Stefanie Endlich

Gedenkort »denk.mal Hannoverscher Bahnhof« in der Hamburger HafenCity

Gedenkstättenrundbrief 191 S. 36-45

Auf ehemaligen Hafenflächen und Industriebrachen südlich der Hamburger Altstadt, die den Anforderungen und Dimensionen der großen Container-Schiffe nicht mehr entsprachen, ist seit der Jahrtausendwende die HafenCity entstanden. Ihr nördlicher Teil wird durch die Speicherstadt gebildet, jenes historische, von neogotischen Backsteinbauten geprägte, von Kanälen durchzogene Lagerhaus-Quartier, das zusammen mit dem Kontorhausviertel und dem Chilehaus zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Der weit größere, mehr als 150 Hektar umfassende südliche Teil wurde auf der Grundlage eines Masterplans aus dem Jahr 2000 zum größten innerstädtischen Stadtentwicklungsprojekt Europas. Wie andere historische Hafenstädte, vor allem London mit seinen Docklands in den 1980er- und 1990er-Jahren, beschloss auch die Freie und Hansestadt Hamburg, das Areal umzunutzen und völlig neu zu bebauen für Wohnen, Arbeiten im Dienstleistungssektor, Freizeit und Kultur. Am westlichen Ende der Hafencity wurde 2017 die Elbphilharmonie eingeweiht.

 

Der Gedenkort

Zu den zehn Hafencity-Quartieren, die nach und nach realisiert wurden, gehört der Abschnitt »Am Lohsepark«, zwischen Shanghaiallee und den Bahntrassen gelegen, mit der neuen Hafen City Universität am südlichen Rand. Hier stand bis zu seinem Abriss im Jahr 1955 der Hannoversche Bahnhof. Er war Hamburgs zentraler Deportationsbahnhof. In den Jahren 1940 bis 1945 wurden von hier aus in 20 Zügen mehr als 8000 Menschen aus Hamburg und Norddeutschland in die besetzten Gebiete Mittel- und Osteuropas verschleppt. 6691 Jüdinnen und Juden sowie 1385 Sinti und Roma – so der heutige Forschungsstand – brachten SS und Polizei, unterstützt von der Kommunalverwaltung, von hier aus in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager; die weitaus meisten überlebten nicht.1

Jahrzehntelang war dieser Ort vernachlässigt und weitgehend vergessen. Mit der Entwicklung des städtebaulichen Konzepts für das Wohnquartier am Lohsepark und speziell mit den Planungen für einen Stadtpark am Standort des längst verschwundenen Hannoverschen Bahnhofs geriet auch die zentrale Rolle dieses Ortes für die Deportationen in die öffentliche Aufmerksamkeit. Der heute noch erkennbare Bahnhofsvorplatz und die noch existierenden, längst überwucherten baulichen Reste der Gleisanlagen sollten kenntlich gemacht werden und Teil eines neu gestalteten Gedenkorts werden. Dieser wurde von dem Team Vogt Landschaftsarchitekten Zürich gestaltet und mit der HafenCity Hamburg GmbH realisiert. Eingeweiht wurde das »denk.mal Hannoverscher Bahnhof« am 10. Mai 2017.

Vom ehemaligen Bahnhofsvorplatz, der jetzt Teil des Parks ist, führt ein von hohen Seitenwänden gefasster Weg, die »Fuge«, hinab zu den historischen Gleisanlagen mit Resten des Bahnsteigs. Die schmale, 250 Meter lange »Fuge« liegt diagonal zum lang gestreckten Streifen der Grünanlage; diesen verlässt sie bald, indem sie den einstigen Schienenverlauf nachzeichnet. Der Höhensprung zwischen dem Lohsepark, wo das Bodenniveau wie in der gesamten Hafen City für den Hochwasserschutz um bis zu vier Meter angehoben wurde, und den Gleisen wird in den seitlichen Wänden physisch spürbar: Anfangs nur etwa einen Meter hoch, halten sie auf dem Weg nach unten das Niveau des Parks, werden somit allmählich höher und vermitteln schließlich fast die Raumwirkung einer Schlucht. Zudem geben angedeutete Faltungen und eine leichte Schrägstellung den Wänden die Anmutung einer topographischen Gesteinsformation. Zu diesem Eindruck trägt auch die Bearbeitung der rötlich eingefärbten Betonwände bei: Durch ein spezielles Höchstdruck-Wasserstrahlverfahren wurde die zunächst glatte Oberfläche aufgeraut und dadurch gewissermaßen belebt. Der Einschnitt ins Gelände, durch den man hinabschreitet, öffnet sich schließlich zum Gleisbett, dem eigentlichen Gedenkort, wie zu einem Tal.

