Wolf Kaiser

Historisch-politische Bildungsarbeit an Täterorten und in Gedenkstätten1

Gedenkstättenrundbrief 165 (4/2012) S. 13-24

UNTERSCHIEDE UND GEMEINSAMKEITEN

Gedenkstätten sind immer auch Orte der Täter, denn sie erinnern an die Opfer von Verbrechen. Verbrechen sind ja nicht einfach geschehen. Sie sind begangen worden. Als »Täterort« hingegen bezeichnen wir Orte, deren historische Bedeutung darin liegt, dass die Täter sich dort getroffen und ihre Taten geplant und organisiert oder zumindest besprochen haben. Das schließt nicht aus, dass auch Opfer vor Ort waren. Nicht nur das Geheime Staatspolizeiamt und die Zentrale des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) wurden auf dem Gelände des Prinz-Albrecht-Palais eingerichtet, sondern auch ein Hausgefängnis der Gestapo. Die historische Bedeutung des Ortes liegt aber vor allem darin, dass dort Massenverbrechen in fast ganz Europa geplant und organisiert wurden.

Im Gästehaus des Sicherheitsdiensts (SD) am Großen Wannsee wurden zeitweilig jüdische Jugendliche als Zwangsarbeiter eingesetzt. Aber die Erinnerung daran allein wäre sicherlich keine ausreichende Begründung für den Beschluss gewesen, in diesem Haus eine Stätte historisch-politischer Bildung zu schaffen. Auf dem Obersalzberg sind – wenn ich recht unterrichtet bin – Opfer des Nationalsozialismus niemals gewesen. Zwar ist zum Beispiel Hermann Fegelein, der hier geheiratet hat, noch am 29. April 1945 auf Hitlers Befehl hin wegen Fahnenflucht erschossen worden. SS-Gruppenführer Fegelein, dessen Reiterstandarte erheblichen Anteil an der Ermordung tausender Juden in Polen und Weißrussland hatte, als Opfer zu bezeichnen, erschiene mir aber als grotesk. Wir haben es hier also anscheinend mit einem reinen Täterort zu tun (wenn man das so nennen darf) und vermutlich käme kein vernünftiger Mensch auf die Idee, an diesem Ort eine Gedenkstätte zu errichten.

 

Beschränkung auf die Täter an »Täterorten«?

Es gibt also gute Gründe zwischen Gedenkstätten und Dokumentationen an Täter­orten zu unterscheiden. Heißt das nun, dass die Täterorte keinen Bezug zu den Opfern ausweisen und historisch-politische Bildung sich daher auch nicht auf Opfer beziehen sollten? Ich denke, das wäre eine auf den ersten Blick einleuchtende, aber falsche Schlussfolgerung. Falsch deswegen, weil diejenigen, die wir als Täter bezeichnen, als Persönlichkeiten wohl kaum so viel Interesse verdienten, wie ihnen mittlerweile entgegengebracht wird. Ich will mich nicht auf Hannah Arendts Rede von der »Banalität des Bösen« berufen. Diese Formulierung ist inzwischen zu Recht vielfach kritisiert worden. Aber von einer »Banalität der Bösen« kann man durchaus sprechen. Lesen Sie beispielsweise Tom Lamperts Text »Die Unfähigkeit zu verdauen«2, der sich mit dem von Heinrich Himmler hoch geschätzten Massenmörder Erich von dem Bach-Zelewski befasst, und Sie werden nicht umhinkönnen, mir zumindest in Bezug auf diesen SS-Obergruppenführer zuzustimmen. Vielleicht drängt es Sie nun, mir zuzu­rufen: »Ja, warum kommen dann so viele Besucher auf den Obersalzberg, den höchsten Täterort sozusagen, wenn die NS-Führer so banal waren?«

Ein Motiv, diesen Ort aufzusuchen, dürfte in der Faszination liegen, die bis heute von NS-Führern ausgeht. Hitler, Himmler, Göring und Goebbels faszinieren nicht nur ihre Bewunderer. Diese haben sich ja mittlerweile Rudolf Hess zu ihrem Helden und Märtyrer erwählt, eine Wahl, die man sicherlich nicht mit Charisma erklären kann. Aber auch wenn man von den Rechtsextremisten absieht, kann man behaupten: Die Faszination sagt mehr über die Faszinierten als über die Faszinierenden aus. Ich will mich nicht zu weit auf das psychologische Feld wagen, das man sicherlich betreten muss, wenn man die auf NS-Täter gerichtete Fasziniertheit erklären will. Ich beschränke mich auf den Hinweis, dass auch schlichte Unkenntnis dabei eine wichtige Rolle spielt. Die häufigste Frage, die uns im Haus der Wannsee-Konferenz gestellt wird, lautet: »War Hitler nicht dabei?« oder in der fortgeschrittenen Variante: »Warum war Hitler nicht dabei?« In beiden Versionen zeigt die Frage, dass die Fragenden wenig darüber wissen, wie das Herrschaftssystem des Nationalsozialismus funktionierte. Oder positiv gewendet und pädagogisch gesprochen: Sie gibt uns Gelegenheit über Absicht und Motive, Entschlussbildung, Entscheidung, Befehlsgebung, Ausführung und Berichterstattung zu sprechen und zu erklären, wer daran jeweils beteiligt war.

