Christian Dürr

»Spuren – Fragmente – Rekonstruktionen«

Gedenkstättenrundbrief 131 S. 3-11

Die neue Dauerausstellung im Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte Gusen

Im Mai 2004 wurde im Rahmen der alljährlichen Feiern zur Befreiung des Konzentrationslagers Gusen ein neues Besucherzentrum der Öffentlichkeit präsentiert. Das damals noch leere, vom Bundesministerium für Inneres verwaltete Gebäude war vor allem auf Initiative eines im Jahr 2001 gegründeten »Personenkomitees« bestehend aus ursprünglich vier, später zwölf Mitgliedern, entstanden. Als Gründungsmitglieder für die Initiative verantwortlich waren Władysław Bartoszewski (damals Außenminister der Republik Polen), Heinz Fischer (damals Nationalratspräsident der Republik Österreich), Josef Pühringer (Landeshauptmann von Oberösterreich) sowie Ernst Strasser (damals Bundesminister für Inneres der Republik Österreich und als solcher zuständig für KZ-Gedenkstätten). Die Errichtung einer adäquaten Gedenkstätte wurde im Gründungsdokument als Hauptintention des Personenkomitees genannt.1

Da es innerhalb des Ausdehnungsbereichs des ehemaligen Konzentrationslagers liegt, musste der Standort des Besucherzentrums von vornherein als historisch sensibles Gelände angesehen werden. Es war daher auch nicht überraschend, dass man im Zuge der Bauarbeiten auf Fundamentreste der – wie sich in der Folge herausstellte – ehemaligen Krematoriumsbaracke und der Lagerstraße stieß. Die weitere Aufgabe bestand folglich in der Freilegung, Erhaltung und möglichst weitgehenden Einbindung der vorgefundenen historischen Substanz in das Konzept der künftigen Gedenkstätte.2 Architektonisch wurde das Problem durch eine Art »Pfahlbau« gelöst. Das Besucherzentrum steht auf Stahlstützen etwa einen Meter über dem Grund. Durch eine rechteckige Öffnung im Boden des Gebäudes wird der Blick auf die darunter liegenden Ausgrabungen ermöglicht.3

Am 29. November 2005 wurde schließlich die endgültige Version einer neu gestalteten Dauerausstellung im Besucherzentrum Gusen der Öffentlichkeit vorgestellt. Damit gibt es nun an Ort und Stelle eines der wichtigsten Lager des NS-Lagersystems auf österreichischem Boden erstmals einen adäquat eingerichteten Gedenk- und Lernort.

Um die besonderen Umstände und Probleme zu verstehen, die bei der Konzeption der Ausstellung zu berücksichtigen waren, sollte man einen kurzen Blick auf die Geschichte des Lagers zwischen 1939 und 1945 sowie den Umgang mit dem Lagergelände von 1945 bis in die Gegenwart werfen.

Das Lager Gusen, das größte und zugleich erste Außenlager des KZ Mauthausen, nahm innerhalb des Lagersystems von Mauthausen eine Sonderstellung ein. Die Standortwahl war – wie im Fall des Stammlagers selbst – von den bestehenden Granitsteinbrüchen und deren Nähe zur »Führerstadt« Linz abhängig. Bereits mit dem Erwerb der Verwertungsrechte für die Gusener Steinbrüche im Mai 1938 dürfte die Erweiterung Mauthausens zu einem Doppellager festgestanden sein.4 Im Dezember 1939 begann man mit dem Aufbau des Lagers Gusen, das am 25. Mai 1940 schließlich offiziell eröffnet wurde. Zur Ausbeutung der Steinbrüche gründete die SS die zur »Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH« (DESt) gehörenden »Granitwerke Mauthausen« mit Sitz in St. Georgen an der Gusen. Die »Granitwerke Mauthausen« waren das wirtschaftliche Zentrum eines bipolaren Systems, dessen politisches Zentrum in Mauthausen lag, während Gusen bis Anfang 1944 weitgehend eigenständig verwaltet wurde.