Hier befindet sich der historische Deportationsbahnsteig – Bahnsteig 2 – mit dem erhaltenen Steinpflaster und mit den auf der Ostseite noch vorhandenen, auf der Westseite rekonstruierten Schienenstücken, die unvermittelt beginnen und wieder abbrechen, eingefasst durch ein Schotterbett, aus dem Birken und Robinien herauswachsen. Direkt daneben führt die Bahntrasse zu den Elbbrücken und nach Süden. Am Ende des Bahnsteigs steht ein breiter Tisch aus Betonwerkstein für individuelles oder gemein-sames Gedenken und für Kränze und Blumen. Die leicht schräg gestellte Oberfläche trägt in metallenen Buchstaben die Inschrift: »denk.mal Hannoverscher Bahnhof / -Erinnern an die Juden, Sinti und Roma, die in / 20 Transporten aus Hamburg / 1940 bis 1945 deportiert wurden nach / Auschwitz, Bełżec, Lodz, Minsk, Riga und Theresien-stadt«.

An der östlichen Bahnsteigkante entlang zieht sich eine Sequenz von pultartigen, ebenfalls leicht schräg gestellten Tischen, auch sie aus Betonwerkstein, 20 an der Zahl, in Erinnerung an die 20 Transportzüge. Glastafeln, in die Tische eingelassen, enthalten Grundinformationen zu den einzelnen Deportationen und die Namen und Geburtsdaten der deportierten Juden, Sinti und Roma, chronologisch nach Transportdaten und -zielen und anschließend alphabetisch geordnet. Die Namen der Sinti und Roma sind nach Familienverbänden zusammengefasst. Gesondert genannt und nach den jeweiligen Herkunftsorten aufgeführt werden die Namen der Menschen, die in Teiltransporten aus Schleswig-Holstein, Bremen, Niedersachsen und Westfalen zum Hannoverschen Bahnhof gebracht und dort an einen anderen Transport gekoppelt wurden, und der Juden aus Hamburg, die nach Erhalt des Deportationsbefehls ihrem Leben ein Ende gesetzt haben.

 

Geschichte des Bahnhofs und der Deportationen

Der Hannoversche Bahnhof, erbaut von dem Architekten Hermann Lohse, wurde 1872 in Betrieb genommen, zunächst noch unter den Namen Pariser und Venloer Bahnhof. Mit seinem repräsentativen Empfangsgebäude im Stil der Gründerzeit war er der Bahnhof für alle Personenzüge, die bei Hamburg die Elbe in Richtung Süden überquerten. In den Anfangsjahren wurden hier viele Auswanderer abgefertigt, aber auch Rückwanderer. Nach dem Bau des Hauptbahnhofs 1906 als neuem zentralen Personenbahnhof diente er, nahe den Deichtor-Markthallen und den Fruchtschuppen gelegen, als Güterbahnhof.

