Veronika Nahm

»Nicht in die Schultüte gelegt …« Schicksale jüdischer Kinder 1933–1942 in Berlin. Menschenrechtsbildung durch historisches Lernen

Gedenkstättenrundbrief 164 S. 35-38

Ein Lernmaterial für Grundschulen

Das Anne Frank Zentrum beschäftigte sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Frage, wie historisch-politische Bildung mit Schülerinnen und Schülern der Grundschule und den Klassen 5 und 6 gelingen kann. In der Verbindung aus pädagogischer Praxis und fachdidaktischer Reflexion entstand ein Material, das jetzt in der Lernwerkstatt der Schule am Falkplatz allen interessierten Gruppen zur Verfügung steht. Ein Leseexemplar wurde gedruckt und kann gegen Schutzgebühr beim Anne Frank Zentrum bestellt werden. Ziel ist die Veröffentlichung in einem Verlag.

 

Beschreibung des Materials

Das didaktische Material ist zum Einsatz in Lernwerkstätten und in außerschulischen Lernumfeldern gedacht. Schülerinnen und Schüler der Klassen 4 bis 6 können in einem selbstbestimmten Lernprozess während eines längeren Zeitraums zur Zeit des Nationalsozialismus und zu den Kinderrechten arbeiten.

Die Kinder begegnen sieben Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in insgesamt 69 Ge­schichten. In deren Erinnerungen erfahren die Kinder etwas über ihren Alltag in den 1930er Jahren: den ersten Schultag, die Familie, die Freunde, das Wohnumfeld in Berlin und ihre Hobbys. Die Quellengrundlage sind kurze Texte, die Autobiografien, transkribierten Interviews oder persönlicher Korrespondenz entnommen wurden. Sie sind mit Abbildungen kombiniert, die kostbare Dinge aus dem persönlichen Besitz zeigen: das Klassenfoto, das Schulzeugnis, den Reisepass mit dem Visum für Palästina oder den Eintrag der besten Freundin ins Poesiealbum.

Die Zeitzeugen haben drei Dinge gemeinsam: Alle sind in Berlin zur Schule gegangen, alle wurden als Jüdinnen und Juden zur Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und alle haben die Schoa überlebt. In ihren Erinnerungen stehen die Geschichten von Verlust, Diskriminierung und Verfolgung neben den »guten« Erinnerungen an die Kindheit. Den Autorinnen und Autoren des Materials war es wichtig, die Zeitzeugen nicht ausschließlich als Opfer des Nationalsozialismus zu zeigen, sondern auch deren »normalen« Alltag lebendig zu schildern. Das Jüdisch-Sein der Zeitzeugen hat viele Facetten: Einige der Zeitzeugen wurden nicht, andere streng religiös erzogen. Die eine ging in die Reformsynagoge, der andere in eine sephardische Synagoge. Die individuelle Selbstdefinition wird der rassistischen Zuschreibung durch die Nationalsozialisten entgegen gestellt. Über die Alltagsgeschichten ergeben sich Bezüge zur Lebenswelt der Kinder heute. Sie entdecken Gemeinsamkeiten, weil sie z.B. auch gerne Fußball spielen oder weil sie sich ebenfalls auf ihren ersten Schultag und die Schultüte gefreut haben.

Jede kurze Geschichte wird von didaktischen Fragen begleitet, die einem festen Schema folgend drei Bereiche thematisieren: Die erste Frage richtet sich auf die Text- oder Bildquelle und soll zu ihrem Verstehen beitragen. Die Kinder sollen zum Beispiel einen erwähnten Ort auf einer historischen und einer aktuellen Karte von Berlin suchen. Historische Begriffe und Fremdwörter werden in einem Glossar erklärt. Die zweite Frage zielt allgemein auf einen Vergleich der Lebenswelten der Kinder damals und heute ab. Wenn dabei in der Quelle oder in der Lebenswelt der Kinder heute ein Verstoß gegen die Kinderrechtskonvention vorliegt, wird unter dem Stichwort »Weiterdenken« auf den entsprechenden Artikel verwiesen.

Zwei Beispiele: Ruth Recknagel erinnert sich, dass ihr Lehrer ihr 1938 verbot, weiter auf die (nichtjüdische) Grundschule zu gehen. Die Frage an die Kinder lautet, wie sie das Verhalten des Lehrers beurteilen. Es wird auf Artikel 28 der Kinderrechtskonvention verwiesen, der das Recht auf Schulbildung beinhaltet. Der Zeitzeuge Isaak Behar beschreibt, dass seine Eltern bei seinem ersten Schultag nicht mit in die Schule gingen, weil Deutsch nicht ihre Muttersprache war und sie sich unsicher fühlten. Die Frage an die Kinder lautet, ob es an ihrer Schule Unterstützungsmöglichkeiten für Eltern nichtdeutscher Muttersprache gibt. Es wird auf Artikel 2 der Kinderrechtskonvention verwiesen, der Kindern den Schutz vor Diskriminierung auch aufgrund ihrer Herkunft garantiert.

