Andreas Froese-Karow

»Gedenken gestalten«

Gedenkstättenrundbrief Nr. 183 (10/2016) S. 35-43

DAS NEUE BESUCHER- UND DOKUMENTATIONSZENTRUM DER GEDENKSTÄTTE FELDSCHEUNE ISENSCHNIBBE GARDELEGEN

»Gedenken gestalten«
Das neue Besucher- und Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen

Andreas Froese-Karow

»Die Landesregierung hat dem Beschluss des Stiftungsrates der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt vom 17. 2. 2014 über die Übernahme der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen durch die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt (…) mit Wirkung zum 1. 5. 2015 zugestimmt.«1

Dieser im Januar 2016 veröffentlichte Regierungsbeschluss beschreibt kurz und knapp das Ergebnis eines mehrjährigen politischen Verhandlungsmarathons um die Zukunft der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen. Dabei ging es um arbeitspraktische und finanzielle Fragen von besonderer Reichweite: Sollte die Trägerschaft über die kommunale Gedenkstätte, die sich seit ihren Anfängen 1949 bei der Hansestadt Gardelegen befand, nun auf das Land Sachsen-Anhalt übergehen? Würde sich das Land zum Bau eines Besucher- und Dokumentationszentrums bereit erklären? Wer sollte sich in Zukunft um die gedenkstättenpädagogische Arbeit und um die Pflege des Ehrenfriedhofes kümmern?

Konkret wurden die Überlegungen im Dezember 2011. Damals brachten elf Abgeordnete des Landtags von Sachsen-Anhalt einen fraktionsübergreifenden Antrag ein. Gemeinsam empfahlen sie, die Gedenkstätte, die zu diesem Zeitpunkt noch dem Stadtmuseum Gardelegen als Außenstelle zugeordnet war, in die landeseigene Gedenkstättenstiftung aufzunehmen.2 Ihren Antrag begründeten die elf Verfasser mit der gesellschaftlichen Bedeutung der Todesmarschverbrechen, mit denen »kurz vor dem Ende der NS-Herrschaft auch viele Angehörige der Zivilbevölkerung im heutigen Sachsen-Anhalt konfrontiert wurden.«3 Zugleich hoben sie weltweite Wahrnehmung des Massakers in der Isenschnibber Feldscheune im April 1945 hervor, »nicht zuletzt aufgrund der Grausamkeit der verübten Taten und der Aufdeckung der Verbrechen durch die heranrückenden US-Armee.«4 Die Argumente diese Antrags überzeugten fraktionsübergreifend. Ohne Gegenstimmen votierte der Landtag im Dezember 2012 für die Aufnahme der Gardelegener Gedenkstätte in die Landesstiftung.

Zudem forderten die Abgeordneten, das Land müsse am historischen Tatort des Feldscheunen-Massakers ein dauerhaftes Gedenkstättengebäude errichten, da dieser Ort »in besonders herausragender Weise den Zweck der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt verwirklicht, das Wissen um die einzigartigen Verbrechen während der nationalsozialistischen Diktatur im Bewusstsein der Menschen zu bewahren und weiterzutragen.5

Weitere Verhandlungsrunden brachten schließlich den politischen Durchbruch: Seit Mai 2015 gehört die Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen offiziell zur Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. Sie ist nunmehr die siebte Gedenkstätte in landeseigener Trägerschaft. Für das bisherige Freiluftgelände unweit der Hansestadt Gardelegen eröffnen sich damit neue bauliche und inhaltliche Entwicklungschancen. Finanziert durch Zuwendungen des Landes Sachsen-Anhalt, entsteht dort in den kommenden Jahren ein Besucher- und Dokumentationszentrum mit einer Dauerausstellung zur Geschichte des historischen Ortes, neuen pädagogischen und kulturellen Angeboten. Hauptamtliche Mitarbeiter widmen sich nun als Ansprechpartner vor Ort der weiteren Erforschung des Massakers in der Isenschnibber Feldscheune und seiner Nachgeschichte, der Betreuung von -Besuchergruppen und der Kontaktpflege zu den Hinterbliebenen der Opfer des Massakers.

