Astrid Ley

»Medizin und Verbrechen. Das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen 1936–1945«

Gedenkstättenrundbrief 129 S. 3-11

Neue Dauerausstellung in der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen

Im Beisein zahlreicher Überlebender wurde am 7. November 2004 in der Gedenkstätte Sachsenhausen die neue Dauerausstellung »Medizin und Verbrechen. Das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen 1936–1945« eröffnet. Als erste große ständige Ausstellung zu diesem Thema in Deutschland wird sie einen wichtigen Beitrag zu der auch unter Medizinern lange vernachlässigten Auseinandersetzung mit den Verbrechen von Ärzten in der NS-Zeit leisten, wie die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt in ihrer Ansprache hervorhob.

Für die Ausstellung wurden die original erhaltenen Baracken R I und R II unter der Leitung des Architekten Dr. Günter Hipfel behutsam restauriert, so dass der authentische Charakter dieser 1936 erbauten und damit – unseres Wissens – ältesten erhaltenen KZ-Baracken voll zur Geltung kommt. Die vom Büro Frey Aichele Team (Berlin) entwickelte Ausstellungsgestaltung unterstreicht die Authentizität der historischen Gebäude und betont deren Bedeutung als Hauptexponat der Ausstellung: Decken und Wände wurden von Installationen und Ausstellungselementen völlig freigehalten, Glasstege, auf denen der Besucher läuft, führen durch die Räume. Dieser »Gehweg«, aus dem sich freistehende große Glasvitrinen mit Exponaten und zahlreichen Medienstationen erheben, bildet das bestimmende graphische Element der Gestaltung. Zugleich verweist er auf den historisch abgehobenen Standpunkt des Betrachters. Der in R II beginnende Rundgang führt durch den unterirdischen Durchgang zwischen beiden Baracken und durch den Keller wieder hinauf in die Baracke R I. Die Räume im Keller wurden original belassen und lediglich mit Hinweisen auf ihre frühere Funktion versehen.

Aura und Zeugniswert der Originalbaracken R I und R II sind nur einer der Gründe dafür, dass die von einem Projektteam um Günter Morsch und die Autorin realisierte Ausstellung »Medizin und Verbrechen« mit etwa 800 qm Fläche und ca. 1 000 Exponaten die mit Abstand größte Einzel-Ausstellung im Rahmen des dezentralen Konzepts der Gedenkstätte Sachsenhausen geworden ist. Der andere Grund besteht in der Komplexität und Bedeutung der behandelten Thematik. So liegt der Fokus nicht allein auf den im KZ Sachsenhausen begangenen ärztlichen Verbrechen wie Zwangssterilisation und -kastration, Krankenmord und Menschenexperimenten. Zentraler Schwerpunkt der Ausstellung ist vielmehr auch die – in einem solchen Rahmen bislang noch nie thematisierte – »alltägliche« medizinische Versorgung im Konzentrationslager.

Denn dem Krankenrevier kamen – nach der Absicht der SS – bestimmte Funktionen im Lager zu, die sich zudem im Laufe der Zeit veränderten. Sollte das Revier zunächst nur eine – auch aus Propagandagründen angezeigte – medizinische Minimalversorgung der Häftlinge gewährleisten, so rückte seit Kriegsbeginn die Seuchenprävention in den Vordergrund, da infolge der sich verschlechternden Lebensbedingungen ansteckende Krankheiten im Lager grassierten, die auch SS-Leute bedrohten. Ab 1942 bestand die Aufgabe vor allem in der Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit erkrankter Häftlinge, die für die deutsche Kriegswirtschaft ausgebeutet werden sollten. Untrennbar damit verbunden war die Selektion und Ermordung von Kranken, deren Arbeitsfähigkeit die SS für nicht wiederherstellbar hielt. Ab Sommer 1944 diente das Revier zudem als eine Art Haftlazarett der Gestapo-Sonderkommission »20. Juli«, in welchem durch Suizidversuche oder Folter verletzte Regimegegner trotz schwerer Verwundungen weiter vernommen werden konnten. Besondere Abteilungen des Krankenreviers schließlich wurden als Schauobjekte genutzt, fungierten als besondere Attraktionen bei den – offenbar bis 1945 – mehrfach pro Woche stattfindenden Besucherführungen durchs Lager.

