Anna Ruhland

»Schwarz auf Weiß – Fotografien vom Konzentrationslager Buchenwald«

Gedenkstättenrundbrief 140 S. 20-31

Die neue Sonderausstellung der Gedenkstätte Buchenwald

Die Fotogeschichte des KZ Buchenwald beginnt bereits vor seiner Gründung. Die ersten 149 Häftlinge waren kaum auf dem Ettersberg angekommen, als sie, noch neben den Lastwagen stehend, bereits von Mitarbeitern der Kriminalpolizei Weimar fotografiert wurden. Diese hatten den Auftrag, den Aufbau des Lagers zu dokumentieren. Nachdem sie Tage zuvor bereits Bauarbeiten fotografiert hatten, waren sie nun auch bei der Ankunft der ersten Häftlinge dabei. Auf der Rückseite des Fotos vermerkten die Polizeibeamten bürokratisch genau: »Aufnahme im Konzentrationslager i. Ettersberg. Das Lichtbild zeigt die Ankunft der ersten Schutzhaftgefangenen im Konzentrationslager im Ettersberg. Aufgenommen am 15. Juli 1937 vormittags.«

Genau 70 Jahre später wurde in der Gedenkstätte Buchenwald im Beisein ehemaliger Häftlinge eine Fotoausstellung mit dem Titel »Schwarz auf Weiß: Fotografien vom Konzentrationslager Buchenwald« eröffnet. Die Ausstellung, die von einem Projektteam um den Kurator Rikola-Gunnar Lüttgenau erarbeitet wurde,1 gibt erstmals einen Überblick über die Fotogeschichte des Lagers während der acht Jahre seines Bestehens sowie in den Wochen und Monaten nach seiner Befreiung. Auf 800 m² werden im 2. Obergeschoss der ehemaligen Effektenkammer über 300 Reproduktionen historischer Fotos präsentiert. Sie wurden aus mehr als dreißig Sammlungen in neun Ländern zusammengetragen. Die Ausstellung ist zweisprachig (deutsch/englisch), zusätzlich liegen französische Übersetzungen der wichtigsten Texte aus.

 

Konzeptionelle Überlegungen

Fotos sind in historischen Ausstellungen, wie auch in Publikationen, lange Zeit als bloße Illustrationen verwendet worden, ohne sie als Quellen ernst zu nehmen.2 Zu einem Bewusstseinswandel trug die Diskussion um die beiden Wehrmachtsausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung Mitte der 1990er Jahre entscheidend bei. Zur Frage des Umgangs mit Fotografien aus Konzentrationslagern gab zudem Cornelia Brinks Dissertation über die Rezeptionsgeschichte der »Ikonen der Vernichtung«3 wichtige Denkanstöße. Inzwischen wird gar ein visual turn der Geschichtswissenschaften konstatiert, dem sich 2006 auch der Historikertag in Konstanz widmete.4 Eine Reihe von Fotoausstellungen zu den Themen Nationalsozialismus und Holocaust haben in den letzten Jahren gezeigt, wie spannend und lohnenswert neue Forschungen in diesem Bereich sind.5

Die Gedenkstätte Buchenwald hatte bereits 2003 eine kleinere Ausstellung erarbeitet, die sich ausschließlich mit Fotografien des befreiten Lagers befasste.6 Sie war nach Provenienzen gegliedert und ermöglichte so, die unterschiedlichen Perspektiven der Fotografen wahrzunehmen. Aufgrund der positiven Resonanz beschloss die Gedenkstätte, die begonnenen Recherchen systematisch fortzuführen und somit eine professionelle Grundlage für weitere Ausstellungen zu schaffen. In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt konnte ein Großteil der etwa 10 000 Bilder umfassenden Fotosammlung nach Provenienzen geordnet, digitalisiert und in einer Datenbank erschlossen werden.7 Recherchen in Archiven wie den National Archives in Washington oder dem Service Historique de la Défense in Vincennes bei Paris, aber auch in Internet-Auktionshäusern förderten zudem zahlreiche bislang unveröffentlichte Aufnahmen zu Tage. Eine Auswahl von etwa 1000 Fotos ist seit Januar in einer Internet-Datenbank zugänglich.8

