Ulrike Schrader

25 Jahre Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal

Gedenkstättenrundbrief 194 S. 24-30

Vor-Geschichte

Mit dem Trend der Gedenkstättengründungen seit Anfang der 1980er-Jahre wurde auch in Wuppertal darüber nachgedacht, was mit dem Grundstück zu geschehen habe, auf dem sich bis zu ihrer Zerstörung die Synagoge des Stadtteils Elberfeld befunden hatte. Sie war in den frühen Morgenstunden zum 10. November 1938 angezündet und geplündert, später abgebrochen worden. Übrig blieb ein Trümmergrundstück, das bis in die 1980er-Jahre als mehr oder weniger ordnungsgemäßer Parkplatz genutzt wurde und als Baugrundstück ausgewiesen war: Ein Parkhaus sollte hier nun entstehen.

Es war die Verkettung mehrerer gesellschaftlich bedeutender Ereignisse, die dazu führten, dass es dazu nicht kam: Das Medienereignis "Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss" und seine Folgen, nämlich das neu erwachte Interesse für die lokale Geschichte des Nationalsozialismus, der Einzug der neuen Partei der Grünen in den Stadtrat und mit ihm Generationenwechsel und frischer Wind, das Wuppertaler Spezifikum eines "Jubiläums" - nämlich des 50. Jahrestages der Verabschiedung der "Barmer Theologischen Erklärung" 1984 - und in der Folge die überörtlichen Debatten zur Vergangenheitspolitik, die mit den Stichworten "Weizsäcker-Rede", "Bitburg", ­"Historiker-Streit", "Fassbinder-Kontroverse" und "50. Jahrestag der Novemberpogrome" hier nur angedeutet werden sollen. Zudem hat der Widerständler und Überlebende des frühen Konzentrationslagers in Wuppertal-Kemna Karl Ibach sich seit Ende der 1940er-Jahre für die Erinnerung an das Lager eingesetzt. Sein Buch von 1948 wurde 1981 nachgedruckt[1]. Alle diese in ihrer Bedeutung kaum zu unterschätzenden Ereignisse schlugen sich in Wuppertal fruchtbar nieder.

Unter der ausgesprochen umsichtigen Moderation der Oberbürgermeisterin Ursula Kraus (geb. 1930) einigten sich im Dezember 1986 die Vertreter diverser Bürgerinitiativen und die Fraktionen des Stadtrats auf einen Beschluss zur Errichtung einer Gedenkstätte auf dem Grundstück der früheren Synagoge, ohne indes genaue Vorstellungen davon zu haben, was später dort passieren sollte.

Das Gebäude

Am 15. April 1994 wurde die Begegnungsstätte Alte Synagoge feierlich in Anwesenheit des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, und des Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen eröffnet. Erbaut worden war es nach Plänen des Kölner Architektenbüros Peter Busmann und Godfried Haberer in Zusammenarbeit mit dem Künstler Zbyszek Oksiuta und dem Landschaftsarchitekten Volker Püschel.[2]

Ihr Entwurf sah ein Ensemble strenger, geometrischer Formen vor, die man heute gut erkennen kann: ein Würfel als dominantes Haupthaus im Flächenmaß von rund 100 qm, außen aus rotem Ziegelstein, innen sehr weiß und hell, dann ein Zylinder, von außen mit einer Bleischicht umhüllt, als Verbindungsgelenk zwischen Ober- und Unterschoss, und schließlich ein lang gestrecktes eingeschossiges Sichtbetonhaus für Büro, Archiv und Funktionsräume. Ein Garten bezieht auch das frühere Nachbargrundstück mit ein - eine Streuobstwiese mit zehn Apfelbäumen und im hinteren Bereich eine kleine Akazie, die sich in 25 Jahren zu einem Baumriesen mit mächtiger Krone entwickelt hat. An einer rekonstruierten Gasse, von der aus man heute das Haus betritt, zitiert eine schräge, grüne Fassade die Mietshäuser, in denen früher die Nachbarn der Synagoge wohnten.

Das Herzstück des ganzen Ensembles ist die freigelegte Ruine der nördlichen Kellermauer, die von der historischen Adresse "Genügsamkeitstraße" aus gut zu sehen ist. Diese Ruine ist das einzige authentische Relikt der Synagoge. In Nordrhein-Westfalen ist die Begegnungsstätte Alte Synagoge die einzige Gedenkstätte, die sich nicht in einem historischen und umgenutzten Gebäude oder in einem völlig anderen Gebäude befindet, sondern deren Architektur genuin als "Gedenkstätte" entworfen worden ist und damit auch einen künstlerisch-skulpturalen Anspruch besitzt.