Somit wird jetzt eine vielseitige Gedenkstättenarbeit möglich, die diesen Ort als einen außerschulischen Lernort neu konzipiert, ihn regional und überregional vernetzt und zeitgemäße Informationsangebote bereitstellt. Grundlage hierfür ist das Leitbild der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt: »Jenen, die ihrer Rechte und ihrer Würde beraubt wurden, soll »Gesicht« und »Stimme« gegeben werden, um sie aus der Anonymität zu holen. Zur umfassenden Aufklärung der an den historischen Orten begangenen Menschenrechtsverletzungen muss die gesamte Bandbreite möglicher Verhaltensweisen – von der direkten Beteiligung an Verbrechen über Mitläufertum und Gleichgültigkeit bis hin zu Verweigerung und Widerstand – dargestellt werden.«6

 

Rückblick I: Das Massaker in der Isenschnibber Feldscheune

Die Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen im nördlichen Sachsen-Anhalt zählt bundesweit zu den wichtigsten Erinnerungsorten für die Geschichte der nationalsozialistischen Todesmärsche und der sogenannten Endphaseverbrechen. Sie erinnert an das Massaker am 13. April 1945, bei dem 1016 KZ-Häftlinge wenige Wochen vor Kriegsende in einer Scheune des Gutes Isenschnibbe vor den Toren der Hansestadt Gardelegen ermordet wurden. Es handelte sich um ein Todesmarschverbrechen, das nur wenige Stunden vor dem Eintreffen der amerikanischen Truppen stattfand.

Anfang April 1945 räumte die SS das Konzentrationslager Hannover-Stöcken – ein Außenlager des KZ Neuengamme – und mehrere Außenlager des KZ Mittelbau-Dora im Harz vor den heranrückenden amerikanischen Truppen. Bahntransporte brachten von dort Tausende Häftlinge in die Altmark-Region. An den Bahnhöfen der Ortschaften Mieste und Letzlingen kamen die Züge ungeplant zum Stehen. Wegen der der bereits zerstörten Gleisanlagen konnten sie ihre Fahrt nicht fortsetzen. Die SS-Angehörigen, die diese Bahntransporte begleiteten, zwangen die KZ-Häftlinge, die restlichen Kilometer bis nach Gardelegen zu Fuß zurückzulegen. Unterwegs ermordeten sie diejenigen Häftlinge, die mit dem Tempo dieser Todesmärsche nicht mehr Schritt halten konnten. Weitere Häftlinge starben an Entkräftung und Unterversorgung, infolge von Misshandlungen durch das Wachpersonal oder durch das Verhalten von Zivilisten entlang der Wegstrecke.

In Gardelegen angekommen, brachten die SS-Leute die Häftlinge zunächst im Pferde-stall und in der Reithalle der Remonteschule – einer alten Kavalleriekaserne – unter. Am Abend des 13. April 1945 zwangen sie sie von dort aus zu Fuß auf den Weg zu einer nahe gelegenen Feldscheune des Gutes Isenschnibbe am Stadtrand. Unter Betei-ligung von Angehörigen der Wehrmacht, des Reichsarbeitsdienstes, des Volkssturms und weiterer NS-Organisationen trieben sie die Häftlinge in die Scheune, verriegelten von außen die Tore und setzten dann den Innenraum des Gebäudes in Brand. Dafür hatten sie zuvor das Stroh auf dem Fußboden mit Benzin übergossen. Häftlinge, die aus der brennenden Scheune zu fliehen versuchten, wurden erschossen. Nur wenige entkamen diesem gezielt geplanten Massenmord, der bis tief in die Nacht hinein -andauerte.

