Klaus Lederer

GRUßWORT von Klaus Lederer

Gedenkstättenrundbrief Nr. 189 (3/2018) S. 5-7

Am 5. Juli des vergangenen Jahres habe ich in der »Topographie des Terrors« gesprochen. Anlass war der 30. Geburtstag der Stiftung und der Einrichtung. Damals habe ich gesagt, dass mit – seit Jahren konstant über der Millionengrenze liegenden Besucherzahlen – die »Topographie des Terrors« ein Eckpfeiler des kulturellen Lernens in Berlin und ganz Deutschland geworden ist. Die Geschichte begann ja aber noch eher: Der in den 1980er-Jahren gegründete Verein »Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin« und die dann etwas später entstandene »Initiative zum Umgang mit dem Gestapo-Gelände«, aber auch viele andere gehörten zu denen, die dann im Mai 1985 hier – am Ort der Täter – anfingen, im wahrsten Sinne des Wortes nachzugraben. Gemein war ihnen allen, dass sie sich einsetzten für einen Lernort und seine Verstetigung.

»Topographie des Terrors« – das ist nicht nur ein Ort, das ist weit mehr – es ist auch eine Aufgabe. Die Aufgabe besteht darin, am historischen Ort und darüber hinaus dafür zu sorgen, dass die Erinnerungsarbeit unserer Tage auf einer wissenschaftlich fundierten Basis steht. Es kann daher in erster Linie nicht darum gehen, immer wieder ein »Tal der Tränen« zu durchschreiten – auch, wenn wir es bei der Vermittlung von NS-Verbrechen mit unvorstellbarer Gräuel und immensen Leiden zahlloser Opfergruppen zu tun haben. Wir haben uns immer wieder dem Auftrag einer progressiven Ausstellungs- und Bildungsarbeit zu stellen. Dazu trägt bei der »Topographie des Terrors« auch das Gedenkstättenreferat bei, das sich bundesweit einsetzt, für das, was über Trauerarbeit und Gedenken hinaus an Erinnerungsarbeit zu leisten ist. Es steht seit 25 Jahren für eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der NS-Diktatur, die sich immer auch aktuellen Fragestellungen und Herausforderungen gegenübersieht.

Lassen Sie mich kurz einen Blick zurückwerfen auf einige markante Etappen der »Topographie des Terrors«. Eingangs habe ich die frühen Wurzeln ja bereits erwähnt: Nach der »Wende« 1989/90 und nach dem Beschluss, Berlin zur Hauptstadt zu machen, wurde aus dem von bürgerschaftlichem Engagement unterstützten, ursprünglich West-Berliner Projekt »Topographie des Terrors« 1992 eine zunächst unselbständige Stiftung öffentlichen Rechts, eingerichtet durch das Land Berlin.

Ein Jahr später, 1993, gab es dann zwei einschneidende Ereignisse: Das Land Berlin lobte einen Wettbewerb für das neue Dokumentationszentrum »Topographie des Terrors« aus, und der Stiftungsrat unter dem Vorsitz des Berliner Kultursenators stimmte zu, das vorher bei der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. angesiedelte Gedenkstättenreferat in die neu gegründete Stiftung zu übernehmen. Damit war Berlin bereit, Verantwortung für eine bundesweite Aufgabe zu übernehmen – und ich bin stolz darauf. Berlin konnte mit der Arbeit auch in das Bundesgebiet hineinwirken, bevor es dann ein Jahr später, also 1994, zu einer seither gemeinsamen finanziellen Trägerschaft der »Topographie« mit dem Bund kam.

Der Anlass des nun 25-jährigen Bestehens des Gedenkstättenreferats der Stiftung Topographie des Terrors ist ein geeigneter Moment, die ebenso erfolgreiche wie notwendige Tätigkeit der Stiftung zu würdigen. Im Jahr 1993 war die »Topographie des Terrors«, wie eben erwähnt, ja selbst noch im Aufbau. So sind die beiden damaligen Direktoren, Prof. Dr. Reinhard Rürup und Prof. Dr. Andreas Nachama, für den Weitblick zu beglückwünschen, das Gedenkstättenreferat in die entstehende Stiftung eingegliedert zu haben. Die Entscheidung hat sich bewährt – das steht heute fest.

Das Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors hat sich im Laufe der Zeit als absolut adäquates Pendant der dezentralen Gedenkstättenlandschaft in Deutschland entwickelt. So wichtig es ist, dass es sowohl von den historischen Zusammenhängen als auch von der geographischen Verteilung her sehr viele unterschiedliche Gedenkstätten in Deutschland gibt, so sehr hat sich das Gedenkstättenreferat als die Einrichtung erwiesen, die in der Lage ist, dieses Netzwerk zu koordinieren und damit die Stärken der einzelnen Institutionen im Gesamtrahmen zu unterstützen. Sicherlich hat das auch mit der thematischen Ausrichtung des Dokumentationszentrums »Topographie des Terrors« zu tun, das sich dadurch von den Gedenkstätten unterscheidet, dass es sich mit all den verschiedenen Facetten der NS-Verbrechensgeschichte in ihrer Gesamtheit auseinandersetzt.

Die Entscheidung der Übernahme des Gedenkstättenreferats hat sich auch in einer weiteren Hinsicht bewährt. Mit der Zunahme der internationalen Zusammenarbeit im Bereich der wissenschaftlichen Forschung über NS-Verbrechen, der Gestaltung neuer Gedenkorte und der Entwicklung der Bildungsarbeit wird das Gedenkstättenreferat auch vom Ausland immer mehr angefragt. So ist das Gedenkstättenreferat in bewährter Weise beides: Ein überregional wirkender Knotenpunkt des Netzwerkes der Gedenkstätten in Deutschland und ein Kompetenzzentrum für nationale wie internationale Beratungstätigkeiten. Das ist auch angesichts der aktuellen Entwicklungen hierzulande, dem wachsenden Rechtspopulismus und einer AfD als Akteur in der Parteienlandschaft, wichtig. Das Gedenkstättenreferat hat mit der Stiftung Topographie des Terrors die in jeder Hinsicht passende Basis für seine Tätigkeit.

Und die Stiftung Topographie des Terrors konnte ihr Ansehen in Deutschland und im Ausland auch dadurch stärken, dass sie das Gedenkstättenreferat vor 25 Jahren übernommen und in anspruchsvoller Weise weiterentwickelt hat. Es bleibt zu wünschen, dass die Arbeit in dieser anerkannten Form als Rückgrat einer dezentralen ausgeformten Gedenkstättenlandschaft fortgeführt werden wird. Das Land Berlin und der Bund stehen dahinter! Die Aufarbeitung des NS-Terrors kennt keinen Schlussstrich. Allerdings wird es nötig sein, auf die sich im Laufe der Zeit verändernden Formen der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte für die Gedenkstätten angemessene Möglichkeiten des Agierens zu finden.

Ich bin mir sicher: Das Gedenkstättenreferat hat dabei als Ideengeber und Koordinator in dieser Hinsicht auch in Zukunft eine zentrale, wenn auch keine zentralisierende Funktion inne. Ich beglückwünsche Sie zu 25 Jahren, danke Ihnen für Ihre Arbeit und weiß, dass sich unsere Wege auch in Zukunft noch häufig kreuzen werden, da die Aufarbeitung und die Präsentation von Gedenken und Erinnerung mir große Anliegen sind und ich Sie dabei an meiner Seite weiß.

 

Dr. Klaus Lederer ist Bürgermeister und Senator für Kultur und Europa des Landes Berlin.