Das Doppellager Mauthausen/Gusen wurde 1940 durch den Chef der Sipo und des SD zu einem Lager der Stufe III erklärt, was ihm bis Mitte 1943 praktisch die Funktion eines »Todeslagers« zuwies.5 Häftlinge aus anderen Konzentrationslagern wurden strafweise nach Mauthausen und Gusen verlegt, um dort ihre Haft unter verschärften Bedingungen zu fristen. Von den insgesamt mindestens 70 000 zwischen 1939 und 1945 in Gusen inhaftierten Personen kamen mindestens 35 800 zu Tode. Viele wurden Opfer systematischer Massentötungen etwa durch Vergasungen in den Häftlingsbaracken, in der Vernichtungsanstalt Hartheim oder im »Gaswagen«.6 Berüchtigt für Gusen waren die sogenannten Todbadeaktionen, bei denen die Häftlinge so lange einem eiskalten Wasserstrahl ausgesetzt wurden, bis sie starben.

In den ersten Monaten seines Bestehens wurde das Lager Gusen mit polnischen Häftlingen, die vor allem aus Dachau und Sachsenhausen überstellt wurden, gefüllt. Die polnischen Häftlinge bildeten in der Folge durchgehend die größte nationale Häftlingsgruppe, gefolgt von Häftlingen aus der Sowjetunion. Die ersten sowjetischen Häftlinge in Gusen waren Kriegsgefangene, die in den Jahren 1941 bis 1943, ebenso wie in Mauthausen, in einem eigens abgetrennten Bereich innerhalb des Lagers untergebracht und dort systematisch ermordet wurden. Ab dem Jahr 1943 deportierte man auch zunehmend zivile sowjetische Häftlinge in das Lager. Auch die überwiegende Mehrheit der ab Anfang 1941 nach Gusen eingelieferten Republikanischen Spanier wurde innerhalb nur eines Jahres getötet. Weitere größere nationale Häftlingsgruppen stellten vor allem politische Häftlinge aus Jugoslawien, Frankreich und später auch aus Italien sowie hauptsächlich jüdische Häftlinge aus Ungarn.

Mit der systematischen Ansiedelung von Rüstungsindustrien und dem Arbeitseinsatz der Häftlinge in der Produktion verbesserten sich ab Mitte 1943 die Lebensbedingungen im Lager vorläufig. Die KZ-Häftlinge wurden vor allem für die Produktion der Steyr-Daimler-Puch AG. (SDP) und der Messerschmitt GmbH. Regensburg eingesetzt. Ab März 1943 ließ die SDP im Konzentrationslager Gusen Gewehrteile fertigen. Im Dezember 1943 traf die DESt mit der Messerschmitt GmbH. Regensburg eine Vereinbarung über die Aufnahme einer Produktion in Gusen.7

Angesichts der zunehmenden alliierten Luftangriffe auf Rüstungsbetriebe ab Sommer 1943 wurde der Komplex Mauthausen-Gusen von den auf Reichsebene zwischen SS und den zuständigen Reichsministerien ausgearbeiteten unterirdischen Verlagerungsplänen erfasst.8 Ab Anfang 1944 wurde in St. Georgen, nur wenige Kilometer entfernt, im Rahmen des sogenannten Projekts B 8/»Bergkristall« unter Einsatz von KZ-Häftlingen mit dem Bau von Stollenanlagen zur unterirdischen Verlagerung der Flugzeugproduktion begonnen. Für diese unter extremen Bedingungen auszuführenden Bauarbeiten mit besonders hoher Unfallhäufigkeit wurden vor allem polnische und ungarische jüdische Häftlinge eingesetzt, die zum Großteil aus den Lagern Auschwitz und Płaszow überstellt und im neu errichteten Barackenlager Gusen II untergebracht wurden. Ende 1944 wurde das kleinere Lager Gusen III errichtet, das Versorgungszwecken diente.