Am folgenden Tag trafen US-amerikanische Truppen in Gardelegen ein. Sie entdeckten den Tatort und verhinderten den Versuch der beteiligten Tätergruppen, der städtischen Feuerwehr und des Technischen Notdienstes, die Spuren des Massenmordes zu beseitigen. Diese hatten bereits mit dem Ausheben von Gräben begonnen, in denen sie die Leichen der Ermordeten ohne Kennzeichnung verscharren wollten. General Frank A. Keating, der Oberbefehlshaber der 102. US-Infanterie-Division, ordnete eine Exhumierung und würdige Bestattung der Ermordeten durch die männliche Bevölkerung der Stadt an. Unweit der Scheune ließ er einen Friedhof mit Einzelgräbern und weißen Holzkreuzen für die Opfer anlegen. Nur 305 der 1016 Opfer des Massakers konnten identifiziert werden. Die übrigen wurden mit der Aufschrift »Unbekannt« beigesetzt. Eine Hinweistafel erklärte das Gräberfeld offiziell zum militärischen Ehrenfriedhof. Sie verpflichtete die Bevölkerung der Stadt, die Gräber und das Andenken an die Ermordeten dauerhaft zu erhalten und zu pflegen. Auf Schändungen der Ruhestätte drohte die alliierte Militärverwaltung Strafen an.

An der offiziellen Begräbnisfeier mit militärischen Ehren am 25. April 1945 mussten die Einwohner der Stadt teilnehmen. In seiner Ansprache konfrontierte Oberst George P. Lynch, Stabschef der 102. US-Infanteriedivision, die Bevölkerung mit ihrer Verantwortung: »Einige werden sagen, die Nazis seien für dieses Verbrechen verantwortlich. Andere werden auf die Gestapo verweisen. Aber die Verantwortung liegt bei keinem von beiden – es ist die Verantwortung des gesamten deutschen Volkes.«7 Die Erschütterung der US-amerikanischen Truppen über das Massaker in der Feldscheune spiegelte sich auch in ihrer zeitgenössischen medialen Dokumentation des Massakers und der Maßnahmen zur »Re-Education« der Bevölkerung wider.8

 

Rückblick II:
Die städtische Mahn- und Gedenkstätte im Zeichen des DDR-Antifaschismus

Der Status eines militärischen Ehrenfriedhofes und die Verpflichtung zur Grabpflege galten für die Bevölkerung der Hansestadt Gardelegen auch nach dem Wechsel von der amerikanischen zur sowjetischen Militärverwaltung weiter. Die zerstörte Scheune wurde dagegen bald als »wilder« Steinbruch für Baumaterialien genutzt.

Ab Herbst 1949 ließ die SED unmittelbar neben dem historischen Tatort eine städtische Mahn- und Gedenkstädte errichten. Aus den baulichen Resten der einstigen Scheune entstand bis 1953 eine Gedenkmauer, die die ursprüngliche Außenfassade des Gebäudes andeutete. In den 1960er- und 1970er-Jahren kamen weitere bauliche Elemente hinzu, die dem Gelände seine heutige Gestalt gaben: Zwei Flammenschalen, eine Rednertribüne, ein Aufmarsch- und Paradeweg mit einer Reihe von Fahnenmasten und den »Steinen der Nationen« sowie eine gepflegte Parklandschaft mit neu angelegten Pflanzungen und Geländewegen zwischen der Gedenkmauer und dem Gräberfeld. Ebenso verwies ein »Nationaler Mahn- und Gedenkweg« mit weißen Markierungssteinen auf die einstige Todesmarschstrecke der Häftlinge vom Bahnhof Mieste nach Gardelegen.