Zum Deportationsbahnhof bestimmt wurde er von den NS-Verantwortlichen vermutlich aufgrund seiner Lage: innerstädtisch, aber dennoch etwas abgelegen. Die Vorbereitungen und Rangierarbeiten der Deportationen kollidierten nicht mit anderen Nutzungen, und für große Mengen von Gepäck war ausreichend Platz. Die Juden brachte man von den städtischen Sammelplätzen zum Bahnhof; die Sinti und Roma wurden zuvor in einem nahe gelegenen Fruchtschuppen zusammengeführt und dort tagelang festgehalten. Die Deportationen begannen am 20. Mai 1940 mit dem Transport von fast 1000 Sinti und Roma aus ganz Norddeutschland in das improvisierte Arbeitslager Bełżec im besetzten Ostteil Polens, in dem katastrophale Lebensbedingungen herrschten. Weitere Transporte von Sinti und Roma erfolgten am 11. März 1943 und am 18. April 1944 nach Auschwitz-Birkenau. Die Deportationen der Jüdinnen und Juden begannen am 25. Oktober 1941 und endeten am 14. Februar 1945: in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz), in das Ghetto von Minsk, in das KZ Jungfernhof bei Riga, nach Auschwitz-Birkenau und schließlich nach Theresienstadt. Die meisten Deportierten starben als Opfer von Massenerschießungen, in Gaskammern der Vernichtungslager oder schon zuvor an Hunger und Kälte.2

Teile des Bahnhofs wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Das ruinöse Empfangsgebäude mit dem Hauptportal wurde 1955 gesprengt. 1981 sprengte man auch das Dienstgebäude. Die Anlage nutzte man noch lange als Güterbahnhof und zu Speditionszwecken. Mitte der 1990er-Jahre stellte man die Güterabfertigung ein, in den Folgejahren riss man die meisten der noch verbliebenen baulichen Anlagen ab. Zurück blieben zwei lange Schuppen sowie Rampen und Gleise. Wie in anderen Städten wurde auch hier die Funktion des Bahnhofs im Kontext der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik jahrzehntelang beschwiegen, selbst noch in den 1980er- und 1990er-Jahren, in denen wichtige Orte des jüdischen Lebens in Hamburg gewissermaßen wieder entdeckt, erforscht und mit Unterstützung der Kulturbehörde durch Denkmäler und Gedenktafeln auch öffentlich markiert wurden. Dazu gehören das Denkmal des Bildhauers Ulrich Rückriem, das seit 1983 am Ort der zentralen Sammelstelle, dem Logenhaus an der Moorweidenstraße, am Rand des Universitätsquartiers, an die Deportierten erinnert, und das von dem Bildhauer Sol Lewitt zunächst für Münster gedachte, 1989 von der Stadt Hamburg übernommene Denkmal »Black Form – Dedicated to the Missing Jews« vor dem Rathaus Altona. Öffentliche Erinnerung an die ermordeten Sinti und Roma kam erst später zustande. Im Jahr 2001 wurde an der Baakenbrücke, in der Nähe des ehemaligen »Fruchtschuppen C«, einer damals leer stehenden, heute nicht mehr existierenden Lagerhalle im Freihafen, westlich vom Bahnhofsgelände gelegen, die als Sammellager diente, für die deportierten Sinti und Roma eine Tafel im Rahmen des Hamburger Gedenktafelprogramms »Stätten der Verfolgung und des Widerstandes 1933–1945« angebracht.3 Anstoß hatte die Schülerin Viviane Wünsche mit ihren Recherchen gegeben, für die sie im Jahr 2000 den »Bertini-Preis für junge Menschen mit Zivilcourage« erhielt.4

Diskussionen, Planungen, Findungsverfahren

Der Masterplan aus dem Jahr 2000 für die Entwicklung der Hafencity enthielt eine erste Aussage zu einem zukünftigen Gedenkort: »Der heute noch sichtbare Bahnhofsvorplatz, Lohseplatz, wird im Masterplan in die Parkanlage ›Lohsepark‹ integriert und soll als zeitgeschichtliches Dokument erfahrbar sein.« Zunächst ging man nur von der Deportation von 6000 Hamburger Juden aus. 2004 beauftragte die damalige Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg mit einem Gutachten. Linde Apel und Frank Bajohr behandelten darin die Deportationsgeschichte der Juden sowie der Sinti und Roma. 2005 wurde am Lohseplatz, am Standort des Bahnhofsvorplatzes, ebenfalls im Rahmen des erwähnten Hamburger Tafelprogramms eine erste Gedenktafel aufgestellt, die mit den Worten schließt: »Über Proteste der Hamburger Bevölkerung gegen die Deportationen ist nichts bekannt.« 2008 fügte man eine zweite, ausführlichere Bild-Text-Tafel hinzu.

