Jonas Kühne und Uwe Hirschfeld

Landesarbeitsgemeinschaft zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Sachsen gegründet

Gedenkstättenrundbrief Nr. 192 (12/2018) S. 40-42

Vorgeschichte

Der Gründung der Landesarbeitsgemeinschaft zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Sachsen (sLAG) gehen eine Reihe von Kontakten und Treffen und Tagungen voraus, auf denen sich immer deutlicher abgezeichnet hat, dass es zwar eine reichhaltige Szene von geschichtswissenschaftlich, erinnerungspolitisch und gedenkpädagogisch engagierten Menschen in Sachsen gibt, die sich in unterschiedlichen Formen, sei es als lockere Initiativen, als organisierte Vereine, als einzelne Akteure oder als Projekte, kritisch mit der Geschichte des Faschismus in Sachsen auseinandersetzen, insbesondere mit Verfolgung, Terror und Widerstand gegen den Nationalsozialismus, es aber kaum einen kontinuierlichen Kontakt oder Austausch gab. Gerade in der konservativ geprägten geschichtspolitischen Situation Sachsens fehlte es schmerzlich an einer Zusammenarbeit, die es erlaubt hätte, kritische Positionen zu den dominanten Darstellungen zu formulieren und in die Öffentlichkeit zu tragen. Wie nötig dies war, zeigte sich beispielsweise an der langjährigen einseitigen Projektförderpolitik der sächsischen Gedenkstätten-Stiftung, in der die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen nur eine untergeordnete Rolle spielte.

 

Gründung

Am 18. September war es dann soweit: 40 Menschen von 20 Initiativen, Vereinen und Projekten kamen zur Gründung der sLAG nach Frankenberg/Sa. Der Ort war bewusst gewählt, da hier seit Jahren intensiv am Aufbau einer Gedenkstätte gearbeitet wird. So führte Anna Schüller von der Geschichtswerkstatt Sachsenburg e.V. zunächst durch das Gelände des früheren Konzentrationslagers Sachsenburg, das in der Nähe von Frankenberg bei Chemnitz liegt.

Im Haus der Vereine, im umgebauten ehemaligen Wartesaal des Bahnhofs, sprach dann der Historiker Daniel Ristau aus Dresden zu dem Projekt »Bruch/Stücke. Die Novemberpogrome in Sachsen 1938«. Dieser Vortrag war dankenswerterweise von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung organisiert worden.

Anschließend fand in Anwesenheit der Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Dr. Eva-Maria Stange (SPD) und des Bürgermeisters der Stadt Frankenberg, Thomas Firmenich (CDU) sowie von Dr. Thomas Lutz, Stiftung Topographie des Terrors, Berlin der eigentliche Gründungsakt statt. In den Grußworten und Redebeiträgen betonten die Anwesenden mehrfach, die Notwendigkeit und Bedeutung dieses Schrittes.

In den Sprecherrat der sLAG wurden Ann Katrin Düben (Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig), Klaus Hammerlik (Stadtgeschichtenerzähler Großenhain), Uwe Hirschfeld (Hochschullehrer in Dresden) und Daniela Schmohl (VVN-BdA e.V. Leipzig) gewählt. Musikalisch angemessen und beeindruckend wurde die Gründungsveranstaltung unter anderem mit den Mauthausen-Liedern von Mikis Theodorakis, durch den Musiker Paul Hoorn aus Dresden begleitet.

Von dem Gremium wurde ein Selbstverständnis für die sLAG niedergeschrieben:

 

Selbstverständnis der sächsischen Arbeitsgemeinschaft Auseinandersetzung
mit dem NS

I. Die Sächsische Landesarbeitsgemeinschaft Auseinandersetzung mit dem National-sozialismus (im Folgenden: sLAG) ist ein Netzwerk von Vereinen, Verbänden, Initiativen, Geschichtswerkstätten, Projekten und Einzelpersonen.

In Sachsen existiert eine vielfältige Landschaft von politisch-historisch engagierten Akteurinnen und Akteuren, die sich mit unterschiedlichen Zugängen und thematischen Schwerpunkten mit der Geschichte des Nationalsozialismus in lokalen, regionalen und überregionalen Zusammenhängen auseinandersetzen. Menschen aus mehrheitlich ehrenamtlichen, aber auch institutionellen Zusammenhängen leisten hier einen wichtigen Beitrag zur Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen. Damit tragen sie zur Entwicklung eines kritischen erinnerungspolitischen Diskurses in Sachsen bei. Die sLAG knüpft hieran an.

 

II. Wir verstehen uns als geschichtspolitisches Netzwerk in Sachsen, parteipolitisch neutral und parteiunabhängig. Angesichts weitverbreiteter populistischer und rassistischer Positionen sehen wir in der intensiven Auseinandersetzung mit der Ideologie und Herrschaft des nationalsozialistischen Systems, seinen Hintergründen und Funktionsweisen, mit dessen Verbrechen und seinen konkreten lokalen Auswirkungen einen wesentlichen Beitrag für die Stärkung einer demokratischen Kultur in Sachsen. Grundlage unserer Arbeit ist der Respekt für alle Menschen, die in der NS-Zeit verfolgt wurden. Das schließt die Wertschätzung von Diversität und Vielschichtigkeit in der Erinnerungs- und Vermittlungsarbeit in Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ein.