Mit der neuen Sonderausstellung greift die Gedenkstätte Buchenwald den Wunsch vieler Besucher nach Visualisierung auf. Gerade weil im Bereich des ehemaligen Häftlingslagers nur noch wenige Gebäude stehen, ist das Interesse an Fotos (und Filmaufnahmen) groß. Besonders für Jugendliche, die bevorzugt visuelle Medien nutzen, bieten Bilder eine gute Zugangsmöglichkeit zur Geschichte des KZ.9 Die Anschaulichkeit und Unmittelbarkeit des Mediums birgt allerdings auch Risiken in sich. Die Gefahr liegt genau darin, dass Fotos – zu Unrecht – häufig als eindeutig und objektiv wahrgenommen werden.10 Ein Ziel der Ausstellung ist es daher, zu zeigen, dass Fotos genauso quellenkritisch interpretiert werden müssen wie schriftliche Zeugnisse auch. Das Ausstellungsteam hat sich um eine möglichst genaue Rekonstruktion der jeweiligen Entstehungsgeschichte bemüht, sofern dies die oft lückenhafte Überlieferung zuließ. Zudem werden die Fotos grundsätzlich unbeschnitten gezeigt.

 

Die Quellenlage

Die Fotogeschichte Buchenwalds kann – besonders, was die eigentliche Lagerzeit vor der Befreiung angeht – nur mit gravierenden Leerstellen präsentiert werden. Dies betrifft zum einen die Fotos, die gemacht wurden, aber nicht überliefert sind. So wissen wir, dass routinemäßig sämtliche Häftlinge, die Selbstmord begangen hatten, fotografiert wurden;11 doch nicht ein einziges dieser Fotos ist überliefert. Viele Fotos und Negative wurden beim Bombenangriff der Alliierten am 24. August 1944 zerstört, bei dem – neben der Rüstungsfabrik als eigentlichem Ziel – auch die Fotoabteilung getroffen wurde. Zum anderen sind mit Leerstellen aber auch jene Aspekte des Lagerlebens gemeint, die unseres Wissens nach niemals fotografiert worden sind, weil sie in den Augen der Täter nicht erinnerungswürdig waren. Der Alltag der Häftlinge, ihre Individualität und auch ihr Leid sind aufgrund der zur Verfügung stehenden fotografischen Quellen nur schwer zu fassen. Dabei weisen Häftlingszeichnungen, wie sie in der ständigen Kunstausstellung der Gedenkstätte zu sehen sind, darauf hin, wie wichtig gerade diese Themen den KZ-Insassen waren.

Zum besseren Verständnis der Quellenlage soll im Folgenden die Entstehungsgeschichte der Fotos kurz skizziert werden. Hier lassen sich zunächst zwei Bereiche klar voneinander unterscheiden: die Zeit vor der Befreiung des Lagers am 11. April 1945 und die Zeit danach. Während der Lagerzeit besaß die SS ein Monopol auf die Anfertigung von Fotografien. Von wenigen – allerdings hoch interessanten – Ausnahmen abgesehen, bestimmten also die Täter allein, welche Fotos von Buchenwald gemacht wurden – und damit, welches Bild vom KZ in Erinnerung bleiben sollte. Bereits eines der ersten Fotos aus dem neu gegründeten Lager hält ein bezeichnendes Motiv fest: Ein Schild mit der Aufschrift »Fotografieren verboten«.