Die verbreitete Faszination durch die Täter ist meines Erachtens kein Legitimationsgrund für Täterorte, sondern ein Anlass, sie an diesen Orten historisch-kritisch zu dekonstruieren. Historisch-politische Bildungsarbeit, die diese Bezeichnung verdient, wird die Faszination nicht bedienen. Sie kann sie sich zunutze machen, um über Fragen zu sprechen, die wirklich wichtig sind, nämlich über die Voraussetzungen der Taten und die Motive der Täter.

Diese Fragen sind wichtig, weil sie auf eine Erklärung von Taten zielen, denen viele zum Opfer gefallen sind. Letztlich sind sie der Opfer wegen wichtig, nicht der Täter wegen. Mich würde Herr von dem Bach-Zelewski herzlich wenig interessieren, wenn ich nichts von den vielen Menschen wüsste, die auf seinen Befehl hin erschossen worden sind, und von der Kultur der Juden in Osteuropa, zu deren nicht rückgängig zu machender Zerstörung seine Männer so viel beigetragen haben. Um das Ausmaß der menschengemachten Katastrophe auch nur annähernd ermessen zu können, muss man sich bemühen, mit den Augen der Opfer auf das Geschehen zu schauen. Eine sinnvolle pädagogische Beschäftigung mit den Tätern erfordert zwingend Multiperspektivität.

 

Besondere Verpflichtungen der Bildungsarbeit an »Täterorten«

Mit dieser These – so könnte man meinen – hat sich die Frage nach den Unterschieden in der Bildungsarbeit in Gedenkstätten und an Täterorten erledigt. Doch so einfach ist es nicht. Es gibt doch eine besondere Verpflichtung an den Orten der Täter, der Frage nach den Ursachen der Verbrechen nachzugehen. Antworten auf diese Frage werden nämlich nur auf der Täterseite zu finden sein. So wenig wie der Antisemitismus sich aus dem Verhalten oder gar dem »Wesen« der Juden erklären lässt, so wenig lehrt uns der Blick auf die Opfer über die Gründe, warum man sie zu Opfern machte. Die Juden des Warschauer Ghettos sind nicht ermordet worden, weil die jüdische Untergrundorganisation einen Aufstand wagte. Die meisten Ghettobewohner hatten SS und Polizei schon zuvor nach Treblinka deportiert. Die Roma in den besetzten Gebieten der Sowjetunion wurden nicht erschossen, weil sie ein Sicherheitsrisiko für die Wehrmacht darstellten, sondern weil deutsche Polizisten und Wehrmachtsoffiziere ihnen die Neigung zur Spionage zuschrieben und es den Tätern wegen ihrer rassistischen Vorurteile nicht schwerfiel, diese Menschen zu »beseitigen«, wie sie es formulierten.

Wie und inwieweit erschließen sich uns nun aber die Ursachen der Verbrechen durch die Befassung mit den Tätern? In der ständigen Ausstellung der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem werden Biographien und Dokumente zu den Tätern der Schoah in schwarzen Kästen präsentiert, in »black boxes«. Von Kollegen in Yad Vashem habe ich folgende Erklärung für die »Blackboxes« in der Ausstellung gehört: Sie erinnerten an die Blackbox in Flugzeugen. Wenn ein Flugzeug abstürzt, bemüht man sich, die »black box« zu bergen, denn in ihr befinden sich Aufzeichnungen, denen man oft die Ursache des Absturzes entnehmen kann. Liefern die schwarzen Kästen in Yad Vashem die Erklärung dafür, dass ein Land, dessen Kultur man in der ganzen Welt schätzte, in den Abgrund der Nazi-Barbarei und des Völkermords stürzte? Findet man dort zumindest Hinweise, warum »gewöhnliche Männer« zu Massenmördern wurden? Während die Blackbox abgestürzter Flugzeuge oft den letzten Notruf der Crew preisgibt, sind die Texte der Täter, die man in der Ausstellung lesen kann, alles andere als Hilferufe. Sie zeigen das Selbstbewusstsein und Selbstverständnis von Herren über Leben und Tod. Ist diese Hybris die Ursache des moralischen Absturzes oder eher dessen Folge? Jedenfalls liefern die Texte keine leicht zu entschlüsselnden Hinweise auf die Frage nach dem Warum. In der Gedenkstätte Yad Vashem, in Israel, wohin die meisten Überlebenden ausgewandert sind, bleiben die Informationen über die Täter marginal. In Deutschland und Österreich muss das anders sein.

