Maria Bering

GRUßWORT von Maria Bering

Gedenkstättenrundbrief Nr. 189 S. 8-10

Ich danke Ihnen sehr für die Einladung zur Festveranstaltung zum 25-jährigen Bestehen des Gedenkstättenreferats der Stiftung Topographie des Terrors. Zunächst darf ich Ihnen von Frau Staatsministerin Grütters herzliche Grüße ausrichten. Ihre große Wert-schätzung für die Arbeit des Gedenkstättenreferats und für das langjährige Engagement hatte Frau Staatsministerin bereits bei der Veranstaltung zum 30-jährigen Bestehen der »Topographie des Terrors« im Juli vergangenen Jahres zum Ausdruck gebracht.

Die – vom Bund seit 1994 geförderte – »Topographie des Terrors« leistet einen besonders wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung und Vermittlung der NS-Verbrechen. Sie tut dies auf diesem Gelände, mitten in Berlin, auf dem Gestapo, SS-Führung und Reichssicherheitshauptamt ihre Hauptquartiere hatten und systematisch Terror und Tod in Europa planten und organisierten. Die »Topographie des Terrors« macht Geschichte greifbar, indem ein authentischer Ort mit großer Fachkompetenz, aber auch mit viel Sensibilität und Einfallsreichtum aufbereitet und zugänglich gemacht wird.

So konnten die Strukturen und Mechanismen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Millionen von Besucherinnen und Besuchern aller Generationen aus dem In- und Ausland eindringlich veranschaulicht werden. Die Darstellung einer enormen Bandbreite an Themen unmittelbar anknüpfend an das historische Umfeld macht den Besuch der Ausstellung zu einer beeindruckenden und unvergesslichen Erfahrung. Zahlreiche immer gut besuchte Sonderausstellungen und hochkarätige Vortrags- oder Diskussionsveranstaltungen komplettieren das Angebot. Die »Topographie des Terrors« setzt damit Maßstäbe als Erinnerungsort.

Hier soll sich der Fokus der Aufmerksamkeit jedoch auf eine Aufgabe der »Topographie des Terrors« richten, die in der Öffentlichkeit nicht so große Wahrnehmung erfährt wie die eben beschriebene Dokumentation. Eine Aufgabe, die allerdings für die Gedenkstättenlandschaft in Deutschland von elementarer Bedeutung ist und diese nachhaltig geprägt hat und weiterhin prägen wird. Ich rede vom Gedenkstättenreferat unter dem Dach der »Topographie des Terrors«.

Die Landschaft der NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Deutschland ist aus gutem Grund sehr heterogen. Die Einrichtungen haben unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte, abgeleitet von ihren verschiedenen Funktionen während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Sie haben damit auch unterschiedliche Aufgaben im Rahmen der Aufarbeitung und des Gedenkens.

Die NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte sind über das ganze Bundesgebiet verteilt, ihre Umgebungen unterscheiden sich, ländlich geprägt an der deutsch-dänischen Grenze oder mitten in der Stadt wie in Dachau. Und die Einrichtungen haben auch sehr unterschiedliche Träger. Sie werden vom Bund, von einem Land, einer Kommune, von der Kirche oder von Bürgerinnen und Bürgern getragen, Mischformen aller Art sind vertreten.

Als integraler Bestandteil der gewachsenen Gedenkkultur wird bürgerschaftliche Unterstützung aus der Mitte der Gesellschaft in der Gedenkstättenkonzeption des Bundes besonders gewürdigt. Bürgerschaftliches Engagement hat überhaupt erst das Bewusstsein geschaffen, dass es sich hier um eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe handelt. Und bürgerschaftliches Engagement steht auch dafür, die Fragen an die Geschichte immer wieder neu zu stellen. Insofern ist es eine tragende Säule neben der staatlichen Unterstützung. Dabei kommt bürgerschaftlichem Engagement nicht selten auch die wichtige Rolle als Triebkraft, Ideengeber und Querdenker zu. Anhaltendes bürgerschaftliches Engagement vor Ort trägt auch bei öffentlich finanzierten Gedenk-stätten und Erinnerungsorten maßgeblich zum Gelingen von Vorhaben oder Projekten bei.

Die »Topographie des Terrors« ist dabei weit mehr als »nur« ein gutes Beispiel für ein funktionierendes und fruchtbares Zusammenspiel von staatlichem und bürgerschaftlichem Wirken. Vielmehr hat sich die »Topographie des Terrors« mit ihrem Gedenkstättenreferat als zentraler und fachkundiger Ansprechpartner zivilgesellschaftlicher Initiativen etabliert. In der von mir beschriebenen Vielfalt in der Landschaft der NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Deutschland kommt dem Gedenkstättenreferat eine zentrale Rolle zu.