Die Existenz des Fotos belegt freilich, dass es Ausnahmen von dieser Regel gab: Neben der Kriminalpolizei Weimar durften bereits in der Anfangsphase ausgewählte SS-Männer Fotoaufnahmen machen. Schon einen Monat nach der Gründung des Lagers ist in einem Kommandanturbefehl12 von einer Lichtbildwerkstatt die Rede, die später zu einer Fotoabteilung ausgebaut wurde. In diesem Arbeitskommando, ab 1942 Erkennungsdienst genannt, waren unter SS-Aufsicht durchschnittlich neun Häftlinge beschäftigt, von denen einige auch selbst fotografierten. Eine der Hauptaufgaben der Abteilung war die Anfertigung von Einlieferungsfotos, die auf die Häftlingskarteikarten geklebt wurden. Ein Interview mit dem langjährigen Kapo der Fotoabteilung, dem deutschen politischen Häftling Eberhard (Edo) Leitner, ist in einer Videostation in der Ausstellung zu sehen.13 Von einem weiteren Mitglied der Fotoabteilung, dem Franzosen Georges Angéli, stammen die einzigen Fotos, die das Lager während seines Bestehens aus der Häftlingsperspektive zeigen. Angéli gelang es, eine ausrangierte Kamera vom Dachboden der Fotoabteilung zu entwenden und an einem arbeitsfreien Sonntag im Juni 1944 heimlich eine Serie von elf Fotos anzufertigen.

Fotos, die Buchenwald nach seiner Befreiung zeigen, entstanden aus einem völlig anderen Zusammenhang heraus. US-amerikanischen Militärfotografen, aber auch Journalisten und befreiten Häftlingen war es nun möglich, die katastrophalen Zustände auf Film festzuhalten. Aus den Wochen und Monaten nach der Befreiung sind weitaus mehr Fotos erhalten als aus den fast acht Jahren zuvor. Diese Bilder, die in einer spezifischen, für die gesamte Lagerzeit eigentlich untypischen Situation entstanden, prägten nachhaltig die Vorstellung vom KZ Buchenwald. Neben professionellen Fotografen hielten auch »Knipser« – vor allem Soldaten, die in Gruppen durch das Lager geführt wurden – ihre Eindrücke für private Zwecke fest. Buchenwald war das erste große, von westlichen Alliierten befreite Lager, das zum Zeitpunkt seiner Befreiung noch belegt war. Zwar waren mehr als 20 000 Häftlinge von der SS noch auf Todesmärsche getrieben worden, doch etwa ebenso viele erlebten die Befreiung durch die 3. amerikanische Armee. Fotos der Überlebenden wie auch der Toten, die beim Eintreffen der Befreier zu Leichenbergen aufgestapelt im Krematoriumshof lagen, gingen innerhalb weniger Tage um die Welt. Befreite Häftlinge wie der Zeuge Jehovas Alfred Stüber, zuvor ebenfalls in der Fotoabteilung beschäftigt, dokumentierten bereits Ende April 1945 die Spuren des Verbrechens im Auftrag des Internationalen Lagerkomitees.

 

Struktur und Gestaltung der Ausstellung

Die prinzipielle Zweiteilung der Fotogeschichte des KZ Buchenwald spiegelt sich in der Struktur der Ausstellung wieder. Sie ist in zwei Abschnitte – vor und nach der Befreiung – unterteilt, die sich auch gestalterisch deutlich voneinander unterscheiden. Während die Fotos im ersten Abschnitt in geschlossenen Kabinetten präsentiert werden, die für den stark eingeschränkten, von der SS kontrollierten Blick auf das Lager stehen, ist die Präsentation im zweiten Teil offener. Beide Abschnitte sind in dieselben vier Themenblöcke unterteilt: der Ort, die Häftlinge, die Täter und der Blick von außen. Die Themenblöcke, die jeweils mit einem Großfoto sowie einem Zitat eingeleitet werden, sind wiederum in insgesamt 20 Sektionen unterteilt. Daraus ergibt sich folgende Gliederung:

• Das Lager (Aufbau des Lagers; Musterlager Buchenwald; Der Luftangriff 1944 – Anfang vom Ende)

• Die Häftlinge (Häftlinge im Blick der SS; Heimlich fotografiert)

• Die SS (Die Elite des Dritten Reiches; SS-Männer unter sich)

• Der Blick von außen (Öffentliche Zurschaustellung; Das geheime Foto; … mitten im deutschen Volke)

