Alexander Schmidt

„Nürnberg" im Museum – das Memorium Nürnberger Prozesse

Gedenkstättenrundbrief 162 (8/2011) S. 30-35

Am 21. November 2010 wurde unter prominenter internationaler Beteiligung die neue Dauerausstellung »Memorium Nürnberger Prozesse« im Nürnberger Justizgebäude eröffnet.1 Damit hat es vom Beginn der Prozesse 1945 an immerhin 65 Jahre gedauert, bis über dieses welthistorische Ereignis auch vor Ort in angemessener Weise Informationen zur Verfügung stehen. Obwohl schon seit Jahren aus dem In- und Ausland zahlreiche Besucher zum Nürnberger Schwurgerichtsgebäude kamen, um etwas über »Nürnberg« zu erfahren, standen sie häufig vor verschlossenen Türen. Denn der Saal 600, in dem das Internationale Militärtribunal (IMT) 1945/46 gegen führende Vertreter des nationalsozialistischen Regimes verhandelt hatte, wurde (und wird) als Verhandlungssaal des Nürnberger Landgerichts genutzt.

Das stetige Besucherinteresse führte ab dem Jahr 2000 zu dem Angebot von Führungen im Saal, welche die Museen der Stadt Nürnberg in Zusammenarbeit mit den bayerischen Justizbehörden, an Wochenenden veranstalteten. Dieses Angebot nutzten 2007 immerhin 20 000 Menschen. Wochenendführungen konnten jedoch keine Dauerlösung sein, insbesondere nicht in einer Stadt wie Nürnberg, die sich mit dem Bau der »Straße der Menschenrechte« und dem Internationalen Menschenrechtspreis (verliehen seit 1995) als Stadt des Friedens und der Menschenrechte profilieren will und sich mit der Einrichtung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände (2001) zu einer offensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte bekennt.

Die Entdeckung eines leeren Dachbodengeschosses oberhalb des Saals 600 führte zur Konzeption eines Ausstellungsprojekts, für das 700 Quadratmeter zur Verfügung standen. Das Kuratorium des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände befürwortete 2005 die Grundidee eines »Memoriums Nürnberger Prozesse«, ein neu erarbeitetes wissenschaftliches Gutachten gab die Grundlinien vor. Die Stadt Nürnberg übernahm die Projektträgerschaft. 2007 war die Finanzierung der nicht unkomplizierten Baumaßnahme im Bestand gesichert.2 Ein Ausstellungsteam, vor allem aus Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände, erarbeitete Konzept und Inhalt der Ausstellung.3 So konnte das Projekt »Memorium Nürnberger Prozesse« vergleichsweise schnell umgesetzt werden. Wichtigstes Exponat des Memoriums und Zuschauermagnet ist der historische Ort des Geschehens, der Saal 600.

Das neu ausgebaute Dachgeschoss bietet in direkter Nachbarschaft des Saals 600 eine Ausstellung zum Hauptkriegsverbrecherprozess, zu den Nürnberger Nachfolgeprozessen und zu den Folgen von Nürnberg bis zum Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Durch neu eingebaute Fenster ist ein Blick von der Ausstellung in den Saal möglich. Der Besuch des Memoriums endet im Saal 600 und damit an diesem besonderen historischen Ort der Abrechnung mit dem Nationalsozialismus. Allerdings kann auch heute Besuchern, die zum Teil weite Strecken etwa aus den USA auf sich nehmen, nicht garantiert werden, dass sie den Saal 600 betreten können.4 Bei Gerichtsverhandlungen ist der Saal für sie geschlossen.