Die museale Darstellung der Vorgänge im Krankenrevier erfolgt – wie schon in anderen Ausstellungen der Gedenkstätte Sachsenhausen – über die Biographien von Häftlingen, über ihre Verfolgungsschicksale, ihre Erfahrungen und ihre Erlebnisse im Lager. Ganz bewusst wurden die Erinnerungen der Opfer an vielen Stellen in den Mittelpunkt der Präsentation gerückt, denn, wie Gedenkstättenleiter Günter Morsch in seiner Eröffnungsrede im Hinblick auf den radikalen Umschwung in der Medizin ab 1933 betonte: »Niemand kann besser diese Verwandlung schildern und bezeugen als die Überlebenden und Opfer der Konzentrationslager, an denen entweder gegen ihren Willen medizinische Experimente durchgeführt wurden, die als Häftlingsärzte und -pfleger das verbrecherische Treiben täglich genau beobachteten oder aber als Kranke in völlig überfüllten Zimmern, in denen katastrophale Zustände herrschten, der Visite der SS-Ärzte entgegenbangten.« Die Geschehnisse im Krankenrevier und seinen diversen Spezialeinrichtungen, aber auch das Verhalten von SS-Ärzten, werden in der Ausstellung also aus der Sicht von Häftlingen erzählt und daher – wegen der Subjektivität individueller Erinnerung – aus sehr unterschiedlichen Perspektiven geschildert.

Als Träger der medizinischen Versorgung spielten Häftlinge tatsächlich eine zentrale Rolle im Krankenrevier. Leiter des Krankenbaus war zwar der »Erste Lagerarzt«, dem weitere SS-Ärzte unterstanden. In der Krankenbetreuung übten diese Ärzte jedoch nur die Aufsicht aus, denn die praktische Behandlung lag in den Händen von »Häftlingspflegern« – speziellen Funktionshäftlingen, von den Gefangenen auch »Sanitäter« genannt. Bis Ende 1942 setzte die SS fast ausschließlich Häftlinge ohne ärztliche Vorbildung – nicht selten sogar völlige medizinische Laien – in der Krankenversorgung ein. Allerdings waren jüdische Häftlinge von diesen Positionen, wie auch von der Behandlung im Revier, grundsätzlich ausgeschlossen. Unter diesen Bedingungen versuchten viele Häftlingspfleger, nicht selten unter hohem persönlichen Risiko, eine möglichst gute medizinische Hilfe zu leisten. Die dazu benötigten Spezialkenntnisse eigneten sie sich von Mithäftlingen selbst an, wie unter anderem am Beispiel des politischen Häftlings Fritz Bringmann gezeigt wird, der von 1937 bis 1939 im Krankenrevier arbeitete. In einer Medienstation kann der Besucher zwischen mehreren Filmsequenzen aus einem längeren Interview mit Bringmann wählen, in denen dieser mit lebhaften Schilderungen dem Betrachter die Geschehnisse unmittelbar nahebringt.

Wie neben Bringmann auch andere ehemalige Häftlinge berichteten, erlegte die Arbeit im Krankenrevier den dort tätigen Funktionshäftlingen eine sehr große Verantwortung auf, denn bei der Behandlung auch schwerer Erkrankungen waren sie oft völlig auf sich gestellt. Die Arbeit im Revier gewährte ihnen aber zugleich einen gewissen Freiraum für Selbstbehauptung und Widerstand gegen den Terror der SS. In der Zeit bis zum Kriegsbeginn 1939 waren fast alle Pfleger-Posten mit politischen Häftlingen besetzt, die somit den Krankenbau dominierten. Es war ihnen daher möglich, im Lager auffällig gewordene Mitgefangene im Revier zu verstecken oder dort sogar geheime Zusammenkünfte abzuhalten. So führten »Politische« im Sommer 1939 in den Revierbaracken eine Totenfeier für den an Krankheit verstorbenen KPD-Funktionär Lambert Horn durch, die vielen Häftlingen in Erinnerung geblieben ist. Eine Audiostation gibt die Stimmen verschiedener Beteiligter wieder, die das Ereignis später aus je eigener Sicht schilderten.