• Das Lager als Beweis (Beweisaufnahme; Im Auftrag des Lagerkomitees; Buchenwald in Farbe)

• Die Befreiten (Überlebende; Vom Häftling zum Zeugen; »Aufbau einer neuen Welt«; Vor der Abreise)

• Die Täter (SS-Männer als Gefangene; Angeklagte im Dachauer Buchenwald-Prozess)

• Neue Öffentlichkeit

Im Unterschied zu der 1995 eröffneten Dauerausstellung zur Geschichte des KZ, die sich allein auf den dokumentarischen Charakter von Fotos konzentriert, ohne ihr visuelles Potential zu nutzen, kommt die Fotoausstellung den veränderten Sehgewohnheiten der Besucher stärker entgegen. Die Fotos wurden, ihrer Bedeutung nach, unterschiedlich stark vergrößert, so dass nun auch Details wahrgenommen werden können. Die Bildstrecken setzen sich somit aus Großfotos und kleineren »Assistenzfotos« zusammen. Neben den recht knapp gehaltenen Bildunterschriften bieten vor allem die Sektionstexte die Möglichkeit, mehr über die Entstehungsgeschichte der Fotos zu erfahren. Als alternative Zugangsmöglichkeit stehen den Besuchern laminierte Biographie-Blätter zur Verfügung, auf denen viele der Fotografinnen und Fotografen näher vorgestellt werden. Sitzbänke laden zum Lesen ein; die Blätter können jedoch auch auf dem Weg durch die Ausstellung mitgenommen werden. Als zusätzliches Angebot werden in einem Kinoraum abwechselnd ein Dokumentarfilm der Amerikaner über die Befreiung Buchenwalds sowie ein rekonstruierter Diavortrag des bereits erwähnten ehemaligen Häftlings Alfred Stüber gezeigt, die beide schon 1945 der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Im Folgenden sollen die acht Themenblöcke anhand einiger Beispiele vorgestellt werden.

 

Erster Abschnitt: Die Lagerzeit

Im Kabinett »Das Lager« haben die Besucher die Möglichkeit, ausgewählte Seiten des Fotoalbums »Buchenwald Jahresende 1943« zu betrachten, das heute im Musée de la Résistance et de la Déportation in Besançon aufbewahrt wird.14 Dieses Album, 1943 unter dem zweiten Lagerkommandanten Hermann Pister angelegt, präsentiert den Gesamtkomplex Buchenwald, wobei dem SS-Standort weitaus mehr Seiten gewidmet sind als dem Häftlingslager. Die Bildbeschriftung in Schönschrift wurde von Häftlingen der Fotoabteilung ausgeführt. Besonders auffällig an diesem Album ist die fast vollständige Abwesenheit von Menschen – und das zu einem Zeitpunkt, an dem sich ca. 19 000 Häftlinge im Stammlager befanden. Die Fotografen hatten offenbar die Anweisung, ausschließlich den Ort mit seinen Gebäuden und technischen Einrichtungen im Bild festzuhalten. Buchenwald wird als »Musterlager« vorgestellt, das modern eingerichtet und klinisch sauber erscheint. Das Leben und Sterben der Häftlinge hat in diesem Album keinen Platz; nur vereinzelt lassen sich Hinweise darauf in den Fotos erkennen. Als Beispiel sei die Seite über das erst Ende 1942 gebaute Desinfektionsgebäude genannt. Die Bezeichnung »Entlausungsanstalt« verschleiert die tatsächliche Bedeutung der Desinfektion im Rahmen der Einlieferungsprozedur, bei der die Häftlinge gedemütigt und eingeschüchtert wurden. Die vielen Kleiderbündel auf dem Foto rechts oben verweisen auf die Menschen, die – obwohl selbst nicht abgebildet – diese Prozedur offenbar kurz vor Entstehen der Aufnahme durchlaufen mussten.