Der Schriftsteller Erich Kästner, einer der Berichterstatter beim Nürnberger Prozess, hatte schon 1945 klare Vorstellungen von der Bedeutung und der zukünftigen Nutzung des Saals: »Endlich stehe ich in dem Saal, in dem der Prozess stattfinden wird. In dem einmal, Jahrhunderte später, ein alter, von einer staunenden Touristenschar umgebener Mann herunterleiern wird: ›Und jetzt befinden sie sich in dem historischen Saal, in dem am 20. November des Jahres 1945 der erste Prozess gegen die Kriegsverbrecher eröffnet wurde. (…) An der gegenüberliegenden Wand saßen die zwanzig Angeklagten. (…) Vor der Estrade der Angeklagten, welche noch immer die gleiche wie im Jahre 1945 ist, saßen etwa 20 Rechtsanwälte. (…)‹ Ja, so ähnlich wird der alte Mann reden. Hoffentlich.«5 Die Hoffnungen Kästners erfüllten sich zunächst nicht. Die Amerikaner verhandelten im Saal bis 1949 in den zwölf Nürnberger Nachfolgeprozessen zunächst weiter gegen nationalsozialistische Eliten und nutzten auch danach das Nürnberger Justizgebäude als Verwaltungszentrale. Als sie jedoch den Saal 1961 an die Bayerischen Justizbehörden zurückgaben, wurden alle Spuren des Nürnberger Prozesses getilgt, Saalerweiterungen und Mauerdurchbrüche beseitigt und so der ursprüngliche Zustand des Jahres 1916 in etwa wiederhergestellt. Noch vorhandene Einbauten des Prozesses entsorgte man. Dies war auch Ausdruck einer negativen Haltung dem Nürnberger Prozess gegenüber.

Lange wurde der historische Ort der Nürnberger Prozesse eben nicht als »positiver Traditionsbestand«6 der Stadt gesehen, sondern, wie etwa im Merian-Heft Nürnberg von 1966 zu lesen, als »düsterer Schauplatz« der »tiefste[n] Demütigung«.7 Die weitgehend distanzierende, wenn nicht ablehnende Haltung dem Nürnberger Prozess gegenüber wich erst seit den 1980er Jahren der Erkenntnis, dass die Abrechnung mit dem Nationalsozialismus eigentlich positiv einzuschätzen und somit der historische Ort des Prozesses von besonderem Wert ist. Erst auf der Basis dieser Haltung konnte das Memorium Nürnberger Prozesse zur Realisierung kommen.

Das Thema »Nürnberger Prozesse« stellte die Ausstellungsmacher vor besondere Herausforderungen: Verhandelt wurde beim IMT über nicht weniger als die Gesamtgeschichte des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen. Ein derartiger Prozess war ein weltgeschichtliches Novum, verbunden mit vielfachen rechtlichen Problemen und unterschiedlichen Sichtweisen der vier zu Gericht sitzenden Nationen. Der Hauptkriegsverbrecherprozess hatte mit den zwölf Nürnberger Nachfolgeprozessen nicht nur eine wichtige Nachgeschichte, sondern hinterließ mit den von den Vereinten Nationen verabschiedeten »Nürnberger Prinzipien« auch ein Erbe, welches mit den Prozessen zu den Verbrechen im ehemaligen Jugoslawien wieder aufgegriffen wurde. Diese Bezugnahme gibt der Ausstellung eine besondere Aktualität, erweitert aber das ohnehin schon umfassende Themenfeld der Ausstellung noch mehr.

So spannend und aufrüttelnd die in den vier Anklagepunkten angesprochenen Themen sind – von der gemeinsamen Verschwörung zum Angriffskrieg (Anklagepunkt 1), über die Führung des Angriffskrieges (Anklagepunkt 2), die Kriegsverbrechen (Anklagepunkt 3) und die Verbrechen gegen die Menschheit (Anklagepunkt 4) – so schwierig ist das Ereignis Nürnberger Prozess selbst darzustellen, denn der Prozess hat in erster Linie Papier hinterlassen: Protokolle, Anklage- und Verteidigungsdokumente, die Urteile. Es gibt zwar in großer Menge Fotos und Filmaufnahmen, die jedoch immer wieder gleichartige Szenen in ein- und demselben Saal zeigen. Menschen sprechen oder hören zu – visuell gesehen ein wenig dynamisches Geschehen.

Die Ausstellungsgestaltung des Münchner Ausstellungsbüros Büros Müller-Rieger greift die Papierflut und das Ringen der Prozessparteien auf. Rund 70 weiße, hinterleuchtete Grafiktafeln mit Texten und Bildern stehen zu Beginn der Ausstellung wie die Schriftsätze von Anklage und Verteidigung gegeneinander, nehmen als Parallelogramme die Dachschräge auf, scheinen aber auch zu Beginn der Ausstellung das Gegeneinander der Prozessparteien widerzuspiegeln. Der ansonsten dunkle Ausstellungsraum wird nur durch die Ausstellungstafeln beleuchtet, was ihnen einen leicht schwebenden Charakter verleiht. An verschiedenen Stellen sind Monitore in die Tafeln eingebaut, welche zentrale Szenen des Prozesses, etwa die berühmte Eröffnungsrede Robert H. Jacksons, wiedergeben.

