Ulrike Schrader und Norbert Reichling

Modernisierung oder »Neuformatierung«? Was Gedenkstätten für ihre reflexive Weiterentwicklung (nicht) brauchen

Gedenkstättenrundbrief 164 (12/2011) S. 3-8

STELLUNGNAHME ZUM BEITRAG VON HARALD WELZER: »FÜR EINE MODERNISIERUNG DER ERINNERUNGS- UND GEDENKKULTUR«, IN: GEDENKSTÄTTENRUNDBRIEF NR. 162

Ulrike Schrader und Norbert Reichling

für den Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen e.V.

 

Ende 2008 betraute der damalige Ministerpräsident des Landes NRW Jürgen Rüttgers das Kulturwissenschaftliche Institut NRW mit einem Gutachten zur »Weiterentwicklung der Erinnerungskultur« in NRW. Ausgangspunkt und Ziel dieser Expertise beschrieb Rüttgers in seiner Rede zum 70. Jahrestag der »Reichskristallnacht« am 9. November 2008 im Düsseldorfer Landtag, nämlich »die Erinnerungskultur bei uns in Nordrhein-Westfalen zu stärken und dabei neue Wege zu beschreiten« – »eine Erinnerungskultur, die die jungen Menschen erreicht und zu prägen vermag«.1

Herausgekommen ist dabei eine Expertise, die zwar existiert und seit Anfang 2011 zirkuliert, die aber »weder veröffentlicht noch vorgestellt worden ist«,2 auf die an dieser Stelle also auch nicht reagiert werden kann.3 Stattdessen wurden Beiträge des Expertise-Mitautors und Leiters des Center for Interdisciplinary Memory Research am KWI, Harald Welzer, publiziert, und zwar in der Zeitschrift »Aus Politik und Zeitgeschichte« vom 21. 6. 2010 und nun, in Teilen recht ähnlich, im Gedenkstättenrundbrief. Beide Texte kritisieren »die geschichts- und erinnerungskulturelle Praxis« in Gedenkstätten mehr oder weniger scharf, der zweite in polemischer Form. Der argumentative Zusammenhang zwischen dem inoffiziellen Gutachten und den veröffentlichten Texten ist überdeutlich, in weiten Passagen sind die Texte identisch. Deshalb sehen wir uns als Vertreterinnen und Vertreter nordrhein-westfälischer Gedenk- und Geschichtsorte herausgefordert, dazu Stellung zu beziehen.

Dabei dienen unsere Anmerkungen nicht der Abwehr notwendiger, berechtigter unabhängi­ger Kritik. Denn jede Institution braucht den betriebsfremden Blick. Mit dem nun im »Gedenkstättenrundbrief« Nr. 162 abgedruckten Text aber wurde eine solche Chance vertan, weil offenbar Selbstüber­schätzung und festgefasste Vorurteile eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit überflüssig erscheinen ließen.4

 

»Erinnerungskultur« wird nicht allein von Gedenkstätten getragen.

Harald Welzer suggeriert in seinem Beitrag, Erinnerungskultur bzw. die »geschichts- und erinnerungskulturelle Praxis« werde nur oder fast nur von Gedenkstätten verantwortet. Das ist das Ergebnis einer verengenden Sicht und einer Vermischung der Ebenen. An der Erinnerungskultur beteiligt sind u.a. eine breite und vielfältige Medienlandschaft mit ihren unterschiedlichen Formaten (Print, TV und Internet), politische Akteure mit Reden, Debatten, Entscheidungen und Ritualen – auf allen Ebenen, von der Kommune bis zum Bund –, die Institutionen zeithistorischer Forschung, ferner die Schulen und Erwachsenenbildung, die Kirchen und ihre Gemeinden sowie andere bürgerschaftlich organisierte Gruppen und Einzelpersonen. Die Gedenkstätten sind lediglich ein – wenngleich zentraler – Teil dieser vielfältigen und qualitativ extrem heterogenen praktischen Erinnerungskultur. Das Besondere der Gedenkstätten innerhalb dieser zuweilen dissonanten Mehrstimmigkeit ist, dass erstens von ihnen als Institutionen mit Gebäuden an authentischen Orten und mit Mitarbeitern zu Recht Professionalität im Umgang mit der NS-Geschichte, ihrer Rezeption und Vermittlung zu erwarten ist und sie zweitens die Rolle des kritischen und reflektierten Beobachters der Gedenkstättenlandschaft und der öffentlichen Diskurse einnehmen. Vor dem Hintergrund dieses Selbstverständnisses läuft die Kritik Welzers ins Leere. Das, was Harald Welzer mit dem von ihm zu Recht beklagten »Pathos der erinnerungskulturellen Redeformeln« meint, trifft wohl eher auf den Bereich der politischen Rede zu – der Titel der vom Landtag NRW herausgegebenen Dokumentation seiner Gedenkveranstaltung am 9.11.2008: »Gedenken voll Scham und Entsetzen« ist ein gutes Beispiel dafür.5 In den Gedenkstätten wird eine andere Sprache gesprochen.6

 

»Mit ihren Einrichtungen alt geworden …«7 heißt auch:
Dreißig Jahre Erfahrung, Evaluation und Erneuerung

Die praktische Arbeit in den Gedenkstätten hat sich in den letzten dreißig Jahren schritt- und schubweise professionalisiert. In zahlreichen Textbeiträgen haben sich Mitarbeiter der Gedenkstätten auf der soliden Basis jahrelanger Erfahrung mit Besuchern jeden Alters zu Konzepten und Modellen wirksamer Erinnerungskultur zu Wort gemeldet. Ein bis zwei Generationenwechsel haben zu einer zunehmend gelasseneren Vermittlungsweise, zu einem Verzicht auf den »moralischen Zeigefinger« und zu diskursiven, interaktiven und experimentellen Vermittlungsmethoden beigetragen, die längst frei sind von der aufgeregten »Betroffenheit« und dem Überzeugungseifer der 1970er und 1980er Jahre. In diese dreißig Jahre fällt auch die politisch gravierende Veränderung der Welt durch den Zusammenbruch der Sowjetunion, die die instrumentalisierende Vereinnahmung des Nationalsozialismus ad absurdum geführt und von Sichtblockaden befreit hat. Die von Welzer behauptete dichotomische Schwarz-Weiß-Malerei in Gestalt einer undifferenzierten Gegenüberstellung von Tätern und Opfern ist ebenso lange bereits Vergangenheit, wie vielfache Projekte und Produkte der NRW-Gedenkstätten ausweisen.8

In dreißig Jahren praktischer Gedenkstättenarbeit ist die Sicht auf die NS-Geschichte in den Gedenkstätten im Zusammenspiel mit der Zeitgeschichtsforschung, pädagogischen und sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen deutlich versachlicht worden. Unsere Häuser verstehen sich als Lernorte zur historisch-politischen Bildung und zugleich als Orte, die den Opfern gewidmet sind. Mit dem »Abschied von der Zeitgenossenschaft«9 werden sie nun auch immer häufiger zu Orten der familiären Spurensuche der Nachfahren früher verfolgter Familien.

Ihre Professionalität macht die Gedenkstätten zu außerschulischen Bildungseinrichtungen mit beratender Kompetenz. Nicht zuletzt in dieser Rolle haben Gedenkstätten dazu beigetragen, den Geschichtsunterricht in den Schulen durch Impulse und die Befreiung von Denkverboten deutlich zu verbessern. Lehrerfortbildung, Studienreise, Fachtagung, auch Beratungstätigkeit und Schülerwettbewerb sind die Formate, in denen die Gedenkstätten geschichtswissenschaftliche Forschung und pädagogische Erkenntnisse in den Schulalltag (und nicht nur dorthin, sondern auch in die Berufsbildung und Einrichtungen der Jugendhilfe) transportieren.10

 

Die lokalen Gedenkstätten sprechen verschiedene Zielgruppen an und formulieren nicht nur Erziehungsziele. Ihr Publikum ist in erster Linie die gesamte Stadtbevölkerung.