 Bei anderer Gelegenheit wiederum hat die SS durchaus Aufnahmen ihrer Opfer gemacht bzw. machen lassen. Im Kabinett »Die Häftlinge« findet sich ein Foto, das Männer in Zivilkleidung, aber mit geschorenen Köpfen auf dem Appellplatz zeigt. Es handelt sich dabei um Juden, die in den Tagen nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 verhaftet und aus Städten wie Breslau, Dresden, Frankfurt, Bielefeld, Aachen sowie aus ganz Thüringen ins KZ Buchenwald verschleppt wurden. Viele von ihnen halten Hüte, einer sogar einen Koffer in der Hand. Sie werden von SS-Leuten (rechts im Bild) bewacht. Im Hintergrund ist zu sehen, wie Häftlinge des Friseurkommandos (in gestreifter Uniform) einigen der neu eingelieferten Männer die Köpfe rasieren. Das Foto gehört zu einer Sammlung, die nach der Befreiung des Lagers im April 1945 von dem ersten amerikanischen Kommandanten Lorenz Schmuhl gefunden wurde. Sein Sohn Robert A. Schmuhl übergab sie 1995 an das United States Holocaust Memorial Museum in Washington, das wiederum der Gedenkstätte Buchenwald Abzüge zur Verfügung stellte.15

Im Kabinett »Die SS« sind sowohl Personalfotos zu sehen, als auch Aufnahmen von SS-Männern bei der Arbeit und in der Freizeit. Erstmals wird die Privataufnahme eines jungen SS-Unterscharführers, Karl Hänsel, gezeigt, der seine Kameraden mit einem Schneemann fotografierte. Die Aufnahme entstand im Winter 1937/38 und zeigt Angehörige der Wachmannschaft des KZ Buchenwald aus der 3. SS-Totenkopfstandarte »Thüringen«. Das Foto befindet sich in einem Album mit der Aufschrift »Meine Ehre heißt Treue. Erinnerungen«, das die Tochter Karl Hänsels 2006 der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg übergeben hat, und zeigt, welchen Teil ihres Alltags die SS-Männer selbst in Erinnerung behalten wollten. Außenstehende erhielten in der Regel keine Erlaubnis, das KZ zu betreten, geschweige denn dort zu fotografieren. Was sie aber durchaus sehen konnten, waren die Häftlinge, die außerhalb des Lagers Zwangsarbeit leisten mussten. Vor allem nach Kriegsausbruch waren Buchenwalder Häftlinge in zahlreichen Außenkommandos von Torgau an der Elbe bis nach Düsseldorf am Rhein eingesetzt. Im Kabinett »Blick von außen« sind daher Fotos aus verschiedenen deutschen Städten zu sehen. Ein Foto aus Köln zeigt ein Arbeitskommando in gestreifter Häftlingskleidung bei Aufräumarbeiten in der von Bombenangriffen zerstörten Altstadt. Die Aufnahme ist mit der Original-Bildbeschriftung des Fotografen, des Lokalredakteurs Josef Fischer, auf Durchschlagpapier erhalten geblieben. Diese macht deutlich, mit welcher Selbstverständlichkeit Häftlinge zum Straßenbild gehörten und von der Bevölkerung, in Köln ebenso wie in Weimar, wahrgenommen wurden: »Blick aus unserem Küchenfenster. Eine Arbeitskolonne macht Feierabend. Es sind Insassen eines Konzentrationslagers, das in der Messe eingerichtet ist. Auf. Okt. 43.«

 