Ein aus 32 kleinen Figürchen bestehendes Schachspiel steht für einen weiteren zentralen Aspekt der im Revier betriebenen Krankenpflege durch Häftlinge, nämlich den altruistischer Hilfsbereitschaft in medizinischer wie universell menschlicher Hinsicht. Das Spiel stammt aus dem Besitz des ehemaligen Häftlings Franz Cyranek, der von 1938 bis zur Befreiung des Lagers Röntgenlaborant im Krankenrevier gewesen war. Sowjetische Kriegsgefangene hatten es aus der wohl kostbarsten Substanz gefertigt, die ihnen im KZ zur Verfügung stand: aus Brot. Sie schenkten es dem deutschen Häftlingspfleger als Dank für seinen selbstlosen Beistand. Wie der polnische Häftling Witold Zegarski berichtete, sei Cyranek »zu jeder, auch der riskantesten Hilfe« bereit gewesen. Eine solche uneigennützige Hilfsbereitschaft ist auch von etlichen anderen Funktionshäftlingen des Reviers überliefert. In der Erinnerung vieler Überlebender war der Krankenbau somit vor allem ein Ort von Opfersinn, Solidarität und Hilfe, und zwar trotz der dort verübten SS-Verbrechen und trotz der dort herrschenden Machtkämpfe zwischen einzelnen Häftlingsgruppen.

Nachdem die SS über lange Zeit einzig Nicht-Mediziner in der Krankenversorgung eingesetzt hatte, zog sie ab Ende 1942 konsequent inhaftierte Ärzte und Medizinstudenten zum Dienst im Revier heran. Hintergrund dieser Neuerung war der Funktionswandel der Konzentrationslager nach dem Scheitern der Blitzkriegsstrategie, durch den die Lager zu einem »Arbeitskräftereservoir« für die deutsche Rüstungsindustrie geworden waren. Den aus vielen Ländern Europas stammenden Häftlingsärzten wurde nun zur Aufgabe gemacht, durch eine verbesserte medizinische Versorgung die Sterblichkeit im Lager zu senken und damit zugleich die Arbeitsfähigkeit des Häftlingskollektivs zu heben.

Dass nun medizinisch gut geschulte Gefangene aus vielen Nationen im Krankenbau arbeiten konnten, bewirkte eine deutliche Professionalisierung der Krankenversorgung. Wie Überlebende berichteten, führte etwa der 1943 wegen Widerstands gegen die deutsche Besatzungsmacht nach Sachsenhausen verschleppte Pariser Chirurg Dr. Emil Coudert im Lager eine Vielzahl komplizierter Operationen durch. Auch der spätere norwegische Gesundheitsminister Dr. Sven Oftedal spielte als Häftlingsarzt eine bedeutende Rolle. Erinnerungen von Mithäftlingen zufolge organisierte er z.B. größere Mengen von Stärkungsmitteln für das Krankenrevier, indem er die skandinavischen Häftlinge, die zu dieser Zeit regelmäßig Pakete vom Roten Kreuz erhielten, zur Abgabe des darin enthaltenen Lebertrans veranlasste. Auf eine weitere Initiative des Norwegers weist eine erhalten gebliebene ärztliche Verordnung über zwei Tage Schonung hin, die in der Ausstellung zu sehen ist. Das im März 1945 angefertigte Schriftstück entstand im Zusammenhang mit einer von Oftedal ins Leben gerufenen Blutspendeaktion, die bei alliierten Bombenangriffen verwundeten Häftlingen zugute kam.

Wie die Ausstellung auch am Beispiel anderer Mediziner etwa aus der Sowjetunion und Polen illustriert, verfügten die Häftlingsärzte und -pfleger bei ihrer Arbeit im Revier über einen nicht unbedeutenden Handlungsspielraum. Dennoch waren sie als Funktionshäftlinge per se in einer schwierigen Lage, denn ihre Position verlangte eine dauernde Gratwanderung zwischen den Befehlen der SS und den Interessen der Patienten. Wegen des permanenten Mangels im Lager waren sie zudem gezwungen, mit zu geringen Mitteln zu viele Kranke zu versorgen. Und nicht zuletzt wurden ihre ärztlichen Bemühungen von der SS im Grunde dazu missbraucht, um unter den Bedingungen der Lagerhaft erkrankte Häftlinge für eine weitere wirtschaftliche Ausbeutung wiederherzustellen. Häftlinge, deren Arbeitsfähigkeit der SS-Arzt für nicht wiederherstellbar hielt, wurden aus dem Krankenbau entfernt. Sie wurden planmäßig vernachlässigt, in andere Lager abgeschoben oder ermordet. Vor allem seit 1942 war das Revier somit auch Ort gezielter »Vernichtung«, wobei erste systematische Selektionen zur »Säuberung des Krankenbaus von chronisch Kranken« sogar schon seit Oktober 1941 nachweisbar sind, wie ein eigener Ausstellungsschwerpunkt zu »Selektion und Mord« dokumentiert. Der in diesem Zusammenhang biographierte ehemalige Häftling Dr. Fritz Leo hat das für die Lage der Häftlingsärzte typische Dilemma in seinen Erinnerungen eindrucksvoll geschildert.

