Lena Sommerfeld, Juliane Haubold-Stolle, Thomas Kersting

Ausgeschlossen. Archäologie der NS-Zwangslager

Gedenkstättenrundbrief 199 S. 16-21

Eine Ausstellung im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide und Archäologischen Landesmuseum Brandenburg

Kämme, Löffel, Essnäpfe und Stacheldraht - archäologische Funde erzählen vom Leben und Überleben, aber auch vom Sterben in den nationalsozialistischen Zwangslagern. Seit den 1990er-Jahren werden an ehemaligen Lagerstandorten in Berlin und Brandenburg archäologische Grabungen durchgeführt und massenweise Funde geborgen. Einige der Funde fanden den Weg in die Ausstellungen der Gedenkstätten und Museen, so etwa in die Dauerausstellung der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen oder in die des archäologischen Landesmuseums in Brandenburg. Doch werden viel mehr Funde geborgen und bewahrt, als der Öffentlichkeit bis heute bekannt ist. Die Ausstellung "Ausgeschlossen. Archäologie der NS-Zwangslager" zeigt viele dieser Dinge zum ersten Mal. Über 300 Objekte in sieben Kapiteln geben einen Einblick in das komplexe System der Zwangslager, in ihre archäologische Überlieferung sowie die Arbeit der zeithistorischen Archäologie.

Die Ausstellung ist das Ergebnis einer fruchtbaren Kooperation zwischen dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit und dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum, sie wurde finanziell und mit Leihgaben unterstützt vom Landesdenkmalamt Berlin, dem Museum für Vor- und Frühgeschichte, der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, der Universität Wien und der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft". Dabei ergab sich aus der interdisziplinären Diskussion zwischen Historikerinnen und Archäologinnen, Historikern und Archäologen sowie Gedenkstättenfachleuten ein Ansatz, der die Funde sowohl in ihrer dinglichen Gegebenheit als auch exemplarisch in einer konkreten historischen Kontextualisierung präsentiert. Die Ausstellung ist ein Versuch, sowohl historische Tatsachen zu erklären als auch die Funde selbst "sprechen" zu lassen. Die Ausstellungsobjekte stammen aus etwa 20 verschiedenen Zwangslagern im Raum Berlin und Brandenburg: Konzentrationslager, KZ-Außenlager, Kriegsgefangenenlager sowie Lager für zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der riesigen Zahl an Lagern, die es in dieser Region bis 1945 gab. In der objektzentrierten Ausstellung werden die Objekte thematisch geordnet präsentiert, nicht sortiert nach Herkunftsort oder Lagertypus. Über die Frage, ob diese Vorgehensweise angemessen ist, hat das Projektteam viel diskutiert und nachgedacht. Eine Anordnung nach unterschiedlichen Lagern hätte die Spezifika der einzelnen Lagerorte stärker herausgearbeitet und sichtbar gemacht, wäre jedoch auch durch die Wiederholung der Themen (Nahrungsaufnahme, Hygiene, Bewachung) repetitiv gewesen. Abwechslungsreicher ist die thematische Anordnung in der Ausstellung, sie verdeutlicht auch die Ähnlichkeit der archäologischen Funde und des Befunds für verschiedene Lagertypen. So findet sich Stacheldraht zur Begrenzung der Lager an Orten ehemaliger Kriegsgefangenenlager, Konzentrationslager oder auch Unterbringungslager für zivile Zwangsarbeitende, vor allem für die aus der Sowjetunion. Der Stacheldraht und andere Utensilien zur Bewachung verdeutlichen das "Ausgeschlossensein" (und Eingeschlossensein) der Menschen in den Lagern. Wie genau die Bewachung aussah, ob der Draht Strom führte, ob die Wachen bewaffnet waren - darin unterschieden sich die Lager. Konzentrationslager und ihre Außenlager waren streng bewacht, Kriegsgefangenenlager ebenso. Die weniger strenge Bewachung der Unterbringungslager für zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ist aus historischen Quellen bekannt, jedoch archäologisch nicht immer nachweisbar.

