Susann Lewerenz

Koloniales und rassistisches Denken und Handeln im Nationalsozialismus

Gedenkstättenrundbrief Nr. 192 (12/2018) S. 21-30

Kolonialismus und Nationalsozialismus werden in schulischen und außerschulischen Bildungskontexten in der Regel getrennt voneinander behandelt. Tatsächlich aber waren sie zeitlich wie räumlich miteinander verflochten. Schließlich war die Welt, als die NSDAP 1933 an die Macht kam, noch in weiten Teilen durch den europäischen Kolonialismus geprägt. Und Deutschland war, mit Marcia Klotz gesprochen, »ein postkolonialer Staat« in dieser »noch kolonialen Welt«. Zwar besaß der deutsche Staat seit seiner Niederlage im Ersten Weltkrieg keine eigenen Kolonien mehr. Doch wirkten kolonialrassistische Denk- und Deutungsmuster auch nach der formalen deutschen Kolonialherrschaft weiter fort – wenn auch unter veränderten Voraussetzungen und mit teilweise veränderten Funktionen und Folgen. Zusammen mit antisemitischen Stereotypen und nationalsozialistischen Formen von Rassismus beeinflussten sie die deutsche Selbst- und Fremdwahrnehmung und das staatliche Handeln zwischen 1933 und 1945.

Die Dimensionen des kolonialen und rassistischen Denkens und Handelns im Nationalsozialismus in den Blick zu nehmen war Anliegen eines Kooperationsprojekts, das zwischen März 2016 und Januar 2019 von der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« gefördert wird. Das Studienzentrum der KZ-Gedenkstätte Neuengamme entwickelte in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte der Universität Augsburg und dem Lehrstuhl für Afrikanische Geschichte/Forschungsstelle »Hamburgs (post-)koloniales Erbe/Hamburg und die frühe Globalisierung« der Universität Hamburg Online-Materialien für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit mit Zielgruppen ab 16 Jahren. Zudem entstand eine kleine Wanderausstellung von insgesamt 5 Roll-Up-Aufstellern, die auf Nachfrage bei der KZ-Gedenkstätte Neuengamme ausgeliehen werden kann. Die Materialien stehen seit Frühjahr 2018 als PDF auf der Projekt-Website »Verflechtungen. Koloniales und rassistisches Denken und Handeln im Nationalsozialismus. Voraussetzungen – Funktionen – Folgen« unter www.verflechtungen-kolonialismus-nationalsozialismus.de zum kostenlosen Download zur Verfügung. Anfang 2019 werden sie zudem in überarbeiteter und erweiterter Form als gedruckte Broschüre veröffentlicht.

Die Materialien legen Verflechtungen zwischen kolonialem und rassistischem Denken und Handeln im Nationalsozialismus frei. In den Blick genommen werden zudem die Voraussetzungen und Folgen dieses Denkens und Handelns von der Zeit des Kaiserreiches bis in die Gegenwart. Auf diese Weise verknüpfen die Materialien die bis heute weitgehend voneinander getrennten Geschichtsnarrative zu Kolonialismus und Nationalsozialismus und deren Nachwirkungen. Die Geschichte des Nationalsozialismus wird damit in einen transnationalen und globalgeschichtlichen Kontext eingebettet. Auf diese Weise sollen die Materialien zu einer rassismuskritischen Sensibilisierung beitragen und Anstöße für eine multiperspektivische und inklusive Erinnerungskultur geben.

Im Zentrum stehen exemplarische Biografien von People of Color – Menschen, die gemäß der NS-Ideologie als »farbig« und »minderwertig« in eine von kolonialrassistischem Denken geprägten Hierarchie eingeordnet wurden. Vorgestellt werden individuelle Lebenswege, Handlungsspielräume und Verfolgungsschicksale von Personen, die aus ehemaligen deutschen oder anderen europäischen Kolonien kamen oder -Nachkommen von Migrant*innen außereuropäischer Herkunft waren. Damit fokussieren die Materialien auf eine Gruppe von Menschen und Aspekte der nationalsozialistischen »Rassenpolitik« sowie der Außen- bzw. Kriegspolitik, die in der historisch-politischen Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus bis heute weitgehend vernachlässigt werden.