Um die schwierigen Bedingungen häftlingsärztlicher bzw. -pflegerischer Tätigkeit geht es letztlich auch in dem Ausstellungsabschnitt über die Rolle des Krankenreviers als Haftlazarett der Sonderkommission »20. Juli«. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler nahmen Gestapo-Beamte eine große Zahl von Personen fest, die zum Teil führend an den Planungen zum Staatsstreich beteiligt gewesen waren. Bei dieser Verhaftungsaktion wurden durch Suizidversuch oder Gestapo-Folter verletzte sowie erkrankte Regimegegner in das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen verlegt, um sie dort gesundheitlich für weitere Verhöre und gegebenenfalls Gerichtsverfahren wiederherzustellen. Zur Versorgung der Verhafteten zog man Häftlingspfleger heran, die man für das Überleben ihrer prominenten Patienten verantwortlich machte. Wie die Ausstellung unter anderem am Beispiel von Hans von Dohnanyi und seinem dänischen Betreuer Knud Peter Damsgaard Jensen demonstriert, entstanden trotz problematischer Rahmenbedingungen mitunter enge freundschaftliche Bindungen zwischen Krankem und Pfleger.

Die noch erhaltenen Baracken R I und R II, in denen die Ausstellung untergebracht ist, waren nur ein Teil des damals laufend vergrößerten Krankenreviers. Bis zum Kriegsende wuchs das Revier auf mehr als sechs Gebäude mit fast 800 Betten an, in denen am Ende über 2 000 Patienten lagen. Doch die Abteilungen waren sehr unterschiedlich ausgestattet. Während es in manchen Stationen am Nötigsten fehlte und die Betten mit zwei oder mehr Kranken belegt waren, herrschten in anderen relativ gute Zustände. Besonders die zuerst gebauten Baracken R I und R II verfügten über recht moderne Therapie- und Diagnoseeinrichtungen, wie Operationssäle, Zahnstation, Röntgenkabinett und Laboratorien. In den Krankensälen gab es bis zuletzt Bettzeug, in einigen waren sogar Einzelbetten aufgestellt. Wegen dieser guten Ausstattung – so berichteten verschiedene Überlebende – wurden R I und R II häufig Besuchern gezeigt. Das verweist auf eine weitere Funktion des Krankenreviers, nämlich die eines Besichtigungs- bzw. Vorführobjekts.

Durch das 1936 als eine Art Modelllager erbaute und unweit der Reichshauptstadt Berlin gelegene KZ Sachsenhausen wurden häufig Besuchergruppen aus dem In- und Ausland geführt. Dabei zeigte man in der Regel aber nur ausgewählte Lagerbereiche, wie die Baracken R I und R II sowie einige »Musterblocks«. Der Kreis der Besucher war sehr heterogen und reichte von Vertretern verbündeter Staaten bis hin zu kritischen Journalisten. Mit den Führungen sollte einer angeblichen Hetzpropaganda über die Konzentrationslager begegnet und zugleich das Trugbild einer »harten aber gerechten« Behandlung der Gefangenen vermittelt werden. Doch nicht alle Besucher gewannen diesen Eindruck, wie zeitgenössische Privat-Aufzeichnungen über solche Besichtigungen offenbaren. Nicht zuletzt deshalb existieren somit mehrere Sichtweisen von dem bei jenen Führungen Gezeigten: Das von der SS entworfene Trugbild über die Realität im Lager steht einer unterschiedlichen Wahrnehmung dieser Wirklichkeit durch verschiedene Besucher gegenüber. Hinzu kommt die von den Häftlingen erlebte Realität, die bei jenen Besuchen gleichsam als Statisten mitzuwirken hatten. Diese differierenden Sichtweisen galt es miteinander zu konfrontieren, wollte man die Atmosphäre bei jenen Besucherführungen rekonstruieren. Da wegen einer schwierigen Objektlage die klassischen musealen Mittel versagten – so sind die Wahrnehmungen von Besuchern, aber auch Häftlingen, oft nur in schriftlicher Form überliefert –, wurden mit einer Drei-Monitor-Installation neue Wege zur Darstellung von Geschehen beschritten, das von den Beteiligten unterschiedlich erlebt worden ist. Auf drei nebeneinander angebrachten Bildschirmen, von denen einer stets die Sichtweise der SS, ein zweiter die der Besucher und ein dritter die der Häftlinge wiedergibt, kann eine solche Führung durchs Lager aus mehreren Perspektiven gleichzeitig in Film, Bild, Text und Ton verfolgt werden.