Die bauliche Gestaltung zu DDR-Zeiten überformte das Gelände der Mahn- und Gedenkstätte und veränderte dessen Erscheinungsbild grundlegend. Architektonisch und inhaltlich legte sich nun eine neue Zeitschicht über den historischen Tatort: Die antifaschistische Gedenkkultur der DDR dominierte das Erscheinungsbild der städtische Mahn- und Gedenkstätte. Der Platz vor der Gedenkmauer war nun ein Ort für öffentliche Massenkundgebungen. Bis zu den politischen Wendejahren 1989/90 fand dort das offizielle Gedenken im Geiste des DDR-Antifaschismus statt. Dessen Geschichtsbild erklärte alle ermordeten KZ-Häftlinge pauschal zu (kommunistisch-) antifaschistischen Widerstandskämpfern und schrieb die (Mit-)Täterschaft am Massaker ausschließlich einer ortsfremden, anonymen Gruppe von Faschisten zu. Wahrnehmbar wurde dieses vereinnahmende Geschichtsbild für die Besucher des Geländes vor allem anhand der ideologischen Parolen und figürlichen Malereien, die nunmehr die Gedenkmauer zierten.

Auch das Gräberfeld im Stil der US-amerikanischen Begräbniskultur für militärische Ehrenfriedhöfe, das die städtischen Behörden weiterhin pflegten, erfuhr eine offizielle Umdeutung im Sinne des DDR-Antifaschismus. Zum 20. Jahrestag des Massakers im Jahr 1965 ließ die Hansestadt Gardelegen die alliierte Hinweistafel entfernen und durch eine neue Tafel ersetzen. Ihr Wortlaut sprach die ortsansässige Bevölkerung von der ihr übertragenen historischen Verantwortung für das Massaker frei und stellte die Bestattung der Ermordeten als einen freiwilligen Akt der sozialistischen Solidarität dar. Erst nachdem ein Foto der originalen Tafel im Jahr 1988 heimlich in die USA gelangt war und dort öffentlich dokumentierte, dass sie inzwischen zweckentfremdet als Rückwand eines Schuppens auf dem städtischen Friedhof genutzt wurde, wurde sie von dort entfernt und schließlich ins Stadtmuseum überführt.9 Am Gräberfeld in der Gedenkstätte steht seit 1990 eine originalgetreue Nachbildung der ursprünglichen US-amerikanischen Tafel.

Auf neuen Wegen: Die Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen

Nach der Wiedervereinigung blieb die Gedenkstätte in städtischer Trägerschaft. Die kommunalen Behörden und engagierte Privatpersonen kümmerten sich weiterhin um den Erhalt der Gebäude und um die Pflege des Geländes. Auch wenn der Ort nun nicht mehr für politische Veranstaltungen im Geiste der DDR-antifaschistischen Gedenkkultur genutzt wurde, behielt er seine offizielle Bezeichnung »Mahn- und Gedenkstätte Gardelegen« bei. Erste Neuerungen zur didaktischen Vermittlung der Gedenkstättenarbeit vor Ort entwickelte ein wissenschaftlicher Beirat gemeinsam mit der Stadt Gardelegen und der landeseigenen Gedenkstättenstiftung in den 2000er-Jahren. Dazu zählten u.a. die Erarbeitung eines Besucherleitsystems mit Informationstafeln im Außengelände und Überlegungen für die zukünftige Gestaltung der jährlichen Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag des Massakers vom 13. April 1945.10

Nach dem Aufnahmebeschluss der Landesregierung vom Februar 2015, der Zustimmung des Stiftungsrats und des Gemeinderats der Stadt Hansestadt Gardelegen schlossen die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt und die Stadt Gardelegen im April 2015 einen gemeinsamen Vertrag ab, der die zukünftige Aufgabenverteilung in der Gedenkstätte regelte. Die Hansestadt Gardelegen bleibt demnach Eigentümerin des Geländes und übernimmt weiterhin dessen Pflege. Insbesondere kümmert sie sich um den Erhalt des Ehrenfriedhofes. Gleichzeitig erhielt der Ort durch diesen Vertrag einen neuen offiziellen Namen: Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen.