Ähnliches gilt für die Gegenstände des täglichen Gebrauchs, häufig selbstgefertigt. Sie erlauben einen Einblick in den Alltag der Zwangslager und das Leben der "Ausgeschlossenen". Schüsseln und Löffel waren in allen Lagern überlebensnotwendig - ohne sie konnte keine Nahrung aufgenommen werden. Wie viel oder wie wenig es in dem jeweiligen Lager zu essen gab, ist den Gegenständen und ihren Fundorten nicht anzusehen - dabei war die Versorgung mit Nahrung in den verschiedenen Lagern und für verschiedene Gruppen von Lagerinsassen sehr unterschiedlich, das wird aus Zeitzeugenberichten und Schriftquellen deutlich.

Die archäologischen Funde geben uns einen Einblick in den Alltag in den Lagern - was besaßen die Inhaftierten dort und was fertigten sie selbst an? Die wenigen Dinge hatten im Lager einen besonderen Wert. Löffel gehören zu den häufigsten Funden bei archäologischen Grabungen. In den Lagern waren dünne Suppen ein Hauptnahrungsmittel, weshalb die meisten Lagerbewohnerinnen und -bewohner einen Löffel besaßen. Selbstgefertigtes Essgeschirr und Reiben zeugen davon, dass ein Mangel an lebensnotwendigen Gegenständen herrschte; vor allem mit zunehmendem Kriegsverlauf. Inschriften im Geschirr geben Hinweise auf die Besitzer der Objekte, die sie vor Diebstahl und Verwechslung schützen sollte, sie zeigen aber auch den Wert der Utensilien. Ebenso wichtig waren Gegenstände der persönlichen Hygiene und Kleidung in den Lagern - vor allem gegen Ende des Krieges waren die Lager häufig überfüllt und es gab nur eine unzureichende medizinische Versorgung. Kämme und Zahnbürsten finden sich an vielen ehemaligen Lagerstandorten, diese wurden oft mitgebracht. Kämme und Arbeitskleidung wurden zudem selbst hergestellt, da es davon in den Lagern und an den Arbeitsplätzen zu wenig gab.

In die Lager mitgebrachte Dinge erlauben es, einen Einblick in die Zusammen­setzung der Lager zu erhalten. Tassenfragmente von niederländischen oder italienischen Herstellern, amerikanische Schlüssel sowie ein französisches Soldatenfeuerzeug geben einen Hinweis auf die Männer und Frauen, denen diese Objekte gehörten - und darauf, was sie als wichtig erachteten und mit in die Lager brachten. Besonders berührend sind die selbstgefertigten oder namentlich gekennzeichneten Besitztümer - Ringe, kleine Schilder und Spielsteine - die von dem Versuch erzählen, sich angesichts der schwierigen Bedingungen in den Lagern selbst zu behaupten oder dem Lageralltag Schönheit entgegenzusetzen. Auch Überreste von Musikinstrumenten wie eine Mundharmonika oder religiöse Objekte wie ein selbstgefertigter Rosenkranz zeugen davon.

Die Ausstellung möchte den Blick für das Detail der historischen Objekte schärfen: Betrachtet man die selbstgefertigte Schreibfeder aus Holz und Metall, die auf dem Gelände eines Zwangsarbeitslagers in Berlin-Rudow gefunden wurde, erkennt man, wie sie mit viel Liebe zum Detail verziert wurde. Hier hat jemand Zeit und Können in die Herstellung eines Dings gesteckt, das er oder sie anders nicht bekommen konnte. Selbstgefertigte Stricknadeln dienten möglicherweise zur Herstellung oder Reparatur von Kleidung, Spielzeug wie Murmeln oder Dominosteine vertrieben die Zeit. Selbst gefertigte Dinge konnten jedoch auch gegen Nahrung getauscht werden.

Die Ausstellung zeigt aber auch Lücken auf: Was im Boden zurückbleibt, sind Funde, die nur selten einzelnen Menschen zuzuordnen sind. Einst stand der Löffel in der Vitrine in einer Beziehung zu einer Person, die nun meist namenlos bleibt. Initialen und Aufschriften, manchmal auch Häftlingsnummern, geben Hinweise auf diese Verbindung. Papier und anderes organisches Material überdauerte die Zeit im Boden nur sehr selten.

