Florian Kemmelmeier, Anna Rosenhain-Osowska, Sarah Breithoff

»1939« im deutsch-polnischen Dialog

Gedenkstättenrundbrief 197 S. 24-29

Rückblick auf das Fachkräftetreffen
Berlin - Kielce, 24.-25. Juni 2019

Eines der bedeutenderen Gedenkereignisse des Jahres 2019 fand am 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen in der polnischen Kleinstadt Wieluń statt. Schon vor dem Hintergrund der in Erinnerung gerufenen Gewaltgeschichte kann das gemeinsame Gedenken des polnischen Staatspräsidenten Duda und des deutschen Bundespräsidenten Steinmeier am frühen Morgen des 1. September 2019 kaum als Selbstverständlichkeit gelten. Es ist gleichwohl Ausdruck von gewachsenen gutnachbarschaftlichen, ja überwiegend freundschaftlichen deutsch-polnischen Beziehungen. Nicht erst seit dem Regierungsantritt der nationalkonservativen PiS in Polen im Jahr 2015 sind diese Beziehungen allerdings auch immer wieder durch Irritationen und Konflikte geprägt, gerade auch, was den Umgang mit der Geschichte angeht. Wahrscheinlich trifft zu, dass beiden Ländern nicht trotz, sondern gerade wegen der zuletzt vorhandenen Differenzen viel daran liegt, sich immerhin im Gedenken verbunden zu zeigen.[1] Auch in Berlin fanden rund um den 1. September eine Reihe von Veranstaltungen statt, wobei die vom Deutschen Polen-Institut initiierte Veranstaltung unter Beteiligung von Bundestagspräsident Schäuble und Sejm-Marschallin Witek mit der Wahl des Veranstaltungsorts am Anhalter Bahnhof die 2017 gestartete und durchaus kontrovers diskutierte Initiative zur Errichtung eines "Polendenkmals" an diesem Standort aufgriff.[2]

Im Vorfeld und bewusst mit etwas Abstand zu den Gedenkereignissen des Spätsommers fand bereits im Juni 2019 unter dem Titel "1939" im deutsch-polnischen Dialog ein zweitägiges Fachkräftetreffen in Berlin und Oranienburg statt, dessen Vorbereitung in den Händen der Autorinnen und des Autors des vorliegenden Beitrags lag. Erklärtes Ziel der Begegnung war ein offener und fundierter Austausch zu Geschichte, Wirkung und Wahrnehmung des Jahres "1939". In einem kleinen Rahmen von insgesamt 30 Teilnehmenden trafen dabei von Berliner Seite feste und freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der in der Ständigen Konferenz der NS-Gedenkorte im Berliner Raum (Ständige Konferenz) vertretenen Einrichtungen[3] mit Vertreterinnen und Vertretern des Historischen Instituts der Universität Kielce, der Kielcer Außenstelle des Instituts des Nationalen Gedenkens (IPN), sowie von verschiedenen Schulen und der Stadtverwaltung Kielce zusammen. Hintergrund des Projekts bildeten langjährige Kontakte zwischen der Stadt Kielce und der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz sowie eine im Jahr 2017 durchgeführte Exkursion der Ständigen Konferenz in die knapp 200 000 Einwohner zählende Wojewodschafts-Hauptstadt.[4]

Das Zweitagesprogramm umfasste einen Schulbuch-Workshop zum Einstieg, einen Input zu den Anfängen der Patientenmorde 1939 in Polen mit anschließendem Besuch des Gedenk- und Informationsortes an der Tiergartenstraße 4 sowie eine Spurensuche zum Thema "1939" in den Dauerausstellungen der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und der Gedenkstätte Sachsenhausen. Den Schlusspunkt bildete eine öffentliche Abendveranstaltung an der Topographie des Terrors zu Geschichte und Erinnerung des Überfalls auf Polen 1939 mit Prof. Stephan Lehnstaedt (Berlin) und Prof. Jerzy Gapys (Kielce).[5] Ein volles Programm also, in dem neben Plenumsphasen konsequent auch in kleineren, international gemischten Gruppen gearbeitet wurde. Dass durchgängig deutsch-polnisch gedolmetscht wurde, war dabei für den Austausch unabdingbar. Was bleibt nun vom Fachkräftetreffen Berlin - Kielce 2019? In der Rückschau erscheint vor allem dreierlei berichtenswert:

