Thomas Irmer

Neue Quellen zur Geschichte des Massakers von Gardelegen

Gedenkstättenrundbrief 156 S. 14-19

Kurz vor der Befreiung durch amerikanische Truppen wurde die nördlich von Magde­burg gelegene Altmark Schauplatz eines der letzten großen wie grausamen NS-Verbrechen im Reichsgebiet:

Am Abend des 13. April 1945 wurden etwa 1 000 KZ-Häftlinge in eine aus Stein gemauerte Feldscheune am Rande der Stadt Gardelegen getrieben. Nachdem die Menschen dort eingesperrt worden waren, wurde Stroh, das den Scheunenboden bedeckte, von einem SS-Mann entzündet. Das Stroh war zuvor vermutlich mit Benzin getränkt worden. Außerdem wurde von außen in das Innere der Feldscheune mit Granaten und Gewehren gefeuert. Ein Großteil der Eingesperrten erstickte qualvoll, verbrannte bei lebendigem Leibe oder starb durch den Beschuß. Nur etwa 20 bis 25 Menschen sollen das Massaker von Gardelegen überlebt haben.

Das Massaker von Gardelegen wurde aller Wahrscheinlichkeit nach durch den örtlichen NSDAP-Kreisleiter angeordnet. An der Ermordung der KZ-Häftlinge in der Feldscheune des Gutes Isenschnibbe waren nach amerikanischen Ermittlungen eine Tätergruppe von 100 bis 120 Personen beteiligt: neben SS-Männern auch Angehörige anderer NS-Organisationen aus Gardelegen und Umgebung wie etwa des Reichsarbeitsdiensts, des Volkssturms und der Wehrmacht. Außerdem reichs- und volksdeutsche KZ-Häftlinge, denen die SS die Freiheit versprochen hatte.

 

Unmittelbar nach der Befreiung wurde das Massaker von Gardelegen international bekannt, als etwa das amerikanische »LIFE«-Magazin Anfang Mai 1945 unter der Überschrift »The Holocaust of Gardelegen« Fotografien von Schwarz-Weiß-Fotografien mit verkohlten Häftlingsleichen abdruckte.

Am historischen Ort befindet sich heute eine Gedenkstätte, in deren Mittelpunkt eine als Militärfriedhof angelegte Grabanlage mit mehr als 1 000 Einzelgräbern steht. Die Errichtung des Friedhofs und die vorherige Bergung der zum Teil noch in der Feldscheune liegenden und zum Teil in vier Gruben verscharrten Häftlingsleichen durch die damaligen männlichen Einwohner der Stadt Gardelegen war von der US-Army angeordnet worden.

In der DDR-Zeit wurde an den Überresten der Feldscheune eine Mahn- und Gedenkstätte errichtet, die sich heute noch weitestgehend in ihrem Originalzustand befindet. Sie ist somit selbst zu einem zeithistorischen Zeugnis geworden, das erhalten werden soll. Allerdings muß sie etwa im Hinblick auf den sich darin ausdrückenden instrumentellen Umgang mit der Geschichte kommentiert werden.

Außerdem hat sich der Forschungsstand nach 1989 erweitert. In der jüngeren histo­rischen Forschung wie in den Beiträgen von Daniel Blatman1, Diana Gring2 und ­Joachim Neander3 wird das Massaker von Gardelegen den sogenannten Todesmarsch-Verbrechen zugeordnet, die in den letzten Wochen vor Kriegsende im gesamten Reichsgebiet verübt wurden.

Die in Gardelegen ermordeten KZ-Häftlinge kamen aus dem Außenlager Hannover-Stöcken des KZ Neuengamme und Außenlagern des KZ Mittelbau-Dora. Bei der Auf­lösung der Lager waren die KZ-Häftlinge auf Todesmärsche getrieben worden. Mehr als 3 000 von ihnen befanden sich in zwei Zugtransporten, die aufgrund des Kriegsverlaufs in den Bahnhöfen Mieste und Letztlingen gestoppt wurden. Von diesen westlich sowie südlich von Gardelegen gelegenen Ortsbahnhöfen wurden die KZ-Häftlinge in verschiedenen Marschkolonnen nach Gardelegen getrieben. Dort wurden sie zunächst in einer Wehrmachtskaserne, der Remonte-Kavallerieschule gesammelt, bevor sie anschließend in die Feldscheune des Gutes Isenschnibbe getrieben wurden.

Aber nicht nur in der Feldscheune, sondern auch in verschiedenen Dörfern und Wäldern der Umgebung sowie im Stadtgebiet von Gardelegen kam es zu Hetzjagden und Morden an KZ-Häftlingen. In den Ortschaften Mieste, Estedt und Jävenitz wurden kleinere Gruppen von KZ-Häftlingen sowie vermutlich auch ehemalige polnische Zwangsarbeiter von SS-Männern und Angehörigen der Wehrmacht erschossen. Entlang der Todesmarschstrecken zwischen Mieste sowie Letztlingen und Gardelegen wurden später weitere Leichen von über 370 KZ-Häftlingen bestattet, die vermutlich während der Todesmärsche ums Leben kamen. Geschätzt wird, dass somit etwa 1 500 KZ-Häftlinge in Gardelegen und dem Kreisgebiet von Gardelegen umkamen.

