Thomas Rahe

Buchrezension

Gedenkstättenrundbrief 200 S. 53-54

Joanna Ostrowska/Joanna Talewicz-Kwiatkowska/Lutz van Dijk (Hg.), Erinnern in Auschwitz auch an sexuelle Minderheiten, Berlin: Querverlag 2020

Thomas
Rahe

Die nationalsozialistische Verfolgung homosexueller Männer weist einige wesentliche Spezifika im Vergleich zu den übrigen durch das NS-Regime verfolgten Gruppen auf. So war ihre Todesrate in den Konzentrationslagern mit annähernd 60 % seit Anfang der 1940er-Jahre die höchste unter allen nicht rassisch verfolgten KZ-Häftlingen.

Homosexuelle Männer waren die einzige der im Nationalsozialismus verfolgten Gruppen, die auch nach Kriegsende weiterhin strafrechtlich verfolgt wurde. So galt der § 175 des Strafgesetzbuches in der Bundesrepublik in seiner 1935 verschärften nationalsozialistischen Fassung bis 1969 fort. 1957 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass diese Praxis nicht gegen das Grundgesetz verstoße, da es kein typisch nationalsozialistisches Unrecht sei. Damit erklärte es auch de facto retrospektiv die NS-Homosexuellenverfolgung für rechtmäßig. Dementsprechend blieben die Homosexuellen (selbst wenn sie KZ-Häftlinge gewesen waren) von der sogenannten Wiedergutmachung nach dem Bundesentschädigungsgesetz ausgeschlossen. In diesem Klima wagte es kaum einer der im Nationalsozialismus inhaftierten homosexuellen Männer, öffentlich oder auch nur in unpublizierten Texten über seine Verfolgungsgeschichte zu berichten.

Die Negation des Unrechtscharakters der Homosexuellenverfolgung, die erheblichen Quellendefizite sowie das Desinteresse von Öffentlichkeit und akademischer Geschichtswissenschaft hatten zur Folge, dass die NS-Verfolgung homosexueller Männer lange ein Desiderat der historischen Forschung blieb. Ähnliches galt für die Erinnerungskultur. Selbst in den KZ-Gedenkstätten waren bis in die späten 1990er-Jahre die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen eine nur wenig beachtete Opfergruppe.

Es waren vor allem schwule Aktivisten, die eine intensive historische Forschung zur NS-Verfolgung der Homosexuellen betrieben und sich für deren Einbeziehung in die Erinnerungskultur engagierten. So liegen seit einigen Jahren zu fast allen Konzentrationslagern Veröffentlichungen zur Gruppe der homosexuellen Häftlinge vor - mit Ausnahme des Konzentrationslagers Auschwitz. Dieses Defizit auszugleichen ist ein Anliegen des vorliegenden Sammelbands, der insgesamt 20 Beiträge umfasst und in Kürze auch in polnischer Sprache erscheinen soll.

So enthält der Band eine Übersicht von Rainer Hoffschildt zu den mittlerweile 136 namentlich bekannten Rosa-Winkel-Häftlingen in Auschwitz. Neben den wichtigsten biografischen Daten enthält sie auch - soweit überliefert - die im Lager nach der Ankunft der Häftlinge angefertigten Aufnahmefotos. Ergänzt wird diese Übersicht durch mehrere biografische Essays zu homosexuellen Männern und lesbischen Frauen, die in Auschwitz inhaftiert waren, darunter auch ein Beitrag von Lutz van Dijk zu Freddy Hirsch, dessen verdienstvolles Engagement für jugendliche Mithäftlinge in Theresienstadt und auch noch im "Theresienstädter Familienlager" in Auschwitz in vielen Erinnerungsberichten jüdischer Überlebender erwähnt wird - ohne jedoch auf seine homosexuelle Identität einzugehen.

Auch in diesen biografischen Skizzen spiegelt sich ein weiterer Schwerpunkt des Bandes wider, nämlich die Frage nach einer angemessenen Weiterentwicklung der Erinnerungskultur, die das Persönlichkeitsspektrum der Verfolgten unter Einbeziehung auch ihrer sexuellen Identität in umfassenderer Weise als bisher berücksichtigt.

Die Autorinnen und Autoren vermeiden dabei eine Neuauflage des unproduktiven Streits um eine vermeintliche eigene Häftlingskategorie lesbischer Frauen, die es tatsächlich nicht gegeben hat. Sie plädieren aber dafür, die historische Forschung und die Erinnerungskultur jenseits einer Hierarchisierung der Opfer um eine sozial und thematisch breiter gefasste Perspektive zu erweitern. So sprechen sich etwa Insa Eschebach und Anna Hajkova dafür aus, durch eine Erweiterung des Methoden- und Quellenspektrums die Lebensgeschichte lesbischer Frauen sowie weibliche Homosexualität und die spezifische Situation lesbischer Häftlinge in den Konzentrationslagern angemessener und detaillierter darzustellen. Gleiches gilt, darauf weisen Joanna Ostrowska und Lutz van Dijk in ihrem gemeinsamen Beitrag hin, für die bisher weitgehende Tabuisierung sexueller Gewalt in den Konzentrationslagern. Rüdiger Lautmann plädiert in seinem Beitrag für eine "Ko-Erinnerung zu disparaten Opfergruppen". Sie könne zu einem Zuwachs an Aufmerksamkeit führen, ohne in eine Hierarchisierung der Opfer zu verfallen, so wenn etwa das Verhältnis von Homophobie und Antisemitismus in der NS‑Gesellschaft (und heute) thematisiert wird.

Einen letzten, nicht weniger bedeutsamen Schwerpunkt bilden Erfahrungsgeschichten von Autorinnen und Autoren des Sammelbands über ihre Rolle bei der Erforschung der NS-Verfolgung homosexueller Minderheiten und deren Einbeziehung in die öffentliche Erinnerungskultur. Insbesondere in den Beiträgen der polnischen Verfasserinnen und Verfasser wird dabei auch ausführlich auf die aktuelle, staatlich und kirchlich geförderte Homophobie in Polen eingegangen, aber auch der Widerstand dagegen dargestellt, an dem die Autorinnen und Autoren maßgeblich beteiligt sind. In diesem Kontext werden auch Einblicke in die entsprechende aktuelle Arbeit von KZ-Gedenkstätten in Polen gegeben. Die Erinnerungsberichte der deutschen Autorinnen und Autoren wiederum bieten aufschlussreiche Skizzen zur Forschungsgeschichte zu dieser Thematik und ihren Bedingungsfaktoren in Deutschland.

Insgesamt bietet der Sammelband - trotz schwieriger Quellenlage - nicht nur neue historische Forschungsergebnisse, sondern auch wichtige Impulse für eine Weiterentwicklung der Erinnerungskultur, die der Vielfalt der Identitäten der Opfer des Nationalsozialismus differenzierter als bisher gerecht wird.

Dr. Thomas Rahe hat in Münster Geschichte, katholische Theologie und Pädagogik studiert. Seit 1987 ist er wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Er ist Vorstandsmitglied im Verein zur Erforschung der Geschichte der Homosexuellen in Niedersachsen und hat zu verschiedenen Aspekten der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung publiziert.