Melanie Engler

Bildungsarbeit in der Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin

Gedenkstättenrundbrief Nr. 190 S. 12-15

Das im 16. Jahrhundert erbaute Schloss Lichtenburg diente bereits von 1812 bis 1928 als Strafanstalt. Im Juni 1933 eröffneten die Nationalsozialisten ein Konzentrationslager für männliche Gefangene, das fortan eine bedeutende Position im System der Konzentrationslager einnahm. Als Scharnier zwischen den frühen Konzentrationslagern und den ab 1936 errichteten Barackenlagern, die einen neuen Lagertypus darstellen, spiegelt das KZ Lichtenburg auf eindrückliche Weise die Entwicklungsetappen des NS-Staates von seiner Frühphase bis zur Konsolidierung wider.

Im Sommer 1937 wurde das Männer-KZ mit der Überführung der letzten verbliebenen Häftlinge in das KZ Buchenwald aufgelöst. Innerhalb der Inspektion der Konzen-trationslager (IKL), einer ab 1934 tätigen Verwaltungszentrale der SS, intensivierte man im Herbst 1937 die Bemühungen, ein zentrales Frauen-KZ im Schloss Lichtenburg einzurichten. Zwischen Dezember 1937 und März 1938 wurden die weiblichen Gefangenen der Schutzhaftabteilung des Provinzialwerkhauses Moringen in das KZ Lichtenburg verlegt, das damit zum ersten zentralen Frauenkonzentrationslager für das gesamte Reichsgebiet unter der Leitung der IKL wurde. Im Mai 1939 erfolgte die Auflösung des Frauen-Konzentrationslagers Lichtenburg mit der Verlegung der Häftlinge in das KZ Ravensbrück.

In der Folgezeit diente das Schloss zunächst als SS-Kaserne, später als SS-Versorgungslager und SS-Hauptzeugamt sowie von September 1941 bis zum Kriegsende als Außenlager des KZ Sachsenhausen. Damit besitzt der Schlosskomplex Lichtenburg eine KZ-Geschichte, die nahezu die gesamte Zeitspanne nationalsozialistischer Herrschaft umfasst.

Das 1933 eingerichtete KZ Lichtenburg wurde von Anfang an von Mitgliedern der SS bewacht. Für eine Vielzahl von SS-Männern war es ein Ort der Ausbildung und der Bewährung. Zahlreiche Karrierewege späterer Lagerkommandanten begannen bereits im Konzentrationslager Lichtenburg, das damit zu einem Ort wird, an dem systematischer Terror seinen Anfang nahm.

Das Schlossensemble ist bis heute fast vollständig in seiner historischen Bausub-stanz erhalten. Im Ergebnis vielfältiger zivilgesellschaftlicher Initiativen beschloss der Landtag von Sachsen-Anhalt im März 2006, die ehemalige Mahn- und Gedenkstätte Lichtenburg in die 2007 gegründete Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt aufzunehmen. Im ehemaligen Werkstattflügel eröffnete die Stiftung im Dezember 2011 eine Dauerausstellung mit dem Titel »›Es ist böse Zeit …‹ Die Konzentrationslager im Schloss Lichtenburg 1933–1945«. Zur Gedenkstätte gehört darüber hinaus der ehemalige »Bunker« als Ort der Bestrafung und des verschärften Arrests im KZ Lichtenburg.

Die Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin versteht sich als ein Ort des Gedenkens und des Erinnerns, ein Ort historischer und politischer Bildungsarbeit, ein Ort der Auseinandersetzung und der Reflexion sowie ein Ort des Sammelns und Forschens. Sie bietet ein umfangreiches und vielfältiges pädagogisches Angebot.

Hierzu gehören Führungen, die sich insbesondere an Erwachsene richten und eineinhalb bis zwei Stunden dauern. Im Rahmen einer Überblicksführung zur Geschichte der Konzentrationslager im Schloss Lichtenburg werden die Dauerausstellung sowie Teile des Schlossensembles, darunter die ehemaligen Schlafsäle und der ehemalige »Bunker«, besichtigt. Neben angemeldeten Gruppenführungen finden regelmäßig öffentliche Führungen für interessierte Einzelbesuchende statt. Darüber hinaus werden Projekttage angeboten, die gezielt für Schulklassen und Jugendgruppen konzipiert wurden und drei bis fünf Stunden dauern. Je nach Zeitumfang und Kenntnisstand können verschiedene Module und Methoden miteinander kombiniert werden:

 

Einführungs- und Sensibilisierungsphase


Individuelle Erkundung des Schlossareals und historische Spurensuche sowie gemeinsame Verortung der Spuren


Recherchephase (Dauerausstellung, Besucherleitsystem, historisches Quellenmaterial)


Gemeinsamer Rundgang über das Gelände des Schlosses Lichtenburg mit Präsentationen der Teilnehmenden an ausgewählten Stationen


Auswertungs- und Reflexionsphase.

 

Inhaltliche Schwerpunkte sind der Übergang von der Demokratie zur Diktatur, das KZ inmitten der Stadt, die Etappen der NS-Verfolgungspolitik im Spiegel der Häftlingsgesellschaft sowie das Lagerpersonal. Die Topographie des Schlosses spielt vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit »vorgefertigten Bildern im Kopf« eine zentrale Rolle.

Führungen für Schulklassen und Jugendgruppen finden nur in Ausnahmefällen statt. Im Rahmen von Vorbereitungsgesprächen wird den Gruppenbetreuenden empfohlen, einen Projekttag in der Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin durchzuführen, da die thematische Auseinandersetzung hier viel intensiver erfolgen kann. Dieses Angebot hat sich vor allem in der Region inzwischen bewährt: Im Schnitt verbringen Schulklassen vier Stunden vor Ort.