Aber die lokalen Gedenkstätten und Geschichtslernorte in NRW haben es eben nicht nur mit Schulen, Lehrern und Schülern zu tun, was Harald Welzer in seinem Beitrag völlig übersieht. Die Gedenkstätten in NRW, deren thematisches Profil oft weit über den lokalen Beitrag zur örtlichen NS-Geschichte hinausgeht und sich zentraler Themen in grundlegender Weise annimmt – z.B. in Münster der Geschichte der Polizei und der Verwaltung, in Oberhausen der der Zwangsarbeit, in Wewelsburg der Ideologie und des Terrors der SS –, sind als Einrichtungen in ihrer jeweiligen Stadtgesellschaft fest verwurzelt. Erwachsene, und hier vor allem die »best agers« und Senioren, Neubürger und Migranten, bilden einen spezifischen und nicht zu unterschätzenden Besucheranteil lokaler Gedenkstätten. Viele dieser Besucher kommen immer wieder, weil in den meisten Gedenkstätten ein lebendiges Bildungs- und vielfältiges Veranstaltungsprogramm, auch kultureller Natur, angeboten wird. Sie haben oft ambitionierte Fragen und Anliegen und stellen die Einrichtungen vor hohe wissenschaftliche und pädagogische Aufforderungen. Die Besucherstruktur der lokalen Gedenkstätten – nicht nur in NRW – ist also verbindlich, konstant und örtlich eingebunden.11 Die örtlichen Gedenkstätten sind bedeutende Faktoren im kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Städte. Eine Fokussierung auf die Zielgruppe »junge Menschen«, wie Harald Welzer sie vorschlägt,12 ignoriert in sträflicher Weise den großen Part der historisch-politischen Erwachsenenbildung, der in den Gedenkstätten NRW erwartet und geleistet wird.

 

Eine rein erlebnisorientierte und auf Spaß setzende Vermittlung ist ebenso -unangemessen wie autoritäre und entmündigende Belehrung.

In den Gedenkstätten in NRW gibt es weder das eine noch das andere: weder Fun noch Top down. Der thematische Gegenstand, der das Zentrum unserer Arbeit bildet, ist nun einmal alles andere als lustig: Es könnten ja auch die staatlichen und gesellschaftlichen Großverbrechen sein und nicht die Pädagogen mit ihrer Schreckenskeule, die einen gewissen Respekt vor unseren Themen produzieren.13 Das bedeutet aber nicht im Umkehrschluss, dass der thematische Inhalt mit seinen Schrecken die Methode definiert, z.B. indem Jugendliche mit grauenhaften Bildern überwältigt und moralisierend belehrt würden. Wen oder was Harald Welzer hier meint – auch diesen Befund kann er nicht in den Gedenkstätten in NRW erhoben haben – über den dürren Hinweis auf eine Infratest-Untersuchung geht seine Empirie nicht hinaus. In den meisten Einrichtungen trifft man auf moderne, faktenreiche und interaktive Ausstellungen, die der Information und Urteilsbildung dienen, zu Experimenten und Aktionen anregen. Projekttage und Studienseminare, die von jungen und älteren Mitarbeiter/innen im Team geleitet werden, haben den Typ des missionierenden und Gefühle einfordernden »Gedenkarbeiters« längst abgelöst. Wir sind uns sicher, dass die von Welzer und seinen Mitarbeitern angenommenen Betroffenheits- und Beschämungsrituale zumindest in den Gedenkstätten in NRW schon seit Langem nicht mehr ablaufen.14

Manche Aporien der Gedenkstättenpädagogik werden kurz und durchaus richtig benannt; doch auch hier erkennen wir nicht, dass sich Harald Welzer über die Debatten sowie Wirkungs- und Unterrichtsforschung zum Thema informiert hätte.15 Wir gehen mit solch widersprüchlichen Lagen sensibel um, experimentieren und können uns die Welzerschen Illusionen über die schlichte »Erzeugung« kognitiver u.a. Ressourcen nicht leisten.

 

Geschichtliches Wissen ist die Voraussetzung einer historisch-politischen -Bildungsarbeit.

Menschenrechtserziehung ist eine gesellschaftliche Querschnittsaufgabe und kann nicht an die Gedenkstätten allein delegiert werden. Wir halten an unseren Kernauf­gaben fest, Orte der historisch-politischen Bildung und Orte des Gedenkens zu sein. Wo Welzer die Vorstellung entwickelt, dies geschehe heute ohne die Rückkopplung mit dem wissenschaftlichen Diskurs und ohne die Diskussion von Gegenwartsbezügen, kämpft er offenbar mit einem wenig aktuellen Bild pädagogischer Prozesse in Gedenkstätten und Bildungseinrichtungen.

