Sabine Graf

Tagungsbericht »Land of Memory« ÜBER DIE BEDEUTUNG VON KUNST UND KULTUR IN DER GEDENKSTÄTTEN- UND ERINNERUNGSARBEIT DER GROßREGION

Gedenkstättenrundbrief Nr. 192 (12/2018) S. 43-49

Der Anlass der Tagung war triftig. Es geht um nichts weniger als ein gleichermaßen schiefes wie unverwüstliches Paradox der »Zukunft der Erinnerung«. Streng genommen ist daher »Erinnerung« der falsche Begriff, wenn es darum geht, wie sich heutige und künftige Generationen mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzen.

Hier klafft eine Lücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Sie birgt jedoch auch eine Chance in sich, die das Saarland in seinem Beitrag zu dem Interreg-Projekt »Land of Memory« in einer Tagung am 19. April im Saarbrücker Schloss auslotete. »Land of Memory« ist mit dem Gedenken an die beiden Weltkriege in der Großregion (Saarland, Rheinland-Pfalz, Lothringen, Elsass, Champagne-Ardenne, Luxemburg, Wallonien, und die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens) befasst. Das Saarland erweitert dieses Themenfeld um ein eigenes Projekt. Unter Federführung des für internationale kulturelle Zusammenarbeit und EU-Angelegenheiten zuständigen Referates im Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung liegt der Fokus auf den Themen Widerstand und Verfolgung in der Zeit von 1933 bis 1945 als Gegenstand der Erinnerungskulturen in der heutigen Großregion.

Der Beitrag des Saarlandes unterscheidet sich zudem in den Schwerpunkten und den gewählten Medien. Während die meisten Projekte der Teilnehmenden auf die räumliche Erweiterung bestehender Museen und Gedenkstätten abheben, um Platz für museumspädagogische und vermittelnde Angebote zu schaffen, steht im Zentrum des saarländischen Beitrags weniger die materielle Infrastruktur als deren immaterielle Aspekte. Kurzum: Es geht um Kommunikation in Form einer Tagung, einer Internetseite und darüber hinaus um den Aufbau eines interregionalen Netzwerks der Akteurinnen und Akteure der Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit in der Großregion. Noch enger gefasst, stehen die Mittel und Methoden der Vermittlung in der Gedenkstätten-und Erinnerungsarbeit im Zentrum des Projekts und damit in enger Verbindung auch der Kunst und Kultur, insofern beide immer auch als Formen der Kommunikation verstanden werden.

 

Erster Schritt: Die Tagung »Land of Memory«

Welche Qualitäten Kunst und künstlerische Techniken für die Erinnerungsarbeit bieten – das zu klären ist vor dem Hintergrund des wachsenden Abstands zur NS-Zeit hochaktuell. Zum einen rücken die vorhandenen Gedenkstätten und Erinnerungsorte stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit. Zum anderen steigt, wenn Erinnerung ohne Zeitzeugen und ohne persönliche Verbindung stattfindet, die Bedeutung der Vermittlung zwischen Einfühlung und Reflexion als Zugang zur Vergangenheit.

Daher war nach den Anforderungen an Kunstobjekte in Gedenkstätten und an Erinnerungsorten zu fragen, ebenso nach der Bedeutung von künstlerischen Techniken für zeitgemäße Formen der Vermittlung in der Gedenkstätten- und Erinnerungspädagogik. Patentrezepte, die an jedem Ort und auf jedes Thema anzuwenden sind, sollten es nicht sein. Vielmehr sollte die Tagung anhand des Wechsels von Vortrag und anschließendem erweiterten Gespräch mit Experten aller Geschlechter vor allem Impulse setzen für die weitere Arbeit der rund 130 Teilnehmenden aus Schulen, Museen, Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen sowie Institutionen der historisch-politischen Bildung der Großregion. Daran war die Auswahl der Referierenden orientiert. Konkret und praxisnah in der Konzeption und zugleich reflektiert, was die Einordnung der jeweils eigenen Arbeit im Hinblick auf die Vermittlung der Themen betrifft.

