Robert Krieg und Monika Nolte

»Lebensunwert« – NS-Psychiatrie und ihre Folgen

Gedenkstättenrundbrief 129 S. 38-39

Ein Film über Paul Brune

Das nationalsozialistische Regime war noch kein halbes Jahr an der Macht, als am 14.7.1933 das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« verabschiedet wurde. Rassenhygiene und Erbgesundheitslehre wurden die entscheidenden Konstanten der Sozial- und Gesundheitspolitik im Deutschen Reich. Amtsärzte und Psychiater erstellten die Gutachten, die letztendlich zur Eliminierung von »lebensunwertem Leben« führten.

Neben geistigen und körperlichen Behinderungen war dabei »asoziales« Verhalten eine zentrale Kategorie. Als »asozial« galten unter anderem Obdachlose, Bettler, Alkoholabhängige, Arbeitslose und Prostituierte, sowie unangepasste, verhaltensauffällige oder aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammende Kinder und Jugendliche, die als »renitent« und »arbeitsscheu« eingestuft wurden.

1943 attestiert der Gutachter Dr. Heinrich Stolze, Mitglied der NSDAP und mitverantwortlich für die Transporte der Kranken aus Westfalen in die Vernichtungslager, dem achtjährigen Paul Brune »asoziales Verhalten« und »Anstaltspflegebedürftigkeit wegen Geisteskrankheit«. Paul Brune ist das Kind einer außerehelichen Beziehung seiner Mutter und wächst im Waisenhaus auf. In der Volksschule erfährt der Schulrektor, ein überzeugter Faschist und Anhänger der »Rassenhygiene«, die familiäre Vorgeschichte Paul Brunes. Er stellt einen Antrag auf Erfassung und Begutachtung nach dem »Euthanasie«-Erlass. Paul Brune wird in die Heilanstalt Dortmund-Aplerbeck eingewiesen. Hinter den Mauern der »Kinderfachabteilung« werden im Rahmen der »Kindereuthanasie« über 200 Kinder ermordet. Zeitgleich gehen von Aplerbeck aus zahlreiche Transporte erwachsener Patienten in die Vernichtungslager der NS-»Euthanasie«. Paul Brune entgeht der Vernichtung und wird in die »Idiotenanstalt« St. Johannesstift in Marsberg im Sauerland verlegt. Wahrscheinlich haben ihn seine guten schulischen Leistungen gerettet. Die nächsten zehn Jahre verbringt er in der ›Obhut‹ der »Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vincenz von Paul« in Marsberg. Um ihn herum Hunger, Gewalt, Mißbrauch und Tod. Von 1943 bis Anfang der 50er Jahre sterben rund 400 Kinder in der Anstalt St. Johannesstift. Die Zäsur des verlorenen Krieges 1945 ändert grundsätzlich nichts an der Lage der in den Anstalten Eingeschlossenen. Die ärztlichen Gutachten werden nicht in Frage gestellt. Sie bleiben unabänderlich Bestandteil der »Krankenakte«. Paul Brune gelingt es dennoch mit 27 Jahren, aus diesem Kreislauf der Gewalt auszubrechen und die Aufhebung seiner Entmündigung zu erreichen. Unter schwierigsten Umständen holt er seine Schulbildung nach, macht Abitur. In den 70er Jahren studiert er Germanistik und Philosophie. Als er sein Examen machen will, versucht ihm der Amtsarzt Dr. Johannes John das gesamte Studium abzuerkennen. Grundlage ist die »Krankenakte«. Für Dr. John ist Paul Brune ein »Schulbeispiel für asoziales Verhalten infolge Erbanlage« geblieben. Der Schuldienst bleibt Paul Brune verwehrt. Erst 2003 wird er als Verfolgter des Nazi-Regimes anerkannt. Das ist bisher kaum einem Opfer der Nazi-Psychiatrieverbrechen gelungen.

Wie war es möglich, dass nach 1945 die menschenverachtenden Verhältnisse in den psychiatrischen Anstalten jahrzehntelang fortbestanden und die rassenbiologisch begründeten Gutachten und Urteile nicht angetastet wurden? Diese Fragen wirft der Film »Lebensunwert« auf.

 

Informationen

»‹Lebensunwert‹ Paul Brune – NS-Psychiatrie und ihre Folgen«, DVD

Mit dem Recht zum nichtgewerblichen Verleih und

zur nichtgewerblichen Vorführung: Einzelpreis 45,- Euro

(incl. MwSt. und Versandkosten)

Für den privaten Gebrauch zum Einzelpreis von 14,90 Euro

(incl. MwSt. zuzüglich 2,60 Euro Versandkostenanteil)

Paul Brune und die Autoren stehen für Aufführungen und Diskussionen

zur Verfügung.

 

Bezugsadresse

Landschaftsverband Westfalen-Lippe/

Westfälisches Landesmedienzentrum Münster

48133 Münster, Dr. Markus Köster

medienzentrum@lwl.org

Tel. (0251)591-3901

Artikel als PDF verfügbar
(GedRund129_38-39.pdf)