2007 erforschten Sylvia Necker und Ulrich Prehn im Auftrag der Kulturbehörde die Baugeschichte des Bahnhofs und die Bedeutung der Relikte. Dabei konnten sie die baulichen Reste des »Bahnsteigs 2« als historisch identifizieren. 2009 schließlich war die von Linde Apel kuratierte Ausstellung »In den Tod geschickt. Die Deportationen von Juden, Roma und Sinti aus Hamburg 1940 bis 1945« im Kunsthaus Hamburg zu sehen.5 Sie stellt in ihrem Hauptteil die Schritte der Ausgrenzung und Entrechtung, die Organisation der Deportationen und das Geschehen in den Ghettos und Vernichtungslagern dar. Im Zentrum stehen Portraits vieler Deportierter und Erinnerungsberichte von Überlebenden. Beleuchtet wird ebenfalls die Rolle der Täter in Behörden, Institutionen und Privatunternehmen und das Verhalten der Hamburger Bürgerinnen und Bürger, der »schweigenden Mehrheit«6.

Zur selben Zeit, 2008, wurde der freiraumplanerische Wettbewerb für den Lohsepark ausgeschrieben. Als »Central Park« der HafenCity sollte dieser, beidseitig von Neubauten eingefasst, sowohl den dicht bebauten angrenzenden Quartieren als auch der Hafencity insgesamt und der Hamburger Innenstadt Erholungs- und sportliche Nutzungsmöglichkeiten anbieten. Der Wettbewerbs-Auslober, die HafenCity Hamburg GmbH, übernahm die Erkenntnisse und Diskussionsergebnisse zum Deportationsort Hannoverscher Bahnhof, als »zentralen Baustein« vor allem die Überlegungen für einen Gedenkort, der die seit 2008 unter Denkmalschutz stehenden Relikte des Bahnsteigs und den historischen Trassenverlauf der Bahnstrecke – als Einschnitt in den Park – einbezieht. Zu diesem Thema hatte die Kulturbehörde 2007 im Kesselhaus der HafenCity ein Kolloquium veranstaltet, in dem konkretere Weichen für den zukünftigen Gedenkort gestellt wurden, und 2008 eine Steuerungsgruppe für die weiteren Schritte eingesetzt. Diese legte wenig später ein Konzept für einen Gedenkort mit zwei Schwerpunkten vor: zum einen den adäquat gestalteten Bereich der historischen Relikte und Spuren im Park, zum anderen eine Dokumentationsstätte mit einer Dauerausstellung am Lohseplatz als Ort der Information und des Lernens. Realisiert werden soll Letztere bis zum Jahr 2021 im Erdgeschoss eines siebengeschossigen Bürogebäudes am Westrand des Parks. Erarbeitet und betreut wird das zukünftige Dokumentationszentrum durch die KZ-Gedenkstätte Neuengamme, die von Anfang an eine Schlüsselrolle bei der Erarbeitung des Projektes innehatte.

Der Wettbewerb für den Lohsepark war zweiphasig angelegt. In einem europaweit ausgeschriebenen Auswahlverfahren für Landschaftsarchitekten wurden 20 Büros bestimmt, zehn weitere wurden direkt eingeladen. Im »Realisierungsteil« war ein Entwurf für den gesamten Park gesucht; in einem »Ideenteil« sollten Vorschläge für die Gestaltung des Gedenkortes und für seine Integration in den Park eingereicht werden. Speziell hierfür wurde den Teilnehmenden auch nahe gelegt, eine Arbeitsgemeinschaft mit bildenden Künstlern zu bilden. Vorgesehen war, den »Ideenteil« zunächst gesondert zu beurteilen und in einem folgenden künstlerischen Wettbewerb dann konkret ausarbeiten zu lassen. Dabei war auch denkbar, wenn auch nicht unbedingt erwünscht, unterschiedliche Entwürfe von zwei Verfassern – einen landschaftsgestalterischen für den Park und einen künstlerischen für den Gedenkort – miteinander zu kombinieren. In der ersten Phase wählte die Jury im Oktober 2009 neun Entwürfe für eine zweite Bearbeitungsphase aus. In der zweiten Phase kam immer noch keine klare Empfehlung zustande; stattdessen wurden, ganz ungewöhnlich für einen Wettbewerb, vier erste Preise vergeben und die Entscheidung damit an den Auslober zurückverwiesen. Dieser, die HafenCity Hamburg GmbH, entschied sich 2010 in einem Verhandlungsverfahren mit den vier Verfassern schließlich für den Entwurf des Büros Vogt Landschaftsarchitekten, Zürich.