Historisch-politische Bildung und das Gedenken an die NS-Verbrechen und ihre Bedingungen haben ein Eigenrecht, und unsere Besucher haben ein Recht auf beides. Gedenkstätten sind dazu da, dafür seriöse und qualitätvolle Bedingungen zu schaffen. Das von Harald Welzer als Argument bemühte Zahlenwerk der ZEIT-Umfrage mag auf den ersten Blick beeindrucken, aber was sagt es über die Qualität des von den Befragten erworbenen Wissens aus? In den Gedenkstätten machen wir vielmehr Erfahrungen mit Formen trivialisierter Wissensbestände – übrigens nicht nur bei Schülern –, die korrigiert und kontextualisiert werden müssen. Die Idee eines »bürgergesellschaftlichen Lernorts neuen Typs« kann den bestehenden Gedenkstätten und ihrer aktuellen Funktion nur bedingt eingepflanzt werden.

 

»Bürgergesellschaftliche Lernorte neuen Typs« dürfen Gedenkstätten nicht ersetzen.

Sollte Harald Welzer unter »Modernisierung der Erinnerungs- und Gedenkkultur« (das Gutachten sprach noch in technisch-autoritärer Redeweise von »Neuformatierung«) die Errichtung eines »bürgergesellschaftlichen Lernorts neuen Typs« verstehen, stellt sich die Frage, ob damit die bisherigen Gedenkstätten überflüssig werden oder ob ein neuer, zusätzlicher Ort entsteht. Es stellt sich darüber hinaus die Frage, wie ernst eine Politik genommen werden kann, die fordert: »Das Erinnern an diese Verbrechen darf nicht aufhören, niemals. Das ist unsere Verantwortung. Das ist unsere Aufgabe, unsere politische Aufgabe. […] Denn wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.«16 Gemessen an der Bedeutung des bevölkerungsreichsten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen und seiner über zwanzig Gedenkorte hat das Förderengagement des Landes NRW für seine Gedenkstätten ein beklagenswertes Maß. Auch dies ist ein politisches Votum, das in krassem Widerspruch steht zu dem, was in solcher von Harald Welzer zu Recht kritisierter politischer Gedenkrhetorik immer wieder als Wirkungsmacht von Gedenkstättenbesuchen behauptet wird.

Viele Gedenkstätten leisten ihre Arbeit nur durch ein hohes Maß an Ehrenamtlichkeit und Selbstausbeutung und immer in der Sorge wachsender struktureller Defizite und möglicher Existenzaufgabe. Um auch nur einem Gedenkort die erwünschten »avancierten szenografischen Strategien« zu ermöglichen, reicht der gesamte Jahresetat des Landes NRW für Gedenkstätten bislang nicht aus. Vor diesem Hintergrund wäre die Schaffung neuer »erlebnisorientierter« Einrichtungen unter dem Label »Erinnerungs- und Gedenkkultur« untragbar.17

 

Harald Welzers Vorschläge sind keine Alternativen zur praktizierten Gedenkstättenarbeit.

Harald Welzer nennt einige Beispiele sogenannter »best practice« als Alternative zu einer vermeintlichen »Gewalt- und Grausamkeitszentrierung der Erinnerungskultur«. In den Gedenkstätten Nordrhein-Westfalens gibt es allerdings eine solche Erinnerungskultur nicht. Selbstverständlich impliziert das Thema »Nationalsozialismus« über Ausgrenzung, Verfolgung, Mord und Vernichtungskrieg zu sprechen – wie auch nicht? Wir weisen die implizite Unterstellung zurück, auf den hinlänglich bekannten Bildikonen z.B. von Leichenbergen oder tätowierten Kinderarmen unsere Gedenkstättenpädagogik aufzubauen. Aber wir halten es nach wie vor für unabdingbar, über die nationalsozialistischen Verbrechen zu sprechen, und zwar nicht, weil Politiker zu Jahrestagen »ein Gedenken voll Scham und Entsetzen« einfordern, sondern weil das ein unverzichtbarer Teil historisch-politischer Bildung ist.

Wir stehen Welzers Vorschlägen indes nicht deshalb skeptisch gegenüber, weil sie auf falschen Annahmen beruhen. Wir halten sie ­– zumindest teilweise – für wenig originell, überholt und gefährlich. Wenig originell ist die Idee, Handlungsspielräume zum Thema zu machen. Spätestens seit der »Wehrmachtsausstellung« gehören dieser Begriff und die Vokabeln »Retten« und »Helfen« zum festen Wortschatz der Gedenkstättenpädagogik.18 Das Milgram-Experiment ist ebenfalls keine Neuigkeit (1961) und wird auch in den Schulen behandelt, z.B. im Zusammenhang mit der nicht besonders einfallsreichen Lektüre des Jugendbuchs »Die Welle« von Morton Rhue (1981).

