4. Mai 2021

Zeitreise: Vom KZ im Dorf nach Auschwitz und zurück

Rubrik: Forschung und Projekte
Gedenkstätte Ahrensbök

Vor 20 Jahren gründete ein Kreis von Interessierten die Gedenkstätte Ahrensbök

Angefangen hat alles schon früher, Ende der 1990er Jahre, mit einem Vortragsabend des Regionalhistorikers Gerhard Hoch. Auf die Ankündigung des Vortrags in der Presse stößt damals auch Hans-Otto Mutschler. Thema des Abends: Der sogenannte Todesmarsch 1945 von Häftlingen der Konzentrationslager Auschwitz-Fürstengrube und Mittelbau-Dora. Er endete auf den Schiffen Cap Ancona und Thielbek vor Neustadt. Auf diesem Todesmarsch wurden rund 500 Häftlinge auch durch den Raum Ahrensbök getrieben. Und Hans-Otto Mutschler hat es als zehn-jähriger Junge miterlebt. "Direkt vor mir hat ein SS-Mann einen Häftling in den Kopf geschossen, weil der um einen Stock zum Aufstützen gebeten hat. Das alles hat mich die ganzen Jahre beschäftigt und es hat mich immer gewundert, dass das nie zum Thema in der Gemeinde gemacht wurde", erzählt er.

Skeptische Reaktionen aus der Region

Das Interesse an dem ersten Vortrag ist groß damals in Ahrensbök, der Unwillen bei manchen Anwohnern aber auch. Lange her sei das doch, es müsse Zeit für einen Schlussstrich sein. Solche Einwände habe er damals gehört, sagt Hans-Otto Mutschler: "Dieser Meinung bin ich nie gewesen. Denn das war ja so schrecklich damals - das kann man einfach nicht vergessen. Und da kann man auch keinen Schlussstrich ziehen." Nach dem ersten Vortrag finden sich diejenigen zusammen, die weiter forschen, weiter Fragen stellen wollen und Antworten finden. Diese "Gruppe 33" sucht Kontakt zu Überlebenden des Todesmarsches. Sie veranstaltet Sommerlager mit Jugendlichen. Es gründet sich ein Trägerverein, der am 8. Mai 2001 im alten Direktoren-Haus der ehemaligen Zuckerfabrik in Ahrensbök die heutige Gedenkstätte eröffnet. Juden waren hier nie eingesperrt, Massenmorde gab es auch nicht, aber von diesem Gebäude führt ein Weg nach Dachau, Buchenwald und Auschwitz - hier war ein frühes KZ, eine Art Prototyp.

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20 Jahre Gedenkstätte Ahrensbök

Als die Nazis die Macht bekommen, ist Ahrensbök ein Experimentierfeld

Der ehemalige Dachboden des Gebäudes an der Flachsröste in Ahrensbök ist heute als Vortragssaal hergerichtet. Damals, 1933, waren hier zeitgleich bis zu 200 Männer eingepfercht. Kommunisten vor allem, Sozialdemokraten - die politischen Gegner der Nationalsozialisten. Heute erinnern Texte und Fotos an ihr Schicksal. Der Historiker Jörg Wollenberg, als Kind ebenfalls Augenzeuge der Todesmärsche in der Region, hat die Geschichte dieses frühen Konzentrationslagers zu seinem Lebensthema gemacht. "Im Freistaat Oldenburg, Landesteil Lübeck sind die Nazis schon ab 1932 als erste NSDAP-Alleinregierung in Deutschland an der Macht. Und sie können als Landesregierung Oldenburg gewissermaßen experimentieren, wie so was wie ne Machterschleichung vor sich geht und wie man die Einrichtung von Konzentrationslagern zustande kriegt", sagt der Historiker.