Für den konzeptionellen Aufbau des Gedenkstättenbetriebs unter den neuen institutionellen Rahmenbedingungen stehen zahlreiche Aufgaben an. Vorrangig sind eine öffentliche Neuverortung und Vernetzung der Gedenkstätte. Auch wenn der Name der Stadt Gardelegen als eine »Chiffre des Verbrechens« für das Massaker in der Isenschnibber Feldscheune international bekannt ist, wird die aktuelle räumliche und inhaltliche Neukonzeption dieses Gedenkortes noch nicht überall wahrgenommen. Deshalb fertigte die Gedenkstätte neue Print-Informationsmaterialien in mehreren Sprachen an. Auch Besucherführungen und weitere pädagogische Angebote, die bislang über die Touristinformation der Hansestadt Gardelegen organisiert wurden, sind nun direkt bei der Gedenkstätte angesiedelt. Im Internet ist die neue Gedenkstätte neben ihrer Homepage auch aktiv in sozialen Medien wie Facebook und Twitter, auf eigenen Blogs und in Gedenkstättenverzeichnissen präsent. Neue Einträge auf Google Maps sowie in anderen Karten- und Ortsverzeichnissen ermöglichen Besucherinnen und Besuchern eine Orientierung für ihre Anfahrt. Denn die kommunale Zufahrtsstraße zur Gedenkstätte hat erst durch den Vertrag zwischen der Stadt Gardelegen und der Gedenkstättenstiftung einen offiziellen Namen erhalten: Sie heißt zielführend »An der Gedenkstätte«.

Eine Schwierigkeit im Zusammenhang mit der heutigen Zuwegung zum Gelände bleibt die Anfahrt von der historisch »falschen« Seite aus nördlicher Richtung. Sie ist dem früheren Zugang aus der Stadt von Süden her entgegengesetzt. Denn der ursprüngliche Weg, auf dem auch die KZ-Häftlinge am 13. April 1945 in die Scheune getrieben wurden, ist seit den 2000er-Jahren durch eine viel befahrene Umgehungsstraße unterbrochen. Sichtbar wird diese umgekehrte Annäherung an das Gelände vor allem anhand der Gedenkmauer aus den 1950er-Jahren, die die Besucher deshalb zunächst von ihrer Rückseite her – und nicht von vorne über ihre repräsentative Schauseite – wahrnehmen. Doch gerade dadurch wird die kulissenhafte Funktion der Mauer für die räumliche Inszenierung antifaschistischer Gedenkveranstaltungen zu DDR-Zeiten dem heutigen Besucherpublikum umso deutlicher.

 

Das zukünftige Besucher- und Dokumentationszentrum

Das Herzstück der neuen Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen wird in den kommenden Jahren das neu zu errichtende Besucher- und Dokumentationszentrum sein. Es wird Räumlichkeiten für eine Dauerausstellung zur Geschichte des historischen Ortes und für thematische Wechselausstellungen, Seminarräume für die Bildungsarbeit mit Schulklassen und Erwachsenengruppen, Büros für die hauptamtlichen Mitarbeiter und Depoträume für Archiv- und Sammlungsgegenstände bereitstellen. Ermöglicht wird der Bau dieses neuen Gebäudes durch finanzielle Zuwendungen des Landes Sachsen-Anhalt in Höhe von rund 3,7 Millionen Euro.
Um einen Realisierungsentwurf für das neue Gebäude zu ermitteln, organisierte die Gedenkstättenstiftung gemeinsam mit den politischen und bautechnischen Institutionen des Landes Sachsen-Anhalt sowie der Hansestadt Gardelegen einen Architektenwettbewerb, den ebenfalls das Land Sachsen-Anhalt förderte. Nach einer EU-weiten Ausschreibung im Herbst 2015 und einer formalen Vorprüfung der interessierten Büros standen schließlich acht Gebäudeentwürfe zur Wahl. Über diese beriet sich eine Jury aus Fach- und Sachpreisrichtern unter Einbeziehung von beratenden Sachverständigen in einer gemeinsamen Preisgerichtssitzung im April 2016. Mit großer Mehrheit kürte dieses Gremium in einem anonymisierten Auswahlverfahren einen Vorschlag der BHBVT-Gesellschaft von Architekten mbH aus Berlin zum Siegerentwurf11. Ihre Wahl begründete die Jury folgendermaßen: »Durch die Anordnung und Ausrichtung eines lang gestreckten Baukörpers an der ehemaligen Straße nach Gardelegen bleibt die bestehende Gedenkstätte unbeeinträchtigt. Gleichzeitig wird auf den Weg der Häftlinge zur Feldscheune hingewiesen, ohne dabei zu symbolhaft und feierlich zu werden. (…) Trotz seines klaren und würdevollen Äußeren erfüllt das neue Besucherzentrum die funktionalen und wirtschaftlichen Anforderungen besonders gut. Der Entwurf überzeugt durch seine gänzlich unpathetische und pragmatische Haltung und lässt erwarten, dass die Aufmerksamkeit der Besucher sich in ganz besonderem Maße auf die Inhalte der Ausstellung und die Wirkung und Ausstrahlung des historischen Ortes konzentrieren kann.«12