An die Themen des bisher besprochenen Komplexes zum »Alltag im Krankenrevier zwischen Versorgung und Vernichtung« schließt sich – als zweiter Hauptteil der Ausstellung – die Darstellung der im KZ Sachsenhausen begangenen medizinischen Verbrechen an. Hier geht es neben der eugenisch motivierten Zwangssterilisation sowie der Zwangskastration als »homosexuell« klassifizierter Häftlinge vor allem um die Krankenmordaktion »14 f 13«, der über 550 vermeintlich oder tatsächlich kranke Insassen des KZ Sachsenhausen zum Opfer fielen. Die »Aktion 14 f 13« war nach dem Aktenzeichen benannt, das in der Oranienburger Inspektion der Konzentrationslager für den Mord durch Gas verwendet wurde. Sie begann im April 1941 mit einer großangelegten Reihenuntersuchung im KZ Sachsenhausen. Von den einige Monate später einsetzenden Selektionen zur »Säuberung des Krankenbaus von chronisch Kranken« unterschied sie sich vor allem dadurch, dass die Ausgesonderten in den Tötungsanstalten der »Euthanasieaktion T4« – einer zentral gelenkten Mordaktion an Psychiatriepatienten – getötet wurden. Eine Installation mit der Original-Zugangstür zum »Vernichtungstrakt« der Tötungsanstalt Sonnenstein bei Pirna erinnert an die Namen der Häftlinge aus Sachsenhausen, die diese Tür kurz vor ihrem gewaltsamen Tod passieren mussten.

Ein anderes Schwerpunktthema dieses Ausstellungsteils bilden die anthropometrischen Untersuchungen der »Rassenhygienischen Forschungsstelle Berlin« an Sinti und Roma im Krankenrevier. Zur wissenschaftlichen Legitimierung staatlicher Verfolgungsmaßnahmen gegen diese Menschen fertigten die Mitarbeiter der Forschungsstelle seit 1936 »Rasse-Gutachten« über die in Deutschland lebenden Roma und Sinti an. Ende 1938 kamen sie dazu auch ins KZ Sachsenhausen, wo sie 400 Sinti und Roma-Häftlinge »rassenbiologisch« untersuchten. Die von den Wissenschaftlern abgegebenen Gutachten dienten der Polizei später als Grundlage bei der Erstellung der Deportationslisten, nach denen hunderttausende Roma und Sinti in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt wurden. Die meisten von ihnen kamen dort um. In der Ausstellung werden diese »Rassenforschungen« im Krankenrevier in den Kontext der gesamten Verfolgungsgeschichte dieser Minderheit gestellt, um die zentrale Rolle jener Wissenschaftler beim systematischen Massenmord an den Sinti und Roma vor Augen zu führen. Die dafür mitverantwortliche Dehumanisierung wissenschaftlicher Forschung kommt deutlich in den Kopfplastiken und Gesichtsmasken zum Ausdruck, die die »Rassenforscher« zu Zwecken der Lehre von Roma und Sinti anfertigten und die jetzt in der Ausstellung zu sehen sind. Kontrastiert werden diese Plastiken mit den Biographien der Abgeformten und anderer Angehöriger der Minderheit, so dass die Verfolgungsgeschichte dieser Menschen auch über individuelle Lebensschicksale nachvollzogen werden kann.