 

III. Die sLAG setzt sich ein

– 
für die Etablierung einer vielfältigen, öffentlich wahrnehmbaren, lebendigen Erinnerungs- und insbesondere Gedenkkultur in Sachsen.

– 
für die Förderung der kritischen Auseinandersetzung mit der Ideologie und Herrschaft des Nationalsozialismus und deren Fortwirken in der heutigen Gesellschaft.

– 
für die Stärkung einer engagierten politisch-historischen Bildungsarbeit in Sachsen mit dem Fokus auf die strukturellen und aktuellen Gefährdungen von Demokratie und Menschenrechten.

 

Um diese Zielstellungen zu verwirklichen, wird die sLAG in folgenden Bereichen aktiv:

1. 
Vernetzung von Vereinen, Verbänden, Initiativen, Geschichtswerkstätten, Projekten und Einzelpersonen im regionalen Bereich, sachsenweit sowie mit Tschechien und Polen.

2. 
Kontakt zu bundesweiten Netzwerken, hier vor allem dem Forum der Landesarbeitsgemeinschaften der Gedenkstätten, Erinnerungsorte und -initiativen in Deutschland. Sie strebt die Mitgliedschaft in diesem Forum an.

3. 
Stärkung der im Netzwerk vertretenen Vereine, Verbände, Initiativen, Geschichtswerkstätten, Projekte und Einzelpersonen durch:

    – Förderung des fachlichen Austauschs und der Weiterbildung

    – 
Förderung der Zusammenarbeit mit professioneller und institutionalisierter Forschung und Vermittlung

    – Förderung von fachlichen und politischen Debatten im Themenfeld

    – 
Förderung der öffentlichen Wahrnehmung der geleisteten Forschungs- und Vermittlungsarbeit

    – Beratung in inhaltlichen Fragen und bei der Akquise von Fördermitteln

 

Ausblick

Mit der vollzogenen Gründung der sLAG sollen drei Schwerpunkte gesetzt werden. Erstens schafft die sLAG eine solidarische Vernetzung untereinander, die Unterstützung bei Problemen und einen fachlichen Austausch gewährleisten soll. Der Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch wird durch regelmäßige Treffen und Veranstaltungen verstetigt und eine Brücke zwischen ehrenamtlich Engagierten und der wissenschaftlichen Ebene gebaut. Zweitens kann den Herausforderungen, die sich aus den Veränderungen in der Erinnerungsarbeit an die nationalsozialistischen Verbrechen durch das Enden der unmittelbaren Zeitzeugenschaft ergeben, besser begegnet werden. Gleichzeitig erfordert der gesellschaftliche Wandel hin zur Migrationsgesellschaft vielschichtige Antworten im Hinblick auf »nationale Identitäten« und »nationale Geschichtsbilder«. Und drittens möchte die sLAG für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im politischen Erinnerungsdiskurs eine breite Öffentlichkeit schaffen und damit die Bedingungen für die in diesem Feld Aktiven strukturell nachhaltig verbessern.

Zugleich soll die sLAG eine starke Stimme gegen die zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz von rechtsextremen Positionen in der sächsischen Gesellschaft sein, was sich in der Leugnung und Verharmlosung der NS-Verbrechen und nicht zuletzt in Bewegungen wie Pegida, Teilen der AfD und der zunehmenden insbesondere rassistisch und gegen politische Andersdenkende motivierten Gewalt zeigt.

 

Gründungsmitglieder

AKuBiz e.V. (Pirna), audioscript (Dresden), Bon Courage (Borna), Bund der Antifaschisten e.V. (Leipzig), Bürgerschaftliche Initiative zur Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus in Sachsen 1933-1945 (Atlas-Gruppe), Erich-Zeigner-Haus e.V. (Leipzig), Förderkreis Görlitzer Synagoge, Förderverein Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain e.V., Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig, Gedenkstätte Großschweidnitz e.V., Geschichtswerkstatt Flößberg e.V., Geschichtswerkstatt Sachsenburg e.V., Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Hatikva e.V. (Dresden), Kulturbüro Sachsen e.V., LAG KZ Sachsenburg e.V., LAP-Projekt der Stadt Chemnitz »Zwangsarbeit unterm Hakenkreuz in den Astra-Werken und in Chemnitz«; Darstellung NS-Zeit im Lern- und Gedenkort Kaßberg Gefängnis durch VVN-BdA Chemnitz, Münchner-Platz-Komitee e.V. (Dresden), Treibhaus e.V. (Döbeln) + 16 Einzelpersonen

 

Jonas Kühne ist Vorstand im Trägerverein der Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig und war Mitglied im Koordinationskreis zur Gründung der sLAG.

 

Prof. Dr. Uwe Hirschfeld ist Hochschullehrer für Politikwissenschaft an der Evangelischen Hochschule Dresden. Er organisiert seit vielen Jahren geschichtspolitische Foren zur NS-Zeit in Sachsen.