Der Entwurf sieht ein längliches Gebäude aus Sichtbeton mit lichtheller Fensterverglasung vor, das in einem Wäldchen am Rande des Gedenkstättengeländes errichtet wird. Es entsteht parallel zur früheren Zufahrtsstraße, auf der die KZ-Häftlinge einst auf ihrem Todesmarsch aus Richtung Gardelegen zur Feldscheune kamen. Panoramafenster stellen Sichtbezüge zwischen dem Ehrenfriedhof, der DDR-zeitlichen Gedenkmauer am historischen Tatort und der Blickrichtung zur Hansestadt Gardelegen her. Um das Gelände nicht erneut baulich zu überformen und alle Auflagen des Denkmalschutzes zu erfüllen, wird das neue Gebäude erdgeschossig bleiben. Im Keller sind u.a. Räumlichkeiten für technische Einrichtungen und für die Lagerung archivalischer Materialien vorgesehen. Diese Räume werden sowohl über Treppen als auch per Fahrstuhl zugänglich sein, um einen barrierefreien Zugang zu ermöglichen. Neben optischen und finanziellen Gesichtspunkten berücksichtigten die Preisrichter der Jury vor allem die Erfüllung der funktionalen und arbeitspraktischen Anforderungen an das neue Gebäude, um an diesem Ort einen zeitgemäßen Gedenkstättenbetrieb in besucherfreundlicher Umgebung zu ermöglichen.

Unter dem Titel »Gedenken gestalten« präsentierte die Gedenkstätte alle Pläne und Zeichnungen der zur Wahl gestellten Architektenentwürfe im Mai 2016 in einer öffentlichen Ausstellung im Rathaus der Hansestadt Gardelegen. Der gleichnamige Internetblog zur Ausstellung wird auch das Bauprojekt weiter begleiten und fortlaufend über den aktuellen Stand des Neubaus informieren.13

 

Wie nun weiter?

Parallel zu den Baumaßnahmen für das neue Gebäude stehen für die Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen in den kommenden Jahren weitere Kernvorhaben an. Insbesondere die Erarbeitung einer Dauerausstellung zum Massaker in der Feldscheune und seiner Nachgeschichte sowie die Weiterentwicklung der Bildungsangebote für Schulklassen und Erwachsene sind grundlegend für die zukünftige Gedenkstättenarbeit.14 Ebenso zentral bleibt die Pflege der Kontakte zu den Angehörigen der Opfer des Massakers. Doch trotz ihrer internationalen Bedeutung ist für die neue Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen der enge Bezug zur regionalen Bevölkerung ein wichtiges Anliegen. Da die städtische Mahn- und Gedenkstätte über viele Jahrzehnte hinweg das öffentliche Leben in der Region um Gardelegen prägte, knüpft auch die neue Gedenkstätte Netzwerke zu anderen Bildungs- und Kultureinrichtungen, um die Öffentlichkeit mit aktualisierten Informations- und Vermittlungsangeboten über traditionelle und neue Kommunikationswege – etwa im Bereich der digitalen Medien – zu erreichen.