Zweiter Abschnitt: Die Zeit nach der Befreiung

Nach der Befreiung des KZ Buchenwald stand für die Fotografen des sogenannten Signal Corps, der Nachrichtentruppe der amerikanischen Armee, die Beweissicherung an erster Stelle. Stapel ausgemergelter Leichen, Skelette in den Krematoriumsöfen sowie Haufen von Knochenasche sind auf ihren Fotos im Themenbereich »Das Lager als Beweis« zu sehen. Auch die Kriegskorrespondentin Margaret Bourke-White, die für das Magazin LIFE die 3. US-Armee von General Patton begleitete, fotografierte im Bereich des Krematoriums. Ein Privatfoto des amerikanischen Offiziers Parke O. Yingst dokumentiert, dass sie das mit der Professionalität einer erfahrenen Fotografin tat. Yingsts Bild zeigt die Journalistin, wie sie mit dem Belichtungsmesser die Aufnahme eines mit Leichen beladenen Lkw-Anhängers im Krematoriumshof vorbereitet. Die Untersicht, von ihr auch »Raupensicht« genannt, ist typisch für ihre Arbeit. Die Konzentration auf ihre berufliche Aufgabe half der Amerikanerin, die schrecklichen Eindrücke auszuhalten. In ihrem Buch Deutschland, April 1945 berichtete sie später: »Ich sagte mir ständig vor, ich würde erst dann an das unbeschreiblich gräßliche Bild in dem Hof vor mir glauben, wenn ich meine eigenen Photos zu sehen bekäme. Die Kamera zu bedienen, war fast eine Erleichterung, es entstand dann eine schwache Barriere zwischen mir und dem bleichen Entsetzen, das ich vor mir hatte.«16

Entsetzt waren die Befreier auch angesichts des Anblicks der Überlebenden, von denen viele dem Tod näher schienen als dem Leben. Besonders im völlig überfüllten »Kleinen Lager«, in das in den Monaten zuvor die Massentransporte aus den evakuierten Lagern im Osten gesperrt worden waren, waren viele der Jungen und Männer zu Skeletten herabgemagert. Mehrere der Fotografien, die im Bereich »Die Befreiten« ausgestellt sind, haben später große Bekanntheit erlangt, sind gar zu Symbolen des Holocaust geworden. Dazu zählt eine Aufnahme, die der Signal Corps-Soldat Harry Miller am 16. April im Block 56 des Kleinen Lagers, einer fensterlosen Pferdestallbaracke mit vierstöckigen Holzpritschen anstelle von Betten, machte. Rechts oben im Bild ist Mel Mermelstein, damals 18 Jahre alt, zu sehen. Er erinnert sich: »Then an order was given for us to file into the racks again. […] I rushed to the top of the rack, attempting to conceal myself from these people whom I knew nothing about. Then the flash of a light bulb went off and I quickly reacted by looking up to see what had taken place.«17 Am 29. April erschien das Foto in der New York Times, im Juni 1945 wurde es bereits in einer Ausstellung in der Library of Congress in Washington gezeigt. Auf dem Foto haben sich mehrere Häftlinge, darunter Nobelpreisträger Elie Wiesel (2. Reihe von unten, 7. von links), wiedererkannt. Bisher war jedoch die Identität des stehenden Mannes unbekannt. Er weckt, nackt bis auf ein Kleidungsstück, das er sich vor den Unterkörper hält, Assoziationen an Christus-Darstellungen.18 Im Zuge der Recherchen für die Fotoausstellung stellte sich heraus, dass derselbe Mann noch auf einem weiteren Foto Harry Millers zu sehen ist. Auf diesem Foto ist die Häftlingsnummer zu erkennen, die dem Mann in Auschwitz in den Arm tätowiert wurde. Auf einer Transportliste vom 10. Februar 1945 fand sich schließlich die Nummer und damit der Name: Simon Toncman. Der niederländische Jude, damals 29 Jahre alt, war aus Auschwitz-Blechhammer nach Buchenwald gekommen. Er überlebte die KZ-Haft und wohnte bis zu seinem frühen Tod 1972 mit seiner Familie in Oss/Nordbrabant.19