Dass der Umgang mit »sensiblen Erinnerungen« stets entlang eines »feinen Grates« führt, zeigte die Berliner Architektin und Szenografin Dr. Sonja Beeck anhand von Aufträgen für die Gestaltung der Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin oder in der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen. Notwendig dabei, so Dr. Beeck, ist für den Gestalter »an der Form zu arbeiten«, um einem Ort und seinem Thema gemäße Zugänge im Hinblick auf Dialogfähigkeit und Kontextbezug zu schaffen, vor allem dabei Angebote zu machen, welche den Besuchenden erlauben, aktiv zu sein.

Weitere Aspekte des Themas zeigten sich in der den Vortrag begleitenden Gesprächsrunde. So verwies Volker Gallé, Vorsitzender des Kunst- und Kulturbeirates für politische Bildung Rheinland-Pfalz, dass eine KZ-Gedenkstätte kein Ort wie jeder andere sei, sondern bei der dort gezeigten Kunst immer ein Kontext- und Themenbezug gegeben sein muss. Nicht zuletzt gründete sich einst der Kunst- und Kulturbeirat, der entsprechende Richtlinien erarbeitete und bei Anfragen geltend macht. Das heißt, es ist geklärt, dass immer ein Bezug zum Ort und seiner Geschichte gegeben sein muss, damit manche Anfragen sich gar nicht erst stellen. Frédérique Neau-Dufour, Leiterin der Gedenkstätte KZ Natzweiler-Struthof, erklärte, dass nicht alles, was multimedial an einem Erinnerungsort möglich, auch notwendig sei, um sich mit dem Ort auseinanderzusetzen. Im Gegenteil, so Neau-Dufour, der überbordende Einsatz von Medien könne gerade das verhindern.

Doch ist das Material, aus dem die »Erinnerungen« der Postmemory-Generation gemacht sind multimedial, stellte Professor Sébastien Fevry (Mons/Belgien) fest. Sein Vortrag war bei der Tagung der Dreh- und Angelpunkt zwischen Theorie und Praxis, Wissenschaft und Kunst. Als Medienwissenschaftler beschäftigt er sich mit der Frage, wie sich die sogenannte »Postmemory-Generation« erinnert. Das geschieht, so Fevry, vielfach anhand der im Internet frei sprudelnden Bildquellen. Da der persönliche Bezug dazu fehlt, stellt die Postmemory-Generation diesen Kontext in Filmen, Romanen oder im Medium der Graphic Novel für sich her.

Ein Beispiel für die Recherche der Nachkommen anhand von Fotografien und Textdokumenten als buchstäbliche Reise in die Vergangenheit der Elterngeneration und deren Erfahrungen der Migration zeigt paradigmatisch die Graphic Novel »Palatschinken« von Caterina Sansone und Alessandro Tota. Diese Recherche zu einer vergangenen Zeit anhand fremder Bilder, und wie man sie sich zu Eigen macht, wurde doppelt konkret, in dem das aus zwei Sprecherinnen und einem Musiker bestehende Trio Liquid Penguin Ensemble aus Saarbrücken »Palatschinken« mit seinen angestammten Mitteln nacherzählte. Das geschah im Wechsel mit dem Vortrag Fevrys. Auf diese Weise ergänzte die wissenschaftliche Darstellung eine künstlerische Darstellung. Das geschah in Form der Nacherzählung der Graphic Novel »Palatschinken« durch das Künstlertrio unter dem Titel »Rückreise«. Dazu nutzte das für seine »begehbaren Hörspiele« unter anderem mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD oder dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnete Ensemble seine angestammten Mittel Klang, Text und Fotografie, die in mit Papierfiguren animierten Szenen zusammenfanden und auf eine Videowand übertragen wurden. Dieses Wechselspiel zwischen Künstlertrio und Wissenschaftler war eigens für die Tagung erarbeitet worden.