Aufgrund seiner zunehmenden strategischen Bedeutung für die Kriegsindustrie des gesamten Reiches und des damit zusammenhängenden riesigen Bedarfs an Arbeitskräften wuchs Gusen zu einem Massenlager an. Die Zahl der Häftlinge stieg im Verlauf des Jahres 1944 auf mehr als das Dreifache, was besonders in Gusen II zu katastrophalen Lebensbedingungen und einem Massensterben unter den Häftlingen führte. Die Situation verschärfte sich zusätzlich durch die Anfang 1945 aus den Lagern im Osten eintreffenden Evakuierungstransporte, so dass man am 27. und 28. Februar jeweils den Höchststand von insgesamt 26 311 Häftlingen zählte. Ab Ende Februar 1945 entledigte sich die SS noch einmal systematisch der kranken Häftlinge: Mehr als 4 500 wurden zum Sterben nach Mauthausen überstellt und dort zum Teil in der Gaskammer ermordet. Ende April wurden Hunderte Häftlinge im Krankenvier von Gusen I vergast und in Gusen II auf Anordnung der SS von Kapos erschlagen.

Nachdem die SS das Lager bereits zuvor verlassen und die Bewachung an Einheiten der Wiener Feuerschutzpolizei übergeben hatte, wurde Gusen am 5. Mai 1945 von einem Spähtrupp der 3. US-Armee endgültig befreit. Etwa 20 000 Häftlinge befanden sich zu diesem Zeitpunkt in den drei Lagern. Bis Ende Juli organisierte eine US-Militärverwaltung die Beerdigung der Toten, die Versorgung der Kranken und die Repatriierung der erholten Häftlinge. Am 28. Juli 1945 wurden Gusen und Mauthausen Teil der sowjetischen Besatzungszone.

Die weitere Entwicklung der beiden Lager sollte ab diesem Zeitpunkt zwei einander entgegengesetzte Richtungen nehmen. Im Falle von Mauthausen wurde seitens der sowjetischen Besatzungsmacht schon bald beschlossen, dass das Lager als Mahnmal und Gedenkstätte erhalten werden müsse. Während das Lagergelände von Mauthausen9 daher Verwaltung der KZ-Gedenkstätte übernahm später das Bundesministerium für Inneres), dienten die erhaltenen Baracken des Lagers Gusen bis zu deren Abzug im Jahr 1955 zur Unterbringung sowjetischer Truppen. Die Gusener Steinbrüche wurden zugleich als USIA-Betrieb weitergeführt.10 Während sich in der Folge das Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus in Österreich in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen11 zentralisierte, geriet Gusen, wie die meisten anderen Außenlager, zunehmend in Vergessenheit. Bereits unter amerikanischer und sowjetischer Verwaltung waren große Teile des ehemaligen Lagergeländes verkauft, geplündert oder abgerissen worden. Nach Abzug der Sowjets wurde das Lagergelände parzelliert und in der Folge eine Wohnsiedlung darauf errichtet. Der von den Amerikanern angelegte Opferfriedhof wurde in den Jahren 1955/56 aufgelassen, die sterblichen Überreste verlegte man in die KZGedenkstätte Mauthausen. Dieser Umstand war zusätzlich ausschlaggebend dafür, dass Gusen – etwa im Unterschied zum Außenlager Ebensee, wo seit jeher der bestehende Opferfriedhof auf die Existenz eines Lagers verwies – aus der öffentlichen Erinnerung zusehends gelöscht wurde.

Angesichts des langsamen Verschwindens des Lagers entstand auf Betreiben vor allem französischer und polnischer Überlebender zunächst ein inoffizieller Gedenkort rund um den noch erhaltenen Krematoriumsofen. 1961 wurde das Grundstück von italienischen Überlebenden angekauft und der zuständigen Gemeinde Langenstein überlassen, die im Gegenzug der Errichtung einer Gedenkstätte zustimmte. Im Mai 1968 wurde das von internationalen Überlebendenverbänden finanzierte und von der italienischen Architektengruppe B.B.P.R. entworfene »Memorial de Gusen« eröffnet. Dieses kann aus mehrerlei Gründen als bedeutendes Bauwerk der internationalen Gedenkstättenarchitektur angesehen werden. Zwei der Gründungsmitglieder der Gruppe B.B.P.R. – Lodovico Barbiano di Belgiojoso und Gian Luigi Banfi – waren selbst Häftlinge im KZ Gusen gewesen. Das Memorial nimmt die Form des noch erhaltenen Schotterbrechers auf, während es Besuchende labyrinthförmig von außen nach innen führt, wo der erhaltene Krematoriumsofen sein Zentrum bildet. Das Bauwerk symbolisiert damit zugleich die enge Beziehung von Arbeit und Vernichtung im Lager.12