Gebäudenutzung und neue Ausstellungskonzeption

Über die Frage der Nutzung gab es heftige Diskussionen. Die Architekten waren sehr streng, wünschten keine "Dekoration" und lehnten im Grunde jede inhaltliche Ausgestaltung ab. "Gehen, sehen, hören" sollten die künftigen Besucherinnen und Besucher, und der einzige optische Blickfang würde ein Vers aus dem 74. Psalm in hebräischer Schrift mit seiner deutschen Übersetzung sein. Es wundert nicht, dass der schon im Sommer 1993 aus der Baukommission hervorgegangene Trägerverein mit dieser Zweckbestimmung seine Schwierigkeiten hatte. Wie sollte mit solcher Nüchternheit die Vereinssatzung erfüllt werden, "an die jüdische Gemeinde, besonders in der Zeit des Nationalsozialismus, zu erinnern", wenn man noch nicht einmal eine Wechselausstellung zeigen und auch sonst nichts verändern durfte?[3]

In der Tat waren die ersten zehn Jahre schwer, nicht nur wegen gravierender Baufehler und -schäden, eines fehlenden Konzepts und des schwachen personellen Engagements. Der Trägerverein schuf zunächst eine ganze Stelle für eine Leitung, die für ein Veranstaltungsprogramm und Öffentlichkeitsarbeit sorgen sollte. Trotz der "Leere des Raums" und zunächst gänzlich ohne Anschauungsmaterial konnte eine pädagogische Arbeit aufgebaut werden. In internationalen Kontakten zu ehemaligen jüdischen Wuppertalerinnen und Wuppertalern wuchs allmählich eine Sammlung an Dokumenten, Fotografien und Objekten. Grundlagenforschung zur nationalsozialistischen Verfolgungsgeschichte in Wuppertal wurde geleistet und besondere Forschungsvorhaben, etwa zum Wuppertaler Polizeipräsidium und zur jüdischen Geschichte der slowakischen Partnerstadt Košice realisiert. Die Bilanz der ersten fünfzehn Jahre konnte sich trotz der extrem prekären personellen und finanziellen Lage durchaus sehen lassen, ließ sich so aber auf Dauer nicht aufrechterhalten.

Deshalb beschloss der Trägerverein 2009, in der Begegnungsstätte Alte Synagoge eine Dauerausstellung einzurichten und das Haus damit auf eine völlig neue konzeptionelle Grundlage zu stellen. In einer gewaltigen Kraftanstrengung und mit höchster Konzentration gelang es, die nötigen Mittel von privaten Sponsoren, von Stiftungen und vom Land Nordrhein-Westfalen einzuwerben, sodass im April 2011 eine Ausstellung zur Geschichte der Juden im Wuppertal und im Bergischen Land eröffnet werden konnte. Das Konzept dieser Ausstellung basiert auf der mehr oder weniger ausdrücklichen Verabredung der nordrhein-westfälischen Gedenkstätten, möglichst scharfe und abgegrenzte thematische und methodische Profile auszubilden, um in diesem bevölkerungsreichsten und dicht besiedelten Bundesland eine große Vielfalt an Aspekten unseres gemeinsamen Oberthemas sichtbar zu machen.

Die Ausstellung in Wuppertal beschränkt sich zeitlich gesehen nicht auf die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Verfolgungsgeschichte, sondern nimmt die longue durée der jüdischen Geschichte in den Blick, die in der Bergischen Region immerhin 300 Jahre währt, mit Blick auf Mitteleuropa über 1700 Jahre. Aber sie beschränkt sich auf eine bestimmte Gruppe, nämlich die Juden, und erzählt eben keine vollständige Geschichte des Nationalsozialismus. Die nationalsozialistische Verfolgungszeit ist eins von vielen Kapiteln der jüdischen Geschichte, und nicht, wie in den klassischen NS-Gedenkstätten, das einzige. Das hat weniger praktische Gründe, sondern vielmehr fachliche und didaktische: Die Geschichte der Juden im Längsschnitt zu erzählen bedeutet nämlich, gegen das dominante Bild "vom Juden" als ständiges historisches Opfer Einspruch zu erheben. Dem entspricht, dass die Ausstellung bis auf wenige und gut begründete Ausnahmen aus jüdischer Perspektive erzählt wird und nicht in den üblichen "Passivsätzen", wie sie in der Regel in Schulgeschichtsbüchern und in der Mediensprache zu lesen und zu hören sind. Ein weiterer wichtiger Baustein des Konzepts ist die Darstellung von Alltagsgeschichte(n), die auch deshalb möglich ist, weil praktisch die gesamte Ausstellungssammlung aus Dokumenten und Objekten besteht, die die Gedenkstätte von Überlebenden und Nachfahren jüdischer Wuppertaler Bürger*innen erhalten hat. Selbst die prominenteste Jüdin der Stadt, die Dichterin Else Lasker-Schüler, ist hier nicht so wichtig wie vielmehr deren Mutter Jeanette Kissing, die als Leserin Friedrich Schillers und Bewunderin Napoleons ein bestimmtes jüdisches Milieu der Emanzipationszeit im 19. Jahrhundert repräsentiert, dessen angestrebtes Ziel die Zugehörigkeit zum gehobenen Bildungsbürgertum der wohlhabenden Stadt Elberfeld gewesen ist. Ein ganz wesentliches Element der Ausstellung sind die "Störelemente" einer parallel geführten Spur mit dem Titel "irgendwie jüdisch", die aus über 20 Beiträgen von Menschen bestehen, die aktuell in Wuppertal und Umgebung leben. Sie alle äußern sich ganz individuell zu ihrer jeweiligen jüdischen (oder "irgendwie jüdischen") Identität. Dabei heraus kommt ein kaum kommensurables Pixelbild unterschiedlichster Selbstbeschreibungen und eine Konfrontation der Lesenden mit sich selbst.