Also noch einmal die Frage: Welche Einsichten liefert die Täterforschung und wo liegen die Grenzen dieses Zugangs zu den NS-Verbrechen? Und vor allem: Welchen Beitrag zur historisch-politischen Bildung kann sie leisten? Die Beschäftigung mit den Tätern wird oft mit weitreichenden Erwartungen verbunden. Viele erwarten davon nicht nur historische Erkenntnis, sondern einen Beitrag zur politisch-moralischen Erziehung. Ex negativo – so meint man – ließe sich aus der Geschichte der Täter ableiten, wie man sich politisch und moralisch verhalten müsse. Das setzt selbstverständlich voraus, dass man versteht, aufgrund welcher Einstellungen und Entscheidungen Menschen Massenmord begingen oder dazu beitrugen, was also unbedingt vermieden werden muss, wenn man sich anders verhalten will. Man hofft, das Studium der Täter könne diejenigen, die sich damit befassen, davor schützen, selbst Täter zu werden.

Bevor man diskutieren kann, ob solche Erwartungen realistisch sind, muss man sich darüber einigen, wer gemeint ist, wenn man von NS-Tätern spricht.

 

Täterbegriff

In den Prozessen der Nachkriegszeit wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen vor west­deutschen Gerichten wurden regelmäßig Hitler, Himmler und Heydrich als Täter bezeichnet und alle anderen als bloße Gehilfen. Nur wenn die Befehlsempfänger über das geforderte Maß an Grausamkeit hinausgegangen waren, mehr Menschen als befohlen ermordet hatten oder die Morde nachweisbar aus persönlichen niedrigen Beweggründen wie Sadismus, Bereicherung oder selbstempfundenem »Rassenhass« begangen hatten, konnten sie als Mörder verurteilt werden. Sonst galten sie lediglich als Helfer und erhielten entsprechend niedrige Strafen. Diese Praxis ist auch juristisch umstritten. Für den Historiker eignet sie sich nicht als Orientierung. Ein enger Täter­begriff ist für historische Erkenntnis wenig brauchbar. Für Zwecke der historisch-politischen Bildung scheint es mir sogar zu eng, nur Personen einzubeziehen, die selbst Verbrechen wie Mord, Raub, Freiheitsberau­bung usw. begangen haben, gleichgültig ob befohlen oder auf eigene Faust. Die historische Auseinander­setzung mit Tätern und Täterinnen kann sich nicht auf diejenigen beschränken, die sich straf­rechtlich als solche definieren lassen. Sie muss Personen einbeziehen, die eine Mitverantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus trugen, die ihnen persönlich zugeschrieben werden kann, auch ohne dass sie hätten strafrechtlich belangt werden können. Dazu gehören beispielsweise Verwaltungsbeamte, die die Ausgrenzung von Juden, Sinti und Roma und so genannten »Asozialen« gefördert haben, Finanzbeamte, die die Beraubung der Juden durch den Staat organisiert haben, Wissenschaftler, die Planungs­grundlagen für Deportationsmaßnahmen zur Verfügung gestellt haben, Eisenbahner, die den Zugverkehr in die Vernichtung organisiert haben usw.

 

Zuschauer ­ Täter

Ich würde allerdings eine Grenze ziehen: Zuschauer, die nicht selbst in irgendeiner Weise tätig ge­wor­den sind, sollten nicht zu den Tätern gerechnet werden. Damit ist nicht gesagt, dass ihre Hal­tung und ihr Verhalten keinen Einfluss auf das Geschehen gehabt hätten. Wenn beispielsweise reli­gi­öse Juden gedemütigt wurden, indem man ihnen die Bärte und Schläfenlocken abschnitt, han­delten die Täter im Hinblick auf die Umstehenden, die zuschauten, und denen sie ihre Macht und die Hilflosigkeit der Juden demonstrieren wollten. Ohne Zuschauer hat es meines Wissens solche Vorgänge nicht gegeben. Die Zuschauer trugen, indem sie nicht protestierten und einschritten, eine Mitverantwortung. Aber diese Mitverantwortung sollte von der der Täter deutlich unterschieden werden. Ein Begriff, der die aktive Rolle der Zuschauer zum Ausdruck bringt, muss allerdings noch gefunden werden. Und in der Bildungsarbeit gibt es meines Wissens auch noch keine wirklich überzeugenden Konzepte für die Beschäftigung mit den Zuschauern.