Bis zur Errichtung des Besucherzentrums 2004 war das Memorial de Gusen der einzige Referenzpunkt für das Gedenken in Gusen. Es wurde zum Anlaufpunkt für Überlebende des Lagers und ihre Angehörigen, die Jahrzehnte nach der Befreiung vergeblich die Überreste des Lagers am mittlerweile verbauten Gelände wiederzufinden suchten. Vor diesem Hintergrund bildete sich in den Achtziger Jahren eine lokale Initiative, das »Gedenkdienstkomitee Gusen«, dessen Anliegen es war, diese Besuchergruppen betreuen und sie vor allem bei der Orientierung in der völlig veränderten Landschaft zu unterstützen. Darüber hinaus obliegt dem Komitee auch die Organisation der alljährlichen Befreiungsfeiern.13 Erst 1997 wurde das Memorial de Gusen zum öffentlichen Denkmal erklärt und in die Verwaltung des Bundesministeriums für Inneres übernommen.

Einzelne Bauwerke des ehemaligen Konzentrationslagers sind heute nach wie vor erhalten. Dazu gehören das zentrale Gebäude der Lagerkommandantur, genannt Jourhaus, die ehemalige Baracke des Häftlingsbordells, zwei gemauerte Häftlingsblocks sowie zwei weitere SS-Verwaltungsgebäude. Alle diese Gebäude befinden sich jedoch in Privatbesitz und können derzeit nicht unmittelbar in das Konzept der Gedenkstätte miteingebunden werden. Offen ist die Frage, wie die Schotterbrecheranlage, das zentrale Gebäude des Steinbruchbetriebes, in dem Tausende Häftlinge bei der Arbeit ihr Leben lassen mussten, für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden könnte. Die Anlage ist zwar ebenfalls in Privatbesitz, derzeit jedoch weitegehend ungenutzt. Die unterirdischen Stollenanlagen in Gusen und St. Georgen sind im Besitz der Republik Österreich. Teile des vom Einsturz bedrohten verzweigten Stollennetzwerkes konnten mittlerweile gesichert werden, sind jedoch noch nicht öffentlich zugänglich. Derzeit wird nach konkreten Möglichkeiten gesucht, Teile der Stollenanlagen in Zukunft für Besucher zugänglich zu machen.

Von Mai 2004 bis zur Eröffnung der endgültigen Version der Dauerausstellung im November 2005 arbeitete eine Gruppe bestehend aus drei Kuratoren, einem Ausstellungsgestalter und einem wissenschaftlichen und konzeptionellen Berater an dem Entwurf eines Ausstellungskonzeptes und dessen Umsetzung.14 Eine der Hauptschwierigkeiten war die mangelnde Grundlagenforschung zur Geschichte Gusens. Empirische Gesamtdarstellungen mit wissenschaftlichem Anspruch gibt es nur wenige. Zwei kleinere Arbeiten sind in deutscher Sprache erschienen, eine größere Zahl auf Polnisch.15 Das Gros dieser Arbeiten stammt von Überlebenden des Lagers, dementsprechend ergibt sich in ihnen eine Verquickung von empirisch-wissenschaftlicher und Erinnerungsliteratur, die selbst wiederum einer kritischen Durchleuchtung bedarf. Erinnerungsliteratur zum Lager Gusen findet sich hingegen relativ zahlreich in unterschiedlichen Sprachen. Zusätzlich zu den konzeptionellen und gestalterischen Fragen ergab sich für die Arbeitsgruppe somit die Notwendigkeit einer ergänzenden empirischen Grundlagenforschung.

