2. Mai 2005

Der Umgang mit den Paradoxien politisch-moralischer Erziehung.

Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Eine vergleichende Untersuchung in zwei Institutionalisierungsformen pädagogischer Kommunikation: „Unterricht“ und „außerschulische Jugendbildung“

Projektbeschreibung:
Angesichts der hohen Erwartungen, welche die Öffentlichkeit nicht nur bezogen auf die kogniti-ven Kompetenzen, sondern auch auf die moralischen Dispositionen der nachwachsenden Gene-ration an die Schule richtet, soll mit der geplanten Untersuchung die Leistungsfähigkeit des Schulunterrichts und kontrastierend dazu die Leistungsfähigkeit von Formen außerschulischer Jugendbildung für die Vermittlung sozial gültiger Werte und Normen bestimmt werden. Jeder Versuch der absichtsvollen Einwirkung auf Individuen steht, wie die pädagogische Tradition weiß, vor dem Problem der Differenz von Absicht und Wirkung und damit vor der Aufgabe, die Unwahrscheinlichkeit des Gelingens von Erziehung durch geeignete didaktische, methodische und organisatorische Anordnungen einzuschränken. Verglichen mit der Vermitt-lung von kognitivem Wissen und praktischem Können steht politisch-moralische Erziehung, der es um die Vermittlung von Verhaltenserwartungen geht, vor weiter gesteigerten Schwierigkeiten, weil und sofern sie auf die Änderung des ganzen Menschen zielt; zudem muss sie unter Bedin-gungen gesellschaftlicher Differenzierung und Pluralisierung bei fehlendem Wertekonsens Prob-leme der Orientierungsunsicherheit und Ungewissheit bewältigen. Wie in unterschiedlichen Lernorten mit diesen Strukturproblemen, die erziehungswissenschaftlich als Antinomien, Para-doxien und Aporien beschrieben werden, in pädagogisch-moralischer Kommunikation, an der Lehrer und Schüler gleichermaßen beteiligt sind, praktisch umgegangen, wie also von beiden „Parteien“ Kontingenz bewältigt wird, soll in dem geplanten Projekt durch eine qualitativ ange-legte in situ Beobachtung in realen Erziehungskontexten untersucht werden. Die Untersuchung ist als Vergleich angelegt. Unterschieden werden zwei Themen und zwei Lernorte der politisch-moralischen Erziehung: Untersucht wird, wie die kommunikativen Bewäl-tigungsmuster von Ungewißheit bei einem Thema mit hoher Eindeutigkeit, Nationalsozialismus/Holocaust, und einem Thema mit größerem Pluralitätsspielraum, Multikulturali-tät/Rassismus, in einer Form fester organisatorischer Rahmung, Schulunterricht, und in einer weicheren Form mit mehr Aushandlungsspielräumen, außerschulische Jugendbildung, aussehen und wie sie sich unterscheiden. Im systematischen Vergleich soll der Zusammenhang geklärt werden zwischen den von uns gewählten moralisch codierten Themen der pädagogischen Kom-munikation und der institutionellen Form, in der diese Themen vermittelt, ausgehandelt und an-geeignet werden. Gefragt wird, wie sich die jeweilige Organisationsform auf die Art und Weise des kommunikativen Umgangs mit den beiden Themen auswirkt, welche Bedeutung etwa das familial oder medial vermittelte Vorwissen der Schüler/Teilnehmer für die pädagogische Interak-tion hat und wie sich die Tatsache der Freiwilligkeit der Anwesenheit auf die Aneignungsweise auswirkt. Aufschlussreich wird dabei vor allem sein, inwiefern Öffnung als Aushalten und Zu-lassen von Uneindeutigkeit, Wissensdifferenzen und Kontingenz, sowie Schließung als Strategie der Vereindeutigung politisch-moralischer Kontroversen in der Kommunikation ausbalanciert werden und welche Rolle dabei organisatorische Rahmungen und programmatische Erwartungen spielen. Als Datenbasis dienen Lehreinheiten zu den beiden Themen, die in verschiedenen Schularten der Sekundarstufe I und in settings der außerschulischen Bildungsarbeit beobachtet, audiotech-nisch aufgezeichnet, transkribiert und mit Methoden der Qualitativen Sozialforschung ausgewer-tet werden. Das Forschungsprojekt greift damit ein Desiderat der empirischen Bildungsforschung auf, indem es direkt in die black box pädagogischer Kommunikation hineinzuleuchten sucht. Es setzt dazu jenseits von Kompetenz- und Performanzproblemen auf einer strukturellen Ebene an und untersucht die Konstitution von Erziehung und ihre kommunikative Hervorbringung als in-teraktives Geschehen, das in sinnrekonstruierendem Zugriff als Aufgabe der Bearbeitung von Kontingenz hermeneutisch zu verstehen ist. Von dem empirischen Wissen über die Strukturbildungen, die im praktischen Umgang mit den Paradoxien politisch-moralischer Erziehung im Unterricht und in der außerschulischen Ju-gendbildung kommunikativ hervorgebracht werden, wird erwartet, dass sich die Möglichkeiten und Grenzen der Leistungsfähigkeit der beiden Institutionalisierungsorte für die Behandlung politisch wie moralisch brisanter Themen und die Vermittlung gesellschaftlich zentraler Normen und Werte sachhaltig bestimmen lassen. Empirisch fundiertes Wissen wäre zugleich die Bedin-gung dafür, dass sich Reflexionswissen im professionellen Bereich der politisch-moralischen Erziehung ausbilden und in der Aus- und Fortbildung nutzbar gemacht werden kann. Erst auf der Basis einer solchen Reflexion wären Pädagoginnen einerseits im Stande, sich von überzogenen Erwartungen zu entlasten. Andererseits würden sie befähigt, den Spielraum ihrer pädagogischen Handlungsmöglichkeiten im Wissen um die konstitutiven Ungewissheiten von Erziehung präzi-ser zu erkennen.

Kontakt
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft
Prof. Dr. Frank-Olaf Radtke
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