Eine Schwierigkeit der Funde ist die Zuordnung: Objekte von Täterinnen und Tätern, Profiteurinnen und Profiteuren finden sich im Boden neben den Gegenständen der Opfer. Nicht immer lassen sie sich deshalb eindeutig zuordnen. Der Fund selbst, beispielsweise ein ziselierter Teelöffel, gibt keine Auskunft darüber, ob er von den Wachmannschaften oder den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern verwendet wurde.

Relikte wie Knüppel oder Uniformteile verweisen auf Unterdrückung und Terror im NS-Lagersystem. Auch die Verstrickung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in die NS-Verbrechen wird deutlich - viele Firmen setzten Kriegsgefangene, zivile Zwangsarbeitende sowie KZ-Häftlinge ein. Aber auch vom Bau, von der Planung bis zur Belieferung, sowie der Unterhaltung und Vermietung der Lager profitierten Unternehmen. Die Firmennamen finden sich noch heute auf archäologischen Funden wie auf Baumaterial für Baracken, wie beispielsweise Steinzeugrohren, und auf Kantinengeschirr. Produktionsteile belegen die Zwangsarbeit, die geleistet werden musste. In der Schneiderei im Frauen-KZ Ravensbrück produzierten die Häftlinge Uniformen und andere Textilien. Uniformknöpfe, Koppelhaken und Gürtelschnallen aus dieser Produktion wurden nach der Befreiung des Konzentrationslagers vermutlich vergraben und massenweise auf den Gelände der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück geborgen. Zwischen den meist anonymen Funden fallen die besonders auf, die Namen oder Kennzeichen tragen oder gar ein Foto, wie Firmenausweise. So werden persönliche Schicksale sichtbar, zum Beispiel das des griechischen Polizisten Stergios Foufas, der - anstatt ein Warenhaus zu bewachen - die zum politischen Widerstand gehörenden Diebe davonkommen ließ. In der Folge wurde er von den deutschen Besatzern verhaftet und nach Brandenburg verschleppt, wo er in einer Flugzeugfabrik Zwangsarbeit leisten musste. Seine Geschichte findet sich auf einer von zwölf Vertiefungstafeln, die Hintergrundinformationen zu einzelnen Themen liefern.

Die Gewalt am Ende des Krieges und die Nachnutzung der Lager werden ebenfalls anhand der archäologischen Funde deutlich. Geschmolzenes Glas und Metall zeugen von der Zerstörung, die mit den Bombenangriffen und darauffolgenden Bränden einherging. Im Belower Wald sind an den Bäumen noch heute Spuren der KZ-Häftlinge zu erkennen, die hier im April 1945, von der SS bewacht, ohne Versorgung lagern mussten. Die Häftlinge kratzten mithilfe von Reiben die Rinde ab und ernährten sich davon. An anderen Lagerstandorten lassen Funde von alliierten Soldaten - Uniformteile, Hygieneartikel oder auch personalisierte und selbstgefertigte Objekte - Rückschlüsse auf die Zeit nach der Befreiung ziehen. Die Datierung der Objekte von den ehemaligen Lagerorten ist jedoch bei reinem Sichtbefund nicht immer genau zu gewährleisten. Ob ein Löffel aus der Lagerzeit oder der Nachkriegszeit stammt, kann nicht immer bestimmt werden. Gegenstände aus der Zeit der Nutzung der Lagerorte nach 1945 mischen sich unter die Fundstücke aus der Zeit vor 1945. Nur selten findet sich eine datierende Inschrift auf den Objekten. Eindeutig ist die Datierung dann, wenn aus Schriftquellen bekannt ist, wann ein Objekt an den Lagerort kam, wie etwa im Fall der etwa 300 "Zuckerdosen", die bei Ausgrabungen auf dem Gelände des ehemaligen KZ Sachsenhausen gefunden wurden. Diese Dosen wurden nachweislich ab 1947 an die Häftlinge des sowjetischen Speziallagers ausgegeben.

