3. Januar 2007

"Medialisierung und Demokratie im 20. Jahrhundert" von F. Bösch u.a.

H-Soz-u-Kult.
rezensiert von Werner Faulstich

Projektbeschreibung:
Werner Faulstich, Institut für Angewandte Medienforschung (IfAM), Universität Lüneburg.E-Mail: faulstich@uni-lueneburg.de..Der Band belegt einmal mehr, dass auch die Historiker die Bedeutung der Medien für die Entwicklung von Demokratie, Politik, Gesellschaft erkannt haben. Die überfällige Kooperation zwischen Kommunikations-, Medien- und Geschichtswissenschaft, zwischen Kommunikations-, Medien- und Politikgeschichte macht beachtenswerte Fortschritte...Acht Beiträge aus einem Workshop anlässlich des Kieler Historikertages 2004 sind in dem Band gesammelt. ..Frank Bösch und Norbert Frei plädieren in der Einführung "für einen Perspektivenwechsel hin zu den Fragestellungen einer erneuerten Politik- und Kulturgeschichte" (S. 15) - neu durch die Einbeziehung der Funktionen von Medien. Im Rekurs auf einen Beitrag des Publizistik- und Kommunikationswissenschaftlers Winfried Schulz (S. 17f.) wird implizit deutlich, dass dabei Kausalitätsfragen eine wichtige Rolle spielen: Sind Medien der Motor der Geschichte, oder prägt der gesellschaftliche Wandel Medien und ihre Angebote? ..Schulzes Begriffe wie "Extension" (Entwicklung zur Mediengesellschaft) und "Akkomodation" (Anpassung und Gewöhnung an Medien) thematisieren aus unterschiedlichen Blickwinkeln immer wieder dieselbe Frage nach der komplexen Beziehung zwischen Medialisierung und politischem Handeln...Damit wird aber deutlich, dass solche Kategorien der Publizistikwissenschaft für die Zwecke der Geschichtswissenschaft noch weiter gefasst werden müssten. Wurden Medien im 20. Jahrhundert wirklich häufiger genutzt als früher, oder handelt es sich dabei einfach nur um andere Medien, d.h. hatten wir schon seit jeher eine Mediengesellschaft? Muss die Akkomodation an Medien nicht zusammengedacht werden mit einer gegenläufigen Assimilation? Menschen passen sich doch nicht nur an Medien an, sondern machen sich diese auch zu eigen und bestimmen dabei die auf Erfolg und kommerziellen Gewinn ausgerichteten Medienprogramme selber mit. Zusätzliche Kategorien wie "Historizität" und "Reziprozität von Beziehungsprozessen" können deutlich machen, dass neben der Kommunikations- auch die kulturwissenschaftliche Medienwissenschaft, die eben diese Fragen behandelt, einbezogen zu werden verdient...Nach einigen Beobachtungen von Frank Bösch zum Zusammenhang von Demokratisierungsprozessen und der Presseentwicklung vor 1914 präsentiert Bernhard Fulda überzeugend den Stand der Forschung zum demokratiefeindlichen Potenzial von Tagespresse und Illustrierten in den 1920er- und 1930er-Jahren. Im Schlusssatz stellt er zu Recht fest: "[.] einen einfachen kausalen Zusammenhang zwischen ,Medialisierung' und ,Demokratisierung' gab es in der Zwischenkriegszeit nicht."..Matthias Weiss beleuchtet ähnlich differenziert die autoritären Strategien der Adenauer-Regierung und einer lernresistenten CDU, sich die Massenffentlichkeit in der Nachkriegszeit und den 1950er-Jahren auf dem Weg über "die veröffentlichte Meinung gefügig zu machen" (S. 33). Dabei wird aufs Neue plausibel, dass gerade diese "Propaganda" sowie vereinzelte legislative Erfolge der Regierung, die Unterdrückung angeblicher "oppositioneller Presse" (S. 90ff.) ebenso wie generell die Gestaltung der Informationspolitik als blanker Regierungs-PR und insbesondere die Bemühungen um ein "regierungshöriges Privatfernsehen" (S. 114) zum Umschwung hin zu einer kritischen Öffentlichkeit wesentlich beigetragen haben. Offenbar gibt es im Verhältnis von Medien und Politik eine dialektische Beziehung zwischen Manipulation und Emanzipation...Die Ausbildung einer intellektuellen Teilöffentlichkeit in der frühen Bundesrepublik durch das Radio beleuchtet Monika Boll. Demnach wurde eine Elite des Bildungsbürgertums wieder ausschlaggebend für gesellschaftliche Entwicklungsprozesse - zwar jetzt nicht mehr über die Printmedien, speziell die Zeitschriften, wie bei der Herausbildung des Bürgertums im 18. Jahrhundert, sondern über das "Kulturradio"; aber immer noch als ein "Forum freier Meinungsbildung mit allgemeiner Partizipationsmöglichkeit" (S. 144). Vor dem Hintergrund der Bedeutung des Radios für die Herrschaft des Nationalsozialismus wird damit offensichtlich, dass Medien ihrerseits von Prozessen bestimmt werden, die etwa von sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen diktiert werden...Lesenswert sind auch die Beiträge von Anja Kruke über "Meinungsforschung für Parteien in den sechziger Jahren", von Benjamin Ziemann über "Medien und Partizipation in der katholischen Kirche der Bundesrepublik 1965-1972", von Meike Vogel über den Schahbesuch und seine gewalttätigen Umstände im Jahr 1967 sowie von Thomas Mergel über "Demokratie als Reklame: Der Bürger in den Werbefilmen zur Bundestagswahl". Bei einigen Beiträgen hätte man sich indes durchaus mehr Kritik (z.B. gegenüber der Propaganda der katholischen Kirche) und mehr historische Kontextualisierung (z.B. zu Schahbesuch und APO) gewünscht...Insgesamt handelt es sich um ein gewinnbringendes Buch. Man sollte dabei allerdings absehen von der These in der Einführung, die zum Ausgangspunkt erklärt wird: die "Ambivalenz der Medialisierung", die einerseits Demokratisierungsschübe befördere, andererseits Gegenrichtungen stütze. Beides gehört bekanntlich zu Medien als gesellschaftlichen Steuerungs- und Orientierungsinstanzen epochenübergreifend dazu - wie bereits in den frühen Hochkulturen oder in der Antike, im Mittelalter oder bei der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft und entsprechend auch im 20. Jahrhundert. Abgesehen davon bietet der Sammelband aber eine Vielzahl aufregender Perspektiven und Befunde. Die große Breite der darin angesprochenen Themen und Zeitabschnitte des 20. Jahrhunderts belegt, dass der untrennbare Zusammenhang zwischen Medien und gesellschaftlichem Wandel die gesamte Kultur betrifft. Dieses Buch muss noch viele Nachfolgebände erfahren..

Kontakt
Werner Faulstich
eMail: faulstich@uni-lueneburg.de