Die beschriebene historisch gewachsene Heterogenität ist zwar fruchtbar. Sie ist gewünscht, unbedingt zu erhalten und zu festigen. Sie ist jedoch auch eine Herausforderung, denn Strukturen können sich doppeln, Wissen kann verloren gehen, relevante Informationen – etwa zu Fördermöglichkeiten – können nicht auffindbar sein und wichtige Kontakte können fehlen. Für die Gedenkstätten und Erinnerungsorte ist es daher von elementarer Bedeutung, gut vernetzt zu sein. Wissen kann geteilt und Interessen können gebündelt und kanalisiert werden. Die »Topographie des Terrors« mit ihrem Gedenkstättenreferat fungiert insoweit zudem als Seismograph der Gedenkstättenlandschaft und ist als solcher unverzichtbarer Ansprechpartner auch für staatliche und politische Verantwortungsträger aus dem In- und Ausland.

Die Aktivitäten des Gedenkstättenreferats sind vielfältig, und ich möchte nur einige davon exemplarisch herausgreifen: Das Gedenkstättenreferat ist eine der in der Gedenkstättenkonzeption des Bundes benannten Institutionen, die eine Vertreterin oder einen Vertreter in das Expertengremium entsendet, das Frau Staatsministerin Grütters bei ihren Entscheidungen über finanzielle Förderungen des Bundes im Bereich der NS-Aufarbeitung berät. Die jährlich organisierte bundesweite Gedenkstättenkonferenz und das Gedenkstättenseminar haben sich als Fixpunkte der Gedenkstättenlandschaft in Deutschland etabliert. Die Veranstaltungen werden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kleiner wie großer Gedenkstätten geschätzt als einzigartige Gelegenheit zur Kontaktpflege, zur Beratung, zur Weiter- und Meinungsbildung.

Auch die vom Gedenkstättenreferat herausgegebene Zeitschrift »Gedenkstätten Rundbrief« ist heute nicht mehr wegzudenken. Als fachliches Medium für die sehr spezifischen Anforderungen an die Gedenkstättenarbeit hält die Zeitschrift ihre Leserinnen und Leser auf dem aktuellen Forschungs- und Erfahrungsstand.

Diese Plattformen des Austauschs sind gerade vor dem Hintergrund so wichtig, dass die NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte vor immensen Herausforderungen stehen und ihre Arbeit ein Stück weit neu definieren müssen. Die Besucherzahlen wachsen erfreulicherweise tendenziell immer noch an. Die »Topographie des Terrors« etwa haben im Jahr 2017 – beeindruckende! – 1,3 Millionen Menschen besucht. Gleichzeitig ist die Zusammensetzung der Besuchergruppen immer heterogener. Die kulturellen Hintergründe der Besucherinnen und Besucher sind vielfältiger als früher. Hinzu kommt, dass wegen der zunehmenden zeitlichen Distanz zum nationalsozialistischen Deutschland auf der einen Seite immer weniger Zeitzeugen unmittelbar von dem Geschehenen berichten können und auf der anderen Seite immer weniger Besucherinnen und Besucher beispielsweise als Angehörige einen unmittelbaren biografischen Bezug zum Thema oder zum historischen Ort haben. Auch hören wir regelmäßig von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Gedenkstätten, dass Schulklassen mit immer weniger historischem Vorwissen zu Gedenkstätten-Besuchen erscheinen, die zudem immer öfter schlecht vorbereitet zu sein scheinen.

Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen, erleichtert es kleinen und großen Gedenkstätten enorm, diese Herausforderungen zu bewältigen. Der erfolgversprechende Ansatz etwa, pädagogische Angebote zu stärken und weiterzuentwickeln, kann sein ganzes Potential dann entfalten, wenn Ressourcen gemeinsam genutzt werden können und wenn die in Gedenkstätten Engagierten miteinander über neue Konzepte und Ideen diskutieren, sie diese ausprobieren und Erfahrungen teilen können. Innovative Konzepte und Herangehensweisen können so eine flächendeckende Dynamik entwickeln. Das Gedenkstättenreferat ist als zentrales »Gedenkstätten-Netzwerk« unverzichtbar, um solche Symbiosen in der Gedenkstättenarbeit zu erreichen.

Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung ein ureigenes Interesse an einem starken Gedenkstättenreferat, damit Deutschland seine historische Verantwortung zur Erinnerung an die Opfer, zur Aufarbeitung der Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes und zur Vermittlung demokratischer und humaner Werte in der beschriebenen dezentralen und pluralen Landschaft der NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Deutschland sachgerecht und möglichst wirkungsvoll wahrnehmen kann.

Für die Stärkung des Gedenkstättenreferates und den Ausbau der Vermittlungsarbeit werden wir uns weiterhin gerne und aus Überzeugung einsetzen. Nach der so erfolgreichen Arbeit in den letzten 25 Jahren, für die ich mich im Namen von Frau Staatsministerin Grütters – insbesondere bei Ihnen, lieber Herr Dr. Lutz – bedanken möchte, wünsche ich dem Gedenkstättenreferat auch für die nächsten 25 Jahre alles erdenklich Gute!

 

Maria Bering ist Leiterin der Gruppe »Geschichte, Erinnerung« bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.