auch die nachfolgende hochgebildete Kurfürstin Hedwig von Sachsen prägte die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der Region maßgeblich, kümmerte sich um Kranke und Arme. Außerdem werden die Kurfürstin-Witwe Anna Sophie, Mutter Augusts des Starken und ihre Schwester Wilhelmine Ernestine von der Pfalz vorgestellt.

Für das 20. Jahrhundert wählte Petra Reichenbach fünf KZ-Insassinnen aus, die in schlichten Worten den Wahnsinn des NS-Regimes schildern: die jüdische Schauspielerin Lotti Huber, die Kommunistinnen Olga Benario und Lina Haag, die Zeugin Jehovas Amalie Pellin und die Sinteza Wald-Frieda Weiss. Werden die kurzen Erzählungen über das Leben auf der Lichtenburg aus etwa 500 Jahren parallel gehört, ist ein Stimmengewirr zu vernehmen, ein Raunen aus der Vergangenheit.

www.gedenkstaette-lichtenburg.sachsen-anhalt.de

www.petrareichenbach.de

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