Mit diesen Kriterien - historischer Längsschnitt, jüdische Perspektive, Alltag und Vielfalt - ist die Ausstellung der Versuch einer "fair tale" im Sinne einer "gerechten Erzählung". Klischees werden ad absurdum geführt und zementierte Judenbilder destruiert, Komplexität und Widersprüchlichkeit nicht aufgelöst, sondern zum Thema gemacht. Nach nun acht Jahren der Erfahrung und der Diskussionen mit zahlreichen Besucher*innen kann man ganz sicher behaupten, dass der antisemitismuskritische Grundgedanke des Konzepts funktioniert und Wirkung entfaltet.

Aktuelle Situation

Erst seit 2014 ist in der Begegnungsstätte eine weitere Stelle mit einem 2/3-Anteil besetzt, die nur wegen einer vom Land Nordrhein-Westfalen neu aufgelegten Förderstruktur finanziert werden kann, für die eine Dauerausstellung eine der Bedingungen war. Auch vor diesem Hintergrund muss die Idee, das Haus mit einem neuen Konzept zu versehen, als ausgesprochen glücklich bezeichnet werden. Auch wenn die Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal mit ihren nicht einmal zwei vollen Stellen wohl zu den kleinsten in Nordrhein-Westfalen gehört, gilt sie in der großen Bergischen Region als zentrale Gedenkstätte, als beliebtes jüdisches Museum und als ausgewiesener Ort der Information und Beratung bei Schulen, Kirchengemeinden und in der Erwachsenenbildung.

Dr. Ulrike Schrader hat nach einer Ausbildung als Buchhändlerin und dem anschließenden Studium der Germanistik, Allgemeine Literaturwissenschaft und Evangelische Theologie, 1994 die Leitung der Wuppertaler Begegnungsstätte "Alte Sy


[1] Nachdruck der 1948 erschienen Publikation: Karl Ibach: Kemna - Wuppertaler Konzentrationslager 1933-1934, Wuppertal 1981.

[2] Die Kosten in Höhe von rund 5 Mio. DM trugen zu 1/5 die Stadt Wuppertal, zu 4/5 das Land Nordrhein-Westfalen.

[3] Dem Trägerverein gehören ausschließlich Körperschaften, keine Privatpersonen an. Das sind in alphabetischer Reihenfolge: Armin-T.-Wegner-Gesellschaft e.V., Bergische Universität Wuppertal, Bergischer Geschichtsverein, Abt. Wuppertal e.V., Evangelischer Kirchenkreis Lennep, Evangelischer Kirchenkreis Solingen, Evangelischer Kirchenkreis Wuppertal, Förderverein Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal e.V., Freundeskreis Beer-Sheva e.V., Gesamtverband der katholischen Kirchengemeinden Wuppertal, Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Wuppertal e.V., Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Jüdische Kultusgemeinde Wuppertal, Jugendring Wuppertal e.V., Katholisches Bildungswerk Wuppertal/Solingen/Remscheid, Kirchliche Hochschule Wuppertal, Literaturhaus Wuppertal e.V., Mizwa - Zeit zu handeln e.V., Verein zur Unterstützung der ehemaligen Ghetto- und KZ-Häftlinge in Litauen, Spurensuche. NS-Geschichte in Wuppertal e.V., Städtisches Weiterbildungskolleg - Bergisches Kolleg Wuppertal, Stolpersteine in Wuppertal e.V., Ver.di - Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft, Bez. Wuppertal, Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten e.V., Wuppertaler Initiative für Demokratie und Toleranz e.V. Der Trägerverein verantwortet die gesamte inhaltliche Arbeit. Das Gebäude ist Eigentum der Stadt Wuppertal, die auch für die Betriebs- und Instandhaltungskosten aufkommt und einen jährlichen Zuschuss für die Arbeit gibt.