Die Materialien beleuchten schlaglichtartig Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen kolonialen Rassismen und anderen Ungleichwertigkeitsideologien, namentlich Antisemitismus, Antiziganismus und Antislawismus. Auch fragen sie nach der Bedeutung und dem Verhältnis von Kolonialrassismus, Antisemitismus und Antislawismus in der nationalsozialistischen Kriegsführung und Besatzungspolitik. Im Folgenden werden Auszüge aus den Materialien vorgestellt.

 

Von der kolonialen zur nationalsozialistischen »Rassenpolitik«
gegenüber Schwarzen Menschen

Anhand individueller Lebensgeschichten wird aufgezeigt, dass einige der rassistischen Denk- und Deutungsmuster gegenüber People of Color, die sich im kolonialen Kontext herausgebildet hatten, teilweise nur wenig verändert in der nachkolonialen Zeit fortwirkten. Ähnlichkeiten zwischen kolonialem und nationalsozialistischem Rassismus gegen Schwarze Menschen veranschaulichen die Materialien exemplarisch an den Lebensgeschichten von Angehörigen der weitverzweigten protestantischen Missionarsfamilie Schmelen-Baumann-Kleinschmidt-Hegner (Modul 2). Diese waren Nachkommen des deutschen Missionars Johann Hinrich Schmelen, der im vorkolonialen Südwestafrika eine afrikanische Frau namens Zara geheiratet hatte.

In der Erzählung der Familiengeschichte nehmen die Materialien einen chronologischen Längsschnitt über vier Generationen vor, der von der vorkolonialen Zeit über die deutsche Kolonialära und die nachkolonialen Weimarer Jahre bis in die Zeit des Nationalsozialismus reicht. Mit Fokus auf die Kolonialzeit wird herausgearbeitet, welche Folgen das »Rassenmischehen«-Verbot, das 1905 in der Kolonie »Deutsch-Südwestafrika« erlassen wurde, für Angehörige der Familie hatte. Kurz nach dem Verbot wurden deutsch-afrikanische Ehen in dieser Kolonie auch rückwirkend für ungültig erklärt. Dies hatte zur Folge, dass afrikanischen Ehefrauen und ehelichen Kindern aus deutsch-afrikanischen Ehen – und sogar deren Kindern und Kindeskindern – die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde. Stattdessen wurde ihnen der untergeordnete Status von »Eingeborenen« zugewiesen. Sie waren damit einem gesonderten Rechtssystem unterstellt und verloren fundamentale Rechte – neben dem Recht auf Eheschließung mit Deutschen etwa das Recht auf Freizügigkeit und auf den Besitz von Land und Großvieh. Unter den Personen, die in Folge des »Rassenmischehen«-Verbotes entrechtet wurden, befanden sich auch Nachkommen der Familie Schmelen. Mehrere Familienmitglieder verließen daraufhin die Kolonie in Richtung Deutschland, wo das rassistische Eheverbot nicht galt und ihre deutsche Staatsbürgerschaft nicht in Zweifel gezogen wurde.

Am Beispiel der Geschwister Hegner, Urenkel von Johann Hinrich und Zara Schmelen, veranschaulichen die Materialien, dass der Rassismus gegen Schwarze Menschen jedoch auch in Deutschland weiter wirkte. So wagte es der früh verstorbene jüngste Bruder Willi Hegner (1886–1927) aufgrund seines »Blutes« zeitlebens nicht, sich den Wunsch nach einer eigenen Familie zu erfüllen; und seine ältere Schwester Marie Hegner (1884–1936), die ebenfalls unverheiratet blieb, fühlte sich im Laufe ihres Lebens zunehmend von Verfolgungsängsten bedrängt. 1934 wurde sie mit der Diagnose »Schizophrenie« in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, wo sie zwei Jahre später unter ungeklärten Umständen starb.