Innovativer Schulbuch-Workshop

Jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin war im Vorfeld dazu aufgerufen, ein Geschichtsbuch aus der eigenen Schulzeit mitzubringen und mit Blick auf das Thema "1939" zu sichten. Es war beeindruckend zu erleben, dass die Schulbücher von tatsächlich so gut wie allen Teilnehmenden identifiziert und konsultiert werden konnten. Das war nicht zuletzt auch der Unterstützung des Georg-Eckert-Instituts in Braunschweig mit seiner beeindruckenden Bibliothek zu verdanken, handelte es sich doch aufgrund der internationalen Zusammensetzung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Berliner Gedenkstätten neben Schulbüchern aus Polen und Deutschland auch um solche aus Israel, Russland, Ungarn, den USA und Österreich.[6] Das Besondere an diesem Einstieg ins Begegnungsprogramm, der auch dem gegenseitigen Kennenlernen diente, lag nun darin, dass über die Schulbücher nicht nur eine empirische Grundlage für den Vergleich der national unterschiedlich geprägten Erinnerungskulturen gelegt wurde. Weil es sich um die Materialien aus der eigenen Schulzeit handelte, wurden die Teilnehmenden gleichzeitig auch zu Expertinnen und Experten in eigener Sache, was eine längerfristige Wirkung angeht. Hinsichtlich heute vorhandener Geschichtsbilder zu "1939" war der Blick in die eigenen Schulbücher oft überaus aufschlussreich. In anderen Kontexten spielten die Schulbücher hinsichtlich der Bilder von "1939" wiederum kaum eine Rolle. Im Ergebnis des Schulbuchvergleichs wurde deutlich, dass neben nationalen insbesondere auch generationelle Prägungen relevant waren, wobei insbesondere 1989 als eine Art Epochenschwelle gelten kann. In der in kleineren Gruppen geführten Diskussion stellten sich schnell auch Fragen nach der Verwendung durch die Lehrkräfte im Unterricht und nach der Glaubwürdigkeit der Materialien (insbesondere in der DDR und in der Volksrepublik Polen). Für einige Diskussion sorgte auch ein Ende der 1980er-Jahre verwendetes westdeutsches Schulbuch, in dem das Kapitel "Zweiter Weltkrieg" interessanterweise gleich mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Jahr 1941 einsetzt. Bei näherem Hinsehen wird der Überfall auf Polen darin durchaus ausführlich erwähnt, allerdings im vorhergehenden Kapitel zur nationalsozialistischen Expansionspolitik.[7]

Der Workshop wurde ergänzt durch eine Vorstellung des aktuellen deutsch-polnischen Schulbuchprojekts "Europa - unsere Geschichte".[8] Wie sieht heute ein Geschichtsbuch mit explizit multiperspektivischem Ansatz aus? Und welche Wirkung kann es in der Praxis entfalten? Katarzyna Jez vom Georg-Eckert-Institut wies darauf hin, dass bei der Erarbeitung Unterschiede in den didaktischen Kulturen oft für weit mehr Schwierigkeiten sorgten als unterschiedliche Sichtweisen auf historische Inhalte. Dr. Dominik Pick vom Zentrum für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften gewährte einen Einblick in den redaktionellen Prozess zum kurz zuvor abgeschlossenen Kapitel zum Zweiten Weltkrieg, das voraussichtlich 2020 mit dem abschließenden Band 4 des Projekts veröffentlicht wird. Entgegen vorheriger Erwartungen der Beteiligten stellte sich dieses Kapitel dann doch als durchaus problematisch heraus, wobei von deutscher und polnischer Seite insbesondere ein unterschiedliches Verständnis von "Widerstand" schwer auf einen Nenner zu bringen war.

Thema Widerstand und "1939"

Dass das Thema Widerstand auch unter den polnischen Teilnehmenden des Fachkräfteaustauschs für Rückfragen sorgte, wurde beim Besuch der Ausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand deutlich. Groß erschien etwa der Unterschied zwischen dem Individualwiderstand eines Georg Elser im Jahr 1939 und einer formalisierten "Zugehörigkeit zum Widerstand" im Polen unter deutscher Kriegsbesatzung. Die thematische Engführung hin auf die Frage, inwieweit es sich beim Jahr 1939 um ein Scharnierjahr, ja eine Zäsur handelte, und was sich für handelnde Personen in diesem Jahr änderte, ließ sich bei den Spurensuchen in den Ausstellungen der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, aber auch in der Gedenkstätte Sachsenhausen letztlich nur sehr eingeschränkt verfolgen.

In Sachsenhausen ließ sich immerhin insofern ein Umbruch konstatieren, als dass mit der Ankunft polnischer Häftlinge, der Professoren der Krakauer Jagiellonen-Universität und auch tschechischer Studenten Ende 1939 eine Internationalisierung der Häftlingsgesellschaft ihren Anfang nahm. Dass - im Unterschied zur Epochengrenze, die das Jahr für Polen bedeutet - das Jahr 1939 samt Kriegsbeginn im deutschen Kontext, und dementsprechend auch in den Narrativen der beiden Ausstellungen eher kaum gesonderte Aufmerksamkeit erfährt, ist vielleicht aber auch ein interessantes Ergebnis.[9] Gegen den Strich gelesen bringen die Ausstellungen wiederum interessante Details zu Tage, wie etwa ein Foto von Claus Schenck Graf von Stauffenberg am 1. September 1939 beim Einmarsch an der polnischen Grenze.

Inwieweit ein sozialhistorischer Blick auf die polnische Provinz, wie ihn Prof. Jerzy Gapys in seinem Kommentar bei der Abschlussveranstaltung unternahm, ausreichend für die Darstellung einer polnischen Perspektive auf den "Polenfeldzug" 1939 sein kann, wurde hinterher vor allem unter polnischen Teilnehmenden kontrovers diskutiert. Und auch hier ging es wieder letztlich um die Bedeutung von Widerstand: Konkret militärhistorisch um den in Deutschland weitgehend unbekannten Verteidigungskampf der polnischen Armee im Herbst 1939. Mit diesem ist in der Erinnerung insbesondere die Danziger Westerplatte verbunden, zu deren tagelangen Verteidigern im September 1939 auch Kielcer Soldaten gehörten.

Großes Interesse

Das mit über 170 Personen gut gefüllte Auditorium der Topographie des Terrors ließ zum Schluss des Fachkräftetreffens im Juni 2019 ein großes Interesse am Thema "1939" erkennen. Auch bei vielen der Berliner Gedenkveranstaltungen rund um den 1. September 2019 waren Interesse und Zuspruch sehr hoch. Man kann davon ausgehen, dass dieses Interesse - vor dem Hintergrund der deutsch-polnischen Divergenzen um die Geschichte, und nicht zuletzt auch der eingangs bereits erwähnten Denkmals-Diskussionen - anhalten wird.

Wenn dieser Beitrag im März 2020 erscheint, wird bereits ein nächstes großes internationales Gedenkereignis vorüber sein: die verschiedenen Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Januar. Allzu deutlich zeichnet sich bereits zu Beginn des Gedenkjahrs 2020 ab, wie voraussetzungsreich und wenig selbstverständlich ein gemeinsames Gedenken auch vor aktuellem politischen Hintergrund ist. Insbesondere mit Blick auf Polen, Russland und die Ukraine.[10]

So symbolisch bedeutsam Gedenkzeremonien allerdings auf politischer Ebene auch sein mögen - ob nun als Ritual, Geste der Verständigung, als Absichtserklärung oder zur Demonstration eines Mindestkonsenses: Für die erinnerungspolitischen Herausforderungen der Gegenwart braucht es auch dialogische Formate. Ein konstruktiver Austausch, in dem auch schwierige Themen und Konflikte multiperspektivisch thematisiert werden können, erscheint jedenfalls gerade für diejenigen relevant, die in Gedenkstätten oder an anderer Stelle als "Fachkräfte" der Erinnerungskultur aktiv zu eben deren Ausgestaltung beitragen. Dies gilt im deutsch-polnischen Kontext, aber auch darüber hinaus. Sicher sind dialogische Formate auch jenseits von runden Jahrestagen und Gedenkanlässen wichtig. Dass ein neues Fachkräftetreffen im Jahr 2021 das nicht weniger bedeutende Jahr "1941" in den Blick nehmen wird, bleibt aber auf jeden Fall zu wünschen.

Sarah Breithoff ist Koordinierende Assistentin der Ständigen Konferenz der NS-Gedenkorte im Berliner Raum.

Florian Kemmelmeier ist freier Mitarbeiter der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas sowie der Stiftung Topographie des Terrors.

Anna Rosenhain-Osowska ist freie Mitarbeiterin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz und betreut seit 2011 im Rahmen von Studientagen auch polnische Gruppen aus der Region Kielce.