Für die Gestaltung der Ausstellung im Besucherzentrum galt es darüber hinaus die verschiedenen Vorbedingungen zu berücksichtigen, die sich aus der spezifischen Entwicklung des ehemaligen Lagergeländes ab 1945 ergaben. Zum einen musste auf das »Verschwinden« des Lagers und dessen ursprüngliche Ausdehnung im Kontext der lokalen und regionalen Topographie Bezug genommen werden. Innerhalb einer solchen Darstellung musste man die noch bestehenden aber in Privatbesitz befindlichen Lagergebäude mit einbeziehen. Schließlich waren die archäologischen Ausgrabungen der Krematoriumsbaracke und der Lagerstraße im Gesamtkonzept ebenso zu berücksichtigen, wie auf eine sinnvolle Ergänzung zwischen dem Besucherzentrum – als Ort der Vermittlung kognitiver Inhalte – und dem Memorial de Gusen – als Ort des Gedenkens und der Erinnerung – zu achten war.

Die relativ kleine Grundfläche des quaderförmigen Besucherzentrums, zusätzlich vermindert durch die im Zentrum freigelegten Ausgrabungen, machte zudem von Beginn an eine möglichst weitgehende inhaltliche Reduktion der Ausstellung notwendig. Die archäologischen Ausgrabungen der Baracken- und Lagerstraßenfundamente bilden den thematischen Ausgangspunkt, an den eine topografische Verortung des ehemaligen Lagers anschließt. Fotografien des SS-Erkennungsdienstes dokumentieren die Phase des Lageraufbaus und werden zugleich mit Fotos vom gegenwärtigen Zustand noch erhaltener Gebäude kontrastiert. Darauf folgend wird die Entwicklung der Zwangsgesellschaft der Häftlinge vor dem Hintergrund des Funktionswandels des Konzentrationslagers Gusen zwischen 1939 und 1945 beleuchtet. Damit in Zusammenhang steht wiederum die Darstellung der Veränderungen des Arbeitseinsatzes der Häftlinge und der jeweils dahinter stehenden wirtschaftlichen und politischen Interessen. Ein weiterer Ausstellungsteil geht auf die Rolle Gusens als »Todeslager« und die verschiedenen Formen der Massenvernichtung der Häftlinge ein. Eine mit »Flut der Bilder« betitelte Sequenz widmet sich schließlich der Befreiung des Lagers aus Sicht der Befreier sowie den Umständen und Bedingungen, unter denen die Informationen vom Lager an eine breite Öffentlichkeit gelangten. Der Ausstellungsfilm »Erinnerungen an Gusen/ Remembering Gusen« präsentiert – sozusagen quer zu diesen verschiedenen thematischen Zugängen – die Sicht von Überlebenden auf bestimmte als einschneidend empfundene Aspekte des Lagerlebens.

Der Untertitel der Ausstellung »Das Konzentrationslager Gusen 1939–1945. Spuren – Fragmente – Rekonstruktionen« war zugleich auch Programm für deren Gesamtkonzept. Die verstreuten, fragmentarischen, von ihrem Charakter her völlig unterschiedlichen Reste und Spuren des Lagers werden in der Ausstellung zwar zusammengeführt, die Zusammensetzung zu einem Gesamtbild soll jedoch den Besucherinnen und Besuchern überlassen werden, denen es je nach Herangehensweise möglich ist, unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen. Die Spuren, die das Lager hinterlassen hat und die von der Ausstellung aufgenommen werden, beschränken sich keineswegs nur auf bauliche Überreste. Sie sind in die unterschiedlichsten Arten von Objekten eingeschrieben: Fotografien – etwa der SS aus der Phase des Lageraufbaus oder der U.S. Signal Corps von der Befreiung des Lagers –, Dokumente, erzählte Erinnerung16 oder Objekt gewordene Erinnerung – wie etwa ein aus dem Gedächtnis angefertigtes Lagermodell eines Überlebenden oder eine ebenfalls von einem Überlebenden stammende Skulptur, die Leichenträger darstellt.

