Volkhard Knigge

»Marion-Samuel-Preis« für Gerhard Hoch

Gedenkstättenrundbrief 97 S. 14-19

Die »Stiftung Erinnerung« ehrt heute unter der Schirmherrschaft der Vereinigung »Gegen Vergessen – Für Demokratie« Gerhard Hoch mit dem Marion-Samuel-Preis. Sie ehrt diesen tatkräftigen, akribischen, unbestechlichen Erforscher und Vermittler nationalsozialistischer Unrechtsgeschichte – wie sie mit dem ländlichen Schleswig-Holstein, insbesondere dem Dorf Alveslohe, seiner ureigensten Heimat, verbunden ist – zu einem Zeitpunkt, da das Gedächtnis an die nationalsozialistischen Verbrechen und die ihnen zum Opfer Gefallenen in zuvor in der Bundesrepublik nie gekannter Weise institutionalisiert und als nationale Aufgabe etabliert wird. Die Erklärung des 27. Januar zum offiziellen Gedenktag in Erinnerung an die Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager und der diesem weitverzweigten, engmaschigen Lagersystem zum Opfer gefallenen Menschen, der Beschluss des Bundestages, in Berlin ein Mahnmal in Erinnerung an die Ermordung der europäischen Juden zu errichten, die erstmalige Erwähnung der Notwendigkeit von Förderung der Gedenkstättenarbeit im Koalitionsvertrag einer deutschen Bundesregierung und – nicht zuletzt – die nicht nur vorliegende, sondern in diesem Jahr auch erstmals finanziell wirksam werdende Gedenkstättenkonzeption des Bundes stehen hierfür. Es scheint, als ehrte die »Stiftung Erinnerung« Gerhard Hoch zu einem Zeitpunkt, an dem sich vollendet, wofür er immer eingetreten ist. Nämlich dafür, mit der nationalsozialistischen deutschen Vergangenheit so umzugehen, dass wie in Absetzung von dieser als von einem negativen Horizont menschlicher und gesellschaftlicher Möglichkeiten sich humane, Bürger- und Menschenrechten in lebendiger Weise zutiefst verpflichtete Demokratie immer wieder neu entwürfe und festige im Bewusstsein jeder Einzelnen und jedes Einzelnen.

Ganz gewiss und ganz ohne jeden Zweifel erleben wir zur Zeit – und sind daran beteiligt – den historisch bisher einmaligen Versuch eines Staates, negatives Gedächtnis, d. h. Gedächtnis an begangene – nicht an erlittene – Verbrechen, dauerhaft als nationale Aufgabe zu verstehen und die zur Erfüllung dieser Aufgabe benötigten Voraussetzungen verlässlich zu schaffen. Ganz gewiss und ganz ohne Zweifel betritt die Bundesrepublik mit diesem Versuch historisch gesehen Neuland und setzt unübersehbare Zeichen. Ganz gewiss und ganz ohne Zweifel hat sich in der Bundesrepublik eine Gedächtniskultur etabliert, in der das Verleugnen oder Verharmlosen der NS-Verbrechen auf deutlichen, sogar scharfen Widerspruch trifft, d.h. die wahrhaftige Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit nachhaltig an Terrain gewonnen hat. Und, so könnte man meinen, die heutige Preisverleihung an Gerhard Hoch stehe für die Würdigung eines Veteranen der Erinnerungsarbeit, mit dessen Ehrung – sage man – die Vorphase heutiger Gedächtniskultur, das Einfordern der Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen gegen zahllose Widerstände nämlich, ihr endgültiges Ende fände. Wäre dem so, dann ehrten wir heute Gerhard Hoch als einen Ruheständler, der seine Schlachten geschlagen hat und der nun in Muße ruhige Rückschau halten könnte; nicht zuletzt dank seines eigenen Engagements Rückschau halten könnte auf eine abgeschlossene Epoche verzerrter oder verweigerter Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.