Auf Nachfrage können Fortbildungen für Studierende, Lehrkräfte, Referendarinnen und Referendare sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren der historisch-politischen Bildungsarbeit, die die Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin als außerschulischen Lernort vorstellen, individuell geplant werden.

Neben diesen Angeboten konnten in Kooperation mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern in den vergangenen Jahren unter anderem folgende Projekte umgesetzt werden:


Internationale Workcamps in Zusammenarbeit mit der Stadt Annaburg und dem Verein Service Civil International


Geschichte und Kultur der Sinti und Roma – Ein Modellprojekt in Kooperation mit der Alten Feuerwache e.V. Jugendbildungsstätte Kaubstraße in Berlin


»MenschenNummern. Über das LagerLeben – das LagerÜberLeben« – Ein Stationstheaterprojekt in Zusammenarbeit mit moments e.V., einem Wittenberger Verein für Kulturpädagogik


»HistoryCraft – Eine virtuelle Ausstellung zum KZ Lichtenburg in Minecraft« in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt in Wittenberg.

All diese Projekte waren drittmittelfinanziert und wären ohne die Kooperationen nicht realisierbar gewesen!

 

Die Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin arbeitet zudem intensiv mit einigen Schulen aus der Region zusammen, mit denen teilweise Kooperationsvereinbarungen abgeschlossen wurden. Stellvertretend sei hier das Gymnasium Jessen genannt, das unter anderem in die Ausgestaltung der jährlich stattfindenden Gedenkveranstaltung zum 27. Januar eingebunden ist, für die Schülerinnen und Schüler – begleitet durch die Gedenkstätte – thematisch ausgerichtete szenische Lesungen entwickeln und aufführen. Zahlreiche Kunstprojekte, die in verschiedene Ausstellungen mündeten, konnten inzwischen umgesetzt werden. Zudem betreut die Gedenkstätte thematisch passende Studienarbeiten, die Schülerinnen und Schüler als besondere Lernleistung schreiben und anschließend verteidigen.

In den Jahren 2012 bis 2016 haben zwischen rund 2 400 (im Jahr 2012) und 4 000 (im Jahr 2014) Personen die Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin besucht. In den Jahren 2015 und 2016 pendelte sich die Gesamtzahl bei 3 500 Besuchenden ein. Dabei waren im Schnitt 40 Prozent Einzelbesuchende (darunter während der Saison zahlreiche Elberadwegtouristinnen und -touristen) sowie 15 Prozent Veranstaltungsgäste zu verzeichnen. Den übrigen Anteil bilden Personen, die die Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin im Rahmen von pädagogischen Angeboten (Führungen, Projekttage für Schulklassen/Jugendgruppen sowie Projekttage mit Erwachsenen) besuchten. Gerade die Zahl der Projekttage mit Jugendlichen konnte in den letzten Jahren sukzessive gesteigert werden:

2014: 32 Projekttage mit 881 Teilnehmenden,

2015: 37 Projekttage mit 920 Teilnehmenden,

2016: 39 Projekttage mit 735 Teilnehmenden.

Zum Personal der Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin gehören eine Leiterin (40 Wochenstunden) sowie eine Sachbearbeiterin (30 Wochenstunden). Bis zum Sommer 2016 stand dem Team der Gedenkstätte eine abgeordnete Lehrerin (8 Wochenstunden) unterstützend zur Verfügung. Daneben gibt es (schwankend) ein bis zwei Honorarkräfte, die nach einer Hospitations- und Ausbildungsphase Gruppen betreuen. Die Personalsituation der Gedenkstätte gehört zu den Herausforderungen des Gedenkstättenalltags. In den letzten Jahren erwies es sich als äußerst schwierig, geeignete Honorarkräfte zur Betreuung von Besuchsgruppen zu finden. Dabei scheinen vor allem die Lage und die verkehrstechnische Anbindung der Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin hinderlich zu sein. Prettin, am äußersten Randzipfel des Landkreises Wittenberg gelegen, befindet sich in einer infrastrukturell schwachen, ländlichen Region. Die nächsten Universitäten (Leipzig, Halle [Saale], Magdeburg) liegen zwischen 70 und 190 Kilometern entfernt. Bis dato ist es trotz mehrfacher Versuche nicht gelungen, Studierende für die pädagogische Arbeit der Gedenkstätte zu gewinnen. Damit wird vor allem die Betreuung von Parallelgruppen zu einer Herausforderung, die manchmal nur bewältigt werden kann, wenn ein Kollege aus einer anderen sachsen-anhaltischen Gedenkstätte unterstützend beispringt.

Die Personalsituation der Gedenkstätte stellt noch auf einer weiteren Ebene eine Herausforderung dar: Wenngleich es einen regelmäßigen und intensiven fachlichen Austausch innerhalb der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt gibt, fehlt mitunter der fachliche, kollegiale Austausch vor Ort, eine Vor-Ort-Reflexionsebene für die eigene Arbeit.

Mit der Einrichtung einer vollen Pädagogikstelle Ende des Jahres 2017 entspannt sich diese Situation deutlich. Zudem sind nun zahlreiche neue Möglichkeiten für die pädagogische Arbeit gegeben, insbesondere im Hinblick auf die Erschließung neuer Zielgruppen und die Konzeption neuer pädagogischer Angebote.

 

Melanie Engler leitet seit Dezember 2012 die Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin.