Jutta Klaeren und Thomas Lutz

Ulrike Puvogel – Pionierin der Gedenkstättenbewegung EIN NACHRUF

Gedenkstättenrundbrief Nr. 192 (12/2018) S. 50-51

Am 20. September 2018 ist Ulrike Puvogel im Alter von 74 Jahren in Duisburg gestorben. Ulrike Puvogel war in der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) seit Mitte der 1970er-Jahre in der Abteilung Planung und Grundsatzfragen (heute Grundsatz) und in der Abteilung Außerschulische Erwachsenenbildung als Redakteurin die »Arbeitshilfen für die politische Bildung« tätig.

Ulrike Puvogel hat von Beginn an die Entwicklung der Gedenkstätten für NS-Opfer mit großem Engagement und tatkräftiger Solidarität begleitet. Schon bei den ersten Treffen der westdeutschen Gedenkstätteninitiativen in Dachau und anderen Orten Anfang der 1980er-Jahre hat sie mitgewirkt. In ihrer Funktion als Referentin der bpb hat sie die Erinnerung an historischen Orten zur Anerkennung der Verfolgten des NS-Regimes zu ihrem Anliegen gemacht.

Das bleibende Verdienst von Ulrike Puvogel ist die Erarbeitung von Überblickswerken zur Entwicklung der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte an historischen Orten in der Bundesrepublik Deutschland. Bereits Anfang 1981 hat sie eine erste Bestandsaufnahme von Denkmalen und Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik vorgenommen und die Dokumentation publiziert. Im Jahr 1987 folgte der Schriftenreihe-Band 245 »Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus«, der auf mehr als 760 Seiten alle Denkmale, Gedenkzeichen und Gedenkstätten in der Bundesrepublik aufführte. So weit es in damaliger Zeit mit Briefkorrespondenz und Telefon möglich war, hatte sie diese in gründlicher, häufig weit über die Arbeitszeit hinausgehender Detailarbeit recherchiert. Bereits in diesem Band, der schwerpunktmäßig mit Westdeutschland befasst war, hat Ulrike Puvogel die Gedenkstätten in der DDR berücksichtigt. Ein eigener Beitrag beschrieb die Art und Weise der Darstellung der NS-Geschichte in den Mahn- und Gedenkstätten der DDR.

1996 sowie 2000 folgten die beiden umfassenden Bände zu Orten der Erinnerungskultur in den alten und den neuen Bundesländern. Sie waren zur damaligen Zeit die Standardwerke in der Bundesrepublik zu diesem Thema. Bis heute gibt es keine Nachfolgeveröffentlichung, die in vergleichbar umfassender Weise einen bundesweiten Überblick zumindest über die bestehenden Gedenkstätten, -initiativen und kontinuierlichen Erinnerungsaktivitäten an historischen Orten gibt.

Eine Übersicht in Sinne von Ulrike Puvogel, die alle Gedenkzeichen umfasst, ist heute undenkbar. Zu viele Denkmale, Gedenktafeln und andere Erinnerungszeichen sind in der Zwischenzeit entstanden. Als ein Beispiel sei darauf hingewiesen, dass vor kurzem in Frankfurt der siebzigtausendste Stolperstein verlegt wurde.

Ulrike Puvogel konnte in den 1980er- und 1990er-Jahren diese Pionierarbeit leisten, weil sie kontinuierlich mit Gedenkstätten für NS-Opfer und vielen Initiativen Kontakt hielt. Gerade ihre Unterstützung für die vielen kleinen Initiativen hat ihr eine hohe Anerkennung eingebracht. Einfühlsam und hilfsbereit hat sie sich viele Probleme der Initiativen vor Ort zu eigen gemacht, ihnen Mut zugesprochen und weitergeholfen.

Immer wieder wurde Ulrike Puvogel als Fürsprecherin für das Netzwerk der sich aus bürgerschaftlichen Initiativen langsam zu professionellen Institutionen entwickelnden Gedenkstätten für NS-Opfer angefragt. Als Mitveranstalterin vieler bundesweiter Gedenkstättenseminare, die zunächst gemeinsam mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und ab 1993 mit der Stiftung Topographie des Terrors sowie unterschiedlichen örtlichen Mitveranstaltenden durchgeführt wurden, hat sie wichtige inhaltliche Impulse gesetzt.

Ulrike Puvogel hat mit Kampfgeist die Gedenkstättenarbeit als integrale Aufgabe der politischen Bildung eingefordert und sich für deren nachhaltige Betreuung in der bpb in Form eines eigenen Referates, das 2000 eingerichtet wurde, stark gemacht. Der heute von Hanna Liever geleitete Arbeitsbereich Erinnerungskultur und Gedenkstätten im Fachbereich Print würde ohne Ulrike Puvogels Pionierarbeit wohl nicht existieren.

Die überaus große und weitreichende Wertschätzung für Ulrike Puvogel wurde 2009 nochmals deutlich. Anlässlich ihrer Verabschiedung in den Ruhestand fand ihr zu Ehren eine hochrangig besetzte Konferenz mit dem Thema »Aktuelle Aspekte der Erinnerungskultur in Deutschland. Zur Arbeit in den Gedenkstätten für NS-Opfer« im Haus der Geschichte mit 150 Teilnehmenden statt. Ulrike Puvogel war eine äußerst liebenswerte, stets hilfsbereite, einfühlsame und verständnisvolle Kollegin, die ihrer Arbeit mit großem Engagement und unermüdlicher Sorgfalt nachgegangen ist. Wir werden ihren Rat sehr vermissen.

 

Jutta Klaeren ist Referentin in der Bundeszentrale für politische Bildung und war von 1992 bis 2002 Mitarbeiterin von Ulrike Puvogel.

Dr. Thomas Lutz ist Gedenkstättenreferent der Stiftung Topographie des Terrors. Er hat seit 1984 eng mit Ulrike Puvogel zusammen gearbeitet.