Nun würde sich aber Gerhard Hoch gewiss weder als Veteran noch als Ruheständler begreifen. Und wir können, bei allem Lob hinsichtlich der unübersehbaren Fortschritte der Gedächniskultur gerade in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland, auch nicht das Schiefe übersehen, das mit der Institutionalisierung und Nationalisierung des negativen Gedächtnisses, wie es sich uns heute darstellt, verbunden ist. Die Errichtung des Holocaust-Denkmals ist nicht zuletzt der Preis, den der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl für die Gestaltung der Neuen Wache im Sinne der geschichtsnivellierenden, Täter und Opfer vermischenden oder verundeutlichenden Denkmale westdeutscher Tradition bezahlen musste. Ich werde nie vergessen, wie mir Ignatz Bubis in der Silvesternacht 1995 im Sheraton-Hotel Tel Aviv die Geschichte der politischen Verknüpfung von »Neuer Wache« und »Holocaust-Denkmal« erzählt hat. Daß sich der Bund erstmals am Unterhalt einer deutschen KZ-Gedenkstätte beteiligte, ist der letzten d. h. ersten demokratisch gewählten Regierung der DDR zu danken. Sie setzte die Gedenkstätte Buchenwald als Kultureinrichtung von gesamtnationaler Bedeutung auf die Tagesordnung der Wiedervereinigungsverhandlungen. Dass es ein Gedenkstättenkonzept des Bundes gibt, verdankt sich in erster Linie jenem hellsichtigen, geschichtsbewussten Teil der »Enquetekommission zur Aufarbeitung des SED-Unrechts im Prozess der deutschen Einheit«, der den Auftrag dieser Kommission faktisch ausweitete, weil er nicht übersehen und übergehen wollte, dass in Buchenwald und Sachsenhausen nicht nur sowjetische Speziallager bestanden hatten, sondern zuvor nationalsozialistische KZ. Siegfried Vergin sei als tatkräftiger Inspirator und Verfechter dieser Ausweitung an dieser Stelle mit Dankbarkeit erwähnt.

Aber deutlich gesagt, ich erwähne diese schiefen Anfänge nicht, um das Erreichte herabzumindern, sondern ich erwähne es, um uns nachdrücklich daran zu erinnern, wie sehr wir Menschen wie Gerhard Hoch bedürfen und weiterhin bedürfen werden, damit aus schiefen Anfängen immer Geraderes werde und damit die Institutionalisierung des negativen Gedächtnisses nicht zugleich zu seiner menschlichen Auskühlung und zu seiner Auslagerung aus der Gesellschaft in nunmehr geschaffene Spezialeinrichtungen führt. Wir ehren Gerhard Hoch heute, so meine ich, auch und nicht zuletzt deshalb, weil uns an seiner Biographie und an seinem über Jahrzehnte gezeigten Engagement deutlich wird, was wir verlieren würden, wenn es zu oben angedeuteter Auskühlung und Auslagerung käme. Und – auch das muß gesagt werden, die Widerstände, auf die Gerhard Hoch immer wieder gestoßen ist, wenn er die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit anregen wollte, sind längst nicht alle – denken sie z.B. an die Walser-Bubis-Debatte – überwunden. Um ihn zu zitieren: »Man kehrt den Dreck raus und wird noch beschuldigt, ihn reinzukehren. Das ist doch ganz unstimmig.«

Gerhard Hoch ist am 21. März 1923 in Alveslohe im Kreis Segeberg in Schleswig-Holstein geboren worden. Er hat nie, und bereits das unterscheidet ihn von vielen, sehr vielen Deutschen seiner Generation, verheimlicht, dass er aus einem Millieu – bis in die Familie hinein – stammt, das sich bereits vor 1933 mehrheitlich und überzeugt zum Nationalsozialismus bekannte. Sein Vater gehörte bereits seit 1930 der NSDAP und der SA an. Sein Elternhaus war ein Brennpunkt der nationalsozialistischen Bewegung in der Region. Kurz, Gerhard Hoch ist in seinen jungen Jahren, in seiner Zeit als Hitlerjugendführer, als Student an einer Lehrerausbildungsanstalt und schließlich als Soldat in der Sowjetunion und am Niederrhein ein überzeugter, wenn nicht glühender Nationalsozialist gewesen. Er verschweigt auch nicht, dass er sich dieser im familiären und heimatlichen Umfeld wie natürlich einsozialisierten Mentalität und Überzeugungen nicht plötzlich und abrupt, sondern nur nach und nach, schrittweise und unter großen Anstrengungen entledigen konnte. Als wir vor kurzem im Blick auf den heutigen Tag telefonierten, sprach er ganz schlicht und ohne jedes Pathos von »innerlicher Reinigung«, innerlicher Reinigung, die in britischer Kriegsgefangenschaft ihren Anfang nahm und sich schließlich, am Ende der sechziger Jahre, und nun auch angestoßen durch die Ostermarschbewegung oder den Protest gegen die Notstandsgesetze, im Engagement zur Aufdeckung der nationalsozialistischen Vergangenheit Alveslohes und seiner Umgebung konkretisierte. Ab 1975 beginnt er, insbesondere die Geschichte des Neuengammer KZ-Außenlagers Kaltenkirchen zu erforschen sowie die Geschichte zweier Todesmärsche, die 1945 von dem SS-Lagerführer Max Schmitt von Fürstengrube, einem Nebenlager von Auschwitz, und vom KZ-Außenkommando »Klosterwerke« in Blankenburg im Harz in Schmitts Heimat, in Hochs Heimat geführt wurden. Die Existenz des Außenlagers im Ortsteil Springhirsch wie das Ende der Todesmärsche in Sarau sind für Gerhard Hoch unabweisliche Zeichen dafür, dass das Beschweigen der NS-Vergangenheit in seiner Heimat auf willentlicher Ausblendung von Unrecht und zugefügtem Leid beruht, Unrecht und menschlichem Leid, von dem jeder in dieser Gegend mehr oder weniger gewusst haben musste. Und es war ihm klar, dass das, was für Alveslohe, Ahrenböck oder Sarau galt, so oder so ähnlich für jede Region Deutschlands gelten musste. Das Konzentrationslagersystem hatte mit seinen Außenlagern das gesamte deutsche Reich engmaschig überzogen.