 

Zur Spezifik der Täterorte

Bisher war allgemein von Täterorten die Rede. Wenn man sich diese Orte genauer ansieht, stellt man fest, dass die Orte auf jeweils unterschiedliche Tätergruppen verweisen. Daher sollten m. E. auch Bildungsangebote an solchen Orten unterschiedliche Schwerpunkte haben. Das betrifft nicht nur die Inhalte, sondern zumeist auch die Adressatengruppen, um die man sich vor allem bemühen sollte. Auf der Wewelsburg bei Paderborn beispielsweise, die Hitler zu einer Ordensburg der SS umbauen ließ, in der die Obergruppenführer regelmäßig zusammenkommen sollten, geht es in der Dauerausstellung »Ideologie und Terror der SS« vorwiegend um die Organisation, das Selbstverständnis und die Taten der SS wie auch um den Umgang mit dieser Geschichte.

Die ständige Ausstellung im neuen Dokumentationszentrum der Stiftung »Topographie des Terrors« ist breiter angelegt. Hier geht es nicht nur um die SS, sondern auch um die Sicherheitspolizei. Die Ausstellung zeigt deren Vorgehen gegen Angehörige verschiedener Opfergruppen und thematisiert die europäische Dimension ihrer Verbrechen.

Im Haus der Wannsee-Konferenz geht es um das Zusammenwirken des SS- und Polizeiapparats mit der Ministerialbürokratie bei der Planung und Organisation des Völkermords an den europäischen Juden. Historisch ist das Haus also auf eine Opfergruppe bezogen, allerdings auf die größte, und auf eine Vielzahl von Tätern und Täterinstitutionen. Die Besprechung über die Implementierung der sogenannten »Endlösung der Judenfrage« in ganz Europa ebnete den Weg für die Arbeitsteilung und Kooperation auch auf der mittleren und unteren Ebene der Verwaltungen. Auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf diesen Ebenen zielt unser Bildungsangebot für Erwachsene, da wir ja die Ministerialbürokratie mit Bildungsangeboten nicht erreichen können. Wir bieten Seminare für Polizeibeamte und Soldaten an, aber auch für Kommunal-, Finanzbeamte, Justizangestellte und -referendare, die mit je unterschiedlichen Programmen und Materialien die Mitwirkung der jeweiligen Berufsgruppe thematisieren.

Auf dem Nürnberger Parteitagsgelände steht wiederum ein anderer Aspekt im Zentrum: die NSDAP und ihre Propaganda. Die Wirkmächtigkeit dieser Propaganda beruhte ja vor allem darauf, dass sie ihre Adressaten einbezog und selbst zu Akteuren machte. Insofern finde ich diesen Ort nicht nur im Hinblick auf die Täter interessant, sondern besonders im Hinblick auf die Mitläufer und Zuschauer und deren keineswegs nur passive Rolle. In Nürnberg gibt es noch einen weiteren Ort, den man als Täterort bezeichnen könnte: den Saal 600 des Schwurgerichts, wo jetzt das »Memorium Nürnberger Prozesse« eingerichtet worden ist. Der nicht sehr gebräuchliche Begriff Memorium soll wohl signalisieren, dass man es hier mit einem Ort historischer Erinnerung und Mahnung zu tun hat (ich assoziiere »memento«) und zugleich den unpassenden Begriff »Gedenkstätte« vermeiden wollte. Es geht ja keineswegs darum, der Täter zu gedenken, die hier vor Gericht standen, sondern über die Nürnberger Prozesse im Hinblick auf ihre gegenwärtige Bedeutung zu informieren. Diese Bedeutung liegt ja in ihrem Beitrag zur Entwicklung des Völkerstrafrechts und der Ort gemahnt an die weiterhin bestehende Notwendigkeit, auch mit Mitteln des Rechts Massenverbrechen entgegenzuwirken.