In der Zeit dieses Findungsverfahrens wurde auch der anfangs erwähnte Masterplan aus dem Jahr 2000 verändert. Die Neufassung von 2010 nahm Vorstellungen und Ziele der am Verfahren Beteiligten und der Opfer- und Betroffenenverbände zum Gedenkort auf, die in Kolloquien und in einer von der Kulturbehörde eingesetzten circa 20-köpfigen »Expertenrunde« diskutiert und zum Konsens gebracht wurden. Die wichtigste Neuerung betraf die östliche Randbebauung des Lohseparks. Schon in den Plänen für die Wettbewerbsteilnehmenden 2008 war die Reihung der Neubauten an der Stelle des seitlich aus dem Park herausführenden Gleisverlaufs unterbrochen, die Architektur der Gebäude am Rand der Gleise entlang schräg angeschnitten. Um den zukünftigen Gedenkort nicht zu stark durch benachbarte hohe Gebäude einzuengen, verzichteten die Stadt Hamburg und die HafenCity Hamburg GmbH nun noch wesentlich großzügiger auf eine durchgängige Bebauung. Der Masterplan 2010 sieht nur noch im nördlichen und im südlichen Bereich des östlichen Parkrandes Neubauten vor; im Norden baut Gruner + Jahr sein neues Verlagsgebäude, im Süden entstehen ein Schulcampus und Wohnbauten.

 

Realisierung und Ausblick

Im Rahmen der zuvor erwähnten Expertenrunde wurde der Entwurf von Vogt Landschaftsarchitekten diskutiert, in Teilen verändert und mit zusätzlichen Gestaltungsaufgaben versehen. Zunächst wurde, in Abstimmung mit den Opfer- und Betroffenenverbänden, beschlossen, keinen neuen, eigenständigen Kunstwettbewerb für den Gedenkort durchzuführen, sondern den Vorschlag des Teams Vogt zu übernehmen und von den Verfassern ausarbeiten zu lassen. Dies war eine sinnvolle Entscheidung. Vogts Entwurf hatte von Anfang an als Gesamtkonzept für Park und Gedenkort beeindruckt. Hätte man eine neue künstlerische Handschrift hinzugefügt, hätte diese – so befürchtete man – sich in das vorgegebene Konzept einfügen oder gegen dieses konkurrieren müssen, doch welche interessanten Künstlerinnen oder Künstler würden sich darauf einlassen wollen? Vermutlich wären nur Objekte oder Installationen hinzugekommen, die den schon jetzt stark wirksamen Symbolgehalt des Entwurfs noch verstärkt und vielleicht dramatisch überhöht hätten. Im weiteren Verlauf bat die Expertenrunde die Verfasser, die zunächst vorgeschlagene strenge Abgeschiedenheit des Gedenkortes zu revidieren und in ein offeneres, transparenteres Verhältnis mit dem Park und seinen vielfältigen Nutzungen zu überführen.