Das Memorium Nürnberger Prozesse bietet – chronologisch geordnet – fünf Themenbereiche an.8 Der erste und größte Ausstellungsraum stellt das Geschehen des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses vor, seine Vorgeschichte, die Anklagepunkte, die verschiedenen Prozessparteien (Angeklagte, Verteidiger, Anklagebehörde, Richter), den Prozessverlauf und das Urteil. Nur zufällig blieben zwei Teile der Anklagebank erhalten. Neben einer Dokumentenkiste sind die jeweils linken Hälften der beiden Bankreihen die einzigen, allerdings spektakulären originalen Ausstellungsobjekte im Memorium. Auf ihr saßen Göring, Heß, Ribbentrop und Keitel sowie Dönitz, Raeder, Schirach und Sauckel. Filmprojektionen ermöglichen es den Besuchern, die einfachen Holzbänke dem historischen Geschehen zuzuordnen. Flankiert werden die Bänke von zwei Großfotos der Angeklagtenbank sowie großen Medientischen, auf denen Informationen und Bilder zu den einzelnen Angeklagten abgerufen werden können.

Ein entsprechendes Gegenstück zu den Anklagebänken für die anderen Prozessparteien, also etwa das Rednerpult für Anklage und Verteidigung, der Zeugenstand oder der Richtertisch, sind nicht erhalten geblieben. Ein besonderes Raumarrangement schafft trotz mangelnder Objekte eine dichte Atmosphäre: Die Tafeln für Verteidiger und Richter, Ankläger und Zeugen stehen sich wie im Saal 600 gegenüber, im Terrazzoboden ist schematisch die Sitzordnung des Gerichtssaals eingelassen. Der Prozess wird so als Bühne der Abrechnung mit dem Nationalsozialismus fassbar. Wichtige Zeugen, etwa die Auschwitz-Überlebende Marie Vaillant-Couturier sind auf einem Monitor bei ihrer Aussage zu sehen, auf der gegenüberliegenden Seite kann man Ausschnitte aus Jacksons Eröffnungsrede miterleben. Der erste Ausstellungsraum schließt mit einer Zeitleiste der Höhepunkte des Prozesses, einer Darstellung der Presseberichterstattung und des Urteils ab. Neue Mauerdurchbrüche an der Rückseite des Saals 600 bieten einen Blick vom Memorium in den Saal. Ein neu gebautes Modell, welches den Saal zur Zeit des Prozesses zeigt, ermöglicht einen direkten Vergleich mit dem heutigen Zustand.

Der zweite Ausstellungsraum des Memoriums thematisiert, nach einer kurzen Darstellung des Tokio-Tribunals in Japan, die direkte Nachgeschichte des IMT mit den zwölf Nürnberger Nachfolgeprozessen, welche in US-amerikanischer Regie bis 1949 in Nürnberger Gerichtsgebäude stattfanden. Fünf der zwölf Verfahren, unter anderen der Ärzteprozess und der Prozess gegen die IG-Farben sowie der Einsatzgruppenprozess, werden etwas ausführlicher dargestellt. Auch wichtige spätere Nachkriegsprozesse, etwa der gegen Adolf Eichmann in Jerusalem oder der Frankfurter Auschwitzprozess, sind auf eigenen Ausstellungstafeln präsentiert. Deutlich wird hier auch, wie die Prozesse in den Konflikt des Kalten Krieges gerieten und als Anachronismus schon nicht mehr in die Zeit zu passen schienen. Eine Medienlounge im zweiten Ausstellungsraum bietet vertiefende Informationen zu den einzelnen Nachkriegsprozessen und zum medialen Umgang mit dem Nürnberger Prozess.

Die von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossenen Nürnberger Prinzipien, das eigentliche Erbe von Nürnberg, wurden zunächst nicht beherzigt. Im dritten Ausstellungsraum dokumentiert eine Weltkarte die zahllosen Kriege und kriegerischen Konflikte seit 1945, die in den allermeisten Fällen eben nicht zu strafrechtlichen Konsequenzen für die Täter führten. Allerdings: Es finden sich – auf der Karte farblich hervorgehoben – in den letzten Jahren doch einige Konflikte und Kriege, die vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, in Wahrheitskommissionen oder sonstigen gerichtlichen Verfahren behandelt wurden. Dieser Weg nach Den Haag weist eine positive Perspektive für die strafrechtliche Ahndung von Staatsverbrechen und Menschenrechtsverstößen, ein Weg, der mit »Nürnberg« begann.