Nach der Eröffnung des Besucher- und Dokumentationszentrums wird sich die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt der konzeptionellen Gestaltung des Außengeländes zuwenden. Die vorhandene Bausubstanz bietet dafür doppelte historische Anknüpfungspunkte. Denn auch wenn sich der Schwerpunkt der zukünftigen Gedenkstättenarbeit eindeutig der Geschichte des NS-Massakers in der Isenschnibber Feldscheune widmet, steht dieser überformte Ort zugleich in herausragender Weise für die nachkriegszeitliche Erinnerungskultur an die Todesmarschverbrechen von der DDR-Zeit bis heute. Es bleibt zu hoffen, dass die letzten Überlebenden des Massakers bald die Eröffnung des neuen Gebäudes miterleben können. Angesichts ihres hohen Alters drängt die Zeit.

 

Andreas Froese-Karow, Historiker, leitet seit 2015 die Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen.

 

1    Beschluss der Landesregierung von Sachsen-Anhalt vom 17. 2. 2015, veröffentlicht im Ministerialblatt für das Land Sachsen-Anhalt Nr. 1/2016 vom 18. 1. 2016, S. 3.

2    »Aufnahme in die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt«, in: Altmark-Zeitung Gardelegen, 9. 12. 2011. Dem damaligen sechsten Landtag von Sachsen-Anhalt gehörten die vier Fraktionen der CDU, der SPD, der Linken und der Grünen an.

3    Ebd.

4    Ebd.

5    Beschluss des Landtages von Sachsen-Anhalt vom 13. 12. 2012, Bezug nehmend auf das Gedenkstättenstiftungsgesetz des Landes Sachen-Anhalt, § 2 Abs. 1 vom 22. 3. 2006.

6    Leitbild der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, www.stgs.sachsen-anhalt.de/die-stiftung-im-ueberblick/leitbild-der-stiftung-gedenkstaetten (zuletzt aufgerufen am 27. 5. 2016).

7    Zit. nach Jan Friedmann: Jagd an der Heimatfront, in: Der Spiegel 2/2011, S. 29.

8    Beispielsweise veröffentlichte das US-amerikanische »LIFE«-Magazin die Fotos aus der Feldscheune am 7. 5. 1945 unter dem Titel »The Holocaust of Gardelegen.« Der ebenfalls 1945 produzierte US-amerikanische Dokumentarfilm »Death Mills« widmet dem Massaker gleich drei Sequenzen.

9    Karel Margry: The Gardelegen Massacre, in: After the battle 111 (2001), S. 1–29, hier 27.

10  Thomas Irmer: Neue Quellen zur Geschichte des Massakers von Gardelegen, in: GedenkstättenRundbrief 156 (2010), S. 14–19; »So genau wie möglich«, in: Volksstimme Gardelegen, 4. 2. 2011.

11  Über den Siegerentwurf für das neue Besucher- und Dokumentationszentrum informiert der Internetblog »Gedenken gestalten« der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen: www.gedenken-gestalten.wordpress.com (zuletzt aufgerufen am 10. 10. 2016).

12  Auszug aus dem Protokoll der Preisgerichtssitzung vom 7. 4. 2016, S. 4f.

13  Der gleichnamige Blog »Gedenken gestalten« begleitete die Ausstellung: www.gedenkengestalten.wordpress.com (zuletzt aufgerufen am 10. 10. 2016).

14  Die offizielle Umbenennung der Gedenkstätte ermöglicht nun auch in begrifflicher Hinsicht einen differenzierenden und kontextualisierenden Rückblick auf die DDR-zeitliche Gedenkstättenarbeit, vgl. »Weg vom erhobenen Zeigefinger«, in: Altmark-Zeitung Gardelegen, 19. 11. 2015.