[1] Auch die zeitgleich zur Veranstaltung in Wieluń stattfindende Gedenkzeremonie auf der Danziger Westerplatte, bei der der polnische Ministerpräsident Morawiecki und Frans Timmermans, der Vize-Präsident der Europäischen Kommission, sprachen, lässt sich vor dem Hintergrund des laufenden Rechtsstaatverfahrens der EU gegen Polen in ähnlicher Weise interpretieren. Dass später am Tag bei den zentralen Gedenkfeierlichkeiten in Warschau neben den deutschen und polnischen Staatsoberhäuptern und US-Vizepräsident Mike Pence zusätzlich auch noch die Bundeskanzlerin anwesend war, sowie dass Außenminister Heiko Maas bereits am 1. August zum 75. Jahrestag des Warschauer Aufstands in die polnische Hauptstadt gereist war und Angela Merkel im Dezember 2019 zum ersten Mal als Bundeskanzlerin die Gedenkstätte Auschwitz besuchte, unterstreicht die aktuelle Bedeutung der deutsch-polnischen Komponente.

[2] Flankiert wurde dies durch eine von 264 Bundestagsabgeordneten unterstützte Initiative "80 Jahre nach 1939":

https://manuelsarrazin.de/wp-content/uploads/2019/09/190919-Appell_Gedenken­Polen-80-Jahre-danach._Unterzeichner.pdf. Der aktuell gültige Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD bleibt eher allgemein, geht allerdings konkret auf die bereits ältere Initiative zur Schaffung eines Gedenkortes für die Opfer der NS-Lebensraumpolitik ein (www.gedenkort-lebensraumpolitik.de). Die relevante Passage (S. 168, Zeilen 7991-7994) ist online verfügbar unter:

www.bundesregierung.de/resource/blob/975226/847984/5b8bc23590d4cb2892b31c987ad672b7/2018-03-14-koalitionsvertrag-data.pdf?download=1.

Die Debatte um das "Polendenkmal" wird dokumentiert auf: www.deutsches-polen-institut.de/politik/polendenkmal (25.2.2020).

[3] Diese sind bei jährlich wechselndem Vorsitz: Stiftung Denkmal für die Ermordeten Juden Europas, Topographie des Terrors, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz sowie Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen.

Online: www.orte-der-erinnerung.de/institutionen/staendige-konferenz.

[4] Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang das Engagement von Krzysztof Tworogowski auf Seiten der Stadtverwaltung Kielce. Zur Charakterisierung der Exkursion von 2017 erscheint die Überschrift eines kurzen Beitrags von Radio Kielce treffend: "Nicht nur Pogrom. Deutsche lernen die Geschichte von Kielce kennen" (www.radio.kielce.pl/pl/post-61632).

[5] Die fotografische Perspektive eines deutschen Wehrmachtsoldaten wurde anhand der Online-Ausstellung der "Seeliger-Fotos" https://onlinesammlungen.ghwk.de/seeliger/ ebenfalls an der Topographie desTerrors thematisiert. Zur Abendveranstaltung:

www.topographie.de/fileadmin/topographie/public/Veranstaltungen/Einladungskarte_Die_deutschen_Verbrechen_1939_StaeKo_25Juni2019.pdf

[6] Die Bibliotheksbestände sind online recherchierbar auf: bibliothek.gei.de

[7] Fragen an die Geschichte. Band 4. Die Welt im 20. Jahrhundert, 4. Aufl., Frankfurt a.M. 1984.

[8] Webpräsenz des Projekts: europa-unsere-geschichte.org.

[9] Zu den wenigen Projekten, die sich in Deutschland explizit mit dem Jahr "1939" als Erinnerungsort auseinandersetzen gehört "1939.2019 - Vielfalt lokaler Erinnerungen" des Anne Frank Zentrums. Online auf: www.annefrank.de/themenfelder/geschichte-vermitteln/vielfalt-lokaler-erinnerungen/?L=0

[10] Als Vorausschau: Für die am 9. Mai in Moskau zum "Tag des Sieges" über Nazi-Deutschland geplante Parade hat der französische Präsident Macron bereits im Sommer 2019 sein Kommen zugesagt. In Polen wird im April an 80 Jahre "Katyń" und gleichzeitig 10 Jahre "Smoleńsk" erinnert. Für KZ-Gedenkstätten sowie zahlreiche Länder Westeuropas steht im Frühjahr 2020 die Befreiung vor 75 Jahren im Mittelpunkt. Auf die Geschichte von Krieg und deutscher Besatzungszeit in Nord- und Westeuropa bezieht sich auch eine Wanderausstellung der Ständigen Konferenz, die vom 25. März bis 10. Mai 2020 in der Topographie des Terrors zu sehen ist und anschließend in weiteren Einrichtungen gezeigt wird. Mehr Informationen: www.orte-der-erinnerung.de/1940-1945.