Schließlich widmet sich die Ausstellung dem Thema medizinischer Versuche am Menschen, das anhand von vier Beispielen aus einer großen Vielzahl im KZ Sachsenhausen vorgenommener Experimente beleuchtet wird. Die Versuche an KZ-Häftlingen waren medizinische Verbrechen, bei denen Ärzte an Menschen experimentierten, die nicht frei über eine Versuchsteilnahme entscheiden konnten. Außerdem nahmen die Ärzte dabei eine körperliche Schädigung – oder auch den Tod – ihrer Versuchspersonen in Kauf. In einigen Fällen war der Tod der Versuchsperson sogar geplanter Teil des Versuchs. Wie auch die Beispiele aus Sachsenhausen erkennen lassen, waren die an KZ-Häftlingen untersuchten Fragen erst durch den von Deutschland begonnenen Krieg akut geworden, denn in aller Regel ging es um militärische Zweckforschung und um Probleme der Wehrmedizin, wenn Verfahren zur Optimierung der deutschen Kriegführung erprobt oder Heilmittel und Impfstoffe gegen kriegsbedingte Verletzungen und (Infektions-)Krankheiten getestet wurden.

In der Ausstellung geht es nicht nur um den politischen und wissenschaftlichen Kontext der jeweiligen Experimente und um Person, Motivation und institutionelle Zugehörigkeit des ärztlichen Täters sowie der Mittäter und Beobachter. Ein zentraler Aspekt ist auch die Sicht der Opfer, der »Versuchspersonen«, welche die Experimente durchleben und erleiden mussten. Eines der gezeigten Beispiele, die Geschichte von elf jungen Juden, die im Sommer 1943 für Hepatitis-Experimente von der Rampe in Auschwitz in das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen gebracht worden waren, kann sogar an ihrem authentischen Schauplatz präsentiert werden: in Raum 51 der Baracke R II, wo die Kinder und jungen Männer während der über ein Jahr andauernden Versuche leben mussten.

Am Ende der Ausstellung ist ein »Learning-Center« mit acht Computerarbeitsplätzen untergebracht, in dem eine interaktiv-multimediale Präsentation zum Thema genutzt werden kann. Die bislang nur in einer deutschen Fassung vorliegende Anwendung – eine englische Version ist in Vorbereitung – richtet sich vor allem an Schülergruppen und interessierte Einzelbesucher. Im Zentrum der ca. 1 300 Bildschirmseiten umfassenden und reich verlinkten Präsentation stehen zehn »Sprechende Objekte«, über die sich der Nutzer verschiedene wichtige Aspekte der Ausstellung erschließen kann. Ein zugehöriges Lexikon bietet mehr als 500 Artikel zu historischen Themen, medizinischen Fachbegriffen und zu den in der Ausstellung erwähnten Personen. Darüber hinaus stehen detaillierte Hintergrundinformationen zu Voraussetzungen, Spezifika und Folgen der NS-Medizin zur Verfügung. Eine Rubrik mit »häufig gestellten Fragen« rundet die Präsentation ab.

Die Ausstellung wäre in dieser Form nicht möglich gewesen ohne die bereitwillige Unterstützung durch zahlreiche Archive, Museen, Gedenkstätten und andere Einrichtungen wie der Staatlichen Archivverwaltung in Moskau, der Entschädigungsbehörde Düsseldorf, des Brandenburgischen Landeshauptarchivs Potsdam, des Kultur- und Dokumentationszentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg und des Geschichtsarchivs der Zeugen Jehovas in Selters. Der größte Teil der in der Ausstellung gezeigten Objekte wurde jedoch von Überlebenden, deren Familien und Freunden zur Verfügung gestellt. Viele von ihnen trugen zudem durch Gespräche und detaillierte Berichte zur Erforschung der Geschehnisse im Krankenrevier bei. Die Gesamtkosten für Gebäudesanierung und Ausstellung in Höhe von 4,8 Mio. Euro wurden mit Mitteln der Bundesregierung und der Landesregierung Brandenburg finanziert, die computergestützte Präsentation für das »Learning-Center« wurde von der Europäischen Union gefördert. Mit der Ausstellung zum Krankenrevier des KZ Sachsenhausen werden die Geschehnisse und Verbrechen in diesem zentralen Funktionsbereich nationalsozialistischer Lager nun erstmals ausführlich und für die breite Öffentlichkeit an einem authentischen Ort präsentiert.

Artikel als PDF verfügbar
(GedRund129_3-11.pdf)