Neu hinzu kam schließlich der Wunsch der Opferverbände, bei den historischen Bahngleisen einen »konkreten Ort zum Gedenken an die Opfer« zu gestalten, an dem die Namen aller Deportierten genannt und Kränze niedergelegt werden können. Das Büro Vogt entwickelte hierzu die anfangs beschriebenen Vorschläge eines Gedenktisches und einer Namenstisch-Sequenz, die 2015 und 2016 in der Expertenrunde diskutiert und in die Realisierung einbezogen wurden. Die Namen wurden auf der Grundlage der Namenslisten der Gestapo, der Vermögensverwertungsstelle und der Kriminalpolizei zusammengestellt. Im Staatsarchiv Hamburg befinden sich die Listen für die 17 Deportationen von Juden und für die drei Deportationen der Sinti und Roma. Die Quellen sind jedoch nicht präzise. Die Originallisten für die Sinti und Roma wurden 1943 vernichtet und anschließend vom Reichskriminalpolizeiamt rekonstruiert, allerdings mit Fehlern und Lücken.7 Der Text auf der letzten der 20 Tafeln endet daher mit den Worten: »Es ist sehr wohl möglich, dass noch weitere Juden, Sinti und Roma vom Hannoverschen Bahnhof deportiert wurden. Sie sind in das Gedenken ebenso eingeschlossen wie alle anderen aus Hamburg verschleppten Opfer nationalsozialistischer Verfolgung.«

Wie bei vielen anderen Gedenk-Projekten im öffentlichen Raum war auch für das »denk.mal Hannoverscher Bahnhof« ein langer Atem notwendig. Nach Abschluss des Wettbewerbs im Jahr 2010 war noch nicht absehbar, wann der Gedenkort tatsächlich realisiert werden könnte, denn noch stand auf der Fläche der geplanten »Fuge« eine große Lagerhalle, die eine Spedition in den 1960er-Jahren fast genau dort errichtet hatte, wo einst die Bahnhofshalle stand. Es gab einen Pachtvertrag bis Ende 2017; hier gelang es zum Glück, den Vertrag vorzeitig zu lösen und die Halle bereits 2013 abzureißen. In den Jahren bis zur Realisierung sorgten zahlreiche von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme angestoßene und betreute Aktivitäten dafür, dass der Ort und das Thema nicht vergessen, sondern vertieft und weiter in die Öffentlichkeit gebracht wurde. 2011/2012 führte die Gedenkstätte das Partizipationsprojekt »Wie wollt ihr euch erinnern?« durch, mit dem 16- bis 18-jährigen Jugendlichen die Möglichkeit geboten wurde, eigene Vorschläge für die konzeptionelle Entwicklung des zukünftigen Informations- und Dokumentationszentrums und Ideen für pädagogische Angebote an Gleichaltrige zu entwickeln.8 Es folgte die Entwicklung von Materialien zur Beschäftigung mit dem Thema im Unterricht.9

Ein Info-Pavillon am Rand des Lohseplatzes markiert seit 2013 bis zur Eröffnung des Dokumentationszentrums den historischen Ort der Deportationen. Dort ist in einem mit Ausstellungstechnik ausgerüsteten Container in stark komprimierter Form die 2009 erarbeitete Ausstellung »In den Tod geschickt« zu sehen. Bild-Text Informationen werden außerdem zum Schüler-Projekt »Wie wollt ihr euch erinnern?« und zur historischen und partizipatorischen Entwicklung des Gedenkortes gezeigt. Ein Architekturwettbewerb für den Neubau am Westrand des Parks, in dessen Erdgeschoss das Dokumentationszentrum untergebracht werden soll, wurde 2015 zugunsten des Teams Wandel Lorch Architekten, Saarbrücken/Frankfurt am Main, entschieden. Im Gedenkstättenbereich sind sie bekannt, Wolfgang Lorch und Andrea Wandel entwarfen den Gedenkort Börneplatz Frankfurt, die Installation »Gleis 17« am Berliner Deportationsbahnhof Grunewald, die Neue Synagoge Dresden, das Jüdische Zentrum München, das Dokumentationshaus für das KZ Hinzert. In dem siebenstöckigen Neubau am Lohsepark, der bis 2021 fertiggestellt werden soll, ist das Erdgeschoss mit einer Fläche von etwa 1000 m2 für das Dokumentationszentrum vorgesehen; architektonisch wird es sich deutlich von den darüber liegenden Bürogeschossen abheben und nach außen hin öffnen.