Benjamin Ferencz, Chefankläger im Nürnberger Einsatzgruppenprozess, setzt sich schon seit Jahrzehnten für den Gedanken eines Internationalen Strafgerichtshofs ein, den insbesondere auch sein Heimatland, die USA, anerkennen soll. Er ist im abschließenden Kino- und Vortragsraum bei einem Vortrag zu sehen und zu hören – eine faszinierende, trotz seines hohen Alters unglaublich präsente Persönlichkeit. Er hatte beim Festakt zur Eröffnung des Memoriums Nürnberger Prozesse die Abschlussrede gehalten und dabei als Lehre aus Nürnberg die weltweite Ächtung des Angriffskrieges benannt. Gerichtet an die ebenfalls anwesenden Außenminister Deutschlands und Russlands, Guido Westerwelle und Sergej Lawrow, sagte er: »Hier sitzen Menschen, die die Macht haben, das endlich umzusetzen: Nutzen sie diese, um die Welt sicherer und friedlicher zu machen.« Diese aktuelle politische Dimension, die sich aus dem Thema direkt ergibt, stellt eine besondere Herausforderung für das Memorium und sein in Zukunft zu entwickelndes Bildungsangebot dar.9

 

Dr. Alexander Schmidt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände Nürnberg. Er war Mitglied des Ausstellungsteams, das mit der Einrichtung des »Memorium« zu den Nürnberger Prozessen betraut war.

 

Memorium Nürnberger Prozesse

Bärenschanzstraße 72, 90429 Nürnberg

Tel. (0911) 321-79372 | Fax (0911) 321-79373

memorium@stadt.nuernberg.de | www.memorium-nuernberg.de

Öffnungszeiten: Mittwoch–Montag 10–18 Uhr (Dienstag geschlossen)

 

1 Vgl. Hans-Christian Täubrich: Das Urteil. Die Nürnberger Prozesse als Thema einer neuen Dauerausstellung, in: museum heute 39 (Dezember 2010), S. 5–9 (www.museen-in-bayern.de/landesstelle/museum_heute.htm); Henrike Zentgraf: Am Ort des Weltgerichts – das Memorium Nürnberger Prozesse, in: Einsichten und Perspektiven 1(2011), S. 34–51 (192.68.214.70/blz/eup/01_11/7.asp).

2 Die reinen Baukosten von 4,2 Millionen Euro teilten sich je zur Hälfte Bund und Land, die Kosten für die Einrichtung der Ausstellung (700 000 Euro) sowie die Kosten des Museumsbetriebs übernahm die Stadt Nürnberg.

3 Ausstellungsteam: Hans-Christian Täubrich (Gesamtleitung, Leiter des Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände), Henrike Zentgraf (Projektkoordination, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Memoriums), Eckart Dietzfelbinger und Alexander Schmidt (Dokumentationszentrum Reichsparteitags-gelände), Lilja Antipowa (Universität Erlangen-Nürnberg), Rainer Huhle (Menschenrechtszentrum Nürnberg).

4 Das Memorium wird derzeit pro Monat von etwa 3 000 bis 4 000 Menschen besucht, Tendenz steigend. Seit Eröffnung im November 2010 bis Mai 2011 waren es rund 25 000 Besucher.

5 Erich Kästner: Streiflichter aus Nürnberg, zitiert nach: Steffen Radlmeier (Hg.): Der Nürnberger Lernprozeß. Von Kriegsverbrechern und Starreportern, Frankfurt 2001, S. 67 f.

6 Vgl. Alexander Schmidt/Clemens Wachter: Die Nürnberger Prozesse – ein positiver Traditionsbestand, in: Alexander Schmidt: Geländebegehung. Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, Nürnberg 2002, S. 227–231.

7 Merian Nürnberg 8/1966, S. 13.

8 Vgl. die Broschüre der Museen der Stadt Nürnberg (Hg.): Memorium Nürnberger Prozesse. Die Ausstellung – eine Übersicht, Nürnberg 2011 (Download: www.memorium-nuernberg.de/ausstellung/ausstellung.html). Ein Buch zur Ausstellung erscheint im Sommer 2011.

9 Vgl. auf www.memorium-nuernberg.de/bildungsangebote/bildungsangebote.html das bisherige Angebot an Führungen und moderierten Gesprächen.