Tatsächlich hatten die Geschwister Hegner nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 berechtigte Gründe, sich vor Entrechtung und Verfolgung zu fürchten. Otto Hegner (1881–1941), der im evangelischen Kirchendienst tätig war, musste bereits 1933 befürchten, aufgrund seiner afrikanischen Urgroßmutter entlassen zu werden. Denn in Anlehnung an das im April 1933 verfügte »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« erließ die Evangelische Kirche im September 1933 ein entsprechendes Kirchengesetz, das den Ausschluss »nichtarischer« und anderer missliebiger Personen aus dem Kirchendienst ermöglichte. Als Otto Hegner nach Erlass der »Nürnberger Gesetze« im September 1935 schließlich einen »Ariernachweis« erbringen sollte, vereinbarte er mit seiner älteren Schwester Dora, verheiratet Zimmermann (1878–1955), ihre afrikanische Urgroßmutter zu verheimlichen, indem sie behaupteten, den Familienstammbaum nicht bis zu ihr zurückverfolgen zu können. Bereits in der Kolonie »Deutsch-Südwestafrika« waren Personen unabhängig von ihrem Verwandtschaftsgrad mit afrikanischen Menschen zu »Eingeborenen« erklärt worden. Zwar richteten sich die nationalsozialistischen »Rassengesetze« in erster Linie gegen jüdische Menschen, doch legten auch sie in Bezug auf Menschen mit Schwarzen Vorfahren besonders strenge Maßstände an: Selbst in der 7. und 8. Generation konnten Nachfahren afrikanischer Menschen noch mit einem »Mischehen«-Verbot belegt werden.

Otto Hegner starb während des Zweiten Weltkrieges mit 60 Jahren völlig unerwartet an einem Herzinfarkt. Von den Geschwistern überlebte nur Dora Zimmermann den Nationalsozialismus. Im Jahre 1955 starb sie im Alter von 77 Jahren. Sie hatte längere Zeit gemeinsam mit ihrem Ehemann, einem Missionar, in der niederländischen Kolonie Borneo gelebt. Dort hatte sie ihrer Aussage zufolge nie darunter leiden müssen, »vermischtes Blut« zu haben.

 

Schwarze Menschen zwischen rassistischer Ausgrenzung und kolonialpolitischer -Vereinnahmung

Während am Beispiel der Missionarsfamilie Schmelen-Baumann-Kleinschmidt-Hegner Verbindungen von der kolonialen zur nationalsozialistischen »Rassenpolitik« herausgearbeitet werden, zeigt ein weiteres Modul der Materialien, dass andere Formen von Rassismus gegen People of Color im Nationalsozialismus wiederum in einem engen Zusammenhang mit den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen in der nachkolonialen Zeit standen.

Eine wichtige Bedeutung hatte in Bezug auf Zuschreibungen gegenüber Schwarzen Menschen zum einen die durch die deutsche Kriegsniederlage bedingte Beendigung der deutschen Kolonialherrschaft, die in Deutschland mit vehementen Protesten und Forderungen nach Rückgabe der Kolonien beantwortet wurde. Zum zweiten spielte in diesem Zusammenhang eine Anfang der 1920er-Jahre ins Leben gerufene rassistische Propaganda-Kampagne eine Rolle, die sich gegen die Besetzung des Rheinlandes durch französische Kolonialtruppen richtete und die Präsenz der Soldaten of Color auf deutschem Boden als »Schwarze Schmach« brandmarkte.

Vor dem Hintergrund der »Schwarze Schmach«-Kampagne nahm der Rassismus gegenüber Schwarzen Menschen massiv zu – vor allem gegen Schwarze Männer und afrodeutsche Kinder, die abschätzig als »Rheinlandbastarde« bezeichnet wurden. Zeitgleich führte der Kolonialrevisionismus, also das Streben nach Rückgewinnung der ehemaligen deutschen Kolonialgebiete, zu einer propagandistischen Vereinnahmung der ehemals Kolonisierten. Im Fokus der kolonialrevisionistischen Propaganda standen afrikanische Kolonialsoldaten – so genannte Askari –, die im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite gekämpft hatten. Ihre vermeintliche Treue gegenüber Deutschland sollte den Vorwurf der Siegermächte des Ersten Weltkriegs widerlegen, die Deutschen hätten sich durch Grausamkeiten gegenüber der kolonisierten Bevölkerung als unfähig zum Kolonisieren erwiesen.