Das Dokumentationszentrum wird eine Dauerausstellung erhalten, die über das historische Geschehen, die Vor- und Nachgeschichte der Verbrechen und den Umgang mit dem historischen Ort informiert. Biographische Zugänge werden dabei den Schwerpunkt bilden. Auch das Handeln der an den Taten direkt oder indirekt Beteiligten und die Rolle der Nutznießer und Zuschauer werden beleuchtet. Hinzu kommen ein Sonderbereich für temporäre Ausstellungen, eine Lernwerkstatt, Seminarräume, die Integration von Gedenkbüchern für beide Verfolgtengruppen und die Darstellung der Gedenkkulturen an den Zielorten der Deportationen in Weißrussland, Lettland, Polen und Tschechien. Eine »Zukunftswerkstatt« soll die Auseinandersetzung mit aktuellen Formen von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen fördern.10

Der neu gestaltete Lohseplatz wurde 2013 fertiggestellt, der Lohsepark mit der bereits gebauten »Fuge« 2016. Die Einweihung des Gedenkorts »denk.mal Hannoverscher Bahnhof« am 10. Mai 2017 fand in Anwesenheit des damaligen Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz und Vertreterinnen und Vertretern der Opfer- und Betroffenenverbände statt. Unter den Gästen waren auch einige hoch betagte Überlebende, die zu Gesprächen über ihre Deportation bereit waren, darunter Lucille Eichengreen und Fred Leser aus den USA und Else Baker aus Großbritannien. Die Feierlichkeiten waren mit einem mehrtägigen Veranstaltungsprogramm verbunden.11 Noch ist das Lohsepark-Quartier im Bau, das Dokumentationszentrum noch in Planung. Die Besonderheit des Gedenkortes ist jedoch schon heute deutlich erkennbar: kein entlegener, abgeschiedener Bereich, sondern eingebunden in das innerstädtische Leben zwischen Wohnen, Büros und Universität und in die lebhafte oder auch entspannte Parknutzung durch alle Generationen. Das zukünftige Dokumentationszentrum, nur wenige Schritte entfernt, entlastet den historischen Ort von all den Informationen, die eigentlich nötig wären, aber auf Open-Air-Tafeln gar nicht unterzubringen wären. Ein solches Netzwerk hätte man sich für den ebenfalls 2017 eingeweihten Berliner »Gedenkort Güterbahnhof Moabit« gewünscht, der daran erinnert, dass hier, an einem seit Jahrzehnten vergessenen, heute zwischen Bau- und Getränkemärkten, Schnellstraße und Verwahrlosung versunkenen Un-Ort, 55 000 Jüdinnen und Juden in die Ghettos und Vernichtungslager deportiert wurden.12 Auch die eindrucksvolle Neugestaltung des Kollektivs »raumlabor« kann kaum dazu beitragen, die Öffentlichkeit auf den Ort und das Thema aufmerksam zu machen.

Der Gedenkort denk.mal Hannoverscher Bahnhof hingegen wird wahrgenommen und viel besucht. Informationsangebote der Stadt Hamburg und Aktivitäten der KZ--Gedenkstätte Neuengamme sorgen für Besucherinteresse aus dem In- und Ausland. Der Schnitt ins Gelände, die »Fuge«, die vom Lohseplatz hinab zum Gedenkort hinführt, wird von vielen Besucherinnen und Besucher als spannungsvoll oder gar als dramatisch empfunden, oft auch symbolhaft interpretiert, als »Einschnitt, den die nationalsozialistische Verfolgung und die Deportationen in der Hamburger Stadtgeschichte hinterlassen haben«13. Tatsächlich ist die Dramaturgie dieses Weges in die Tiefe durch die historische Gleisführung und den Niveauunterschied bereits vorgegeben, durch die Ausformung der Wände allerdings verstärkt. Der Weg erzeugt Konzentration, wirkt auf die Sinne und verändert die räumliche Wahrnehmung. Er stimmt jedoch vor allem auf den eigentlichen Gedenkort ein, der dann, wenn man ihn betritt, durch seine klare, zurückhaltende Gestaltung eine individuelle Auseinandersetzung mit dem Thema ermöglicht.