Die Künstlerin Juliane Heise (Berlin/Oldenburg) hat zahlreiche Projekte mit Jugendlichen in Gedenkstätten im In- und Ausland geleitet. Dabei wurden künstlerische Techniken stets als Möglichkeit verstanden, einen individuellen und damit reflektierten Zugang zur NS-Vergangenheit zu finden. Auch in Saarbrücken lautete die Botschaft: Es gibt keine Patentrezepte. Künstlerische Techniken sind Mittel, um orts- und themenbezogen zu arbeiten, und ihr Einsatz ist von den Gegebenheiten beeinflusst, verbunden mit der Ermutigung, auch außergewöhnliche Ansätze zuzulassen. Wie sich dabei künstlerische Techniken und Medien mit historisch-politischer Bildung verbinden, war mit denjenigen zu klären, die sie aktuell einsetzen. Dafür war Luisa Lehnen wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lernort »Zivilcourage & Widerstand« in Kislau gebeten worden, dies am Beispiel der »Motion Comics« zu erläutern, animierten Bildergeschichten, anhand derer Ereignisse der Jahre 1918 bis 1945 aus Sicht einer historischen Persönlichkeit geschildert werden. Einen anderen Ansatz verfolgt Frank Schroeder, Leiter des Résistance-Museums in Esch-sur-Alzette. Der ehemalige Kunstlehrer berichtete davon, dass die unter seiner Leitung kuratierten Ausstellungen mit Schülerarbeiten, ob Fotos, Malerei oder Graffiti, bisweilen technisch überarbeitet oder als Ganzes für die Präsentation szenografisch aufbereitet werden.

 

Der zweite Schritt: Die Internetseite »Land of Memory«

Das Augenmerk des Kolloquiums galt dabei nicht nur den Gemeinsamkeiten, sondern auch den Unterschieden, in der Bedeutung von Kunst und Kultur in der Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit in den einzelnen Regionen. Die Veranstaltung wollte den Erfahrungsaustausch zwischen den Akteurinnen und Akteuren der Erinnerungsarbeit in der Großregion fördern. Damit das kein leeres Wort bleibt, gilt, was für die Erinnerungsarbeit jenseits der Zeitzeugenschaft und einer auf Phrasen und Rituale eingeschworenen Erinnerungsarbeit gelten muss: Es geht nur jeweils mit einem konkreten thematischen Bezug unter Beachtung des übergeordneten historischen Kontextes und der lokalen sowie regionalen Verankerung.

Ein weiterer Schritt ist daher der Aufbau einer Internetseite durch eine Arbeitsgruppe aus Akteurinnen und Akteuren der mit Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit befassten Institutionen der Großregion. Der Entwurf der von der Saarbrücker Agentur Bureau Stabil gestalteten Internetseite wurde während der Tagung präsentiert. Die Seite »Land of Memory« ist in Form einer Landkarte gestaltet. Der sie tragende Gedanke ist, dass Geschichte stattfindet, sich an Orten manifestiert und diese in ihrer Funktion verändert. Diese Veränderungen sind an Jahreszahlen gebunden und gerade in der Großregion nach 1933, insbesondere nach 1940 von veränderten Grenzverläufen bestimmt. In die Karte der Großregion werden nach und nach die Gedenkstätten und Erinnerungsorte an die NS-Zeit erfasst und mit den bestehenden Internetangeboten der Gedenkstätten, Museen und Erinnerungsorte verlinkt. Die Internetseite soll Anfang 2019 online gehen.