Der Obersalzberg schließlich verweist für mich vor allem auf die Partei- und Staatsführung, ihr Personal mit dem »faulen Diktator« Hitler an der Spitze, wie Hans Mommsen ihn genannt hat, aber auch auf ihr Herrschaftssystem. Nun verstehen Sie mich bitte nicht dahin gehend, dass ich hier Vorschriften machen möchte, womit man sich an den jeweiligen Orten beschäftigen darf und womit nicht. Es geht um Themen, die man von der historischen Spezifik des Ortes her erwartet, nicht um Grenzen möglicher Bildungsangebote. Ich denke, Einrichtungen an diesen Orten haben eine Verpflichtung, sich mit den Aspekten zu befassen, die ich genannt habe, aber es gibt viele gute Gründe, auch darüber hinauszugehen.

Zum einen haben Bildungseinrichtungen ja immer eine besondere Funktion für die Region, in der sie sich befinden. Berliner Schulklassen, die sich mit der NS-Propaganda befassen wollen, können in der Regel nicht nach Nürnberg fahren. So kommen sie mit ihrem Themenwunsch zu uns ins Haus der Wannsee-Konferenz. Wir weisen sie nicht ab, stellen aber sicher, dass die Verbindung zu unserem Kernthema hergestellt wird, das heißt, dass die antisemitische Propaganda der Nationalsozialisten und deren Auswirkungen im Rahmen des Studientags eine wichtige Rolle spielen.

Zum andern gibt es für bestimmte Fragestellungen nicht überall Angebote, obwohl historische Orte, die diese Fragen aufwerfen, durchaus vorhanden sind. In der ­Berliner Tiergartenstraße 4 befand sich bekanntlich die Zentrale, von der aus der Mord an Kranken und Behinderten organisiert wurde. Dort gibt es – neben der Berliner Philharmonie – ein abstraktes Denkmal und eine Gedenktafel, aber keine Einrichtung, die sich mit dem Krankenmord befasst. Ausbildungsstätten und Dienste für Kranken- und Altenpflege, medizinische Fachbereiche und Hochschulen wenden sich mit dem Wunsch an das Haus der Wannsee-Konferenz, dass wir Studientage zu dieser Thematik durchführen. Bei unseren Seminartagen werden die ideologischen, technischen und personellen Zusammenhänge zwischen der »Aktion T 4« und der »Aktion Reinhard«, dem Mord an den Juden in den Lagern Treblinka, Sobibor, Belzec und Majdanek, herausgearbeitet. Sicherlich könnten viele der medizinethischen Themen, die interessieren, auch bearbeitet werden, ohne diese Verbindungslinien herzustellen. Aber dann fänden die entsprechenden Veranstaltungen besser in den einschlägigen Gedenkstätten wie in Bernburg, Pirna-Sonnenstein oder Hadamar statt.

Tätergeschichte als Zugang zu den Ursachen der Verbrechen?

Was können die verschiedenen Täterorte nun dazu beitragen, die Ursachen der nationalsozialistischen Verbrechen heraus­zufin­den? Gegen die Annahme, der Schlüssel zu der Frage, warum es zu den NS-Verbrechen kam, liege bei den Tätern, sind zwei prinzipielle Einwände erhoben worden. Zum Einen: Entscheidend für das Zustandekommen der Taten seien überhaupt nicht bestimmte Täter, ihre Motivationen und ihre Gewaltbereitschaft, sondern Strukturen, an deren Zustande­kommen zumindest die Täter vor Ort in der Regel gar nicht führend beteiligt waren. Der Soziologe Zygmunt Bauman hat den Erklärungswert psychologischer und sozialpsychologischer Ansätze entschieden bestritten und eine soziologische Erklärung versucht, die die Bedeutung des arbeitsteiligen Vorgehens und der Mechanismen des Vernichtungsapparats hervorhebt. Zum Zweiten ist argumentiert worden, nicht die Herkunft, Sozialisation und weltanschauliche Prägung der Täter seien entscheidend, sondern die Situation, in der sie sich befanden. In dieser spezifischen Situation hätten die meisten Beteiligten sich so verhalten, wie es nach den von der Sozialpsychologie erforschten Mechanismen des Handelns von Menschen in Gruppen zu erwarten gewesen sei. Die Bedeutung situativer Faktoren hat vor allem Christopher Browning heraus­gearbeitet.