Es ist unter Historikern heute weitgehend Konsens, dass das anfänglich beinahe durchgängige Beschweigen (Hermann Lübbe) der NS-Vergangenheit und die mit ihm verbundene weitgehende Integration der NS-Funktionseliten, später auch von großen Teilen der militärischen Eliten des nationalsozialistischen Deutschland für die formale Etablierung der Demokratie in der Bundesrepublik, für die formale Transformation der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft in die Bevölkerung eines demokratischen Landes kaum zu umgehen war – das Volk der Zustimmungsdiktatur ließ sich weder gegen ein anderes austauschen noch ließen sich alle Deutsche erschießen, wie Eugen Kogon im Blick auf die Massenverankerung des Nationalsozialismus bald nach Kriegsende ebenso klarsichtig wie bitter bemerkt hat. Es kann aber auch keinen Zweifel daran geben, dass Beschweigen und Integration über das strategisch notwendige Maß bei weitem hinausgegangen sind, die dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallenen Menschen neuerlich marginalisiert und verletzt wurden und dass sich die substanzielle Etablierung der Demokratie in der Bundesrepublik ganz wesentlich auch und gerade der offenen und öffentlichen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und der damit verbundenen Anteilnahme für die Verfolgten des NS-Regimes verdankt. Gerhard Hoch heute zu ehren, heißt einen Menschen ehren, der einen großen, weit überdurchschnittlichen Beitrag dazu geleistet hat, dass aus formaler Demokratieakzeptanz zunehmend substanzielle geworden ist; und es heißt, in Erinnerung behalten, dass die Geschichte der Demokratisierung der Bundesrepublik erst dann vollständig geschrieben worden sein wird, wenn auch die Perspektive der NS-Opfer in sie eingegangen ist. Was sich als Erfolgsgeschichte von Beschweigen und Integration liest, wird sich dann über weite Strecken auch als Geschichte der Ausgrenzung, des Übersehens, des Verschweigens und weitgehender menschlicher und politischer Kälte gegenüber den nationalsozialistisch Verfolgten lesen lassen müssen.

Es ist Deutschen wie Gerhard Hoch zu verdanken, dass Opfer des Nationalsozialismus Fürsprecher und Freunde, Anteilnahme und Unterstützung, schlicht Gehör und Würdigung gefunden haben. Man wird gerade heute daran erinnern müssen, heute, zu einem Zeitpunkt, zu dem von der außerordentlichen Bedeutung von Zeitzeugen fortwährend die Rede ist. Vergessen wir nicht, wie lange kaum einer sie hören wollte und wie unanständig man sie nicht selten, etwa als Zeugen vor Gericht z.B. im Frankfurter Auschwitz-Prozess, behandelt hat. Vergessen wir aber auch nicht, und auch das kann man von Gerhard Hoch lernen, welche Bereicherung, welche Erfahrungen an Freundschaft und Verstehen, welche Erfahrungen mit menschlicher Größe und humaner, politischer Hellsichtigkeit in der Begegnung mit den Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager liegen kann. Gerhard Hoch würde auf die verständnislos vorgetragene Frage »warum müssen sie sich denn immer wieder mit diesen Menschen und ihrer Geschichte belasten?«, antworten: weil es auch meine Geschichte ist und weil die Beschäftigung mit ihr nicht Last, sondern durch alle Anstrengungen hindurch immer auch Selbstbeschenkung ist.