 

Prof. Dr. Stefanie Endlich, freiberufliche Kunstpublizistin, Honorarprofessorin für Kunst im öffentlichen Raum an der Universität der Künste Berlin, gehörte der von der Hamburger Kultursenatorin berufenen Steuerungsgruppe für die Entwicklung des Gedenkortes und der Jury für den Wettbewerb Lohsepark an.

 

1    Kristina Vagt, Der Gedenkort »denk.mal Hannoverscher Bahnhof« in der Hamburger HafenCity. In: Liskor – Erinnern, Magazin der Hamburger Gesellschaft für Jüdische Genealogie e.V., 2 (2017), Heft 6, S. 37–45; Oliver von Wrochem, »denk.mal Hannoverscher Bahnhof« – ein neuer Erinnerungsort in Hamburg entsteht. In: Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 18 (2017), S. 137–143

2    Linde Apel im Auftrag der Behörde für Kultur, Sport und Medien, in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg und der KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.), In den Tod geschickt. Die Deportationen von Juden, Roma und Sinti aus Hamburg 1940 bis 1945; darin die Kapitel zu den Deportationen, S. 72–227

3    Ralf Lorenzen, Die Spur der Steine. Gedenkort für Sinti und Roma. In: taz vom 8. 5. 2017, www.taz.de/!5404427

4    Viviane Wünsche, »Als die Musik verstummte … und das Leben zerbrach«. Das Schicksal der Harburger Sinti-Familie Karl Weiß im Dritten Reich, dargestellt nach Gesprächen mit Gottfried Weiß. In: Die nationalsozialistische Verfolgung Hamburger Roma und Sinti. Vier Beiträge, Hrsg.: Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg 2002, S. 81–118

5    Begleitbuch zur Ausstellung ist die oben genannte Publikation von Linde Apel, »In den Tod geschickt«

6    ebenda, S. 9–10

7    Kristina Vagt, a.a.O., S. 42/43; dort auch Hinweise auf Gedenkbücher, Stolperstein-Recherchen u.a.

8    Kulturbehörde Hamburg in Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte Hamburg (Hrsg.), Dokumentation des Partizipationsprojekts »Wie wollt ihr euch erinnern?«, Hamburg 2012; siehe auch: https://hannoverscher-bahnhof.hamburg.de/contentblob/3673560/59db4b9193d583a885a495f09a59b7e0/data/dokumentation-wie-wollt-ihr-euch-erinnern.pdf

9    Körber-Stiftung, KZ-Gedenkstätte Neuengamme und Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (Hrsg.), Entrechtung, Widerstand, Deportationen 1933–1945 und die Zukunft der Erinnerung in Hamburg. Neue Ansätze für den schulischen Unterricht und die außerschulische Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus, 2. überarb. Aufl. Hamburg 2017; siehe auch: hannoverscher-bahnhof.hamburg.de/informations-und-dokumentationszentrum/bildungsmaterialien

10  Detlef Garbe, Die neue Gedenk- und Dokumentationsstätte in der HafenCity am Ort des ehemaligen Hannoverschen Bahnhofs. Konzeptionelle Überlegungen für die Gestaltung. In: Linde Apel, a.a.O., S. 277–282; Oliver von Wrochem, a.a.O., S. 141–142

11  Behörde für Kultur und Medien Hamburg, Annette Busse (Hrsg.), Red. Katharina Strauch, denk.mal Hannoverscher Bahnhof. Einweihung des Gedenkorts am 10. Mai 2017. Dokumentation der Veranstaltung, Hamburg 2017; hannoverscher-bahnhof.hamburg.de/contentblob/8483380/377a54b9a92c53a01cdebe5bfd356606/data/programm-einweihung-gedenkort.pdf

12  raumlabor.net/gedenkort-guterbahnhof-moabit-2/; kunststadt stadtkunst, Nr. 64 (2017), S. 22–25; www.bbk-kulturwerk.de/con/kulturwerk/upload/kioer/kssk/stadtkunst_64_web.pdf;

13  Oliver von Wrochem, a.a.O., S. 138