Bis in den Nationalsozialismus prägten diese beiden konträren und zugleich komplementären Diskurse die Lebensbedingungen Schwarzer Menschen und insbesondere der kleinen Gruppe von Migrantinnen und Migranten aus den ehemaligen deutschen Kolonien. An verschiedenen biografischen Beispielen zeichnen die Materialien die sich daraus ergebenden Widersprüche im staatliche Umgang mit dieser kleinen -Bevölkerungsgruppe nach: Während Schwarze Menschen generell aus der nationalsozialistischen »Volksgemeinschaft« ausgegrenzt und teilweise verfolgt wurden, eröffneten die nationalsozialistischen Bestrebungen nach Rückgewinnung der ehemaligen Kolonien und die kolonialpropagandistische Verklärung ehemaliger Kolonialsoldaten als »treue Askari« einigen Schwarzen Menschen gewisse, wenngleich unsichere Handlungsspielräume. Am Beispiel der Unterhaltungskünstlerin Thea Leyseck wird veranschaulicht, dass diese Handlungsspielräume Schwarzen Frauen nicht in gleichem Maße offen standen wie Schwarzen Männern, vor allem, weil sich Frauen nicht positiv auf die kolonialrevisionistische Erzählung von den »treuen Askari« beziehen konnten.

 

Rassistische Kriegspropaganda, Radikalisierung der nationalsozialistischen
»Rassenpolitik« und ihre Folgen für People of Color im Zweiten Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg verschärfte sich der Rassismus gegen People of Color und insbesondere gegen Schwarze Menschen massiv. Dies stand in einem engen Zusammenhang mit einer rassistischen Kriegspropaganda-Kampagne, die im Frühjahr 1940 initiiert wurde und sich gegen den bevorstehenden Einsatz alliierter Kolonialtruppen an der Westfront richtete. Dazu mobilisierte sie rassistische Stereotype der gegnerischen Kolonialsoldaten als »schwarze Bestien«, die bereits im Ersten Weltkrieg genutzt worden waren und nunmehr mit antisemitischen Bildern verbunden wurden.

Anhand von drei biografischen Beispielen zeigen die Materialien auf, wie sich diese Propaganda auf die Behandlung französischer Kolonialsoldaten auswirkte und welche Folgen die zunehmend entgrenzte rassistische Gewalt im Krieg für People of Color in Deutschland hatte (Modul 4). Am Schicksal des französischen Offiziers Charles N’Tchoréré aus der Kolonie »Französisch-Äquatorialafrika« (heute Gabun), der als Kriegsgefangener von einem deutschen Soldaten erschossen wurde, werden die rassistisch motivierten Massaker thematisiert, die deutsche Einheiten während des Westfeldzuges im Sommer 1940 an kriegsgefangenen französischen Kolonialsoldaten verübten. Wie sich durch die rassistische Kriegspropaganda und die entgrenzte Gewalt im Krieg der Rassismus gegenüber Schwarzen Menschen auch innerhalb Deutschlands verschärfte, wird am Beispiel von Bayume Mohamed Husen aus dem ehemaligen »Deutsch-Ostafrika« (heute Tansania) nachvollziehbar. Aus kolonialpolitischen Motiven hatte das Auswärtige Amt dem ehemaligen Kindersoldaten Husen in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg zeitweise finanzielle Unterstützung geleistet. 1941 wurde Husen dann wegen einer außerehelichen Beziehung zu einer weißen Frau in das KZ Sachsenhausen eingeliefert, wo er 1944 starb.