Es ist an dieser Stelle zu sagen, dass Gerhard Hoch die heutige Auszeichnung bereits zu Recht erhielte, wenn sie nur dem unermüdlichen Geschichtsforscher und Autoren zahlreicher Bücher und Aufsätze verliehen würde, denn er hat unser Wissen zum Nationalsozialismus ganz erheblich erweitert – wer, der sich mit dieser Geschichte beschäftigt, wüsste nicht, wie erheblich nach wie vor gerade die Forschungsdesiderate in Bezug auf die KZ-Außenlager und gerade in Bezug auf die Todesmärsche sind. Ich möchte aber auch sagen, dass ich mich ganz besonders darüber freue, dass heute einer den »Marion-Samuel-Preis« erhält, von dem man lernen kann, dass die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen und die Empathie für die ihnen zum Opfer gefallenen Menschen nicht Last, Verewigung von Schande oder Verlust an Stolz, wenn es denn unbedingt Stolz sein muss, bedeutet, sondern Selbstbeschenkung und Zuwachs an Souveränität im besten menschlichen, im besten politischen Sinne. »Als sei es die Kenntnis von Verbrechen, die befleckt und nicht so sehr die Verbrechen selber – oder deren Verschweigen«, hat Gerhard Hoch einmal geschrieben und: »Dies ist wohl auch nicht vordringlich Sache der Justiz, sondern Sache von Bürgern, die solche zeitgeschichtliche Aufhellung als notwendigen Prozess der gesellschaftlichen Selbstreinigung betreiben. Wichtig ist ja nicht Rache und Strafe, sondern Einsicht und Sinneswandel, Bewusstseinsveränderung.« Sich negatives Gedächtnis leisten, um ganz Mensch, ganz Mitmensch, ganz Bürger im Sinne von Citoyen zu werden, dafür steht das Lebenswerk Gerhard Hochs exemplarisch. Wenn ihn, der auf viele Widerstände getroffen ist – vom bestenfalls noch unterkühlten Gruß, vom Wechseln des Bürgersteiges, von unterschwelliger Wut wegen seines Ausscherens aus dem Schweigekartell der Dorfgemeinschaft bis hin zu unbeantworteten Anfragen, vorenthaltenen Dokumenten (auch aus Kirchenarchiven), Verzögerungen, Klagedrohungen und Drohbriefen – wenn ihn, der auf so viele Widerstände getroffen ist, etwas wirklich geschmerzt hat, dann sind es, glaube ich, nicht eigentlich diese Widerstände gewesen, sondern vielmehr die Verweigerung derjenigen, die sie zeigten, sich mit sich selbst und ihrer Verantwortung auseinanderzusetzen, um sich dadurch als Menschen, als Mitmenschen, als Bürger (wieder) zu gewinnen. Man lese in dieser Perspektive seine Studie »Von Auschwitz nach Holstein. Der Leidensweg der 1200 jüdischen Häftlinge von Fürstengrube« und hier insbesondere die Passagen zu SS-Lagerführer Max Schmitt und dem Briefwechsel mit dessen Anwälten. »Um sich wiederzugewinnen –«, dieser Satz ist bei Gerhard Hoch keine leere Floskel, in ihr spukt nichts ontologisch Wesenshaftes, wie es in der deutschen Geschichte nicht selten verhängnisvoll war, sondern er ist ganz konkret gemeint. Meint annehmen, Hitlerjunge gewesen zu sein. Meint annehmen, ohne die Niederlage des 8. Mai 1945 aller Wahrscheinlichkeit nach ein »Herrenmensch« wie der unbekehrbare Max Schmitt geworden zu sein. Meint, konkret begreifen zu wollen, warum man aller Wahrscheinlichkeit nach so geworden wäre wie dieser. Meint, aufhellen zu wollen, wie dieser – d.h. man selbst – »von seiner dörflichen Umgebung zum Hitlerjungen erzogen und zum SS-Mann vorbereitet worden war.«

Die Lebens- und Werkgeschichte Gerhard Hochs kann uns gerade heute, zu einer Zeit, in der die konkrete Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus auch in Politikerreden nicht selten in anthropologisierenden Redeweisen von dem Menschen und dem Bösen verdampft, daran erinnern, dass Erinnerung an begangene Verbrechen nur dann wirkliche Früchte für die demokratische Kultur und Verfassung der Gesellschaft trägt, wenn sie konkret ist, Orte und Personal der Verbrechen benennt bis hinunter zu all jenen Formen der Indifferenz, des Wegschauens, des Mitlaufens oder der »kleinen« scheinbar harmlosen Formen der Beihilfe, die Diktaturen erst wirklich stark machen.