Perfekte Erlebnis-Arrangements schließlich führen zu eben der »Überwältigung«, vor der Welzer in Bezug auf die Schrecken des Nationalsozialismus warnt. Es soll auch Jugendliche geben, die Experimente und Rollenspiele ablehnen, weil sie sich davor fürchten oder sie langweilig finden. Thrill und Spaß sind nicht nur nicht die einzigen Methoden, Interesse und Begeisterung bei Jugendlichen zu wecken, sondern sie sind auch dubios – uns ist das zu wenig, und wir verfügen über bessere: klassische und moderne, aktivierende wie informierende. Die pädagogischen Allmachtsphantasien, die hier einmal mehr mit der Idee eines effektiven musealen Arrangements verbunden werden, gehören übrigens auch zu den lange überwundenen Kinderkrankheiten der Gedenkstätten-Bewegung.19

Wissenschaftliche Unterstützung bei den unbezweifelbar weiterhin erforderlichen Prozessen der Moderni­sierung und Professionalisierung müssen sich die Gedenkstätten und die sie begleitenden Entscheidungsträger offenbar andernorts suchen. Wenn die Thesen des Beitrags von Harald Welzer als Zustandsbeschreibung der gegenwärtigen Praxis der Gedenkstätten gelesen werden sollten, erheben wir entschieden Widerspruch, damit geschichtskultu­relle Entscheidungen nicht auf die von Welzer u.a. kolportierten Gerüchte und fragwürdigen Rezepte zurückgrei­fen.

 

Dr. Ulrike Schrader ist seit 1994 Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal und Vorstandsmitglied des Arbeitskreis NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen e.V.

Dr. Norbert Reichling ist Vorsitzender des Trägervereins Jüdisches Museum Westfalen e.V. und Mitglied im Arbeitskreis NS-Gedenkstättenund Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen e.V.

 

 

Eine weiterer Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Aufsatz von Harald Welzer findet sich im GedenkstättenForum: Ingrid Schupette, ­»Holocaust – Sunny Side up? Eine Polemik auf Harald Welzer« (www.gedenkstaettenforum.de; Rubrik: Offenes Forum)

1 Landtag Nordrhein-Westfalen (Hg.): Gedenken voll Scham und Entsetzen. Veranstaltung des Landtags und der Stadt Düsseldorf, Düsseldorf 2008, S. 10.

2 So in der Antwort der Staatskanzlei auf die Bitte um Zusendung, Brief vom 9. Juni 2011 (Archiv Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal).

3 Man muss sich allerdings fragen, welche Funktion eine solche Expertise haben soll, wenn sie nicht auch in der Öffentlichkeit bestehen kann. Die Autoren haben eine Publikation auf der Internetseite des Gedenkstättenforums abgelehnt. Darum wird hier auch nicht en détail auf die erstaunliche Bestandsaufnahme der NRW-Gedenkstätten eingegangen.

4 Es sollte zu denken geben, dass eine journalistische Initiative aus dem antifaschistischen Spektrum deutlich mehr Differenzierungsbereitschaft und Erkenntnisse zu Entstehung und Perspektiven der nordrhein-westfälischen Gedenkstätten zutage gefördert hat: vgl. Lotta. Antifaschistische Zeitung (Hrsg.): Wege des Gedenkens. Erinnerungsorte an den Nationalsozialismus in Nordrhein-Westfalen, Oberhausen 2011.

5 vgl. Anm. 1.

6 Es kommt allerdings vor, dass Kommunalpolitiker Gedenkstättenmitarbeiter mit Textbausteinen oder ganze Reden zu den bekannten Anlässen beauftragen. Das bedeutet aber nicht, dass die Redner sich an das gelieferte Konzept auch halten.