 

Weitere Schritte in Planung: Für Nachhaltigkeit sorgen

Damit das Ende des Interreg-Projektes im Jahr 2020 nicht auch das Ende der Internetseite bedeutet, entwickelt sich derzeit eine Kooperation mit dem Fachbereich »Didaktik der Gesellschaftswissenschaften« am Fachbereich III der Universität Trier im Hinblick auf dessen geplante Internetplattform »Erinnerungsatlas der Großregion«. Denn in Trier stellt man sich derzeit ähnliche Fragen: Welche Rolle spielen kartengestützte Nachschlagewerke zur Erinnerung an den Nationalsozialismus im Internet? Welches Raumverständnis wird dabei entwickelt? Unter der Leitung der Historiker Dr. Jürgen Michael Schulz und Dr. Thomas Grotum begannen 2017 in Trier – zeitgleich mit der Konzeption der Internetseite in Saarbrücken – die Vorarbeiten für einen ›Erinnerungsatlas der Großregion‹. Mit dieser Plattform können ebenfalls Daten über historische Orte mit Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus abgerufen werden. Es ist geplant, weitere historische Epochen in einer späteren Bearbeitungsphase zu erschließen. Die Projektleitung des Erinnerungsatlas möchte Karten, Erinnerungsorte und Verweise auf das historische Geschehen zusätzlich mit didaktischen Werkzeugen versehen. Das heißt, sie mit digitalisierten zeitgeschichtlichen Dokumenten von der Fotografie bis zum Brief sowie um didaktisches Begleitmaterial zu den jeweiligen Erinnerungsorten anzureichern. Auch zeigt sich dabei der Wandel der Erinnerungskulturen in der Großregion anhand von Unterschieden und Gemeinsamkeiten.

Das Trierer Vorhaben versteht seine Internetplattform als Angebot für die schulische und außerschulische Bildung. Dort sind Informationen für den Unterricht in den Sekundarstufen I und II, für die Erwachsenenbildung oder für nonformales individuelles Lernen abzurufen. Gleichzeitig sollen Einrichtungen oder Einzelpersonen, die in der Erinnerungsarbeit tätig sind, die Möglichkeit erhalten, sich miteinander zu ver-netzen. Dafür soll auch ein der Seite angegliedertes Forum die Kommunikation und den Erfahrungsaustausch fördern. Erinnerungspolitische Akteurinnen und Akteure erhalten hier Kenntnis von nur lokal bekannten Orten oder aber bereits länger abgeschlossenen oder ›vergessenen‹ Projekten. Das Vorhaben unterstützt unterschiedliche Handlungsträger der historisch-politischen Bildungsarbeit: Lehrerende und pädagogisch Tätige, historische (Heimat-)Forscherinnen und Forscher sowie ehrenamtlich Mitwirkende.

Beiden Projekten ist gemeinsam, dass durch eine Rasterfunktion die Informationen an die individuellen Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer angepasst werden können. Der Unterschied liegt jedoch darin, dass die im Saarland erarbeitete »Land of Memory«-Seite bereits die Infrastruktur bietet, die der Universität fehlt. Dafür hat man dort Studierende zur Betreuung der Seite zur Verfügung. Da liegt der Gedanke nahe, sie mit dem didaktischen Angebot zu verbinden, auf dass die »Land of Memory«-Seite immer wieder aktualisiert wird und bleibt, anstatt nach Auslaufen des Interreg-Projektes als Geisterschiff im weltweiten Netz zu kreuzen. Die Betreibenden beider genannten Projekte streben daher die Verknüpfung ihrer Plattformen an. Die damit gegebenen Modalitäten, konkret: Die Kooperationen und die damit verbundenen Verantwortlichkeiten zu klären, ist eine weitere Aufgabe eines entstehenden interregionalen Diskurses.

Dr. Sabine Graf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Landeszentrale für politische Bildung und dort zuständig für den Bereich Historisch-Politische Bildung und Erinnerungsarbeit im Saarland sowie in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Bildungsministerium befasst mit der Konzeption und Koordination des saarländischen Beitrags für das Interreg-Projekt »Land of Memory«.