Das Massaker von Gardelegen muss daher auch im Zusammenhang mit diesen anderen Todesmarsch-Verbrechen in der Umgebung betrachtet werden. Sie werfen einmal mehr die Frage auf, warum es zu solchen unfassbaren Verbrechen unmittelbar vor der Befreiung und unter der Beteiligung der deutschen Zivilbevölkerung kommen konnte.

 

Zur Neugestaltung der Gedenkstätte Gardelegen

Die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt hat die Aufgabe übernommen, die Weiterentwicklung der Gedenkstätte in Gardelegen beratend zu unterstützen. Dazu wurde ein Fachbeirat einberufen, an dem auch die Stadt Gardelegen beteiligt ist, der Eigentümerin der Gedenkstätte. Der Fachbeirat hat einen weitergehenden Forschungsbedarf festgestellt, der sich auf die Geschichte des Massakers wie der Mahn- und Gedenkstätte seit 1945 bezieht.

Einen Niederschlag fanden erste Empfehlungen des Fachbeirates bereits bei der Gestaltung der von einem Förderverein und der Stadt ausgerichteten jährliche Gedenkveranstaltung am 13. April. Im Jahr 2009 verlasen erstmals Gardelegener Schülerinnen und Schülern die Namen von bekannten Opfern des Massakers am Friedhof. Diese inzwischen fest etablierte Neuausrichtung des Gedenkens stieß auf eine große Resonanz. An der Gedenkveranstaltung zum 65. Jahrestag 2010 nahmen so viele Menschen wie bei keiner anderen nach 1989 durchgeführten Gedenkveranstaltung teil.

Zu den kurz vor ihrem Abschluß stehenden Vorhaben zählen die Errichtung eines neuen Besucherleitsystems und die Erstellung eines Gedenkbuchs mit den noch ermittelbaren Namen der Opfer.

 

Archivalien aus dem Stadtarchiv Gardelegen

Bei der Bearbeitung dieser Aufgaben konnte auf Quellenbestände zurückgegriffen werden, die von der Forschung bisher nur ansatzweise ausgewertet wurden.

Dazu zählen etwa Unterlagen, die vom Stadtarchiv Gardelegen verwahrt werden. Dabei handelt es sich um etwa 130 Akten des Stadtmuseums, der ehemaligen Mahn- und Gedenkstätte und der Stadtverwaltung Gardelegen. Sie bestehen überwiegend aus Verwaltungsakten im Zeitraum von etwa 1950 bis 1995. Darunter befinden sich aber auch Zeitzeugenberichte von Bürgern aus Gardelegen und vereinzelt von Überlebenden sowie Forschungserträge von Einzelpersonen und Initiativen.

 

Von Nummern zu Namen – Die Rekonstruktion von Opfernamen mit Daten des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen

Die Rekonstruktion der Namen von Opfern ist einer der wichtigsten Aufgaben jeder Erinnerungsarbeit. Ein weiterer Grund auch im Fall von Gardelegen sind die immer noch eintreffenden Anfragen von Privatpersonen aus allen Teilen Europas, die auch 65 Jahre nach dem Massaker nach Angehörigen suchen.

Die Forschung steht jedoch vor dem Problem, das bisher keine zeitgenössischen Unterlagen wie z.B. Transportlisten aufgefunden wurden, aus denen sich die Namen aller nach Gardelegen gebrachten KZ-Häftlinge entnehmen lassen.

Die ersten Angaben über die Identität der Opfer wurden von amerikanischen Soldaten der 102. Infanterie Division gesammelt, die zunächst versuchten, die in der Scheune liegenden Überreste der Brandopfer und die aus sechs Massengräbern geborgenen Leichen zu identifizieren. Grundlage waren u.a. noch lesbare Häftlingsnummern, die sich auf der Häftlingskleidung oder den Armen der Leichen befanden. So gelang es, für etwa 305 Opfer Identifikationsmerkmale ausfindig zu machen.

Diese Angaben bilden die Grundlage für alle bisherigen Versuche, die Namen von Opfern zu rekonstruieren. Entsprechende Listen, die bereits während der DDR-Zeit erstellt wurden, können mit neuen oder erst heute zugänglichen Datenbeständen überprüft und abgeglichen werden. Gemeint sind insbesondere Unterlagen der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora und Neuengamme sowie die jetzt für die Forschung zugänglichen Bestände des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen.

Durch Recherchen im Bestand des ITS Bad Arolsen konnten die bisher bekannten Namen überprüft und eine Reihe von bisher unbekannte Namen ausfindig gemacht werden. Die Zuordnung gestaltet sich jedoch für eine Reihe von Einträgen als schwierig, da manche Häftlingsnummern mehrfach vergeben wurden. In verschiedenen Fällen konnte hier ein Abgleich mit Angaben in den Archiven der Gedenkstätten Mittelbau-Dora und Neuengamme mehr Klarheit schaffen.

