Melanie Engler

Herausforderungen für die Bildungsarbeit in Gedenkstätten: Aktualisierungen, Gegenwartsbezüge, Demokratieerziehung

Gedenkstättenrundbrief 191 S. 18-20

Redaktionelle Vorbemerkung: Der hier folgende Text von Melanie Engler ist eine zusammenfassende Beschreibung einer Arbeitsgruppe während der Gedenkstättenkonferenz im Dezember 2017 in Halle. Der Text gehört inhaltlich noch zu dem letzten GedenkstättenRundbrief, dessen Schwerpunkt die Gedenkstättenpädagogik ist. Thomas Lutz

 

Im Rahmen einer zweiten Arbeitsgruppe wurden am Nachmittag des zweiten Konferenztages die Themenkomplexe »Aktualisierungen, Gegenwartsbezüge und Demokratieerziehung« als Herausforderungen für die Bildungsarbeit in Gedenkstätten diskutiert. Dabei ging es explizit um Fragestellungen der Bildungsarbeit, nicht um die Rolle von Gedenkstätten als Akteurinnen im Rahmen geschichtspolitischer Debatten. Fundierte fachliche Inputs für die Diskussion lieferten Dr. Verena Haug, Projektkoordinatorin bei den Evangelischen Akademien in Deutschland e.V., und Dr. Oliver von Wrochem, Leiter des Studienzentrums der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Beide Inputs bilden die Grundlage für den folgenden AG-Bericht.

Zunächst bleibt festzuhalten, dass der Gegenwartsbezug eines gedenkstättenpädagogischen Angebotes auf einer impliziten Ebene über die Situation bzw. die Gegenwärtigkeit der Situation (quasi automatisch) hergestellt ist: Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund, Vorwissen, verschiedenen Bedürfnissen, Erwartungen, Einstellungen und Interessen kommen in unterschiedlichen Kontexten in eine Gedenkstätte. Zudem bildet die Gegenwart den Bezugspunkt bzw. den Referenzrahmen für die Betrachtung der Vergangenheit, da unser Verständnis von Vergangenheit von den Orientierungsbedürfnissen der Gegenwart geprägt ist. Ein Gegenwartstransfer ist dementsprechend durch die Tatsache gegeben, dass wir uns Geschichte von aktuellen Fragestellungen ausgehend erschließen. Ebenfalls auf einer impliziten Ebene verortet, lässt sich die Frage beantworten, wie sich Demokratieerziehung und Gedenkstättenpädagogik (sinnhaft) miteinander verknüpfen lassen. Verena Haug plädierte in ihren Ausführungen ganz stark dafür, Demokratielernen über einen demokratisch organisierten und offen gestalteten Bildungsprozess zu ermöglichen bzw. zu befördern. Unter Verweis auf das Projekt »Aus der Geschichte lernen?«1 machte sie deutlich, dass die Projektbeteiligten hier zu dem Schluss kamen, dass die Verknüpfung von historischem Lernen und Demokratiebildung die Gefahr schiefer Analogiebildungen birgt und sowohl das historische Lernen als auch die Demokratiebildung behindern kann. Dementsprechend folgerten die Projektbeteiligten, dass sich Demokratiebildung in Gedenkstätten durch die Gestaltung eines Bildungsprozesses realisieren lässt, der sich an allen Menschen orientiert, die an diesem Prozess beteiligt sind: Im Sinne einer wertschätzenden Pädagogik auf Augenhöhe gilt es auf der einen Seite, die Besuchenden in ihrer Diversität (Hintergrund, Vorwissen, Erwartungen, Einstellungen und Bedürfnisse) in den Blick und gleichzeitig auch ernst zu nehmen. Dementsprechend sollten beispielsweise die Fragestellungen und Interessen der Besuchenden in pädagogischen Einheiten sichtbar gemacht und einbezogen werden. Auf der anderen Seite bedeutet dies aber auch, dass Mitarbeitende in Gedenkstätten ihre eigene Rolle sowie ihre eigenen Demokratievorstellungen kritisch reflektieren müssen, da sie für die Gestaltung möglichst offener Bildungsprozesse verantwortlich sind. Für diesen Prozess der Selbstreflexion sind die Überlegungen und Arbeitsweisen der Demokratiepädagogik allerdings von besonderer Bedeutung.2