Vielleicht wird die Bundesrepublik tatsächlich demnächst mit mindestens von der Politik recht breit gewollten, makellosen Institutionen des negativen Gedächtnisses ausgestattet sein. Vielleicht werden diese sogar reibungslos funktionieren. Es täte dann gut, an Menschen wie Gerhard Hoch zu denken und sich daran zu erinnern, dass das Gedächtnis der Bundesrepublik nicht immer makellos war. Nicht, um sich selbst zu beschämen, sondern um über die nationalsozialistische Vergangenheit hinaus jenen inneren Zusammenhang von Verbrechenserinnerung und substantieller Demokratisierung nicht zu vergessen. Und um nicht zu vergessen, dass sich dieser Beitrag zur Demokratisierung ganz wesentlich bürgerschaftlichem Engagement gegen einen zunächst weitgehend anamnestischen Staat, eine zunächst weitgehend anamnestische Gesellschaft verdankt.

Erkannt werden könnte dann, dass negatives Gedächtnis nichts, aber auch gar nichts mit negativem Nationalismus zu tun hat, sondern mit jener gelassenen Souveränität ohne Hochmut und Minderwertigkeitskomplex, die eben nur im Dreischritt von Erinnern, Vergegenwärtigen und Durcharbeiten zu haben ist, oder – wie Gerhard Hoch sagen würde (und gesagt hat): es in sich hineinlassen, damit ausgekehrt werden kann. Auskehren tut weh, aber es verwundet nicht, es erleichtert vielmehr die Seele und erhellt den Verstand. Die Möglichkeit der »inneren Reinigung vom Gift des Nationalsozialismus« habe er als Gunst erfahren, als Gunst, zu tiefgreifender Wandlung befähigt worden und befähigt gewesen zu sein, hat Gerhard Hoch mir am Telefon gesagt und auch »man ist kein Heros«. Aber ein Beispiel! Aber ein Beispiel möchte ich mit Ausrufezeichen hinzufügen, ein Beispiel und auch ein Beispielgeber, denn die Bezeichnung Vorbild würde Gerhard Hoch, weil er bescheiden ist und das, was er getan hat und tut, für eine menschliche Selbstverständlichkeit hält, zurückweisen. Ein Beispielgeber und doch auch ein Vorbild! Jedenfalls für mich und viele meiner Generation, die wir mehr oder minder im Schweigen aufwuchsen und für das dahinter und darin geahnte und gespürte Schlimme nach Worten und nach Ausdruck suchten und dann – Menschen wie ihn in Deutschland fanden.

 

Die "Stiftung Erinnerung" wurde 1996 von Walther Seinsch, Lindau, ins Leben gerufen. Sie fördert Institutionen und Personen, die sich auf besondere Weise gegen das Vergessen, Verdrängen und Relativieren der von Deutschen in der Zeit des Nationalsozialismus begangenen Verbrecheen wenden und/oder die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Zeit voranbringen. Außerdem verleiht die "Stiftung Erinnerung" seit 1999 den "Marion-Samuel-Preis" an Personen, die das Anliegen der Stiftung publizistisch gefördert haben.

 

Marion Samuel wurde am 27.Juni 1931 in Arnswalde (Brandenburg) geboren. Bekannt ist von ihr nur ihre letzte Adresse von 1939: Rhinower Str. 11, im Bezirk Prenzlauer Berg in Berlin. Marion Samuel wurde mit dem 33. Transport aus Berlin am 3.März 1943 nach Auschwitz deportiert und gilt als verschollen. Die Stiftung möchte an Marion Samuel und an die Menschen erinnern, die ihr Schicksal teilen.

 

Dr. Volkard Knigge ist Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und erhält einen Professor für Geschichte und Öffentlichkeit im Fachbereich Geschichte an der Friedrich-Schiller Universität Jena.

Artikel als PDF verfügbar
(GedenkstaettenRundbrief97-14-19.pdf)