Die Ausstellung legt wert darauf, alle diese Objekte als fragmentarische Überreste zu behandeln, gewissermaßen als »Negativabdrücke«, die – neben dem in ihnen zur Anschauung kommenden Offensichtlichen – vor allem auf das verweisen, was darin nicht unmittelbar explizit ist, weil es vielmehr zu den Umständen und Bedingungen ihres Entstehens gehört. Nicht in der positiven Anschauung dieser Spuren wird der Besucher der Geschichte des Lagers gewahr, sondern allein in der Tatsache, dass sie DA sind, und zwar genau so, WIE sie da sind. So kann eine Fotografie von der Befreiung des Lagers einerseits als Abbild einer historischen Realität angesehen werden, wenn man sich auf ihren Inhalt konzentriert. In ihrer konkreten Form ist sie aber die direkte Manifestation bestimmter historischer Umstände und Entstehungsbedingungen in einem Objekt, und führt als solche zu ganz anderen Aussagen.

Verschiedene Veröffentlichungen im Zusammenhang mit der Ausstellung sind derzeit in Planung bzw. in Arbeit. Die erstmals im Mai 2005 online gegangene Website der KZ-Gedenkstätte Gusen (www.gusen-memorial.at) wird derzeit um verschiedene Themenbereiche erweitert. Der Ausstellungsfilm »Erinnerungen an Gusen / Remembering Gusen« wird demnächst als DVD-Edition über den Buchshop der KZ-Gedenkstätte Mauthausen erhältlich sein. In Arbeit ist derzeit auch eine Broschüre, die in mehreren verschiedenen Sprachen aufgelegt und die die wichtigsten Inhalte der Ausstellung zusammenfassend darstellen wird. Geplant ist auch die Publikation eines umfassenden Ausstellungskatalogs.


Konzentrationslager Gunsen 1939–1945

Spuren – Fragmente – Rekonstruktionen

Ausstellung im Auftrag des Bundesministerium für Inneres

Kuratoren: Christian Dürr, Ralf Lechner, Stefan Wolfinger

wissenschaftliche und konzeptionelle Beratung: Bertrand Perz

Ausstellungsgestaltung: Bernhard Denkinger | Grafik: o- Alexander Schuh

Ort: Besucherzentrum Gusen, Georgestrasse 6, A, 4222 Langenstein..www.gusen-memorial.at | www.mauthausen-memorial.at

 

 

1 Gründungsdokument »Personenkomitee Gusen«, Wien, 25. Mai 2001.

2 Eine Dokumentation der vom Österreichischen Bundesdenkmalamt durchgeführten archäologischen Untersuchungen findet sich in der vom Bundesministerium für Inneres zweisprachig deutsch/polnisch zur Präsentation des Besucherzentrums herausgegebenen Broschüre..Siehe: Martin Krenn, Bericht zur Archäologischen Untersuchung im KZ Gusen. In: KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Memorial Gusen – Besucherzentrum, Wien 2004, S. 16–19.

3 Zum architektonischen Konzept siehe: Herwig Mayer / Karl Peyrer-Heimstätt: Architektur. In: KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Memorial Gusen – Besucherzentrum, S. 20–21.

4 Zur Anpachtung Gusener Steinbrüche vgl. Prüfbericht der DESt 1938–1940, BArch Berlin NS 3-756, Bl.14–17, sowie Bilanzunterlagen 1938/39, BArch Berlin NS 3-756, Bl. 29.

5 Einstufung der Konzentrationslager, Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, NS 4 Bu31, Bl.1r;.siehe auch: Archiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen A/7/1 und A/7/2.

6 Vg. dazu etwa: Pierre-Serge Choumoff, Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas auf österreichischem Gebiet 1940–1945. Wien 2000.

7 Zum Geschäftsgebaren der DESt in Gusen, insbesondere zu den Rüstungskooperationen mit SDP und Messerschmitt siehe u.a.: DESt – hs. Aufzeichnungen für einen Bericht über die Jahre 1941–1943, BArch Berlin, NS 3-1168; vgl. dazu auch: Hermann Kaienburg, Die Wirtschaft der SS, Berlin 2003, S. 622–647.