Beide Thesen sind nicht unwidersprochen geblieben. Gegen den Hinweis auf die strukturellen Bedingungen ist eingewandt worden, dass zwar eine Mehrheit auf der Täterseite die Erwartungen der Befehlsgeber erfüllte, eine Minderheit sich der Befehlsausführung aber entzog und einige wenige ihr sogar entgegen­arbeiteten, indem sie den Opfern nach Kräften zu helfen versuchten. Die Macht der Strukturen und die Dynamik des Vernichtungsprozesses hatten also nicht zur Folge, dass alle sich gleich verhielten. Darauf könnte man allerdings entgegnen, dass abweichendes Verhalten von einzelnen den Völkermord insgesamt nicht aufhielt.

Ein zweiter Einwand hebt hervor, dass Massenverbrechen unter ganz unterschiedlichen strukturellen Bedingungen stattfanden. Die Gegebenheiten, unter denen die Einsatzgruppen operierten, waren andere als die in den Todeslagern. Den meisten Massenerschießungen ging keine arbeitsteilig organisierte Deportation voraus, und von einem mechanisierten, distanzierten und unpersönlichen Töten konnte bei den Einsatzgruppenmorden nicht die Rede sein. Ein dritter Einwand richtet sich gegen die soziologisch-strukturelle Erklärung, relativiert aber auch den Hinweis auf die situativen Gegebenheiten. Er stützt sich auf Untersuchungen zur Propaganda und ideologischen Indoktrination der Massenmörder. Jürgen Matthäus hat zu zeigen versucht, dass die Täter keineswegs unvorbereitet zu den Mordeinsätzen kamen, sondern zuvor jahrelang antisemitischer Propaganda und gezielten Schulungen ausgesetzt waren. Harald Welzer spricht sogar davon, dass sich durch die rassistische Doktrin der Referenzrahmen verschoben habe, in dem die Handelnden ihre Taten interpretierten und auch sich selbst gegenüber rechtfertigten. Da der Nationalsozialismus auf der Annahme beruhte, Menschen seien entsprechend ihrer Rasse prinzipiell ungleich, habe Gewalt gegen die als Minderwertige, wenn nicht gar als »Untermenschen« Definierten als prinzipiell gerechtfertigt gegolten. Ja, sie sei sogar als notwendig und verdienstvoll zur moralischen Pflicht erklärt worden. Heinrich Himmlers berüchtigte Rede vor SS-Generälen in Posen im Oktober 1943 ließe sich dafür als Beleg anführen. Er lobte die Mörder, das Morden »durchgehalten zu haben und dabei […] anständig geblieben zu sein«. Das sei »ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt« der SS-Geschichte. Man kann allerdings fragen, wie verbreitet solches Denken war. Himmlers Forderung, über die Morde solle nicht gesprochen und nicht geschrieben werden, zeigt ja, dass auch er Zweifel daran hatte, ob die radikal rassistische Denk- und Handlungsweise der SS bei den Deutschen allgemein auf Verständnis stoßen würde.

»Normalität« der Täter

Es gibt auch Übereinstimmungen zwischen den neueren Arbeiten, die sich mit Tätern befassen. Keiner der Erklärungsansätze geht heute noch davon aus, dass die Täter Psychopathen oder Monster gewesen seien. In der Wissenschaft ist heute nicht so sehr von der Pathologie der Täter, als von ihrer Normalität die Rede (was von einer Normalisierung der Taten scharf unterschieden werden muss!). Zwar gab es in Institutionen wie den Konzentrationslagern Mechanismen, die eine Selbstselektion sadistischer, vor keiner Brutalität zurückschreckender Männer und Frauen für bestimmte Funktionen förderten, doch können damit nicht die Massenverbrechen insgesamt erklärt werden. Christopher Browning hat nachgewiesen, dass die meisten Angehörigen des Reserve-Polizei-Bataillons 101, dessen Mordtaten er untersucht hat, »ganz gewöhnliche Männer« waren.

Das gilt erst recht für die Organisatoren der Massenverbrechen in der Bürokratie. In Vorbereitung auf den Prozess in Jerusalem untersuchte ein Psychiater den Angeklagten Adolf Eichmann, der mit nie erlahmendem Eifer viele Hunderttausend Männer, Frauen und Kinder in Todeslager hatte deportieren lassen, wo sie im Gas erstickt worden waren. Als man den Psychiater nach der Untersuchung fragte, ob Eichmann normal sei, antwortete er: »Ja, er ist normal. Jedenfalls normaler als ich es bin, nachdem ich ihn untersucht habe.« Die Anekdote verdeutlicht, was für eine Zumutung darin liegt, die Tatsache zu akzeptieren, dass solch monströse Taten von Männern begangen worden sind, die »normale Menschen« – also keine Psychopathen – waren.