Schließlich führten auch Recherchen zur Geschichte des Friedhofs zu weiteren Erkenntnissen bei der Namenssuche: So konnte bei der Recherchen nach französischen und belgischen Häftlingen, deren sterblichen Überreste nach 1945 exhumiert worden waren, in Erfahrung gebracht werden, das sie zunächst nach Berlin-Reinickendorf und später nach Frankreich umgebettet wurden. Angaben zu ihrer Identität konnten in Zusammenarbeit mit belgischen Stellen überprüft werden.

 

Visual History

Ein weiterer, im Zusammenhang mit Gardelegen bislang nicht herangezogener Quellenbestand sind Oral History-Interviews mit Überlebenden oder anderen Zeitzeugen. Im Fall von Gardelegen zählen dazu Videointerviews des Visual History Archive mit ehemaligen amerikanischen Soldaten, die nach dem Massaker in Gardelegen eintrafen. Neben den eingangs beschriebenen Fotos und neuen Filmen wie der Dokumentation »Das Massaker von Gardelegen« stellen sie einen weiteren visuellen Quellenbestand dar.

»Das hätten sie nicht machen müssen. Die Russen haben sie gejagt. Aber wir hätten sie nicht aufgehalten, sie hätten weiter vorrücken können«, äußert sich beispielsweise Milton Hamilt, der im April 1945 als Dolmetscher und Anästhesist einer Sanitäts-Einheit der US Army in das Krankenhaus der Stadt Gardelegen versetzt worden war. Mehrfach drückt Milton Hamilt in dem Interview seine Fassungslosigkeit über das Verbrechen aus. Und auch mehr als 50 Jahre später beschreibt er den Anblick, dem sich ihm an der Feldscheune bot, so als sei es gestern gewesen. »Als wir ankamen, dampften die Leichen noch. Und der Geruch war weitaus eindrücklicher, als das was wir sahen …«

Milton Hamilt wurde im Auftrag der Shoah-Foundation interviewt, die von dem amerikanischen Filmregisseur Steven Spielberg ins Leben gerufen wurde, um Stimmen von Holocaust-Überlebenden, Helfern und von Befreiern zu sichern. Aus seiner Initiative entstand das »Visual History Archive« (VHA)4, das weltweit größte historische Archiv mit Video-Interviews, das heute für Forschungszwecke und insbesondere für die Bildungsarbeit zur Verfügung steht. Es enthält auch Interviews mit deutschen Juden aus Gardelegen, die in den 1930er Jahren emigrieren konnten. In Deutschland ist das VHA über die FU Berlin zugänglich, die als erste europäische Hochschule eine Kooperation mit dem VHA eingegangen ist.

Gerade in einer zunehmend medial vermittelten Erinnerungskultur, die in der Zukunft nicht mehr durch eine von Dialog geprägte Begegnung mit Zeitzeugen gekennzeichnet sein wird, nimmt diese visuelle Sammlung eine immer wichtigere Rolle ein.

 

Schluß

Zusammenfassend kann davon ausgegangen werden, dass bei der Rekonstruktion der Geschichte des Massakers von Gardelegen aufgrund neuer Quellen auch weitere Erkenntnisfortschritte zu erwarten sind. Das gilt auch für die Suche nach weiteren Namen von Opfern dieses NS-Verbrechens. Trotz umfassender Detailrecherchen werden aber sich die Namen aller Opfer des Massakers von Gardelegen kaum vollständig rekonstruieren lassen. Auch deshalb gilt es, der Erinnerung an die Opfer des Massakers von Gardelegen eine angemessene Form in unserer Erinnerungskultur einzuräumen.

 

Thomas Irmer, Historiker, erstellte im Auftrag der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt ein Besucherleitsystem und ein Gedenkbuch für die Gedenkstätte Gardelegen.

 

Der Beitrag stellt eine Überarbeitung eines Artikels mit gleichem Titel dar, der erstmals im Gedenkstättenrundbrief »Erinnern! Aufgabe, Chance Herausforderung« Nr. 2/2009 der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt erschien.

 

1    Daniel Blatman: Die Todesmärsche – Entscheidungsträger, Mörder und Opfer, in: Ulrich Herbert/Karin Orth/Christoph Dieckmann: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur, 2 Bde., Göttingen 1998, S. 1063–1092.

2    Diana Gring: Das Massaker von Gardelegen. Ansätze zur Spezifizierung von Todesmärschen am Beispiel Gardelegen. In: Detlef Garbe, Carmen Lange: Häftlinge zwischen Vernichtung und Befreiung. Bremen 2005, S. 155.

3    Joachim Neander: Vernichtung durch Evakuierung? Die Praxis der Auflösung der Lager – Fakten, Legenden und Mythen. In: Detlef Garbe, Carmen Lange (Hrsg.): Häftlinge zwischen Vernichtung und Befreiung. Bremen 2005.

4    Siehe den Beitrag im GedenkstättenRundbrief Nr. 153, S. 9–22: Juliane Brauer / Dorothee Wein; Historisches Lernen mit lebensgeschichtlichen Videointerviews – Beobachtungen aus der schulischen Praxis mit dem Visual History Archive.