Die dritte didaktische Frage setzt die Aussagen aller sieben Zeitzeugen in Beziehung zueinander, um Gemeinsamkeiten und Besonderheiten sichtbar zu machen. Zur Bearbeitung der Fragen werden den Kindern Umgangsweisen vorgeschlagen. Dieser Begriff aus der Sachkundedidaktik meint Methoden der Erarbeitung eines Themas, wie beispielsweise befragen, beschreiben, diskutieren, gestalten, präsentieren oder sich positionieren. Die passenden Umgangsweisen werden neben den Fragen aufgeführt und auf jeweils einer eigenen Karte erklärt.

Eine Version des Lernwerkstattmaterials, die zusätzlich zu den oben beschriebenen Bestandteilen mit Filmen, Büchern, Plakaten und historischen und aktuellen Wandkarten ausgestattet ist, steht in der Lernwerkstatt der Schule am Falkplatz allen Grundschulen und der außerschulischen Bildung offen. In der Schule selbst arbeiten in diesem Schuljahr alle vierten Klassen mit dem Material. Die wissenschaftliche Evaluierung dieser praktischen Erprobung ist geplant. Um Lernbegleiterinnen und Lernbegleitern die Arbeit mit dem Material zu erleichtern, erarbeitet das Anne Frank Zentrum eine didaktische Handreichung und bietet Fortbildungen an.

 

Was ist an dem neuen Lernmaterial innovativ?

Das Lernmaterial ist in verschiedener Hinsicht innovativ: Es gibt bisher noch kein Lernmaterial für Lernwerkstätten zum historischen und sozialen Lernen. Die Materialien bearbeiten bisher naturwissenschaftliche Themen wie z.B. das Thema Wasser, Klima, Schwerkraft usw. Es gibt auch noch kein Lernmaterial zum Thema Nationalsozialismus, das sich explizit an Kinder der Klassen 4 bis 6 wendet. Und es gibt vor allem noch kein Material, dass die Themen historisches Lernen und Menschenrechtsbildung verbindet. Diese Art der Verknüpfung zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist ein vielversprechender Weg. Die Rückbindung von Diskriminierungserfahrungen der Zeitzeugen an die Kinderrechte hilft den Kindern, ihre spontane Empörung über die Ungerechtigkeit auf eine abstraktere, politische Ebene zu heben. Die Verbindung der Kinderrechte mit ihrem eigenen Leben hilft, den Kindern eine positive Perspektive zu geben und sie zu ermuntern, die Verbesserung ihrer Situation selbst in die Hand zu nehmen.

 

Wer war in das Projekt involviert?

Das Lernmaterial wurde vom Anne Frank Zentrum in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Detlef Pech (Professor für Sachunterrichtsdidaktik an der Humboldt-Universität zu Berlin) und der Stiftung Neue Synagoge – Centrum Judaicum entwickelt. Im Projektverlauf wurde das Material mit 150 Kindern von drei Berliner Grundschulen (Anna-Lindh-Grundschule, Wedding, Hermann-Sander-Schule, Neukölln und Schule am Falkplatz, Prenzlauer Berg) getestet und weiterentwickelt. In verschiedenen Zusammenhängen wurde das Material Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sowie Lernbegleiterinnen und Lernbegleitern vorgestellt und mit ihnen diskutiert.

Das Projekt wird durch die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, die Jugend- und Familienstiftung Berlin, das Deutsche Kinderhilfswerk und den Beauftragten für Integration und Migration der Stadt Berlin finanziell gefördert.

 

Veronika Nahm ist Historikerin M.A. Sie arbeitete von 2004 bis 2007 in der Museumspädagogik des Deutschen Historischen Museums Berlin, seit 2008 als Bildungsreferentin im Anne Frank Zentrum. Hier ist sie hauptsächlich für die pädagogische Arbeit in der Ausstellung »Anne Frank. hier & heute« zuständig. Daneben leitet sie das Projekt »Nicht in die Schultüte gelegt …«.

 

Anne Frank Zentrum
Ansprechpartnerin: Veronika Nahm
Rosenthaler Straße 39, 10178 Berlin
Telefon (030) 288 86 56-10
nahm@annefrank.de
www.annefrank.de

Artikel als PDF verfügbar
(GedRund164_35-38.pdf)