In den möglichst offen gestalteten Bildungsprozessen unterstreicht jede Betrachtung der Gegenwartsgesellschaft als postnationalsozialistische Gesellschaft den bestehenden Zusammenhang zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dementsprechend ermöglicht eine Reflexion geschichtlicher Zusammenhänge implizit auch ein Bewusstwerden aktueller und gegenwärtiger Prozesse und Entwicklungen bzw. eine Reflexion der eigenen Position. Bereits in den Eingangsstatements der AG-Teilnehmenden, die gebeten worden waren, ihre Erwartungen an die Arbeitsgruppe sowie eigene Perspektiven auf die Themenkomplexe »Aktualisierungen, Gegenwartsbezüge und Demokratieerziehung« zu formulieren, wurde sehr schnell deutlich, dass diese Themen im Gedenkstättenalltag nicht ausschließlich auf einer impliziten Ebene verhandelt, sondern auch sehr schnell explizit werden: So sind es teilweise Besuchende, die in vergleichender Betrachtung konkrete Fragestellungen und Analogien an die Gedenkstättenmitarbeitenden herantragen oder im Rahmen pädagogischer Einheiten Gegenwartsbezüge formulieren. Gerade im Sinne der wertschätzenden Pädagogik auf Augenhöhe und des Ernstnehmens der Besuchenden sollten Gedenkstättenmitarbeitende darauf unbedingt reagieren, wobei dies natürlich sehr viel Hintergrundwissen voraussetzt.

Nichtsdestotrotz bleibt auch hier die Gefahr schiefer Analogiebildungen bestehen, insbesondere im Rahmen von Kurzzeitpädagogikformaten. Daneben darf auch keinesfalls außer Acht gelassen werden, dass Gegenwartsbezüge (vor allem im Rahmen von Kurzzeitpädagogikformaten) zu Überforderungs- bzw. Überwältigungssituationen für Besuchende führen können. So plädiert Oliver von Wrochem vor diesem Hintergrund sehr deutlich dafür, auf einen expliziten Gegenwartsbezug durch die Gedenkstättenmitarbeitenden im Rahmen von Kurzzeitformaten zu verzichten und die verübte Massengewalt, die Täter und Täterinnen und die Opfer in der Vermittlungsarbeit zu fokussieren. Zugleich verweist er darauf, dass die Formel eines »Lernens aus der Geschichte« als Zielsetzung immer auch Gefahr laufe, Geschichte zu instrumentalisieren.

Über die Kurzzeitformate hinausgehend, bestehen diverse Möglichkeiten für pädagogische Angebote, die einen Transfer ermöglichen und Anknüpfungspunkte in die Gegenwart bieten. Eine explizite Bezugnahme auf die Gegenwart setze allerdings voraus, so Oliver von Wrochem, dass die historischen Entwicklungslinien, Unterschiede und Gemeinsamkeiten (beispielsweise in Bezug auf gegenwärtige Formen von Massengewalt) ganz klar erkennbar bleiben.

Vor dem Hintergrund, dass nationalsozialistische Massengewalt eine weltweite Dimension hatte, deren Folgen bis in die Gegenwart spürbar sind, bieten transnationale Perspektiven und Bezüge einen zentralen Anknüpfungspunkt für die Gedenkstättenarbeit. Die nationale Perspektive sollte zwingend um eine europäische bzw. globale Dimension erweitert werden, was wiederum nicht nur der Diversität von Besuchsgruppen Rechnung tragen würde, sondern – im Sinne des offen gestalteten Bildungsprozesses – gleichzeitig auch einen pluralistischen Ansatz darstellt, der verschiedene Narrative zueinander in Beziehung setzt.