Sichtbar wird durch die Ausstellung, wie allgegenwärtig die Lager im NS-Deutschland waren, wie Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter neben den Deutschen arbeiteten und lebten. Sie zeigt aber auch, wie die deutsche Gesellschaft mit diesem historischen Erbe umgegangen ist: Trotz der enormen Anzahl von Zwangslagern sind viele Lagerstandorte vergessen, abgetragen oder überbaut worden. Einige wurden im Zuge von erinnerungspolitischen Initiativen wiederentdeckt. Andere werden aufgrund der zeithistorischen Archäologie wieder in den Fokus gerückt. An den Orten dieser vergessenen Lagerstandorte haben die Gegenstände durch Zufall die Zeit seit dem Ende des Krieges überdauert - die Archäologie trägt dazu bei, dass diese weggeworfenen Objekte Relevanz gewinnen.

Die Ausstellung zeigt deswegen auch, wie zeithistorische Archäologie Geschichte begreifbar macht: Bei einer vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Zusammenarbeit mit dem Service Civil International durchgeführten internationalen Begegnung von jungen Erwachsenen wurde eine archäologische Grabung an einem ehemaligen Lagerstandort und am Verwaltungsgebäude einer Munitionsfabrik in Treuenbrietzen durchgeführt. Heute sind dort nur noch Mauerreste und Barackenfundamente zu sehen, die die Geschichte des Ortes lediglich erahnen lassen. Während der Grabungen fanden die Teilnehmenden alltägliche Gegenstände wie Besteck und Spielfiguren, aber auch Verwaltungsobjekte, anhand derer die Namen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern ermittelt werden konnten. Hier sind vor allem die "Adrema-Matrizen" zu nennen. Adrema-Matrizen waren Druckmatrizen für eine Adressiermaschine. Auf ihnen sind Namen und Angaben wie Geburtsjahr, Herkunftsort und Lohngruppe angegeben. Mit ihnen konnten Lohnabrechnungen maschinell gedruckt werden. Neben den deutschen Angestellten, Arbeiterinnen und Arbeitern einer Firma sind auch Angaben von Zwangsarbeitenden auf den Tafeln zu lesen. Für die jungen Erwachsenen war der Fund dieser Matrizen besonders berührend, da sie das Gefühl hatten, durch den Namen Kontakt mit einem Menschen der Vergangenheit aufzunehmen. 75 Jahre nach der Befreiung zeugen diese Funde von den Lagern und machen sie wieder "greifbar". In einem Film, der auch in der Ausstellung zu sehen ist, dokumentieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Jugendbegegnung die Grabungen, die Funde und ihre Auseinandersetzung mit dem Thema.

Die Archäologie selbst profitiert von dieser emotionalen Qualität und nicht zuletzt liefert sie unwiderlegbare Beweismittel, die jeglicher Relativierung der NS-Verbrechen entgegenstehen - dies ist auch eine Zielrichtung der Ausstellung.

Dr. Juliane Haubold-Stolle war wissenschaftliche Mitarbeiterin im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit.

Dr. Thomas Kersting ist Leiter der Archäologischen Denkmalpflege in Brandenburg, und dort u.a. mit der Archäologie der Zeitgeschichte befasst.

Lena Sommerfeld ist zur Zeit wissenschaftliche Volontärin im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit.

Gemeinsam haben sie die Ausstellung "Ausgeschlossen. Archäologie der NS-Zwangslager" kuratiert.

Bis zum 31. Januar 2021 wird die Ausstellung "Ausgeschlossen. Archäologie der NS-Zwangslager" im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide gezeigt. Geöffnet Dienstag-Sonntag 10-18 Uhr

Weitere Informationen und Führungen unter: www.ns-zwangsarbeit.de

Ab Mai 2021 wird die Wanderausstellung im Archäologischen Landesmuseum in Brandenburg (Havel) zu sehen sein. Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Katalog auf Deutsch und auf Englisch erschienen (ISBN: 978-3-89809-177-0).