Die frühen Konzentrationslager wie Ahrensbök sind Mittel des Terrors, sollen den Willen der politischen Gegner brechen, sie auf Linie bringen. Im KZ Ahrensbök werden die Häftlinge außerdem ausgebeutet, unter anderem als Zwangsarbeiter im Straßenbau. Und Angehörige müssen für Besuche bezahlen. Es wird auch brutal geprügelt, aber es ist kein Vernichtungs-Lager. Und doch führe eine Linie von Ahrensbök nach Auschwitz, sagt Historiker Wollenberg: "Das hier ist das Experimentierfeld, wie man die ursprüngliche Form der Konzentrationslager als Umerziehungsanstalt umwandelt in Arbeits-Zwangslager - das ist das erste Experiment hier. Und die späteren Konzentrationslager - wie Buchenwald, Dachau oder Auschwitz - nutzen ja die Häftlinge zur Zwangsarbeit." In Auschwitz und anderen großen Konzentrationslagern war das das Ziel der Nazis. In Auschwitz-Fürstengrube müssen die KZ-Insassen im Bergbau schuften, in Mittelbau-Dora unter Tage Raketen montieren. Ihr Tod ist einkalkuliert. Wer nicht mehr kann, wird ermordet. Das ist auch das Prinzip auf den so genannten Todesmärschen, auf denen die Nazis am Kriegsende zahllose KZ-Insassen in die Restgebiete des Reiches treiben - und eben auch nach Schleswig-Holstein, durch den Raum Ahrensbök. Was mit einem frühen KZ angefangen hat, kommt 1945 als letzter Ausläufer des Holocaust zurück. "Also, das ist hier eine Gedenkstätte, wo man gewissermaßen das Gesamtpanorama des NS-Systems von der Anfangsphase bis zur Schlussphase ziemlich genau mitbekommt", sagt Historiker Jörg Wollenberg.

Zielgruppe: Schulklassen, Jugendliche - jeder Interessierte

Seit 20 Jahren nutzen vor allem Schulklassen und Jugendliche die Gedenkstätte als Unterrichtsort. Immer wieder waren Überlebende des Todesmarsches zu Gast. Die Ehrenämtlerinnen und Ehrenämtler des Vereins sorgen für die organisatorische Betreuung, die Zeitzeugen unter ihnen berichten von ihren eigenen Erfahrungen. So wie Hans-Otto Mutschler: "Die kommen, wie Schüler eben sind, mit viel Trara und es ist ein Ausflug. Wenn ich erzähle, dann werden sie plötzlich aufmerksam. Und das ist meine Hoffnung, dass man durch solche Erlebnisse diese Menschen auch zum Nachdenken bringt. Ich hoffe das. Ich weiß nicht, ob das so ist, aber nur auf dieser Basis können wir hier arbeiten. Dass sie das miterleben, was passiert ist 1945 oder während des Dritten Reiches." Er erzählt dann auch davon, wie er die Ermordung des Häftlings miterlebt hat und wie das Nachdenken einsetzte bei ihm selbst: "Für uns Jungs - die SS war ja in unseren Augen die Elite. Ich war gerade ins Jungvolk gekommen und das waren für uns Vorbilder. Und was die machen - das war natürlich richtig. Im Nachhinein sieht man das ganz anders. Aber als Zehnjähriger hat man nicht dieses Unrechtsbewusstsein gehabt."

Mit der Erinnerung der Zeitzeugen die Geschichte lebendig halten

Aber die Zeitzeugen werden weniger, bald wird es niemanden mehr geben, der aus erster Hand Geschichte erzählen kann. Deshalb will der Gedenkstätten-Verein die bisher enorm textlastige Dauerausstellung ergänzen. "Wir sind ganz glücklich, dass wir jetzt gerade einen Zeitzeugen-Film fertiggestellt haben, den wir dann auch nutzen können", sagt Ingaburgh Klatt, Vorsitzende des Trägervereins. Hans-Otto Mutschler wird auch nach 20 Jahren Gedenkstättenarbeit weitermachen. Seine Erinnerung an den Todesmarsch, an den Mord an dem erschöpften Häftling, all das, was er als Kind beobachtet und erlebt hat, das verblasst nicht. "Es wird mehr, es wird stärker", sagt er 75 Jahre danach. "Ich wache manchmal auf - schweißnass. Das mit den KZ-Häftlingen, die sehe ich dann manchmal. Im Schlaf. Im Traum." 20 Jahre Gedenkstätte Ahrensbök, das ist eine Geschichte davon, wie große Geschichte am kleinen Ort erlebbar wird. Und es ist immer noch erst ein Anfang.

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