Als weiteres Beispiel für die Verschärfung rassistisch motivierter Verfolgung von People of Color im Krieg wird die systematische Inhaftierung chinesischer Migranten aus Hamburg-St. Pauli im Jahre 1944 behandelt. Porträtiert wird der Gastwirt Woo Lie Kien aus Kanton, der nach seiner Verhaftung infolge schwerer Misshandlungen durch die Hamburger Gestapo starb. Seine deutsche Lebensgefährtin wurde in das KZ Ravensbrück eingeliefert, überlebte jedoch die Haft. Vorgestellt wird in diesem Zusammenhang außerdem der Gestapo-Mann Erich Hanisch, der maßgeblich für die Hamburger »Chinesenaktion« verantwortlich war. Hanisch war zuvor am Holocaust in Osteuropa beteiligt gewesen. Sein Beispiel zeigt, dass die entgrenzte Gewalt im deutschen »Ostkrieg« zur Radikalisierung der rassistischen Praxis auch in Deutschlands beitrug.

 

Nationalsozialistisches Kolonialgedenken und kritisches Gegen-Gedenken

Ausgehend vom Schicksal von Bayume Mohamed Husen schlagen die Materialien eine Brücke zur Gegenwart, indem nach einer möglichen Erinnerung an die Verflechtungsgeschichte von Kolonialismus und Nationalsozialismus gefragt wird (Modul 4). Zu diesem Zweck wird eine Aktion postkolonialer Aktivistinnen und Aktivisten auf dem Gelände der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne in Hamburg-Jenfeld vorgestellt. Auf dem ehemaligen Kasernenareal befindet sich ein Relief, das im August 1939 und damit kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen eingeweiht wurde und die glorifizierende Erzählung von den Askari beschwört, die im Ersten Weltkrieg angeblich »treu bis in den Tod« auf deutscher Seite gekämpft hätten. Dem revisionistischen Kolonialgedenken der NS-Zeit, das den nationalsozialistischen Rassismus gegen Schwarze Menschen unsichtbar macht, setzten die Aktivistinnen und Aktivsten 2003 das Schicksal des im Konzentrationslager ermordeten Bayume Mohamed Husen entgegen.

Eine historisch-politische Bildungsarbeit für die plurale Gesellschaft der Gegenwart

Die Perspektiverweiterung der hier vorgestellten Bildungsmaterialien bettet den Nationalsozialismus in einen größeren, transnationalen und globalgeschichtlichen Kontext ein. Dies ermöglicht es nicht nur, Kontinuitäten und Veränderungen historischer Formen von Rassismus aufzuzeigen und zugleich die (post-)koloniale Vorgeschichte heutiger Globalisierungs- und Migrationsprozesse in das Bewusstsein zu rücken. Gerade angesichts der sich verstärkenden Abwehrhaltung gegenüber der pluralen Gesellschaft der Gegenwart sowie der zunehmenden Enttabuisierung rassistischer Diskurse können die Materialien auch dazu beitragen, den Blick für gegenwärtige Rassismen zu schärfen. Hierzu dienen nicht zuletzt die Gegenwartsbezüge, die in den fünf Modulen der Materialien hergestellt werden. Thematisiert werden zum einen konkrete Rassismuserfahrungen von People of Color in Deutschland in den Jahren nach 1945 bis heute (Modul 2). Zum Zweiten werden Kontinuitäten und Veränderungen rassistischer Stereotype in der populären Kultur und den Massenmedien aufgezeigt (Module 1+3). Und zum dritten wird anhand von erinnerungskulturellen Debatten in Deutschland und den Niederlanden die Frage aufgeworfen, auf welche Weise die verflochtene Geschichte von Kolonialismus und Nationalsozialismus heute erinnert und in ein Verhältnis zur Gegenwart gesetzt werden kann (Module 4+5).

 

Dr. Susann Lewerenz, Historikerin, arbeitet zu den Themen Post-Kolonialismus, Rassismus in der visuellen Kultur in Deutschland. Ihre 2015 abgeschlossene Dissertation erschien 2017 unter dem Titel Geteilte Welten. Exotisierte Unterhaltung und Artist*innen of Color in Deutschland, 1920–1960 in der Reihe »Alltag & Kultur« beim Böhlau Verlag. Susann Lewerenz ist im Studienzentrum der KZ-Gedenkstätte Neuengamme tätig und hat das hier beschriebene Projekt wissenschaftlich betreut.