Peter Reif-Spirek und Susanne Zimmermann

»Überweisung in den Tod«

Gedenkstättenrundbrief 117 S. 29-30

Eine Ausstellung zur NS-Kinder-›Euthanasie‹ in Thüringen

Am 18. Oktober 2003 demonstrierten etwa 150 Neonazis in der Erfurter Innenstadt. Die Polizei löste ihre Abschlusskundgebung auf dem Domplatz auf, als ein Redner die nationalsozialistischen Euthanasieverbrechen rechtfertigte. Nur wenige Tage zuvor war im Thüringer Landtag unter großer öffentlicher Anteilnahme die Ausstellung »Überweisung in den Tod« – NS-Kinder›euthanasie‹ in Thüringen» eröffnet worden.

In der NS-Zeit starben mehr als 200 000 kranke und behinderte Menschen einen organisierten, gewaltsamen Tod. »Euthanasie« war dabei die Legitimations- und Tarnformel für ein staatlich organisiertes Mordprogramm. Die Menschen erstickten in den Gaskammern, wurden durch Überdosierung von Medikamenten, Nahrungsentzug oder Verweigerung ärztlicher Hilfe getötet. Die Täter waren Ärzte, Schwestern und Pfleger. Zu ihren Opfern gehörten auch 5 000 behinderte Kinder und Jugendliche, die im Rahmen der Kinder›euthanasie‹ erfaßt und in eigens geschaffenen »Kinderfachabteilungen«, die zumeist psychiatrischen Anstalten angegliedert waren, getötet wurden. Spätestens seit 1941 begannen sich die Thüringer Landesheilanstalten Stadtroda – unter ihrem Direktor Dr. Gerhard Kloos – als Zentrum der Tötung behinderter Kinder in Thüringen zu etablieren. Die in NS-Kreisen bekannte positive Haltung von Dr. Kloos zur »Ausmerze lebensunwerten Lebens« spielte die entscheidende Rolle, dass Ende 1942 beschlossen wurde, die Thür. Landesheilanstalten Stadtroda in die staatlich organisierte Kinder«euthanasie« einzubinden und eine »Kinderfachabteilung« einzurichten.

Nach 1945 wurden die verantwortlichen Stadtrodaer Ärzte strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen, obwohl 1946/47 die Kriminalpolizei und 1964/65 das Ministerium für Staatssicherheit der DDR ermittelten. Die Ermittlungen wurden eingestellt, die Ergebnisse nicht genutzt, weil Mediziner, die in die NS-Euthanasieverbrechen verwickelt waren, in der DDR hohes Ansehen genossen. Die Opfer der NS-Medizinverbrechen gehörten zu den »vergessenen Opfern« des DDR-Antifaschismus. Täter konnten auch in der DDR ihre Medizinerkarriere fortsetzen. Ebenso wenig wurde der im Westen Deutschlands lebende ehemalige ärztliche Direktor Gerhard Kloos juristisch belangt. Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen 1963/64 wurden mangels Beweisen eingestellt.

Im Jahr 2000 erlebte Thüringen und besonders die Stadt Jena eine öffentliche Kontroverse, nach dem die Zusammenarbeit des damaligen Direktors der Jenaer Universitätskinderklinik Jussuf Ibrahim (1877–1953) mit Stadtroda bei der Tötung behinderter Kinder zweifelsfrei nachgewiesen worden war. Im Zuge dieser Auseinandersetzung leitete die Staatsanwaltschaft Gera gegen die frühere Dekanin der Jenaer Medizinischen Fakultät und Direktorin der Hals-, Nasen- und Ohrenklink, Prof. Rosemarie Albrecht, ein Ermittlungsverfahren wegen des Anfangverdachts mehrfachen Mordes ein, das bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Die heute 88-jährige, die von 1940–1942 für die Frauenabteilung in Stadtroda verantwortlich war, soll an der Tötung von Patienten beteiligt gewesen sein.

Die Ausstellung dokumentiert die NS-»Euthanasie«verbrechen in Thüringen und ihre Nachgeschichte in der DDR bis hin zu den aktuellen Auseinandersetzungen um die Ehrenbürgerschaft von Jussuf Ibrahim in Jena. 43 Einzelschicksale stehen für das Leiden aller in Stadtroda zu Tode gekommenen Kinder und Jugendlichen. Alle verband eine Gemeinsamkeit: Sie wurden von Ärzten als »bildungs- und arbeitseinsatzunfähig« und somit als »lebensunwert« eingestuft. Mit dieser Ausstellung soll den Opfern ein Gesicht gegeben werden.

Die Ausstellung wurde von einem breiten Trägerkreis vorbereitet, der seit der Auseinandersetzung in Jena um die Ehrenbürgerschaft von Jussuf Ibrahim kooperiert. Ihm gehören das Institut für Geschichte der Medizin (Klinikum) der FSU Jena, das Institut für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik der FSU Jena, das Historische Institut der FSU Jena, die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, der Landesbeauftragte des Freistaats Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik und die Geschichtswerkstatt e. V., Jena an. Die Ausstellung wird vom 15. Januar 2004 an für vier Wochen in der Asklepios Fachklinik GmbH in Stadtroda, Bahnhofstr. 1, zu sehen sein. Im Anschluss wird sie ab Ende März für acht Wochen in der Gedenkstätte Bernburg gezeigt.

Die Ausstellung besteht aus 25 Tafeln (Größe: 1 m x 1,40 m). Persönliche Dinge eines in Stadtroda umgekommenen Kindes können in einer Vitrine ausgestellt werden. Eine künstlerische Figurengruppe von Angela Breidbach begleitet die Ausstellung.

 

Interessenten für die Ausleihe wenden sich an

Institut für Geschichte der Medizin, PD Dr. Susanne Zimmermann

c/o Ernst Haeckel-Haus, Berggasse 7, 07745 Jena, b6zisu@nds.rz.uni-jena.de

 

Ergänzende Literatur zur Ausstellung

Peter Reif-Spirek, Später Abschied von einem Mythos. Jussuf Ibrahim und

die Stadt Jena. In: ders./Annette Leo: Vielstimmiges Schweigen.

Neue Studien zum DDR-Antifaschismus. Berlin 2001

Susanne Zimmermann, Renate Renner, Prof. Jussuf Ibrahim und die

Kindereuthanasie (1). Ärzteblatt Thüringen 14(2003) 7–8, S. 522–525

und 14 (2003)9, S. 597–599

Artikel als PDF verfügbar
(GedRund117_29-30.pdf)