Ausgehend von diesen Überlegungen ergeben sich verschiedene Themenfelder, die mögliche Anknüpfungspunkte für gegenwartsbezogene Fragestellungen bieten:

Antisemitismus

Rassismus

Antiziganismus


Menschenwürde und Menschenrechte (NS-Verbrechen als Entrechtung bzw. als eklatanter Verstoß gegen die Menschenwürde und die Entwicklung und Bedeutung von Grund- und Menschenrechten als Konsequenz daraus)


Verteidigung von Menschenrechten gegen Ausgrenzungsideologien und -mechanismen.

Dabei ist es jeweils möglich, das Verhalten von Personen auf einer individuellen Ebene zu betrachten, als auch gesamtgesellschaftliche Dimensionen von Menschenrechtsverletzungen zu reflektieren. Insbesondere die Frage nach der Rolle staatlicher Institutionen bietet Potentiale für die Arbeit mit spezifischen Berufsgruppen wie Polizei, Verwaltung, Justiz und Militär. Hier setzt das Projekt »NS-Geschichte, Institutionen, Menschenrechte« der KZ-Gedenkstätte Neuengamme an, das das Ziel verfolgt, »historisch-politische Bildung und Menschenrechtsbildung in der Diskussion über staatliche Institutionen in Geschichte und Gegenwart miteinander zu verknüpfen.«3 Die Verantwortung einzelner Tätergruppen und staatlicher Institutionen für die während des Nationalsozialismus verübten Verbrechen steht dabei ebenso im Fokus wie strukturelle Kontinuitäten und Veränderungen in den Institutionen vor 1933 und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sowie Fragen des gegenwärtigen Handelns dieser Institutionen. Das individuelle Handeln in den Institutionen und die Betrachtung von Handlungsspielräumen sind dabei Transfermomente für die Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart. In den Diskussionsbeiträgen wurde zudem darauf verwiesen, dass gerade auch die Bereiche Medizin, Medizinethik und Psychiatrie zahlreiche Anknüpfungspunkte für einen Gegenwartsbezug bieten. Unter Verweis auf das Projekt »Man wird ja wohl noch sagen dürfen …« des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg e.V. in Ulm wurde zudem ergänzt, dass auch Sprache ein Ansatzpunkt für eine vergleichende Betrachtung sein kann.

 

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus den Diskussionen?

Pädagogische Angebote bzw. Bildungsmaterialien in Gedenkstätten sollten multiperspektivisch erweitert werden und insbesondere auch globalgeschichtliche Zusammenhänge berücksichtigen. Mitarbeitende in Gedenkstätten müssen befähigt werden, partizipative und offene Bildungsprozesse zu gestalten.

 

Melanie Engler leitet seit Dezember 2012 die Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin.

 

1    Vgl. dazu: Haug, Verena / Thimm, Barbara: Projektdokumentation »Aus der Geschichte lernen?« Entwicklung zeitgemäßer Seminarkonzepte zur Vermittlung der NS-Geschichte insbesondere an Gedenkstätten im Kontext einer historisch-politischen Bildungsarbeit in Demokratie fördernder Perspektive, Dachau 2007, online unter www.cap.lmu.de/download/2007/gedenkstaetten.pdf [Stand vom 5. 4. 2018].

2    Eine Weiterentwicklung fand das Projekt »Aus der Geschichte lernen?« in der Projektreihe »Verunsichernde Orte«, vgl. dazu: Thimm, Barbara / Kößler, Gottfried / Ulrich, Susanne (Hrsg.): Verunsichernde Orte. Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstättenpädagogik, Frankfurt am Main 2010.

3    »NS-Geschichte, Institutionen, Menschenrechte«, online unter www.ns-geschichte-institutionen-menschenrechte.de/start.html [Stand vom 5. 4. 2018].