Wenn wir den Eindruck vermeiden wollen, nur der Faszination durch den Horror Vorschub zu leisten, stellt sich umso dringlicher die Frage, warum es zu den NS-Verbrechen gekommen ist. Ähnlich wie in der Forschung gibt es auch in der Bildungsarbeit zwei Wege, sich dieser Frage zu nähern: den biographischen Ansatz und die Untersuchung exemplarischer Vorgänge und des Verhaltens der Beteiligten.

 

Handlungsmotive von Tätern/biographischer Ansatz

Schüler interessieren sich meistens vor allem für die Handlungsmotive von Tätern. Dahinter steht oft die Vorstellung, die Taten ließen sich aus der Psychologie oder der Biographie der Täter schlüssig erklären. Doch die Frage nach den Handlungsmotiven ist komplizierter als es auf den ersten Blick scheint. Eine Antwort erfordert, auf Mentalitäten, ideologische Prägun­gen und Handlungsdispositionen einzugehen, aber auch auf institutionelle Vorgaben, Befehls­strukturen und Hand­lungs­spielräume sowie auf situative Faktoren wie Bedrohungsgefühle, Gruppen­druck, Gele­genheiten zum Ausagieren von Aggressionen oder zur Bereicherung.

Aus didaktischen Gründen wird sich die Befassung mit Täterbiographien in der Regel auf bestimmte Aspekte beschränken müssen, da die umfassende Rekonstruktion einer Biographie – auch wenn die Quellenlage sie zuließe – den zeitlichen Rahmen von Bildungsveranstaltungen bei Weitem überschritte. Mögliche Zugänge sind die Analyse von Sozialisationsfaktoren (insbesondere der tertiären Sozialisation in den institutionellen Strukturen des Berufs, der Partei, der Wehrmacht usw.), von Karrieremustern sowie von Schlüsselereignissen und Entscheidungssituationen.

Es schmälert nicht die Verantwortlichkeit der Täter, wenn man feststellt, dass in vielen Fällen andere, die nicht Täter geworden sind, durchaus deren Rolle hätten übernehmen können und sie übernommen hätten, wenn sie Gelegenheit dazu gehabt hätten. An Tätern können exemplarisch ideologische Prägungen bestimm­ter Gruppen der Bevölkerung, Mentalitäten und Verhaltensdispositionen studiert werden.

Allerdings stößt man bei einem solchen Vorhaben auf einige Schwierigkeiten. Wenn man nicht nur das Handeln der Täter rekonstruieren will, sondern auch ihre Mentalität und Denkweise, braucht man deren Selbstzeugnisse. Viele Täter habe ihr Handeln aber wenig reflektiert und noch seltener etwas dazu aufgeschrieben. Wenn sie Briefe oder gar Tagebücher geschrieben haben, haben sie diese oft vernichtet oder sie sind nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.

Häufiger gibt es autobiographisches Material aus der Nachkriegszeit, aber das muss mit großer Vorsicht rezipiert werden. In der Regel ist es im Zusammenhang mit Strafverfahren entstanden. So ist es nicht verwunderlich, dass die Autoren sich selbst zu rechtfertigen und ihre wahren Motivatio­nen zu verbergen trachten. Die Verwendung solcher Schriften wie etwa der autobiographischen Aufzeichnungen des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höss, die dieser im Gefängnis vor seiner Hinrichtung verfasst hat, stellt hohe Anforderungen an die Kritikfähigkeit der Rezipienten. Man kann nur davor warnen, etwa Schüler, die einen kritischen Umgang mit Quellen noch nicht erlernt haben, mit solchem Material zu konfrontieren.

Bei der Verwendung persönlicher Texte aus der Zeit des Nationalsozialismus tritt oft eine andere Schwierigkeit auf. In diesen Texten äußert sich die Mentalität der Täter meist mit schockierender Brutalität und Offenheit. Solche Texte stellen wegen der in ihnen enthaltenen Ideologie eine besondere Herausforderung für die Teilnehmer an Bildungsveranstaltungen dar: Sie müssen die Texte nicht nur in den historischen Kontext einordnen; sie sollten auch in der Lage sein, deren Aussagen distanziert wiederzugeben und kritisch zu kommentieren. Jugendliche sind damit leicht sprachlich überfordert, sodass sie die von der nationalsozialistischen Ideologie geprägte Sprache der Täter reproduzieren. Das kann aufgrund von sprachlicher Ungeübtheit auch Jugendlichen unterlaufen, die selbst überzeugt sind, den National­sozialis­mus entschieden abzulehnen. Im schlimmsten Fall werden sogar ohne böse Absicht Denk- und Argumentationsmuster der Täter übernommen.