8 Zum Projekt »Bergkristall« vgl.: German Underground Installations, CIOS Section, Intelligence Division Office, Chief Engineer, USFET, Washington D.C. 1945, Imperial War Museum, London.

9 Der Steinbruch »Wiener Graben« wurde aufgrund ungeklärter Eigentumsfragen erst im Jahr 1956, nach Abschluss des Österreichischen Staatsvertrages, Teil der Gedenkstätte. Zu Übergabe und Einrichtung der KZ-Gedenkstätte Mauthausen siehe u.a.: Archiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, V/1. Demnächst wird die erste wissenschaftliche Publikation zur Geschichte der KZ-Gedenkstätte Mauthausen erscheinen: Bertrand Perz, Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen 1945 bis zur Gegenwart. Innsbruck (geplantes Erscheinungsdatum 2006).

10 Die USIA (Uprawlenije Sowjetskim Imuschtschestwom w Awstriji; Verwaltung des sowjetischen.Eigentums in Österreich) verwaltete beschlagnahmtes Eigentum des Deutschen Reiches in der.sowjetischen Besatzungszone in Österreich.

11 vgl. Bericht über die Exhumierung Mauthausener und Gusener Häftlinge durch französische.Beauftragte, Archiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, V/2/3.

12 Zur Architektur des Memorial de Gusen liegt eine Seminararbeit des Instituts für Gebäudelehre an der Technischen Universität Wien vor: Christian Smretschnik, Memorial de Gusen. Bautenkatalog. Wien (unveröffentlicht) 2000 (vgl. Archiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, V/2/13/1).

13 Website des Gedenkdienstkomitees Gusen: www.gusen.org.

14 Kuratoren: Christian Dürr, Ralf Lechner, Stefan Wolfinger; Ausstellungsgestaltung: Bernhard Denkinger; wissenschaftliche und konzeptionelle Beratung: Bertrand Perz.

15 Auf Deutsch erschienen sind: Hans Maršlek, Konzentrationslager Gusen. Ein Nebenlager des KZ Mauthausen, Wien 1987; Rudolf Haunschmied, Zum Gedenken 1938 / 1945. In: Marktgemeinde St. Georgen an der Gusen [Hg.], 300 Jahre erweitertes Marktrecht. Festschrift, St. Georgen 1989, S. 74–109. Auf Polnisch sind unter anderem erscheinen: Stanislaw Dobosiewicz, Mauthausen-Gusen. Oboz zaglady, Warschau 1977; ders.: Mauthausen-Gusen. Samoobrona i konspriacja, Warschau 1980; Jerzy Osuchowski, Gusen. Przedsionek piekla, Warschau 1961. In Frankreich erschien die Dissertation von Claire Duriez, Gusen. Camp annexe de Mauthausen Camp de concentration nazi en territoire autrichien mai 1940 - mai 1945. Paris (Diss.) 1998. Michel Fabréguet räumt in seiner Arbeit über das KZ Mauthausen auch dem Lager Gusen breiten Raum ein: Michel Fabréguet, Mauthausen. Camp de concentration national-socialiste en Autriche rattachée (1938–1945) (=Bibliothéque d’histoire moderne et contemporaine 1), Paris 1999. Zwei französische Arbeiten widmen sich der statistischen Auswertung der Totenbücher des KZ Gusen: Stéphanie Vitry, Les Morts de Gusen, Camp de Concentration Autrichien (a partir du Depouillement d'un Registre de Morts Avril 1943– Mai 1945), Paris (Diss.) 1994; Renaud Clin, Depouillement du registre des deces du camp de concentration de Gusen 1er Juin 1940 – 30. Avril 1943. o.O. (Dipl.-Arb.) 1998.

16 Der Ausstellungsfilm »Erinnerungen an Gusen. Das Konzentrationslager in den Erzählungen von Überlebenden« beruht auf Interviewmaterial der Sammlung »Mauthausen Survivors Documentation Project« (Archiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen) sowie des Kean College of New Jersey (mit freundlicher Genehmigung von USHMM).

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(GedRund131_3-11.pdf)