Neben den bereits erwähnten Soldaten und Journalisten kamen noch weitere Gruppen in das befreite Lager, teils freiwillig, teils unfreiwillig. Zu dieser »Neuen Öffentlichkeit« zählten z.B. Delegationen amerikanischer Kongressabgeordneter, aber auch die etwa 1000 Weimarer Bürger, die auf Anweisung des US-Generals Patton am 16. April 1945 durch das Lager geführt wurden. Diese Zwangsbesichtigung war ein besonders häufig fotografiertes Motiv. Zu den anwesenden Fotografen zählte auch Walter Chichersky von der 166th Signal Photographic Company der US-Armee. Im Krematoriumshof hielt er fest, wie der amerikanische Lagerkommandant Lorenz Schmuhl (in heller Uniform) und weitere Soldaten die Weimarer Bevölkerung mit einem Lkw-Anhänger voller Leichen konfrontierten. Das Foto zeigt denselben Anhänger, den auch Margaret Bourke-White fotografierte, und entstand am selben Tag. Chicherskys Bild wurde zum ersten veröffentlichten Foto von Buchenwald; es erschien bereits am 19. April 1945 in der Londoner Times und ist auch in der Folgezeit häufig abgedruckt worden. Die Tatsache, dass Außenstehende gemeinsam mit den Leichen auf einem Bild zu sehen sind, hatte eine wichtige Beweisfunktion. Die Anwesenheit der Weimarer Bürger belegte, dass es sich bei den Aufnahmen nicht um Gräuelpropaganda handelte. Auffällig ist weiterhin die hohe Symbolkraft des Fotos, das die Frage nach dem Wissen der deutschen Bevölkerung um und ihre Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen aufwirft. Amerikanische Soldaten und deutsche Zivilisten sind auf dem Bild klar voneinander getrennt; zwischen beiden Gruppen steht (auch im übertragenen Sinne) der Anhänger mit den Toten.20

Der Themenbereich »Die Täter« geht als einziger über den Zeitrahmen Juli 1945 hinaus und enthält hauptsächlich Fotos vom Dachauer Buchenwald-Prozess 1947. Tatsächlich gibt es kaum Fotos von SS-Leuten im befreiten Lager Buchenwald. Die meisten der Täter waren rechtzeitig geflohen, doch auch die 76 SS-Männer, die von Häftlingen gefangengenommen wurden, weckten nur selten das Interesse der Fotografen. Eine Ausnahme bildet allerdings die Fotografin Lee Miller, die für die Zeitschrift Vogue u.a. gefangene SS-Männer im ehemaligen Lagergefängnis, dem sogenannten Bunker, fotografierte. Weitaus mehr Fotos sind jedoch vom Buchenwald-Prozess überliefert, der genau zwei Jahre nach der Befreiung des Lagers auf dem Gelände des ehemaligen KZ Dachau begann. Auf Erfassungsfotos treten die Täter dem Ausstellungsbesucher nunmehr als Angeklagte gegenüber. Unter den 31 Haupttätern, denen in Dachau der Prozess gemacht wurde, befand sich auch der zweite Lagerkommandant, Hermann Pister. Er wurde zum Tode verurteilt und starb, noch bevor das Urteil vollstreckt werden konnte, am 28. September 1948 in der Haft an einer Lungenentzündung.

Die Ausstellung deckt – trotz der benannten Leerstellen – ein großes Spektrum an Themen und Perspektiven ab, von denen nicht alle im Rahmen dieses Artikels angesprochen werden konnten. Sie versteht sich als Beitrag, historische Fotografien als eigenständige Bedeutungsträger sichtbar zu machen und sie als solche in der Erinnerungskultur zu verankern. Ein Besuch der Ausstellung in der Gedenkstätte Buchenwald ist noch bis mindestens Ende August 2008 möglich. Wegen der großen Nachfrage ist für 2008 zudem ein Katalog geplant.

 

Anna Ruhland ist Historikerin (M.A.). Sie ist seit Mai 2006 als wissenschaftliche Volontärin in der Gedenkstätte Buchenwald beschäftigt.

 

1 Wissenschaftliche Mitarbeit: Holm Kirsten, Anna Ruhland, Sandra Starke, Harry Stein; Grafik: Hinz & Kunst, Braunschweig.

2 Für eine frühe Kritik siehe Sybil Milton, »Argument oder Illustration: Die Bedeutung von Fotodokumenten als Quelle«, in: Fotogeschichte 28, 1988, S. 60–90.

3 Cornelia Brink, Ikonen der Vernichtung: Öffentlicher Gebrauch von Fotografien aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern nach 1945, Berlin 1998.