 

Analyse von Ereignissen

Anstatt einzelne Täter zum Untersuchungsgegenstand zu machen, kann man auch Institutionen der Täter und ihr Funktionieren in den Blick nehmen. Da eine abstrakte Institutionenanalyse aber als Bildungsveranstaltung weder sinnvoll noch durchführbar sein wird, läuft dieser Ansatz faktisch auf die Untersuchung eines bestimmten Vorgangs oder einiger weniger Vorgänge hinaus. Dabei werden sowohl die Strukturen und Machtverhältnisse zur Sprache kommen als auch die Handlungsspielräume und Verhaltensweisen einzelner Personen. Im Rahmen von Fallstudien kann man zeigen, wie und (zumindest ansatzweise auch) warum Menschen zu Tätern geworden sind und wie andere sich dem entzogen oder verweigert haben. Dabei ist historisch viel über das NS-Regime zu lernen; der Ansatz ermöglicht aber auch politisch-moralisches Lernen, insbesondere dadurch, dass man am konkreten Fall zeigen kann: Es gab keinen alternativlosen Zwang zum Verbrechen. Die Täter haben Entscheidungen getroffen und sind dafür verantwortlich.

Als Beispiel möchte ich an einen Vorgang in Krutcha in Weißrussland erinnern, der in der zweiten Ausstellung über die Verbrechen der deutschen Wehrmacht präsentiert worden ist. Da in diesem Fall zwei Gerichtsurteile vorliegen3, kann man daran auch etwas über den Umgang der bundesdeutschen Justiz mit NS-Verbrechen lernen.

Drei Kompanieführer erhielten denselben Befehl von ihrem Vorgesetzten, nämlich die gesamte jüdische Bevölkerung der Region Krutcha in Weißrussland zu ermorden. Einer von ihnen, Hermann Kuhls, ein Mitglied der SS, führte den Befehl aus, ohne zu zögern. Der Zweite, Friedrich Nöll, versuchte die Ausführung zunächst zu vermeiden, aber als der Befehl schriftlich bestätigt wurde, gehorchte er. Der Dritte, Josef Sibille, ein Lehrer und aktives Mitglied der NSDAP seit 1933, wies die Behauptung zurück, dass alte Juden, Frauen und Kinder eine Gefahr für die Sicherheit der deutschen Truppen seien und erklärte seinem Vorgesetzte, seine Kompanie werde nicht an der Aktion teilnehmen. Als er gefragt wurde, wann er denn endlich hart werde, antwortet er: »Nie«.

Aus diesem Fall könnte man moralische Lehren ableiten. Doch wäre die Vorstellung ziemlich blauäugig, moralische Lehrsätze könnten späteres Verhalten beeinflussen. Das interessanteste Detail scheint mir zu sein, dass derjenige, der sich geweigert hat, den Befehl auszuführen, NSDAP-Mitglied war, aber die nationalsozialistische »Moral« gerade nicht verinnerlicht hat. Ich sage das nicht, um NSDAP-Mitgliedschaft zu verharmlosen, sondern weil man daraus lernen kann, nicht schematisch zu urteilen, sondern die Realität in ihrer Widersprüchlichkeit zur Kenntnis zu nehmen.

Die Auseinandersetzung mit nationalsozialistischen Tätern und denjenigen, die nicht zu Tätern geworden sind, kann die Reflexion darüber anregen, woran Menschen sich in schwierigen Situationen orientieren und die Urteilsfähigkeit fördern. Dazu kann und soll historisch-politische Bildung an Täterorten in besonderem Maße beitragen.

 

Dr. Wolf Kaiser ist Leiter der Bildungsabteilung in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Berlin.

 

1 Es handelt sich um das Manuskript eines Vortrag, der im 4. Fachgespräch zum Thema: »Politische Bildung und historische Orte des NS-Lernens: ›Täterorte‹« am 12. Januar 2012 im Dokumentationszentrum Obersalzberg gemeinsam mit dem Institut für Zeitgeschichte und dem Institut für Jugendarbeit Gauting durchgeführt wurde.

2 In: Tom Lampert, Ein einziges Leben. Acht Geschichten aus dem Krieg. München: Hanser 2001, S. 201–238

3 Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945–1966. Bearbeitet von C. F. Rüter, D. W. De Mildt unter Mitwirkung von L. Hekelaar Gombert. Bd. 12, Amsterdam: Univ. Press, 1974, S. 369–385