7 So der Vorsitzende des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten NRW, Alfons Kenkmann, über die Gedenkstättenmitarbeiter der ersten Stunde in seinem Beitrag »Fokussierung oder Vielfalt? Aktuelle Diskussionen um die Struktur der NS-Gedenkstätten – Berlin und Nordrhein-Westfalen im Vergleich«, in: Katrin Hammerstein: Aufarbeitung der Diktatur – Diktat der Aufarbeitung, Normierungsprozesse beim Umgang mit diktatorischer Vergangenheit, Göttingen 2009, S. 68f.

8 Vgl. z.B. die Website www.lebensgeschichten.net

9 Frei, Norbert: Abschied von der Zeitgenossenschaft. Der Nationalsozialismus und seiner Erforschung auf dem Weg in die Geschichte, in: WerkstattGeschichte 20 (1998), S. 69–83.

10 Übrigens zeichnet Welzer auch von den Schulen insofern ein Zerrbild, als er den dortigen Generationenwechsel ebenfalls ignoriert. Dies würde nämlich seine Argumentation über die Alterskohorte der Beschämung und des Pathos beschädigen.

11 Hinzu kommen Touristen und Vertreter der Nachfolgegenerationen der Täter, Opfer und »Bystander« mit ihren spezifischen Fragen.

12 Er tut dies allerdings auftragsgemäß, denn Jürgen Rüttgers hatte vor allem »die jungen Menschen« im Blick. Auch dies gehört zur Toposlehre der politischen Gedenkrede.

13 Hier sollte man sich vor Augen halten, dass nicht alles, was Schülern erfolgreich und nachhaltig vermittelt werden soll, angenehm ist. Es wäre z.B. sicher verfehlt, auf einen gemeinsamen Theaterbesuch deshalb zu verzichten, weil man sich dort still zu verhalten, zuzuhören und auch sonst »zu benehmen« hat.

14 Gleichwohl trifft die Polemik Harald Welzers gegen die »Beschilderung der Republik mit Tafeln, die an die Untaten des nationalsozialistischen Regimes erinnern«, etwas Wahres. Diese Aktivitäten liegen außerhalb des Verantwortungsbereichs der Gedenkstätten und werden durchaus auch mit Skepsis und differenzierter Kritik gesehen. Aber auch hier wird über das Ziel deutlich hinausgeschossen; denn die lokalgeschichtliche Akribie mancher Recherche eröffnet natürlich für Projekt- und Lerngruppen auch neue selbstbestimmte Wege, sich in eine Beziehung zur NS-Geschichte des Heimatorts zu setzen.

15 Vgl. z.B. Lernen aus der Geschichte, Magazin 04/11 vom 13. 4. 2011; »Einsichten und Perspektiven«, Heft 1/2008: Holocaust Education.

16 So Dr. Jürgen Rüttgers in seiner Rede zum 9. November 2008 im Düsseldorfer Landtag, abgedruckt in der unter Anm. 1 genannten Dokumentation, S. 8.

17 Erfreulicherweise wird die Tendenz, immer wieder neue Museen zu errichten, von der neuen Landesregierung mit Skepsis gesehen. »Wir wollen auch darüber diskutieren, ob es richtig ist, immer neue Kulturorte zu schaffen, neue Museen, neue Konzerthäuser, neue industriekulturelle Orte – angesichts der Tatsache, dass schon heute die Mittel für einen optimalen Betrieb bereits vorhandener Einrichtungen nicht ausrechen.« (so NRW-Kulturministerin Ute Schäfer, in: Westdeutsche Zeitung vom 19. 7. 2011).

18 Ein Beispiel: Die Berliner Gedenkstätte »Stille Helden« vertreibt mit großem Erfolg die Unterrichtsmappe »Papa Weidt«, die mit Fallbeispielen aus den Gedenkstätten in NRW von der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal zusammengestellt wurde, und zwar im gesamten Bundesgebiet!

19 Unserer Meinung nach konstruktiv fasst Bert Pampel in einem lesenswerten Beitrag in drei gut begründeten Statements zusammen, was wir selbstkritisch durchaus selber sehen und woran wir ständig arbeiten: »Wer möglichst viele Informationen vermitteln will, neigt zum Monologisieren und empfindet Fragen als störend […] Wer unbedingt Empathie oder gar Trauer bewirken will, neigt zur Emotionalisierung und erzeugt Abwehr. Wer aus der Vergangenheit Lehren für die Gegenwart vermitteln will, wirkt schnell moralisierend.« in: Gedenkstättenrundbrief Nr. 162 8/2011, S. 27.

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