4 Gerhard Paul, Visual History: Ein Studienbuch, Göttingen 2006.

5 Darunter: Patrimoine photographique, »Mémoire des camps: Photographies des camps de concentration et d’extermination nazis (1933–1999)« (2001); Stiftung Topographie des Terrors, »Vor aller Augen: Terror in der Provinz« (2002); KZ-Gedenkstätte Mauthausen, »Das sichtbare Unfassbare« (2005); Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, »Von der Sachsenburg nach Sachsenhausen: Bilder aus dem Fotoalbum eines KZ-Kommandanten« (2006).

6 »Schwarz auf Weiß: Die ersten Fotos aus dem befreiten KZ Buchenwald« (2003).

7 Siehe hierzu Holm Kirsten, »Inventarisierung und digitale Verzeichnung eines Sammlungsbestandes historischer Fotografien: Datenbankprojekt der Gedenkstätte Buchenwald«, in: GedenkstättenRundbrief Nr. 130, 4/2006, S. 31–34.

8 www.buchenwald.de/fotoarchiv.

9 So hat die pädagogische Abteilung der Gedenkstätte Buchenwald bei Tages- und Mehrtagesveranstaltungen gute Erfahrungen mit der Methode des »Assoziativen Einstiegs« mit Bildern gemacht.

10 Zur Frage der Objektivität und Manipulierbarkeit von Bildern siehe auch »Bilder, die lügen« (Ausstellungskatalog), hg. von der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2003.

11 Aussage von Edo Leitner in dem Dokumentarfilm »Ich würde die Vergangenheit schon in Ruhe lassen, … wenn sie mich in Ruhe lassen würde« (1983) von Heidi Scholaen und Horst Haugg.

12 Kommandanturbefehl vom 30.8.1937, ThHStA Weimar, NS 4 Bu 33.

13 Es handelt sich um einen Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm »Ich würde die Vergangenheit schon in Ruhe lassen, … wenn sie mich in Ruhe lassen würde« (1983) von Heidi Scholaen und Horst Haugg. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Film des polnischen Fernsehens über den Lagerfotografen von Auschwitz, Wilhelm Brasse, mit dem Titel »Portrecista/The Portraitist« (2006).

14 Durch Aussagen ehemaliger Häftlinge der Fotoabteilung ist bekannt, dass mehrere solcher Alben angelegt wurden: Protokoll eines Interviews mit Eberhard Leitner, 13. 3. 1957, BwA 56 2-43, S. 2–3; Georges Angéli, »Photos Clandestines«, in: Le Serment 96, 1974, S. 6; Clément Chéroux (Hg.), Mémoires des camps: Photographies des camps de concentration et d’extermination nazis (1933-1999), Ausstellungskatalog, Paris 2001, S. 79.

15 Im Rahmen der Recherchen für die Fotoausstellung stellte sich heraus, dass dasselbe Foto mit der Bildbeschriftung »Judenaktion, November 1938« auch in einem Fotoalbum enthalten ist, das Lorenz Schmuhl bereits in den 1980er Jahren dem Holocaust Memorial Center in Farmington Hills/ Michigan übergeben hat: Auskunft der Archivarin Feiga Weiss in E-Mails an die Autorin vom 12. 6. 2006, 30. 10. 2006.

16 Margaret Bourke-White, Deutschland, April 1945, München 1979, S. 90 (Originalfassung: »Dear Fatherland, Rest Quietly«: A Report on the Collapse of Hitler’s »Thousand Years«, New York 1946).

17 Mel Mermelstein, By Bread Alone: The Story of A-4685, Huntington Beach 1993 (1979), S.223.

18 Siehe hierzu auch Brink, S. 77.

19 Angaben von seinem Sohn, Sacco Toncman, in E-Mails an die Autorin vom 4. 5. 2007 und 17. 8. 2007.

20 Für eine detaillierte Interpretation siehe auch Brink, S. 61f. Brink bezieht sich allerdings auf eine stark beschnittene Version des Fotos und gibt den Bildautor als unbekannt an.

Artikel als PDF verfügbar
(GedRund140_20-31.pdf)